Zwölf Zentimeter und ein Satz, der alles kaputt gemacht hat

Ich bin einen Meter sechsundsechzig groß. Das ist nicht viel, aber in dieser Geschichte war es plötzlich wichtig, als hätte ich einen Meter neunzig gemessen.

Ich heiße Jonas, bin vierunddreißig, arbeite als Elektriker bei einer Firma in Bielefeld, die Wärmepumpen installiert. Vor acht Monaten habe ich Mareike kennengelernt, auf dem Weihnachtsmarkt am Alten Markt, bei einem Stand mit Feuerzangenbowle. Sie hat gelacht, bevor ich überhaupt etwas Lustiges gesagt hatte, und das hat mir gereicht, um stehenzubleiben.

Mareike ist einen Meter achtundsiebzig. Barfuß. Mit Absätzen kommt da noch was dazu. Ich habe das am Anfang nicht als Problem gesehen — ehrlich gesagt habe ich es kaum bemerkt, bis andere Leute angefangen haben, es zu bemerken für mich.

Es ging los bei ihrer Cousine Elvira, die ein Catering-Unternehmen in Herford hat und bei jeder Familienfeier die Gäste mustert wie ein Zollbeamter. Auf dem fünfzigsten Geburtstag von Mareikes Vater, in einem Gasthof außerhalb der Stadt, hat sie mir ein Glas Sekt in die Hand gedrückt und gesagt: „Na, du bist aber ein zierlicher Typ." Nicht böse gemeint, vielleicht. Aber danach habe ich angefangen, in jedem Raum zu rechnen, wer größer ist als ich.

Das Blöde ist: ich habe nie darunter gelitten, bis ich angefangen habe, darüber nachzudenken, dass ich leiden sollte. Mareike hat mich nie dafür kritisiert. Aber sie hat mitbekommen, wie es mich veränderte, und irgendwann hat sie angefangen, sich dafür zu entschuldigen, zu groß zu sein. Das hat mich fertiggemacht — mehr als jeder blöde Kommentar von Elvira.

Im Juni haben wir zusammen eine Wohnung in Gütersloh gefunden, zweiter Stock, mit Balkon zur Straße. Wir haben Kartons geschleppt, IKEA-Regale aufgebaut, die Spüle hat getropft, der Vermieter hat erst nach drei Wochen einen Handwerker geschickt. Normales Leben. In den Umzugskartons lagen auch ihre Schuhe — ein ganzes Fach nur für Schuhe ohne Absatz, weil sie dachte, ich würde mich besser fühlen, wenn sie flach läuft. Ich habe das erst Wochen später bemerkt, als ich für eine Hochzeit nach einem bestimmten Paar gesucht habe.

Die Hochzeit war die von meinem Cousin Niklas, Anfang September, in einem Saal am Stadtrand von Bielefeld. Mareike hatte flache Sandalen rausgelegt, obwohl sie ein wunderschönes grünes Kleid trug, das für Absätze gemacht war. Ich habe sie gefragt, warum. Sie hat die Schultern hochgezogen und gesagt: „Ist doch bequemer." Ich habe ihr nicht geglaubt.

Ich habe in dem Moment nichts gesagt, weil der Saal schon voll war und meine Tante gerade die Gläser verteilt hat. Aber auf der Heimfahrt, im Auto, auf der A2 Richtung Gütersloh, Nebel auf der Scheibe, Radio leise, habe ich es direkt angesprochen. „Zieh die Absätze an, die du eigentlich tragen wolltest. Für mich, für dich, ist egal — zieh sie an."

Sie hat gesagt, das sei nicht nötig, sie wolle mich nicht in Verlegenheit bringen vor meiner Familie. Ich habe eine Weile aus dem Seitenfenster auf die Felder bei Enger geschaut und dann gesagt: „Vor meiner Familie bringst du mich nicht in Verlegenheit. Das schaffe ich schon ganz gut allein, seit Monaten."

Elviras Nummer in Mareikes Handy habe ich nicht gelöscht, nicht blockiert, nicht angerührt — das war nicht meine Sache. Aber bei der nächsten Familienfeier, Elviras eigenem vierzigsten Geburtstag in Herford, Ende September, habe ich etwas gemacht, das ich vorher nie gemacht hätte: Ich habe Mareike gebeten, die schwarzen Absätze anzuziehen, die seit dem Umzug ungetragen im Schuhkarton standen. Und als Elvira wieder mit so einem Spruch anfangen wollte — „Oh, heute mal größer unterwegs?" — habe ich einfach gesagt: „Ja, sieht gut aus, oder?" Kein Nachsatz, keine Verteidigung, kein Witz über mich selbst. Elvira hat kurz die Luft angehalten und dann über was anderes geredet.

Mareike hat an dem Abend, in der Küche von Elviras Haus, beim Abtrocknen der Gläser, zu mir gesagt: „Du hast dich seit der Hochzeit verändert." Ich habe geantwortet, dass ich mich nicht verändert habe — ich habe nur aufgehört, so zu tun, als wäre das, was andere über mich denken, wichtiger als das, was zwischen uns beiden echt ist.

Letzten Monat sind wir zusammen zum Standesamt in Gütersloh gefahren, um die Unterlagen für unsere Verlobung anzumelden — kein Ring mit großer Show, sondern ein Termin um neun Uhr morgens, ein Formular, zwei Ausweise, eine Wartenummer. Die Sachbearbeiterin war selbst mindestens einen Meter achtzig groß.

Als wir rauskamen, blieb Mareike auf der Treppe vor dem Standesamt stehen, um ihre Absatzschuhe zu wechseln — sie hatte die bequemen für die Fahrt angehabt und die schwarzen, die sie sich letztes Jahr in Bielefeld gekauft hatte, extra für den Termin eingepackt. Sie balancierte kurz auf einem Bein, die Hand an meiner Schulter, zog den einen Schuh an, dann den anderen, und richtete sich vor mir auf, zwölf Zentimeter höher als vorher. Ich hielt ihr die Handtasche, während sie das machte, und wir gingen die Treppe runter zum Auto, sie einen Kopf größer als ich, mitten auf dem Gehweg in Gütersloh, und niemand drehte sich nach uns um.

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