Die Broschüre lag ganz unten, unter der Lokalzeitung und dem Prospekt vom Baumarkt. Meine Finger zitterten, als ich sie herauszog. „Seniorenresidenz an der Saale – würdevoll leben im Alter." Das Papier glänzte, roch nach Druckerschwärze. Vor drei Tagen hatte ich meinen Sohn Thomas in der Küche gehört. Die Tür war nur angelehnt, und der Wasserkocher summte noch nach.
„Ich schaffe das nicht mehr", sagte er zu Katrin. „Sie braucht ständig Hilfe. Wir kommen zu nichts."
Katrin klapperte mit der Kaffeetasse. „Vielleicht sollten wir über eine andere Lösung nachdenken."
„Ein Heim ist kein Verbrechen."
Ich stand im Flur, die Tasse mit kaltem Pfefferminztee in der Hand. Der Wasserhahn in der Küche tropfte. Eins. Zwei. Drei. Dann ging ich hinein.
„Wenn du das laut sagen willst, dann sag es mir direkt."
Thomas wurde blass. Katrin wischte mit einem Lappen über die Arbeitsplatte, obwohl da kein Krümel lag.
Ich bin Renate, 71. Meine Hände sind rissig von der Arbeit in der Gärtnerei. Vor sieben Jahren habe ich meinem Sohn die Altbauwohnung in der Großen Ulrichstraße überschrieben. Der Gutachter schrieb 310.000 Euro auf das Papier. Der Notar, ein bedächtiger Mann namens Dr. Weidemann, hatte mich damals gefragt, ob ich mir sicher sei, alles bedingungslos wegzugeben. „Bauen Sie sich ein Sicherheitsnetz ein, Frau Kowalski", hatte er gesagt. „Man weiß nie, wie sich die Dinge entwickeln." Ich hatte genickt und eine Klausel unterschreiben lassen, die ich kaum gelesen hatte, weil ich damals dachte, ich würde sie nie brauchen: Sollte Thomas die Wohnung ohne meine Zustimmung veräußern oder mich gegen meinen Willen aus ihr aussperren, fiele sie an mich zurück. Ein Papier für den Fall der Fälle, dachte ich, und schob den Gedanken beiseite. Familie bleibt Familie. Ich habe Emma großgezogen, während Katrin ihre Weiterbildung zur Physiotherapeutin machte. Jeden Morgen um halb sechs die Brötchen geholt, den Schulweg abgelaufen, die Wäsche gebügelt. Jetzt bin ich die Last.
„Mama, wir haben auch ein Leben", sagte Thomas. „Emma braucht ein eigenes Zimmer. Katrin arbeitet von zu Hause und kann sich nicht konzentrieren, wenn du im Wohnzimmer den Fernseher anmachst."
„Und wo soll ich hin?"
„Niemand wirft dich raus. Aber wir müssen über betreutes Wohnen reden."
Ich lachte, aber es war ein abgehacktes Geräusch. „Du redest nicht über betreutes Wohnen. Du redest über das Abschieben deiner Mutter."
Katrin mischte sich ein: „So ist es nicht."
„Doch, genau so ist es. Die Broschüre habe ich gefunden." Ich legte sie auf den Tisch, neben die Kaffeetasse.
Thomas' Augen wurden feucht. „Ich habe Angst, dass ich dich nicht mehr versorgen kann. Dass ich alles falsch mache." Seine Hände lagen flach auf dem Tisch, die Finger gespreizt, als müsste er sich festhalten.
„Deine Angst gibt dir nicht das Recht, mich wie ein Möbelstück zu behandeln."
Ich entschied selbst zu gehen, bevor er mich schicken konnte. Eine Woche später packte ich zwei Koffer. Die Wohnung meiner Schwester Irmgard in Halle-Neustadt stand seit zwei Jahren leer. Feucht war sie, die Klingel ging nicht, und im Treppenhaus roch es nach einem scharfen Reiniger. Ich organisierte den Umzug selbst, mit einem Mann von nebenan, der einen weißen Transporter fuhr. Thomas kam erst, als ich fast fertig war. Er stellte zwei Tüten mit Lebensmitteln vor die Tür und fuhr wieder, ohne die Treppe hinaufzukommen. Ich habe die Küchenuhr abgehängt und in einen Karton gelegt – die Uhr, die mein Mann mir 1989 geschenkt hatte, sorgfältig in ein Geschirrtuch gewickelt, damit das Glas nicht zerbrach.
In den Wochen danach rief Thomas zweimal an. Beim ersten Mal fragte er, ob ich zurechtkomme. Beim zweiten Mal fragte er, wann ich meine restlichen Sachen aus der Wohnung holen würde – Katrin brauche den Platz für Emmas neues Bett. Ich hörte im Hintergrund Katrins Stimme, gedämpft, aber bestimmt. Danach rief niemand mehr an.
Zwei Monate später rief mich Frau Lorenz an, die Nachbarin aus dem Altbau. Ihr Dackel hatte gebellt, weil ein Makler mit einem Maßband durch die Wohnung ging und Fotos von den Zimmern machte. „Die verkaufen wohl", sagte sie. Ich legte auf und saß lange am Küchentisch, die Hände um eine leere Tasse gelegt.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit der Straßenbahnlinie 7 in die Innenstadt. Ich stand vor der Wohnung, in der ich 34 Jahre gewohnt hatte. Der Schlüssel passte nicht mehr ins Schloss. Ich klingelte, aber niemand öffnete. Auf dem Küchenfenster im dritten Stock klebte von innen ein Zettel mit einer Telefonnummer eines Maklerbüros. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass Thomas nicht nur ausziehen ließ, sondern verkaufte, ohne mich zu fragen. Ich ging zum Notar.
Im Notariat saß ich auf dem braunen Ledersessel, denselben, auf dem ich vor sieben Jahren unterschrieben hatte. Dr. Weidemann zog die alte Akte hervor. „Sie erinnern sich an die Klausel, Frau Kowalski? Ihr Sohn hat die Wohnung Maklern zur Veräußerung angeboten, ohne Ihre Zustimmung einzuholen, und Sie zusätzlich ausgesperrt, indem er das Schloss austauschen ließ. Beides greift. Ich kann die Rückforderung heute einreichen. Das Verfahren wird einige Wochen dauern, aber der Anspruch ist eindeutig."
„Reichen Sie es ein", sagte ich. Meine Hand war ruhig, als ich unterschrieb. Die Gebühr betrug 340 Euro. Ich bezahlte mit meiner EC-Karte.
Drei Wochen später klingelte es an meiner neuen Tür. Der Gong war hell und durchdringend. Durch den Türspion sah ich Thomas. Er trug die Jacke, die ich ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich zog die Tür einen Spalt auf. In meiner Hand hielt ich den Brief des Notars, den ich am Morgen erhalten hatte – die Bestätigung, dass die Rückübertragung im Grundbuch eingetragen war.
„Mama, was hast du getan?"
Seine Stimme war rau. Ich schob ihm das Papier entgegen. Er nahm es, überflog die Zeilen. Seine Knöchel wurden weiß.
„Das kannst du nicht machen."
„Ich habe nichts gemacht, Thomas. Du hast das Schloss ausgetauscht. Du hast verkauft, ohne mich zu fragen. Die Klausel stand seit sieben Jahren in der Urkunde. Du hast sie nur nie gelesen."
Er schüttelte den Kopf. „Und wo soll ich mit Emma und Katrin hin?"
„Emma kann mich jederzeit besuchen. Ich habe ihr Zimmer schon eingerichtet, für den Fall, dass sie mal bei der Oma schlafen will." Das war die Wahrheit; ich hatte das kleine Zimmer mit dem alten Kinderbett aus dem Keller meiner Schwester bezogen, noch bevor der Notar mich zurückgerufen hatte.
„Das hättest du dir überlegen müssen, bevor du hinter meinem Rücken verkauft hast."
Dann schob ich die Tür zu. Der Schnapper fiel leise ins Schloss. Ich lehnte mich von innen dagegen. Durch die dünne Tür hörte ich, wie er noch eine Weile stand. Dann ging er. Die Straßenlaterne vor dem Fenster flackerte einmal und blieb wieder an.
Ich habe die Wohnung nicht verschenkt. Ich habe sie behalten, für den Tag, an dem Emma alt genug ist, um selbst zu entscheiden, bei wem sie wohnen will.
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