Jan Becker schob die Maus zur Seite, richtete die Papiere auf seinem Schreibtisch exakt parallel zur Tischkante aus und griff nach seinem Mantel. Es war 17:25 Uhr, jeden Abend dasselbe Ritual. Die junge Finanzchefin Anika Meier stand in der Tür ihres gläsernen Eckbüros und sah ihm zu, wie er den letzten Bericht speicherte, den Stift in die obere Schublade legte und den Rechner herunterfuhr. Punkt 17:30 war er verschwunden. Egal, ob ein Großkunde eine Präsentation in den Feierabend verschoben hatte, ob der Aufsichtsrat noch auf letzte Zahlen wartete oder ob alle anderen im Großraumbüro demonstrativ Überstunden schoben, als wäre Müdigkeit ein Beweis für Ehrgeiz. Jan ging.
Sechs Monate lang hatte Anika sich eingeredet, es gehe sie nichts an. Sie war mit einunddreißig die jüngste CFO, die die Bremer Vermögensverwaltung *Weber & Cordes* je gesehen hatte, und sie überlebte, indem sie Zahlen vertraute. Zahlen redeten nicht hinter ihrem Rücken über Vetternwirtschaft. Im ersten Monat hatte sie die Personalakte von Jan Becker überflogen: vier Jahre tadellose Leistung, null Fehlerquoten, Kundenzufriedenheit in den obersten drei Prozent. Dreimal hatte man ihm eine Führungsposition angeboten, dreimal hatte er abgelehnt. Als sie ihn zu sich rief und fragte, warum, hatte er gesagt: »Weil die Position Abendtermine verlangt. Ich muss um halb sechs los.«
Anika hatte ihn für einen Eigenbrötler gehalten, der seine Bequemlichkeit als Philosophie tarnte. Doch an diesem Freitagabend, nach einer Vertragsverhandlung, die beinahe geplatzt wäre und die Jan mit drei trockenen Sätzen gerettet hatte, und obwohl er trotzdem um fünf vor halb den Stift hinlegte, platzte ihr der Kragen. »Warum hast du keine Dates?«
Jan hielt inne, die Hand schon an der Türklinke. Draußen zog jemand die Jalousie hoch, das letzte Tageslicht fiel auf die feinen Fältchen neben seinen Augen. Anika verschränkte die Arme. »Vier Jahre, Jan. Kein einziges Firmenessen, keine Weihnachtsfeier, keine privaten Telefonate. Jeder hier redet. Du willst keine Karriere, du willst keine Abende – was verbirgst du?«
Er drehte sich um. Seine grauen Augen waren nicht wütend, nur so müde, dass Anika sofort bereute, gefragt zu haben. »Willst du es wirklich wissen?«
Sie nickte.
»Meine Frau liegt im Koma. Seit vier Jahren.«
Anikas Kehle schnürte sich zu. »Ein Autounfall«, fuhr Jan fort. »Betrunkener Fahrer, am helllichten Tag. Maria hat überlebt, aber sie ist nie wieder aufgewacht. Die Ärzte nennen es einen persistierenden vegetativen Zustand. Ihre Eltern haben längst eine Trauerfeier abgehalten. Alle sagen mir, ich soll sie loslassen.« Er stockte. »Aber wisst du, was ich jeden Abend denke? Sie hätte auch auf mich gewartet. Also warte ich auf sie.«
Anika stand da, die Klinke ihrer eigenen Tür umklammernd. Sie rechnete im Kopf nach, wie sie es bei jeder Bilanz tat – vier Jahre, das kam hin, das Datum im Unfallbericht, den sie später einmal sehen würde, würde es bestätigen. Sie sagte nichts von alledem. Das war keine Geschichte von Faulheit oder mangelndem Ehrgeiz.
Sie ließ ihn gehen. Als die Tür ins Schloss fiel, setzte sie sich an ihren Schreibtisch und starrte auf den Bildschirm, ohne die Zahlen zu lesen, die dort standen. In ihrem Kopf hing der Satz: *Sie hätte auch auf mich gewartet.* Sie war einunddreißig und hatte noch nie jemanden so sehr geliebt, dass sie bereit gewesen wäre, ihr Leben an einem Krankenhausbett zu parken. Jan tat es jeden Tag.
Am Montag darauf rief sie die Leiterin der Personalabteilung an, unter dem Vorwand, eine Notfalladresse für die Akte zu brauchen. Keine zehn Minuten später hatte sie die Adresse: *St. Marien Langzeitpflege*, ein flacher Backsteinbau am Rande des Bürgerparks, bekannt für seine Abteilung für schwerste Schädel-Hirn-Traumata. Anika beendete die Mittagspause vierzig Minuten früher und fuhr hin.
Der Geruch von Desinfektionsmittel und lauwarmem Pfefferminztee hing in den Gängen. Vor Zimmer 218 blieb sie stehen. Durch die Glasscheibe sah sie Jan. Er saß auf einem Besucherstuhl, den linken Arm um einen Stapel Kinderbücher gelegt, mit der rechten Hand hielt er die reglosen Finger einer Frau, die unter einer blassblauen Decke lag. An der Wand neben dem Bett hingen ein paar bunte Kinderzeichnungen, mit Wachsmalstift hingekrakelt, alle mit derselben ungelenken Unterschrift: *Für Mama, von Emilia*.
Anika kannte Emilia von einem Nachmittag, an dem die Kita bestreikt worden war und Jan sie mit ins Büro gebracht hatte, ein winziges Ding von vier Jahren, das mit Filzstiften auf der Rückseite eines Quartalsberichts gemalt hatte. Drei Strichmännchen vor einem Haus mit rotem Dach. »Das ist Papa, das bin ich, und das ist meine Mama. Sie schläft im Krankenhaus. Papa geht jeden Tag zu ihr, auch wenn er müde ist.«
Jetzt, hinter der Scheibe, sah Anika, dass es kein einmaliges Ritual war. Auf dem Nachttisch lag ein aufgeschlagenes, zerlesenes Taschenbuch, die Seiten an den Rändern weich wie Stoff. Jan hielt es mit einer Hand, während er las, den Zeigefinger unter der Zeile, so wie man einem Kind das Lesen zeigt, nur dass hier niemand mitlas. Er hatte, das würde sie später von ihm erfahren, mit dem Buch am Krankenbett neu angefangen, in der ersten Woche nach dem Unfall, weil er es nicht über sich brachte, es allein zu Ende zu lesen.
Sie wollte klopfen, eintreten, irgendetwas sagen. Aber was sagte man einem Mann, der seine Beförderung, seine Abende, jede Chance auf ein zweites Glück dafür opferte, dass die Frau, die er liebte, nicht allein im Zimmer 218 lag? Sie ging ungesehen zurück zum Fahrstuhl.
In der Firma änderte sich nichts – und doch etwas. Anika verkürzte Besprechungen um eine Viertelstunde. Sie strich sämtliche Abendtermine aus Jans Kalender, ohne ihn zu fragen. Als ein Bereichsleiter sich beschwerte, sagte sie nur: »Seine Arbeit ist fertig. Seine private Zeit gehört ihm.« Jan bemerkte es und stellte sie zwei Wochen später in der Kaffeeküche zur Rede. »Du musst mich nicht dauernd schonen.«
»Ich fange langsam an zu verstehen, dass Menschen mehr als einer Sache verpflichtet sein können«, antwortete sie und goss Filterkaffee aus der Bürokanne in zwei Becher. Sie schob ihm den mit dem Sprung im Henkel hin. »Milch?«
»Nur einen Spritzer.«
Er sah sie an, ohne zu korrigieren, ohne einen guten Rat parat zu haben. »Du machst dir das nicht leicht, das Erbe deines Vaters anzutreten, oder?«
Anika lachte kurz auf. »Es ist die Hölle. Zwei Vorstände, die mich noch als das Mädchen von der Weihnachtsfeier 2011 kennen.«
»Ich weiß«, sagte er nur, und irgendwie reichte das.
Die Wochen vergingen. Emilias achte Geburtstagsfeier fand im Garten der Klinik statt, weil Maria dort in der Sonne liegen konnte, auch wenn ihre Augen geschlossen blieben. Anika, die eigentlich nur einen Strauß Tulpen vorbeibringen wollte, blieb auf einen Becher Kakao, hielt einen Luftballon fest, der sich immer wieder losreißen wollte, und sah zu, wie Jan die Kerzen ausblies, die Emilia für Mama und Papa mitgebracht hatte. Auf dem Blechkuchen aus dem Supermarkt stand in krummer Zuckerschrift: *Wir warten. In Liebe.*
Ein halbes Jahr später, an einem verregneten Dienstag, klingelte Anikas Telefon, während sie Quartalszahlen prüfte. Emilia war dran, ihre Stimme dünn und viel zu geordnet für ein achtjähriges Kind. »Frau Meier? Papa sagt, Sie sind jetzt seine Freundin. Können Sie ins St. Marien kommen? Mama … die Ärzte sagen, es ist vielleicht bald vorbei.«
Anika ließ den Bericht auf dem Bildschirm offen, schnappte sich nicht mal die Jacke und fuhr los. Sie fand Jan auf dem Gang vor Zimmer 218, die Stirn gegen die kalte Wand gepresst. Neben ihm stand ein Arzt und sagte Sätze wie »Die Organe versagen nach und nach« und »Wir können nichts mehr tun«. Jan reagierte nicht. Als Anika seine Hand nahm, zuckte er zusammen, als hätte man ihn aus dem Schlaf gerissen.
»Sie dürfen jetzt rein«, sagte der Arzt.
Jan ging als Erster. Er setzte sich auf den Stuhl, nahm Marias Hand und schlug das Buch auf, genau an der Stelle, an der sie vor ein paar Wochen stehengeblieben waren, ein Eselsohr markierte die Seite. Seine Lippen bewegten sich, aber es kam fast kein Ton heraus. Anika blieb an der Tür stehen, Emilias kalte Finger in ihrer Linken. Das Mädchen sagte kein Wort, presste nur die andere Hand gegen den Türrahmen.
Es war kurz nach 17:30 Uhr, als sich Marias Atem veränderte. Einmal, zweimal, dann ein letztes, kaum merkliches Heben der Brust. Jan las weiter, bis der Satz zu Ende war. Dann klappte er das Buch zu, beugte sich vor und küsste Marias Stirn. »Du hast auf mich gewartet«, sagte er, die Stimme belegt. »Jetzt geh ich mit dir bis zum Ende der Seite. Danach … lese ich den Rest für Emilia und mich. Aber heute Abend bin ich noch bei dir.«
An der Tür drehte sich Emilia noch einmal um. »Tschüss, Mama. Wir kommen morgen wieder. Papa und ich lesen dann ein neues Buch. Aber das hier gehört euch beiden.« Sie legte eine Zeichnung, drei Strichmännchen mit Flügeln, auf die Bettdecke.
In der Woche nach der Beerdigung kam Jan zum ersten Mal in vier Jahren zu spät zur Arbeit, zwanzig nach neun statt neun. Er entschuldigte sich nicht. Anika sagte nichts dazu, stellte ihm nur einen Becher Kaffee auf den Schreibtisch, diesmal schwarz mit einem Schuss Zimt. Dann setzte sie sich auf den Besucherstuhl vor seinem Rechner und schob ihm ein kleines, in braunes Packpapier gewickeltes Päckchen hin.
»Was ist das?«
»Kein Dankeschön für die Zahlen. Mach's einfach auf.«
Jan riss das Papier auf. Eine silberne Damenuhr, schlicht, mit einem dünnen Lederarmband. Auf der Rückseite des Zifferblatts war eine winzige Gravur eingelassen: *Zimmer 218 – 17:30.*
Jan drehte die Uhr zwischen den Fingern, wieder und wieder, prüfte den Verschluss, als müsste er sich vergewissern, dass sie echt war. Dann legte er sie auf den Schreibtisch, genau zwischen sich und Anika, und ließ sie erst mal dort liegen.
Ein paar Monate später trafen sie sich zufällig am Bremer Hauptbahnhof, auf Gleis 7. Anika wollte zu einer Konferenz nach Hamburg, Jan war mit Emilia verabredet, um am Werdersee einen Drachen steigen zu lassen. Emilia rannte voraus, den selbstgebauten Drachen unterm Arm, die Schnur schon halb verheddert, und rief: »Papa, guck mal, der Wind ist perfekt!«
Jan grinste Anika an. »Weißt du, was sie neulich gefragt hat? Ob man auch mehr als eine wichtige Person haben kann, auf die man wartet.«
Anika lachte. »Und was hast du geantwortet?«
»Dass ich's mir noch überlege.« Er zuckte mit den Schultern, schob die Hände in die Manteltaschen. »Sie fand die Antwort ziemlich schwach.«
Die Durchsage krächzte, der ICE nach Hamburg fuhr ein. Anika hielt ihm kurz den Handrücken hin, eher ein Antippen als eine Umarmung. »Grüß Emilia von mir. Und pass auf, dass der Drachen nicht in der Weser landet.«
»Kommt drauf an, wie gut der Wind heute ist«, sagte Jan und sah ihr nach, bis sie im Zug verschwunden war.







