Der kleine Dieb von Haldenwang und die Zuckermaisfalle

Es war kurz vor fünf Uhr morgens, als Petra Lindenberg mit der Taschenlampe über den Maisacker lief und dachte, sie würde einen Keiler erschrecken. Petra bewirtschaftet mit ihrem Mann Rüdiger einen Hof am Rand von Haldenwang im Allgäu, zwischen Kempten und dem Grünten, dort wo im Herbst der Nebel bis Mittag in den Senken liegt und die Milchkannen noch aus Metall sind, weil der alte Hof das so will. Seit zwei Wochen fehlten ihnen Maiskolben, ganze Reihen umgeknickt, und Rüdiger hatte schon gemurmelt, das könne nur ein Wildschwein sein, vielleicht eine ganze Rotte.

Es war kein Wildschwein.

Am Zaun zum Nachbargrundstück, dort wo der private Streichelzoo der Familie Brunner seine zwei jungen Elefanten hält – ein Mini-Zoo mit Ziegen, Alpakas und eben diesen beiden Elefantenkühen, die Brunner vor drei Jahren aus einer aufgelösten Wanderzirkus-Haltung übernommen hatte, mit allen nötigen Genehmigungen, das muss man dazusagen, denn die Gemeinde hatte das lange geprüft – klaffte ein Loch im Maschendraht, groß genug für ein junges Tier.

Der jüngere der beiden, ein knapp zweijähriger Bulle namens Anton, hatte sich nachts durchgezwängt und saß seitdem praktisch jede Nacht im Mais der Lindenbergs. Petra fand ihn an diesem Morgen zwischen den Stauden, den Rüssel voller Blätter, und noch bevor sie rufen konnte, drehte sich das Tier um und drückte sich hinter den einzigen Holzmast, der mitten auf dem Feld stand – ein schmaler Stromleitungsmast, kaum breiter als ein Besenstiel.

Anton blieb einfach stehen. Rührte sich nicht. Als wäre das Problem gelöst, nur weil der Kopf hinter dem Pfosten verschwand, während links und rechts jeweils gut die Hälfte seines Körpers im Morgenlicht stand, Ohren und Hinterbeine komplett sichtbar, der Schwanz wedelte sogar noch.

Rüdiger kam mit dem Trecker angefahren, die Scheinwerfer gingen an, und als er das sah, musste er so lachen, dass er den Motor abstellen musste, weil ihm die Tränen kamen. „Der glaubt wirklich, wir sehen ihn nicht", rief er seiner Frau zu, die mit dem Handy schon filmte. Ihr Nachbar, der alte Huber von der Milchviehherde gegenüber, kam in Gummistiefeln über den Zaun geklettert, nur im Unterhemd, weil er den Trecker gehört hatte, und blieb stehen, die Hände in die Seiten gestemmt. „Der hat genau so eine Ausrede wie mein Enkel, wenn er die Vase vom Wohnzimmerschrank kaputt gemacht hat."

Das Lustige war: Anton wartete. Vielleicht zehn, fünfzehn Sekunden, in denen keiner sich bewegte, nicht einmal Hubers Hund, der sonst bei jedem fremden Geräusch losbellte, sondern nur mit hängender Zunge dasaß und den Elefanten ansah, als würde er sich fragen, was das für ein Spiel sein sollte. Dann erst, als Petra einen Schritt näherkam, löste sich Anton von seinem Pfosten, trottete durch die umgeknickten Maisreihen zurück zum Loch im Zaun und verschwand.

Am Nachmittag rief Petra bei Familie Brunner an. Nicht wütend – eher amüsiert, aber bestimmt. Birgit Brunner kam selbst vorbei, sah sich das Loch an, sah sich die umgeknickten Reihen an, rechnete im Kopf den Schaden durch: gut vierhundert Kilogramm Mais, die sie zu dem Preis ersetzen müsste, den die Lindenbergs sonst an die Biogasanlage verkauft hätten, keine Riesensumme, aber eben auch kein Pappenstiel.

„Der Zaun wird heute noch repariert", sagte Birgit, und das war keine Floskel – noch am selben Abend stand ein neuer Abschnitt aus verzinktem Weidezaun, doppelt so hoch wie der alte Maschendraht, mit Elektroband oben drauf. Die Kosten, knapp sechshundert Euro für Material und den Elektriker, der die Litze anschließen musste, übernahm Brunner komplett, ohne dass Petra danach fragen musste. Dazu kam eine Kiste mit Gemüse vom eigenen Hofladen als Entschädigung für den Schaden am Mais, und ein Satz, den Rüdiger später noch oft zitierte: „Wenn der Bursche noch mal durchkommt, dürft ihr ihn behalten."

Er kam nicht mehr durch. Aber manchmal, wenn Petra abends mit dem Hund am Zaun vorbeiging, stand Anton genau an der Stelle, wo das Loch gewesen war, den Rüssel durch die Maschen gesteckt, als würde er nach den alten Zeiten schnuppern – und dann drehte er sich jedes Mal um und tat, als hätte er sie gar nicht gesehen.

Rate article
MagistrUm
Der kleine Dieb von Haldenwang und die Zuckermaisfalle