Die Eigentumswohnung meines Sohnes

Ich stand in der Notariatskanzlei in der Friedrichstraße, als meine Mutter neben mir den Stuhl zurechtrückte und ihre Handtasche mit einem leisen Knacken öffnete. Draußen zog der Novemberwind die ersten nassen Blätter über den Gehweg, und drinnen roch es nach kaltem Kaffee und Papierstaub.

„Wir haben uns beraten und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Wohnung auf meinen Sohn überschrieben wird“, sagte sie, ohne mich anzusehen.

Der Notar legte den Füller hin. Nicht abweisend — nur so, wie man etwas weglegen kann, das man in den nächsten Minuten nicht brauchen wird.

Ich heiße Tomas Berg. Ich bin sechsunddreißig, Elektromeister bei den Stadtwerken in Halle, und bis vor drei Monaten dachte ich, ich wüsste, wie mein Leben aussieht. Meine Frau Katrin hat von ihrer Großtante in Magdeburg eine Altbauwohnung geerbt, dazu ein Sparkonto, auf dem nach der Testamentseröffnung etwas mehr als zweihundertachtzigtausend Euro lagen. Genug für eine Dreizimmerwohnung in der Innenstadt, ohne Kredit, ohne Bank, ohne dass wir bei irgendwem anklopfen mussten.

Das war unser Plan.

Katrin und ich hatten wochenlang gesucht. Jeden Samstag Besichtigungen, jeder Sonntag auf dem Sofa mit den Prospekten vom Immobilienportal. Sie wollte Fenster nach Südwesten und eine Badewanne, keine Dusche. Ich wollte einen Kellerraum fürs Werkzeug und keine vierte Etage ohne Aufzug. Am Ende fanden wir eine Wohnung in der Ludwigstraße, dritter Stock, Jugendstilfassade, Park auf der Rückseite. Katrin stand in der leeren Küche, das Licht fiel quer über den Dielenboden, und sie sagte: „Hier hängen wir im Sommer einen Blumenkasten raus.“

Ich war glücklich. Wirklich. Nicht wegen der Wohnung — sondern weil sie glücklich war.

Aber dann kam meine Mutter.

Sie wohnt in Halle-Neustadt, dritte Platte von der Straßenbahnhaltestelle, und sie hat eine Vorstellung davon, wie eine Familie zu funktionieren hat. Der Mann ist der Kopf, die Frau das Herz, und das Eigentum gehört in die richtigen Hände. Sie nennt das „Ordnung“, und wenn man ihr widerspricht, nennt sie das „Frechheit“.

Es fing mit Anrufen an. Zwei-, dreimal am Tag. Ob Katrin das Geld wirklich allein geerbt hätte. Ob ich schon beim Notar gewesen sei. Ob ich wenigstens darüber nachgedacht hätte, die Wohnung auf mich schreiben zu lassen — nur für den Fall, dass irgendetwas passiert.

„Was soll passieren, Mama?“, habe ich gesagt. „Wir sind seit neun Jahren zusammen. Sie liebt mich. Ich liebe sie. Wir brauchen keinen Vertrag, der uns gegeneinander absichert.“

„Neun Jahre“, hat sie geantwortet, als hätte ich eine Idiotie gesagt. „Mein Nachbar, der Wohlrabe, war zwanzig Jahre verheiratet. Dann ist sie mit einem Fernfahrer nach Osnabrück durchgebrannt, und er musste die Hälfte vom Haus abgeben. Zwanzig Jahre, Tomas.“

Ich habe den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt und den Wasserkocher angestellt. Der Tee lief über, weil ich vergaß, die Tasse drunter zu stellen.

Zwei Wochen später kam der Abend, an dem ich zum ersten Mal nachgegeben habe.

Wir saßen in der neuen Küche der neuen Wohnung, die noch nicht unsere war. Katrin hatte die Schlüssel vom Makler bekommen, um die Räume auszumessen. Sie legte den Zollstock an die Wand und zog die Stirn kraus, weil irgendwo ein Millimeter fehlte.

„Ich habe mit Mama telefoniert“, sagte ich.

„Und?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen.

„Sie meint, wir sollten überlegen, ob die Wohnung nicht auf meinen Namen läuft. Nur als Eigentum. Im Innenverhältnis bleibt es natürlich unsere.“

Katrin drehte sich um. Sie hatte den Bleistift zwischen den Zähnen, und ich erinnere mich, dass ich dachte: Das ist der Moment, in dem du die Kurve kriegst, wenn du schweigst.

Ich schaffte es nicht.

„Warum?“, fragte sie.

„Wegen der Absicherung“, sagte ich. „Wegen der Ordnung. Gründe gibt es viele. Mama sagt —“

„Mama sagt“, wiederholte sie.

Sie legte den Zollstock in die Fensternische. Ganz langsam, als hätte sie plötzlich alle Zeit der Welt. Dann nahm sie ihre Jacke vom Stuhl und ging zur Tür.

„Katrin, warte. Ich will das doch selbst nicht. Aber wenn jemand stirbt oder krank wird oder —“

„Wenn ich sterbe, erbst du sowieso“, sagte sie an der Tür. „Wenn du stirbst, erbe ich die Hälfte. Das ist die Ordnung. Die deutsche Ordnung, seit Jahrzehnten. Was will deine Mutter eigentlich noch mehr?“

Dann war die Tür zu.

Zwei Tage später saß meine Mutter auf meinem Sofa in der alten Mietwohnung, schälte einen Apfel in einer einzigen Spirale und sagte: „Ich habe einen Termin beim Notar gemacht. Morgen um elf. Du kommst, du hast zu kommen.“

Ich kam.

Katrin wusste von dem Termin. Sie hatte am Abend davor angerufen und gesagt: „Wenn du hingehen willst, geh. Aber ich komme nicht mit, und ich unterschreibe nichts, was ich nicht gelesen habe.“

Ich glaube, bis zuletzt habe ich nicht verstanden, was dieser Satz bedeutete.

Als wir die Kanzlei betraten, saß Katrin bereits im Wartebereich. Sie trug die braune Wolljacke mit den Hornknöpfen und hatte eine Mappe auf dem Schoß. Meine Mutter nickte ihr zu wie einer Sekretärin.

„Gut, dass Sie da sind“, sagte meine Mutter und hängte ihren Mantel an den Ständer. „Dann können wir das gleich besprechen. Die Wohnung wird auf meinen Sohn überschrieben. Ich habe hier eine Aufstellung der Nebenkosten, die der Notar prüfen wird.“

Der Notar war ein Mann um die sechzig mit einer Brille, die auf die Nasenspitze gerutscht war, und er wirkte, als hätte er die letzten dreißig Jahre versucht, genau solche Termine zu vermeiden. Er bot Wasser an. Meine Mutter schlug aus.

Ich weiß nicht mehr, was ich in diesem Moment dachte. Ich weiß, dass ich schwieg. Dass ich auf den Tisch sah. Dass ich den Kugelschreiber nahm und ihn zwischen die Finger rollte, rauf und runter, rauf und runter.

Dann hob Katrin den Kopf und sagte: „Ich möchte, dass du das jetzt laut sagst, Tomas. Damit ich es höre und damit es der Notar hört. Mir zuliebe.“

„Lass das“, sagte meine Mutter.

„Nein, ich will es hören“, sagte Katrin.

Und ich hörte mich sagen: „Ich sage gar nichts. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt.“

Katrin sah mich an. Kein Zorn. Etwas anderes, das ich noch nie gesehen hatte, und erst später habe ich begriffen, dass es Erleichterung war.

„Gut“, sagte sie.

Sie öffnete die Mappe, holte eine Kopie der Verdienstbescheinigung meiner Mutter hervor — sie hatte sie irgendwo aus einer Schublade in der Mietwohnung gezogen, aus Unterlagen, die meine Mutter dort vergessen oder absichtlich gelassen hatte — und legte sie auf den Tisch.

„Ich hätte auch etwas dabei“, sagte Katrin. „Eine Aufstellung. Wie viel deine Mutter in den letzten zwölf Jahren zur Miete beigesteuert hat. Nämlich nichts. Wie oft sie uns besucht hat, ohne zu fragen, und dann mitbestimmen wollte, was wir essen, wo wir schlafen, welchen Teppich wir kaufen. Dreihundertneunzehn Besuche, Tomas, ich habe nachgezählt, besoffen war keiner. Und wie oft ich dich gefragt habe, ob du hinter mir stehst — du weißt es nicht, oder? Einmal zu oft.“

Meine Mutter fiel ihr ins Wort: „Das ist Erbschaft. Erbschaft gehört in die Familie. Und Familie bedeutet, dass der Mann die Verantwortung trägt. So war das bei meinem Vater, so war es bei mir, und so wird es bei meinem Sohn sein. Er bekommt die Wohnung, und Sie bekommen ein Kind, wenn Sie klug sind, dann ist das Gleichgewicht wiederhergestellt.“

Der Notar räusperte sich.

Katrin stand auf. Sie legte die Mappe zurück in die Tasche, hakte den Verschluss ein, griff nach dem Mantel über der Stuhllehne.

„Sie haben recht“, sagte sie zu meiner Mutter. „Die Wohnung gehört in die Familie. Und die Familie bin jetzt ich. Ich trage sie unter meinem Namen ein, ich bezahle sie mit meinem Geld, ich streiche die Wände in der Farbe, die mir gefällt, und ich hole mir keinen Rat bei einer Frau, die ihre eigene Rente in Pfandflaschen im Keller bunkert, weil sie nie gelernt hat, ein Konto zu führen.“

Sie drehte sich zu mir.

„Und du, Tomas — du hast jetzt die Wahl. Gehst du mit deiner Mutter in ihre Platte zurück, oder kommst du mit mir in die Ludwigstraße? Ich kann dir keine Klingel versprechen, auf der dein Name steht. Aber ich kann dir versprechen, dass ich nicht ein Leben lang zuhören werde, wie deine Mutter für dich entscheidet, was du zu wollen hast.“

Ich blieb sitzen.

Warum — das wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass mein Bein zitterte und dass ich nicht aufhören konnte, den Kugelschreiber zu rollen.

Katrin wartete. Drei Sekunden. Dann nickte sie, als hätte ich alles gesagt, was nötig war.

„Dann nicht“, sagte sie leise.

Sie ging zur Tür. Meine Mutter rief ihr hinterher: „Undankbares Stück!“ und etwas von „Schande vor dem Notar“, aber ich hörte nicht genau hin. Ich sah nur, dass Katrin sich an der Tür noch einmal umdrehte und mich ansah, und dass sie dabei die Hand an den Türgriff legte, ganz ruhig, als würde sie eine Tür schließen, hinter der ein Zimmer voller Erinnerungen stand.

Dann war sie weg.

Ich glotzte auf die Kopie, die sie zurückgelassen hatte. Und auf meine Hände.

Drei Monate sind seitdem vergangen.

Ich lebe in der Platte meiner Mutter, im früheren Jugendzimmer, zwanzig Quadratmeter, an der Wand hängt noch das Poster von Eintracht Frankfurt. Sie macht mir jeden Morgen Haferbrei und sagt, ich solle dankbar sein. Abends sitzen wir vor dem Fernseher, und sie schaut mir zu, als wäre ich ein Kind, das vom Fahrrad gefallen ist und bald wieder aufsteigen muss.

Die Wohnung in der Ludwigstraße steht nicht mehr leer. Ich weiß es, weil ich zweimal dran vorbeigefahren bin. Im dritten Stock brennt abends Licht, die Fenster sind geputzt, und ich meine, einen Blumenkasten gesehen zu haben, als ich auf dem Radweg hielt.

Katrin hat die Scheidung eingereicht. Nicht aus Hass, das weiß ich. Sondern weil ich in dem einen Moment, auf den es ankam, nicht aufgestanden bin. Ich kann das Papier in der Küche liegen sehen, wenn ich will. Einmal habe ich es in die Hand genommen.

Ich habe nicht unterschrieben. Nicht weil ich hoffe, dass sie zurückkommt. Sondern weil ich will, dass dieser Moment, die Tür, die sie schloss, nicht komplett zu Ende sein soll. Das ist erbärmlich, ich weiß.

Vorgestern bin ich zum Amt gegangen und habe meinen Namen geändert. Nicht offiziell. Meine Mutter hat mich angerufen, als ich im Flur stand: „Ich habe beim Kaffeekränzchen gesagt, dass du jetzt der Eigentümer bist. Du musst nur noch die Papiere bringen, aber da ist noch so ein Punkt wegen der Schenkung, ich hab dem Wolf gesagt, du kümmerst dich drum, er war doch immer der Klügste aus deiner Klasse, erinnerst du dich?“

Ich habe aufgelegt.

Dann bin ich in mein Zimmer, habe die alte Postkarte herausgeholt, die Katrin mir vor vier Jahren aus Warnemünde geschrieben hat, und auf die Rückseite geschrieben: Ich bringe die Papiere nicht. Frage mich nicht mehr. Und wenn ich eines Tages aufwache und weiß, was ich zu wollen habe, stehe ich auf — aber dann für mich, nicht für dich.

Ich habe die Karte in den Briefkasten geworfen. Nicht an Katrin. An meine Mutter.

Und dann bin ich vor der Plattenbautür im Treppenhaus gestanden und habe gewusst: Die Wohnung in der Ludwigstraße wird nie mir gehören. Aber wenn ich irgendwann einen eigenen Schlüssel in der Hand halte — einen, auf dem kein Name steht außer meinem —, dann weiß ich, an welchem Tag ich anfange, ihn zu verdienen.

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