Sabine löste sich und sah mich mit diesen braunen Augen an. „Und? Ist schon was passiert?“
„Morgen früh“, sagte ich. „Der Notartermin zur Umschreibung läuft um neun. Ich hab die Vollmacht, ihre Unterschrift von letztem Jahr – da hat sie geglaubt, es geht um die Steuererklärung für die Firma. Die Bank hat den Wert schon bestätigt. Sobald das Grundbuch auf mich überschrieben ist, gehört die Bude mir. Dann reiche ich die Scheidung ein, und der Rest läuft von allein.“
Sabine lächelte. „Und sie? Kein Verdacht?“
„Anna? Die sitzt zu Hause und malt sich aus, wie wir im Sommer den Garten neu bepflanzen. Sie hat keine Ahnung.“
Ich küsste Sabine, drückte ihr die Reisetasche in die Hand und wartete, bis sie durch die Sicherheitskontrolle ging. Dann atmete ich tief durch. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich mein eigener Körper nicht wie ein Gefängnis an.
Ich bin kein Unmensch. Jedenfalls habe ich das nie von mir geglaubt. Anna und ich waren elf Jahre verheiratet, und die ersten drei waren gut. Aber dann kam ihr Vater ins Spiel. Genauer: sein Haus. Ein Altbau mit Holzvertäfelung und Apfelbaum im Garten, den er mit seinen eigenen Händen saniert hatte, bevor er starb. Anna hat es geerbt, und von dem Tag an gab es zwischen uns ein Oben und Unten. Jede Entscheidung über Renovierung, über Gäste, über meine Werkstatt im Keller endete mit demselben Satz: „Vergiss nicht, es ist das Haus meines Vaters.“ Ich war nur der, der die Heizung reparierte und die Hypothek abstotterte.
Meine Firma lief drei Jahre mäßig, bis der große Auftrag auskam. Da brauchte ich Kapital, und Anna gab es mir. Aber sie ließ sich eine Generalvollmacht geben. Ich war so erleichtert, dass ich nicht genau las, was ich unterschrieb. Sie meinte: „Reine Vorsicht, Schatz. Für den Fall, dass dir was passiert.“ Ich lächelte und dachte, sie vertraut mir.
Das war der Fehler.
An dem Abend nach Sabines Abflug saß ich in der Küche in Oberursel und fuhr meinen Laptop hoch. Anna war bei ihrer Schwester in Kronberg und wollte erst am nächsten Tag wiederkommen. Ich öffnete die E‑Mail mit der vorbereiteten Grundbuchvormerkung und prüfte noch einmal den genauen Betrag für die Grunderwerbsteuer. Sobald der Notar den Eigentumsübergang bestätigte, würde ich die Hypothek umschulden und Sabine als Mitbewohnerin eintragen. Anna würde nie wieder über „Papas Haus“ reden müssen, weil es nicht mehr ihres wäre.
Gegen Mitternacht stand ich noch einmal auf, um mir ein Bier zu holen. Das Fenster stand einen Spalt offen, und von der Straße roch es nach nassem Laub und den ersten warmen Märztagen. Ich dachte an Sabine, die jetzt im Flieger saß und denselben Mond sah, und an das Leben, das wir uns zusammengelogen hatten – und jetzt endlich zu Ende logen.
Um kurz vor neun fuhr ich mit dem Wagen zum Notar in die Frankfurter Innenstadt. Ich hatte den schwarzen Ledermantel an, den Anna mir vor zwei Jahren geschenkt hatte, und die Aktentasche unter dem Arm, in der die notariell beglaubigte Vollmacht von ihr lag. Ein Blatt Papier, das mir erlaubte, in ihrem Namen zu handeln. Ein einziges Blatt.
Der Notar war einer dieser älteren Männer mit goldener Brille und Aktenschrank aus Mahagoni. Ich hatte den Termin unter einem Vorwand vereinbart: „Wir möchten eine letzte Anpassung im Grundbuch vornehmen, bevor meine Frau ins Ausland reist.“ Die Sekretärin hatte keinen Nachfrage gestellt. Als ich die beglaubigte Kopie der Vollmacht über den Tisch schob, nahm der Notar sie, zog seine Lesebrille zurecht und schwieg eine volle Minute.
Dann legte er das Papier zur Seite und sah mich an. „Herr Wagner, diese Vollmacht ermächtigt Sie zu Bankgeschäften und Steuererklärungen. Sie deckt jedoch keine Verfügung über Immobilien. Dafür wäre die ausdrückliche Zustimmung Ihrer Frau erforderlich – notariell beglaubigt und persönlich abgegeben. Die liegt mir nicht vor. Ich kann den Eigentumsübergang heute leider nicht beurkunden.“
Ich saß einen Moment wie gelähmt da. Mir wurde heiß unter dem Mantel. „Das muss ein Irrtum sein. Meine Frau hat mir gesagt, sie habe alles unterschrieben, was nötig ist.“
„Dann hat sie Ihnen eine unvollständige Auskunft gegeben“, sagte der Notar freundlich. Er klappte die Mappe wieder zu und gab mir die Vollmacht zurück. Der Geruch von altem Papier und Bohnerwachs hing im Raum. Ich stand auf und murmelte etwas von einem neuen Termin. Im Auto blieb ich fünf Minuten mit laufendem Motor sitzen. Die Hände zitterten ein wenig, aber ich beruhigte mich: Fehler im Papierkram kommen vor. Anna ahnt nichts. Ich würde sie einfach überreden müssen, die fehlende Erklärung persönlich abzugeben. Zur Not drohte ich mit der Scheidung – und sie dächte, es wäre ihre Entscheidung.
Dann klingelte mein Handy.
Es war Anna. Ich drückte auf Annehmen und hörte ihre Stimme, vollkommen ruhig und doch kälter als je zuvor. „Markus, bleib, wo du bist. Geh nicht zurück nach Hause. Die Schlösser sind ausgetauscht. Du kommst nicht mehr rein. Vor der Haustür liegt ein gelber Umschlag. Hol ihn dir und lies ihn durch, bevor du noch mehr Unsinn machst. Und dann hör dir die Aufnahme an, die ich dir auf den Stick kopiert habe. Du wirst deine eigene Stimme erkennen. Frankfurt Flughafen, Gate B42, vor drei Tagen. Ich war da. Ich hab alles gehört. Ich hab alles aufgezeichnet. Du und Sabine – diesen idiotischen Namen nennst du nie wieder in meiner Gegenwart. Das Haus kriegst du nicht. Morgen früh geht die einstweilige Verfügung raus. Deine Konten werden gesperrt, solange das Gericht die Sache prüft. Leb wohl, Markus.“ Sie legte auf. Kein Zittern in der Stimme. Kein Vorwurf.
Ich fuhr trotzdem nach Oberursel. Der Wagen stand am Bordstein wie immer, aber als ich den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, passte er nicht. Ein neuer Zylinder, blank poliert. Daneben klebte ein gelber Briefumschlag mit Tesafilm am Mauerwerk.
Ich riss ihn ab. Drinnen lag ein kleiner silberner Stick und ein gefaltetes Blatt. Es war keine Gerichtsverfügung – die würde erst am nächsten Tag kommen, per Eilboten. Es war etwas anderes: eine Kopie des Ehevertrags von vor elf Jahren, mitsamt der handschriftlich eingefügten Klausel, dass das Haus im Alleineigentum von Anna bleibt. Darunter, in Annas Schrift: „Die Aufnahme reicht für Betrug. Du brauchst einen Anwalt. Aber den wirst du dir nicht mehr leisten können.“
Ich steckte den Stick in den USB-Anschluss meines Handys und spielte die Datei ab. Aus dem Lautsprecher kam das Rauschen der Flughafenhalle und dann meine eigene Stimme. Helle, triumphierende Worte. „Sobald das Grundbuch auf mich überschrieben ist, gehört die Bude mir. Dann reiche ich die Scheidung ein.“ Und Sabines Lachen, hell und kalt.
Ich stand auf der Treppe dieses Hauses, in dem ich elf Jahre lang den Heizungskeller gestrichen und das Garagentor geölt hatte. Die Außenlampe brannte noch, und hinter der Glastür sah ich den leeren Garderobenhaken, an dem sonst meine Jacke hing. Ich schaltete die Aufnahme aus. Da war nichts mehr zu sagen. Ich steckte den Stick in die Manteltasche, drehte mich um und lief zu meinem Wagen. Der Asphalt war noch feucht vom Regen in der Nacht, und irgendwo bellte ein Hund. Ich startete den Wagen und fuhr los, ohne zu wissen, wohin. Nur weg von diesem Briefumschlag und dieser Tür, die sich nicht mehr öffnen ließ.
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