Sieben Jahre hatte ich in Singapur gearbeitet, bevor ich zurückkam – mit einem Koffer, einer Umhängetasche und diesem albernen Lächeln, das man nur hat, wenn man glaubt, gleich das Beste zu tun, was man je getan hat. Es war Ende August, in Bad Segeberg roch es nach nassem Asphalt, irgendwo brummte ein Rasenmäher, und der Bus 490 vom Bahnhof brauchte, wie immer, zwölf Minuten zu viel.
Das Haus in der Moorkoppel hatte ich vor vier Jahren für meine Mutter gekauft, nachdem Vater gestorben war. Backstein, ein Vorgarten mit zwei Fliederbüschen, die sie selbst gesetzt hatte. Die Grundschuld lief über mein Konto, ich hatte jede Rate von Singapur aus überwiesen, monatlich, pünktlich am Fünften. Für mich war dieses Haus die eine Sache, bei der ich sicher sein konnte: Mutter hat ein Dach, das ihr niemand nehmen kann.
Ich klingelte. Meine jüngere Schwester Janina öffnete – in Mutters Perlenohrringen und dem Goldarmband, das Vater ihr zur Silberhochzeit geschenkt hatte.
„Ach. Du bist wieder da." Keine Umarmung, kein Hallo.
Hinter ihr im Flur standen fremde Schuhe, vier Paar mindestens, ordentlich aufgereiht wie in einer Pension. Auf der Treppe kam ein Mann in Jogginghose mit einem Handtuch über der Schulter herunter, nickte mir kurz zu, als würde er hier wohnen. Was er offenbar tat.
„Wo ist Mama?"
Janina verschränkte die Arme. „Unten. Im Keller."
Ich dachte, ich hätte mich verhört. „Wo?"
„Sie schläft jetzt da. Oben zahlen Leute Miete, das bringt was ein."
Ich ging, ohne die Schuhe auszuziehen, durch die Küche zur Kellertür. Unten, neben der Heizungsanlage, stand ein schmales Feldbett. Mutter lag darauf, in ihrem Wintermantel – im August. Um sie herum: Regale mit Waschmittel, ein alter Bogenlampen-Fuß ohne Schirm, ein Klapptisch mit ihren Tablettenschachteln. Kein Fenster, durch das man im Ernstfall hätte klettern können. Kein Rauchmelder. Ein Heizlüfter, angeschlossen an eine Mehrfachsteckdose, an der schon zwei weitere Kabel hingen.
Bei unseren Videotelefonaten hatte Janina das Handy immer nah an Mutters Gesicht gehalten. Wollte ich, dass sie mal durchs Zimmer läuft, hieß es immer, sie sei zu müde. Jetzt wusste ich, warum.
Mutter wachte auf, sah mich an, und noch bevor sie meinen Namen sagen konnte, liefen ihr die Tränen über das Gesicht.
Janina kam die Treppe herunter. „Mach jetzt kein Drama. Sie war einverstanden."
Mutter senkte den Blick.
„Einverstanden womit?", fragte ich.
„Ich kümmere mich um das Haus. Sie braucht Aufsicht. Die Untermieter zahlen die Nebenkosten."
„Die Grundschuld zahle ich."
„Strom und Heizung sind nicht umsonst."
Ich sah mich noch einmal um – und dann fiel mir ein Stapel Briefe auf, hinter zwei Farbeimern auf dem obersten Regalbrett versteckt. Alle an mich adressiert. Keiner geöffnet. Meine monatlichen Briefe, in denen ich Mutter von Singapur aus geschrieben hatte, weil das Telefon nie reichte.
Zum ersten Mal seit meiner Landung musste ich wieder lächeln. Es war kein freundliches Lächeln.
„Du hast mir gerade sehr geholfen", sagte ich.
Ich brauchte keinen Zeugen mehr, ich hatte einen ganzen Regalboden voll Beweisen. Um 19:10 Uhr fotografierte ich jeden Raum im Haus – das Feldbett, die überlastete Steckdose, die ungeöffneten Briefe, die vier fremden Schlüsselbunde auf der Kommode im Flur. Um 19:40 Uhr rief ich Herrn Brammer an, den Notar, der vor vier Jahren den Kaufvertrag beurkundet hatte. Um 20:15 Uhr hatte er den Grundbuchauszug, meine Kontoauszüge und sämtliche Fotos in seinem Postfach.
Draußen fing es an zu nieseln, jemand ließ zwei Straßen weiter einen Hund raus, der bellte einmal und war wieder still. Mutter saß inzwischen oben am Küchentisch, ich hatte ihr Tee gemacht und eine Decke über die Schultern gelegt, obwohl es dafür eigentlich zu warm war.
Um Punkt neun klingelte es. Janina öffnete – zwei Männer standen vor der Tür. Der eine zeigte einen Ausweis der Wohnungsaufsicht, der andere hielt ein rotes Formular des Ordnungsamts in der Hand: sofortige Nutzungsuntersagung der vermieteten Zimmer wegen fehlenden Brandschutzes und unangemeldeter Untervermietung. Herr Brammer hatte, kaum dass ich ihm die Fotos geschickt hatte, direkt beim Amt angerufen – ein überbelegter Keller ohne Fluchtweg war für die kein Einzelfall, sondern ein Fall für heute Abend.
„Das ist nicht mein Haus", sagte Janina zu den Beamten, mit einem Blick zu mir, als könnte ich ihr das noch abnehmen.
„Grundbucheintrag, Alleineigentümerin", sagte der Mann mit dem Ausweis und hielt den Auszug hoch, den Herr Brammer ihm digital geschickt hatte. „Wir brauchen die Personalien der vier Untermieter. Und der Heizlüfter im Keller wird sofort abgeklemmt."
Der Mann in Jogginghose kam mit einer Sporttasche die Treppe herunter, noch bevor irgendjemand ihn gefragt hatte. Die anderen drei folgten in den nächsten zwanzig Minuten, einer telefonierte schon an der Bordsteinkante wegen einer neuen Bleibe.
Janina stand in der Diele, das Goldarmband an ihrem Handgelenk, und sagte kein Wort mehr.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit Mutter zu Herrn Brammer. Auf dem Tisch lag eine Vollmacht, die Janina vor zwei Jahren von Mutter hatte unterschreiben lassen – „nur für die Bank", hatte sie damals gesagt. Ich widerrief sie, in Mutters Beisein, mit ihrer Unterschrift und meiner. Danach eröffnete ich für Mutter ein eigenes Konto bei der Sparkasse Südholstein, auf das künftig jede Überweisung von mir ging, ohne Umweg über das gemeinsame Konto, das Janina mitverwaltet hatte.
Ich zeigte Mutter, wie sie am Automaten selbst Geld abheben konnte. Sie hatte das seit über einem Jahr nicht mehr gemacht.
Janina meldete sich zwei Tage später, um zu fragen, ob sie „wenigstens ihre Sachen aus dem Obergeschoss" holen dürfe. Ich sagte ja. Sie kam mit zwei Kartons, ließ die Perlenohrringe und das Armband auf dem Küchentisch liegen, ohne dass ich etwas dazu sagen musste, und ging.
Mutter schläft jetzt oben, im Zimmer mit Blick auf die Fliederbüsche. Ich habe ihr ein neues Bett bestellt, mit Lattenrost, das kam letzte Woche. Die ungeöffneten Briefe liegen noch auf dem Küchentisch – ich habe sie ihr vorgelesen, einen nach dem anderen, während der Tee kalt wurde.
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