Der Wecker klingelte nicht. Stattdessen das bekannte, durchdringende Maunzen, das pünktlich um Viertel vor fünf die Wände meiner kleinen Altbauwohnung in der Freiburger Wiehre zum Vibrieren brachte. Ich drückte mein Gesicht tiefer ins Kissen, aber es half nichts.
„Herr im Himmel, Einstein, es ist mitten in der Nacht", murmelte ich in die Dunkelheit.
Einstein, ein graues Wollknäuel mit weißen Pfoten, saß auf meinem Kopfkissen und musterte mich mit seinen gelben Augen, als wäre der Weltuntergang ausgebrochen. Er hatte diese Angewohnheit entwickelt, seit ich ihn vor drei Wochen aus einer Pappschachtel am Straßenbahnmast der Linie 1 gezogen hatte. Ein Passant hatte den Karton stehen lassen, die Klappen halb geöffnet, als hätte jemand gehofft, dass sich das Problem von selbst löst. Damals hatte ich ihn für ein stilles, dankbares Wesen gehalten. Ein fataler Irrtum.
Ich stand auf. In der winzigen Küche, unter dem Fenster, durch das man auf den tristen Innenhof mit den Fahrradständern blickte, gurgelte die alte Siebträgermaschine. Ich machte mir einen Espresso, während Einstein auf mein Kopfkissen zurückwanderte, sich zusammenrollte und umgehend einschlief. Seine Mission war erfüllt. Meine Nacht war gelaufen.
Das war der Rhythmus unseres Zusammenlebens. Und es blieb nicht ohne Folgen. Im Büro, einem umgebauten Fabrikloft im Industriegebiet Nord, das die Werbeagentur „Nordstern Kommunikation" beherbergte, saß ich um zehn Uhr morgens vor meinem Monitor und die Buchstaben verschwammen zu einer grauen Suppe. Mein Kopf sackte weg.
Ein leises Klopfen auf Holz. Direkt neben meinem Ohr.
Ich fuhr hoch. Simon Lehmann, mein Chef und Inhaber der Agentur, stand an meinem Schreibtisch und klopfte mit seinem Füllfederhalter auf die Tischplatte. Seine Miene war undurchdringlich, aber der Punkt zwischen seinen Augenbrauen war leicht gerötet. Ein untrügliches Zeichen.
„Franka", sagte er und seine Stimme klang nicht wie sonst, wenn er um einen „Quick-Win" bat. Sie klang angestrengt. „Ich freue mich ja, dass dein Privatleben endlich so… intensiv ist. Aber hier wird gearbeitet, nicht geschlafen. Das ist nicht der Ruheraum der Bundesbahn."
Mir schoss das Blut in die Wangen. Privatleben. Dieses Wort. Mein Nebenmann, Lukas, der Grafiker mit der losen Zunge, feixte bereits hinter seinem Curved-Monitor. In den letzten Tagen hatte sich das Gerücht wie Öl in der gesamten Agentur ausgebreitet. Franka hat wen. Franka ist müde. Franka hat nachts Besseres zu tun als zu schlafen.
„Ich glaub, der Simon hat einen Narren an dir gefressen, Frankalein", hatte meine einzige Vertraute, die Texterin Merle, erst gestern zu mir gesagt, während sie ihren Hafermilch-Latte rührte. „Der schaut dich an wie der Dackelmann von dem Currywurst-Imbiss da drüben seine Rostbratwurst, bevor er reinbeißt. So mit ‘ner Mischung aus Andacht und Heißhunger." Merle liebte solche Vergleiche. Der Dackelmann war real: ein hagerer Rentner, der jeden Mittag mit seinem Dackel Bruno vor dem Imbiss um die Ecke Schlange stand und dem Tier heimlich Wurstzipfel zusteckte.
Ich hatte das weggelacht. Simon Lehmann. Zweiundvierzig, ledig, ein brillanter Kopf, der diese Agentur mit bloßen Händen aufgebaut hatte. Ich war seit vier Monaten hier, zuständig für die Finanzbuchhaltung. Er war mein Chef. Und ich? Ich trug meine Gefühle für diesen Mann mit der gleichen stoischen Ruhe wie eine Aktentasche zum Termin beim Finanzamt. Es war aussichtslos. Dienstliche Beziehungen waren ein Minenfeld. Zumal mir manchmal, wenn ich in seinem Büro Belege vorbeibrachte, aufgefallen war, wie er mitten im Satz stockte und den Blick zu schnell wieder auf den Bildschirm richtete. Ich hatte mir eingeredet, das bedeute nichts.
Doch jetzt, unter seinem forschenden und zugleich ungläubigen Blick, platzte mir der Kragen. Nicht der laute, wütende Kragen. Sondern der stille, erschöpfte.
„Mein Privatleben?", wiederholte ich, meine Stimme leiser, als ich beabsichtigt hatte. „Wollen Sie es sehen, Herr Lehmann? Das Ding, das mein Privatleben auffrisst?"
Bevor er antworten konnte, fingerte ich mein Smartphone aus der Schreibtischschublade. Der Sperrbildschirm war ein Bild, das ich gestern gemacht hatte. Einstein, wie er mit einer einzelnen Pfote in der Spüle hing und einen Klecks Joghurt von meinem Frühstücksteller leckte.
Ich hielt ihm das Handy hin. Simon beugte sich vor. Ein Hauch seines Eau de Toilette – etwas Holziges, Herb – zog an mir vorbei.
„Was ist das?", fragte er irritiert. Die Röte zwischen seinen Brauen war verschwunden.
„Das", sagte ich und stockte kurz, „ist mein neuer Wecker. Sein Name ist Einstein. Ich habe ihn vor drei Wochen aus einer Pappschachtel am Straßenbahnmast gezogen, weil er sonst die Nacht auf dem Asphalt verbracht hätte. Und als Dank dafür reißt er mich jeden Morgen um Viertel vor fünf aus dem Schlaf, weil er der Meinung ist, dass ein leerer Napf die größte Bedrohung der westlichen Zivilisation ist. So sieht es aus, mein viel beschworenes, buntes Privatleben. Eine kleine graue Katze, die mich so lange anmaunzt, bis ich senkrecht im Bett stehe und sie meinen warmen Platz einnehmen kann. Danach trinke ich Kaffee und starre die Wand an, bis ich zur Arbeit muss. Romantischer geht's kaum, finden Sie nicht?"
Es war ruhig genug, dass man die Festplatten der Computer summen hörte. Lukas lugte hinter seinem Monitor hervor wie ein neugieriges Erdmännchen.
Und dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Simon Lehmanns Mundwinkel zuckten, erst kaum merklich, dann breiter, bis ein echtes Grinsen sein ganzes Gesicht einnahm.
„Verstehe", sagte er nur. Drehte sich um und ging in sein Büro zurück.
Ich saß da, das Herz klopfte mir bis zum Hals, und ich war mir nicht sicher, ob ich mich geschämt oder befreit fühlen sollte. Merle schickte mir eine Chatnachricht mit drei Ausrufezeichen.
Fünf Minuten später stand Simon wieder an meinem Platz. In der linken Hand balancierte er eine dampfende Cappuccino-Tasse mit extra viel Milchschaum, so wie ich ihn immer trank. In der rechten Hand lag ein einzelner, in eine Serviette gewickelter Berliner. Nicht irgendein Berliner – ein echter, von der Bäckerei „Kieferle" zwei Straßen weiter, mit dickem Puderzucker.
„Der Kaffee ist aus der neuen Siebträgermaschine im Konferenzraum", sagte er und stellte beides vorsichtig vor mir ab. „Und den Berliner… nun, ich musste ihn Lukas abhandeln. Ich habe versprochen, ihm morgen einen ganzen Korb voll mitzubringen. Er isst die Dinger jeden Tag."
Mir stiegen Tränen in die Augen. Nicht vor Rührung, sondern vor plötzlicher, ungläubiger Heiterkeit. Ich dachte an Merles Imbiss-Dackel und sein Würstchen. Ich dachte an Lukas, der nun maulend mit den Schultern zuckte. Und ich sah Simon an, wie er da stand, in seinem teuren, perfekt sitzenden Anzug, und mir mit einem einfachen Berliner die Worte sagte, die er nicht aussprechen konnte.
„Danke", brachte ich heraus.
Er räusperte sich. „Franka, würdest du mir die Ehre erweisen, heute Abend mit mir…" Er suchte nach dem richtigen Wort, fand es nicht und rettete sich in einen unverfänglichen Vorschlag: „Ich kenne da einen guten Italiener in der Fischerau, direkt an der Dreisam. Nichts Besonderes, aber sie machen die beste Pasta. Und man kann in Ruhe reden. Ohne…" Er warf einen Blick auf Lukas und Merle, die nun beide mit unverhohlener Neugier zuhörten.
„Ohne Publikum?", half ich aus.
„Ja. Genau. Ohne Publikum." Er wirkte auf einmal sehr jung und sehr unsicher. Der erfolgreiche, selbstbewusste Agenturchef war wie weggeblasen. Zurück blieb ein Mann, der fürchtete, einen Korb zu bekommen.
Ich nahm den Berliner und biss hinein. Die süße Konfitüre und der fluffige Hefeteig explodierten auf meiner Zunge. Ich kaute, schluckte und wischte mir mit dem Handrücken den Puderzucker vom Mund.
„Ich muss nur noch schnell zuhause vorbei", sagte ich und sah ihm direkt in die Augen. „Ich muss meinen Wecker stellen und der kleinen Tyrannin erklären, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich mal ein paar Stunden nicht da bin. Gegen halb acht?"
Simon nickte. Seine Schultern sackten sichtlich nach unten, als hätte er die letzten vier Monate die Luft angehalten.
Der Abend im Restaurant verlief völlig anders, als ich es mir jemals vorgestellt hatte. Wir saßen draußen an der Dreisam, die Füße der Gäste am Nebentisch baumelten fast im Wasser, und über den Dächern der Altstadt zeichneten sich die dunklen Umrisse der Schwarzwaldhänge ab. Wir redeten nicht über die Arbeit. Er erzählte von seiner Angst, das aufgebaute Vertrauensverhältnis zu zerstören, wenn er mehr wollte. Er erzählte, dass er gekämpft hatte, dass ihn das Gerede der Kollegen fast um den Verstand gebracht hatte – die Vorstellung, ich hätte jemanden kennengelernt, es wäre zu spät.
„Ich wusste nicht, wie ich den ersten Schritt machen soll, ohne wie ein…", er suchte nach dem Wort.
„…wie ein übergriffiger Chef zu wirken, der seine Position ausnutzt?", beendete ich den Satz.
Er nickte dankbar. „Ich stand jeden Morgen auf und hatte den perfekten Satz im Kopf. Zweimal hab ich sogar an deinem Schreibtisch angesetzt, weißt du. Bin einfach so dagestanden und hab über den Rasenmäher-Etat geredet, obwohl ich eigentlich was ganz anderes sagen wollte. Und sobald ich dich ansah, war der Satz weg. Übrig blieb nur die Angst. Die Angst, dich als Kollegin zu verlieren, weil die Dinge dann seltsam werden könnten. Und dann kam diese Müdigkeit in deinen Augen und Lukas fing an zu reden, und… da wurde mir klar, dass die Angst, dich nie zu fragen und dich komplett zu verlieren, noch viel, viel größer ist."
Ich legte meine Gabel hin. Das leise Glucksen der Dreisam füllte die Pause. Irgendwo weiter unten am Ufer bellte ein Hund, kurz und aufgeregt. Wahrscheinlich Bruno, der Dackel vom Imbiss, auf dem Heimweg mit seinem Herrchen.
„Es könnte schiefgehen", sagte ich leise.
„Ja, könnte es."
„Es könnte das Ende meiner Karriere in Nordstern bedeuten. Und deinen Ruf beschädigen. Uns alle in eine unangenehme Situation bringen, wenn es nicht klappt. Diese Agentur ist dein Baby, Simon. Bist du bereit, das zu riskieren?"
Er griff über den Tisch. Seine Hand war warm und schloss sich um meine. Kein Zögern. „Ich bin kein Mann, der seine Babys aufgibt", sagte er. „Ich kämpfe für das, was ich liebe. Für die Agentur. Und für dich, wenn du mich lässt. Ich habe nur darauf gewartet, dass du auch bereit bist." Er drehte den Stiel seines Weinglases zwischen zwei Fingern, ohne zu trinken. „Das Foto von deinem Kater heute Morgen war dann nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich saß in meinem Büro und dachte: Wenn ich jetzt nicht rausgehe und was sage, dann nie."
Ich antwortete nicht sofort mit Worten. Ich drehte meine Hand unter seiner, bis unsere Finger ineinandergriffen. Die Geste war meine Antwort.
Wir gingen den langen Heimweg durch das nächtliche Freiburg, vorbei an den erleuchteten Bächle, durch die engen Gassen des Martinstors, und seine Hand lag die ganze Zeit über der meinen. Wir sprachen wenig. Es war die Art von Ruhe, die nichts mehr verbergen muss.
Als ich spät in der Nacht nach Hause kam, brannte Licht im Flur. Ich hatte eine kleine Zeitschaltuhr installiert, falls ich mal länger wegblieb. Einstein saß nicht im Bett. Er saß mitten im Raum, die Pfoten säuberlich nebeneinander gestellt, und sah mich vorwurfsvoll an. Ich hatte die abendliche Dosenöffnung um exakt zwei Stunden und siebzehn Minuten überzogen.
„Tut mir leid, Professor", murmelte ich und öffnete eine Dose mit Hühnchen in Gelee. „Es gab da eine dringende Sitzungskrise. Ohne dich wäre das nie passiert."
Ich setzte mich auf den abgewetzten Dielenboden und kraulte ihn hinter den Ohren, während er schmatzte. „Du hast ja keine Ahnung, was du heute Morgen angerichtet hast, du kleiner, grauer Teufel", sagte ich leise. „Du hast die gesamte Belegschaft unnötig in Aufruhr versetzt. Und mir den besten Abend meines Lebens beschert. Wie soll man daraus schlau werden?"
Einstein antwortete nicht. Er leckte sich die Schnurrhaare und sprang aufs Bett, um sich, seine unmissverständliche Angewohnheit, quer über mein Kopfkissen zu legen. Ich machte mich bettfertig, schob den schnurrenden Körper ein Stück zur Seite und kuschelte mich unter die schwere Daunendecke.
Als ich die Augen schloss, sah ich nicht mehr die Exceltabellen und Saldenlisten des nächsten Tages. Ich sah Simons Gesicht, wie es sich erst angestrengt, dann ungläubig und schließlich erleichtert verändert hatte. Und ich hörte seine Worte am Fluss.
Am nächsten Morgen war es seltsam ruhig. Die Sonne schien durch die weißen Leinenvorhänge. Ich blinzelte auf den Wecker. Er zeigte kurz nach sieben.
Einstein lag nicht mehr auf meinem Kissen. Er kauerte auf der Fensterbank und beobachtete eine Taube, die auf dem gegenüberliegenden Dachfirst saß. Sein Schwanz zuckte, einmal, dann still.
Und während ich ihn ansah, spürte ich, wie das Vibrieren meines Smartphones auf dem Nachttisch eine neue Nachricht ankündigte. Absender: Simon. Kein Text. Nur ein einziges Emoji. Ein Berliner.







