Das zweite Leben der Johanna Brandt

Ich bin Zahnärztin in Lemgo, Praxis am Markt, seit achtzehn Jahren. Die Patientin Johanna Brandt, Jahrgang 1956, kam im März zum ersten Mal, wegen eines gebrochenen Backenzahns. Draußen schüttete es, ihr Mantel roch nach nassem Wollstoff, und meine Assistentin Pia hatte die Instrumente für den nächsten Tag schon weggeräumt, als Frau Brandt als letzte Patientin vor Feierabend in den Behandlungsraum kam. Mein Sohn hatte um 19 Uhr Fußballtraining, ich hätte längst losfahren müssen. Doch als sie sich in den Stuhl setzte, griff sie mit beiden Händen nach den Armlehnen und sagte: "Machen Sie es schnell, ich habe sonst nichts vor, aber ich will trotzdem nicht hier sitzen bleiben."

Während ich den Zahn röntgte, fragte ich nach ihrem Alltag, nur um die Zeit bis zur Betäubung zu überbrücken. Sie erzählte, ihr Mann Gerhard sei vor zwei Jahren gestorben, einundvierzig Jahre Ehe, und dass sie seitdem "nur funktioniere" – Rente überwiesen, Müll getrennt, Nachbarn gegrüßt. Beim zweiten Termin, als wir auf die Betäubung warteten, erzählte sie, ihre Tochter habe sie ohne zu fragen zu einem Malkurs in der Volkshochschule angemeldet. "Ich hätte am liebsten den Zettel zerrissen", sagte sie und knetete dabei das Papiertuch, das Pia ihr um den Hals gelegt hatte, zu einer festen Kugel. Der erste Abend sei eine Katastrophe gewesen, die anderen jünger, ihre Linien krumm, die Farbe über die Finger gelaufen. Sie wollte nicht wiederkommen. Aber die Kursleiterin Senta hatte ihr am Ausgang die Hand auf den Arm gelegt: "Keiner hier malt für ein Museum. Wir malen, weil wir noch Hände haben, die etwas tun wollen." Sie war wiedergekommen, sagte sie, "aus Trotz, nicht aus Überzeugung".

Beim dritten Termin, zur Kontrolle der Füllung, zog sie ihr Handy aus der Manteltasche, noch bevor sie den Mund für die Untersuchung öffnete, und hielt mir ein Foto hin: ein Aquarell, ein Weidenbaum am Ufer der Bega, grob gemalt, aber mit einem Licht darin, das ich nicht erwartet hatte. "Das habe ich gemacht", sagte sie, fast trotzig, als rechne sie mit Widerspruch.

Dann erzählte sie, während ich mit der Sonde die Zahnfleischtaschen prüfte, von Weihnachten. Ihr Bruder Heinrich hatte wie jedes Jahr angerufen und gefragt, wann sie mit der Gans kommen würde. Sie hatte den Hörer fest umklammert und gesagt: "Dieses Jahr nicht, Heinrich. Mach du die Gans, oder lass sie weg." Er hatte geschwiegen, dann gefragt, ob sie krank sei. "Nein", hatte sie geantwortet, "ich mag nur keine Gans, das wisst ihr seit vierzig Jahren nicht, weil ich es nie gesagt habe." Er hatte aufgelegt, ohne sich zu verabschieden, und zwei Wochen nicht angerufen. Johanna erzählte das mit beiden Händen auf der Stuhllehne, die Finger so fest um das Metall gelegt, dass die Knöchel weiß wurden. "Ich habe jeden Tag auf das Telefon geschaut", sagte sie, "und trotzdem nicht angerufen. Das war das Schwerste." Als er sich schließlich meldete, mit einer beiläufigen Frage nach dem Wetter, als sei nichts gewesen, hatte sie nur gesagt: "Schön, dass du anrufst", und nicht mehr.

Ihre Schwester Resi hatte es nicht besser aufgenommen, als Johanna in Trainingshose bei Edeka einkaufen ging. "Was sollen die Leute denken", hatte Resi am Telefon gezischt, und Johanna hatte, wie sie mir erzählte, die Hose am nächsten Tag absichtlich wieder angezogen, nur um zum Bäcker zu gehen, obwohl die Bäckerei näher am Haus lag als der Bus zur Volkshochschule. "Ich wollte spüren, dass mir niemand mehr vorschreibt, was ich anziehe", sagte sie und strich sich dabei über den Stoff am Oberschenkel, als müsse sie sich selbst daran erinnern, dass er noch da war.

Dem Verein, in dem sie zwölf Jahre Kassenwärtin gewesen war, hatte sie in einem Brief gekündigt, den sie dreimal neu geschrieben hatte, weil ihr die ersten beiden Fassungen zu entschuldigend vorkamen. In der dritten Fassung stand nur ein Satz: "Ich höre auf, weil ich keine Lust mehr habe, es zu erklären." Der Vorsitzende hatte sie beim nächsten Einkaufen auf dem Markt abgepasst und gefragt, ob sie wenigstens die Kassenbücher noch ordentlich übergebe. "Die liegen im Vereinsheim, Sie können sie holen", hatte sie gesagt und war weitergegangen, obwohl ihr, wie sie zugab, die Beine zitterten.

Was mich am meisten überraschte, war eine Nebensache. Ihr Mann hatte zu Lebzeiten entschieden, welches Radioprogramm im Haus lief, immer WDR 2, immer die Nachrichten um sieben. Monatelang nach seinem Tod hatte sie aus Gewohnheit dasselbe gehört. Im Malkurs hatte ihr eine andere Teilnehmerin von einem Jazzsender erzählt. An dem Abend, so beschrieb sie es, war sie nach Hause gekommen, hatte den Mantel noch an, war direkt zum Radio in der Küche gegangen und hatte den Senderknopf gedreht, bis Trompetenmusik aus den Lautsprechern kam. Sie war stehen geblieben, mitten im Raum, Mantel noch zugeknöpft, und hatte eine ganze Sendung lang zugehört, ohne sich zu setzen. "Das war schwerer als die Kündigung beim Verein", sagte sie.

Beim letzten Termin, Ende August, kam sie zur halbjährlichen Kontrolle. Die Haare kürzer geschnitten, ein schmaler Silberring an der rechten Hand, den sie sich selbst gekauft hatte, "ohne Anlass, nur weil er mir gefiel". Ihre Tochter hatte sie zu einer Reise nach Rügen eingeladen, die erste Woche am Meer ohne familiäre Pflicht seit dem Tod ihres Mannes.

Dann erzählte sie von der Ausstellung. Senta hatte vorgeschlagen, drei ihrer Bilder im November in der Volkshochschule aufzuhängen, öffentlich, mit Namensschild daneben. Johanna hatte zuerst abgelehnt. "Ich male für mich, nicht für fremde Leute, die davorstehen und tuscheln", hatte sie zu Senta gesagt. Resi hatte, als sie davon hörte, nur gefragt: "Was, wenn es schlecht ankommt? Dann blamierst du dich vor halb Lemgo." Johanna hatte zwei Tage nicht gemalt, das Aquarellpapier unberührt auf dem Küchentisch liegen lassen. Am dritten Tag war sie zur Volkshochschule gefahren und hatte Senta gesagt: "Hängen Sie die Bilder auf. Wenn jemand tuscheln will, soll er." Sie erzählte mir das, während ich mit der Sonde ihre Zahnfleischtaschen abtastete, und ihre Hand, die eben noch locker auf dem Knie gelegen hatte, umschloss plötzlich die Stuhllehne, als müsse sie sich gegen etwas abstützen, das längst entschieden war.

Dann sagte sie, fast wie ein Nachsatz: Sie habe am Dienstag das Gemeinschaftskonto bei der Sparkasse aufgelöst, das sie nach dem Tod ihres Mannes aus reiner Trägheit weitergeführt hatte, mit dem alten Dauerauftrag für den Verein, den es nicht mehr brauchte. Resi hatte am Telefon gesagt, das Konto zu kündigen sei, "als würde man Gerhard noch einmal beerdigen". Johanna hatte geantwortet: "Dann beerdige ich ihn eben noch einmal. Ich kann nicht mit einem Konto leben, das für einen Verein zahlt, in dem ich nicht mehr bin." Am Sparkassenschalter hatte sie die Unterschrift unter die Auflösung gesetzt, der Kugelschreiber hatte in ihrer Hand gezittert, aber sie hatte nicht abgesetzt, bis die Unterschrift fertig war. Ein eigenes Konto, nur auf ihren Namen, mit einem neuen Dauerauftrag: monatlich fünfundvierzig Euro an die Volkshochschule, für die Kursgebühren bis Weihnachten.

Ich trug ihr die nächste Kontrolle für Februar ein und dachte, wie seltsam es ist, dass man den Zustand eines Backenzahns dokumentiert, aber nicht den Moment, in dem jemand aufhört, für eine Gewohnheit zu bezahlen, die ihm gar nicht mehr gehört. Sie zog ihren Mantel an der Garderobe im Flur an, bedankte sich bei Pia für den Kaffee, und ging in den Regen hinaus, den gleichen Flur entlang, durch den sie im März zum ersten Mal gekommen war. Ich schloss die Praxistür ab und sah durchs Fenster, wie sie auf der anderen Straßenseite in den Bus nach Hause stieg, ohne auf jemanden zu warten.

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