Werner und die sechs Monate ohne Applaus

Ich bin Werner Brandt, achtunddreißig, Elektriker in Duisburg, seit elf Jahren mit Katja verheiratet. Und ich erzähle das hier, weil meine Schwiegermutter Hannelore der Meinung war, ich hätte in diesen sechs Monaten versagt. Vielleicht hat sie recht. Aber ich will erklären, wie das von innen aussah.

Unsere Tochter Mila kam im März zur Welt, mitten in einer Kältewelle, bei der die Fenster im Kreißsaal der Helios-Klinik von innen beschlagen waren. Katja hatte einen Dammriss dritten Grades, sechs Wochen konnte sie kaum sitzen, geschweige denn die vier Etagen ohne Aufzug in unserem Altbau in Duisburg-Ruhrort hochlaufen. Ich hab in den ersten Wochen jeden Abend die Kinderwagenräder die Treppe hochgetragen, während unten der Nachbarshund Bello bellte, als hätte er einen Vertrag mit der Hausverwaltung. Das war meine Welt: Treppenstufen, Windeln, ein Wasserkocher, der nachts um drei tropfte, weil ich ihn im Halbschlaf nicht richtig zugedreht hatte.

Hannelore kam jeden Dienstag mit Frikadellen im Alu-Behälter und einem Blick, der mir sagte, dass ich es falsch mache. Sie fragte nie, wie es mir ging. Sie fragte: "Warum liegt Katja noch im Bett, es ist elf Uhr." Ich hätte ihr gerne gesagt, dass Katja seit vier Uhr wach war, weil Mila Bauchweh hatte, und um sieben endlich eingeschlafen ist, mit dem Kind auf der Brust, weil das die einzige Position war, in der beide zur Ruhe kamen. Aber ich sagte nichts. Ich stellte die Frikadellen in den Kühlschrank, wo sie sich stapelten, bis ich sie irgendwann heimlich entsorgte, weil Katja sie nicht mochte und ich es ihr nicht übers Herz brachte, das zuzugeben.

Für mich war das Schlimmste nicht die Erschöpfung. Es war, wie Katja sich veränderte. Sie, die früher beim Aldi an der Kasse Witze mit der Verkäuferin gemacht hat, saß jetzt stundenlang am Küchentisch und starrte auf einen Punkt, während der Kaffee kalt wurde. Ich hab das nicht verstanden. Ich dachte, in ein paar Wochen ist das vorbei, dann ist sie wieder die Alte. Sie war es nicht. Nach vier Monaten weinte sie beim Wickeln, ohne einen Grund zu nennen, den ich fassen konnte. Ich hab einmal gefragt: "Was kann ich tun?" Und sie hat gesagt: "Nichts. Halt einfach durch." Das war schlimmer als jeder Vorwurf.

Hannelore sah das anders. Für sie war Katjas Zustand ein Zeichen, dass ich zu wenig tat, dass eine "richtige Frau" das alles mit Anmut trägt, so wie sie es angeblich getan hatte, 1988, mit Katjas Bruder, ohne Waschmaschine, ohne Wickeltisch, ohne zu klagen. Sie erzählte diese Geschichte bei jedem Besuch neu, während sie den Kühlschrank kontrollierte und die Fensterbank abwischte, als würde Sauberkeit die eigentliche Prüfung sein, die wir bestehen mussten.

Im August, als Mila fünf Monate alt war, kam der Punkt, an dem alles kippte. Hannelore hatte einen Schlüssel zu unserer Wohnung, von der Zeit, als wir noch im Urlaub die Blumen gegossen brauchten. Sie kam an einem Mittwochnachmittag unangekündigt, während Katja zum ersten Mal seit der Geburt allein duschte, mit der Tür zu, während ich Mila im Wohnzimmer auf dem Spieltuch hatte. Hannelore ging direkt ins Bad, klopfte nicht, sagte nur: "Ich hab gedacht, ich schau, ob ihr Hilfe braucht." Katja stand da, das Handtuch halb um sich, und hat danach zwei Tage nicht mehr mit ihrer Mutter gesprochen.

Ich hab an dem Abend die Konsequenz gezogen, die ich hätte früher ziehen sollen. Ich hab den Schlüssel von Hannelore verlangt. Nicht am Telefon, sondern bei ihr in Duisburg-Meiderich, an ihrem eigenen Küchentisch, mit einem Umschlag, in dem stand, was ich sagen wollte, weil ich wusste, dass ich es live nicht ruhig hinkriegen würde. Ich hab ihr erklärt: Katja braucht keine Kontrolle, sie braucht Zeit. Sechs Monate sind nichts, wenn ein Körper einen Dammriss dritten Grades heilen muss und ein Kopf lernen muss, dass er jetzt für ein zweites Leben verantwortlich ist. Ich hab ihr gesagt, dass sie ab sofort klingeln muss wie jeder andere Mensch, und dass sie, wenn sie kommt, nach Katja fragt, nicht nach dem Zustand der Wohnung.

Hannelore hat mir den Schlüssel über den Tisch geschoben, ohne ein Wort, und ist dann fünf Wochen lang nicht gekommen. Ich hab in dieser Zeit einen Termin bei einer Hebamme in Duisburg-Homberg gemacht, spezialisiert auf Rückbildung und postpartale Erschöpfung, mit Kassenzuschuss, den ich vorher nicht mal kannte. Katja ging zweimal die Woche hin. Ende September, sechseinhalb Monate nach Milas Geburt, saß sie zum ersten Mal wieder bei offener Badezimmertür und sang leise, während sie sich die Haare föhnte. Ich stand im Flur mit Mila auf dem Arm und hab einfach zugehört, ohne reinzugehen.

Hannelore hat sich Anfang Oktober gemeldet, hat geklingelt, mit einem Blumenstrauß statt Frikadellen. Katja hat aufgemacht. Sie haben eine Stunde am Küchentisch gesessen, ich war im Nebenzimmer mit Mila, hab nicht alles gehört, nur einmal Katjas Stimme, ruhig und fest: "Ich brauche keine Kontrolle, Mama. Ich brauche, dass du fragst, wie es mir geht." Der Schlüssel blieb bei uns. Bis heute klingelt Hannelore, jedes Mal, und wartet, bis jemand öffnet.

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