Der Dackel hockte unter der Parkbank am Kanal, die Nase im feuchten Laub, und versuchte zu vergessen, dass er seit gestern nichts gefressen hatte. Der Herbst in Bamberg war eine einzige nasse Enttäuschung. Das Wasser stieg, die Touristen blieben aus, und der große, fette Marder am Müllcontainer hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass die Fischgräten vom Markt ab sofort Hoheitsgebiet waren. Kurts Magen knurrte leise.
„Na, Kleiner?“
Kurt zuckte zusammen. Über ihm stand ein alter Mann in einem viel zu dünnen Regenmantel, die Hand in einer raschelnden Tüte. Kurt sah zu ihm auf – und erstarrte. Der Mann war da, zweifellos. Er trug eine randlose Brille, hatte sorgsam gescheiteltes Silberhaar und hielt eine halbe Bockwurst zwischen den Fingern. Aber durch seine Hand hindurch sah Kurt das Kopfsteinpflaster des Kaiviertels, als hätte jemand vergessen, das Bild fertig zu malen. Ein verwischter Aquarellfleck, wo ein Mensch sein sollte.
„Hier, hab ich vom Metzger Gerber übrig. Echte Bamberger, kein Fabrikzeug.“ Die Stimme klang dünn, wie durch eine schlechte Telefonleitung.
Kurt nahm die Wurst vorsichtig entgegen. Sie schmeckte nach Rauch und Majoran. Der Mann lächelte müde. „Ich bin der Herr Geiger. Na ja, war ich mal. Jetzt… jetzt weiß ich nicht so recht, was ich bin. Kommst du morgen wieder?“
Kurt kaute, schluckte und miaute nicht – er kläffte ein einziges, feststellendes „Wuff.“ Das galt als Ja.
Herr Geiger nickte und ging davon, hinein in eine schmale Gasse, ohne auf die Pfützen zu achten. Sein linker Fuß hinterließ keinen Abdruck im Wasser. Kurt sah ihm nach, die halbe Wurst im Fang, und beschloss, dass er sofort zum Philosophen musste.
Der Philosoph war eine fette, schwarz-weiße Katze, die auf dem Dachboden eines alten Fachwerkhauses am Zinkenwörth hauste. Keiner wusste, wem sie gehörte, und sie gab auch keine Auskunft. Sie hieß Frau Immergrün, weil sie einmal im Februar aus einem Blumenkasten voller Efeu geschaut hatte, und der Name war kleben geblieben. Frau Immergrün sprach nicht viel. Wenn sie es tat, dann in Rätseln, die alle wütend machten. Aber sie wusste Dinge. Dinge, die kein Tier in Bamberg wissen konnte: wann der Bäcker die altbackenen Brötchen rausstellte, welcher Schwan am Kanal aggressiv war, und warum manche Menschen sich auflösten wie Morgennebel über der Regnitz, wenn die Sonne kam.
„Frau Immergrün?“
Die Katze öffnete ein Auge. Es war bernsteinfarben und völlig teilnahmslos.
„Da ist ein Mann. Guter Mann, Wurstmann. Aber er ist… er verschwindet. Man sieht die Steine durch ihn durch. Was hat er?“
Frau Immergrün gähnte, und ihr Atem roch nach Fisch. „Ihn hat keiner. Das hat er.“ Sie leckte sich eine Pfote. „Kennst du das Wort ‚überflüssig‘, Dackel?“
Kurt kannte es. Er war selbst einmal überflüssig gewesen, nachdem die alte Dame in der Oberen Sandstraße gestorben war und die Erben ihn einfach vor die Tür gesetzt hatten.
„Das ist eine Seuche“, fuhr Frau Immergrün fort. „Befällt nur Menschen. Kein Tier würde auf die Idee kommen. Der Mann ist allein, nicht wahr? Keine Alte, keine Brut, kein Tier. Keiner, der ihn anstupst, wenn er nachts wach liegt. Am Ende wird er Luft. Das ist der Lauf der Dinge.“ Sie musterte ihn. „Du hast die Wurst genommen. Jetzt bist du was schuldig. Wie wirst du zahlen?“
Kurt dachte an den durchsichtigen Handrücken, an die fußabdrucklose Pfütze. „Ein Mensch braucht eine Herde. Ich bin zwar keine Herde, aber ein Anfang. Ich könnte bei ihm einziehen. Wärmen, bewachen, Stöckchen bringen. Halt so, wie man das macht. Meinst du, das reicht?“
Die Katze schnurrte plötzlich, tief und zufrieden. „Manchmal ist ein Dackel mehr wert als eine ganze Herde. Aber das sag ich nicht laut. Verzieh dich jetzt. Und lass mich mit deinen sentimentalen Geschichten in Ruhe. Ich hab noch ein Date mit dem Kater vom Domplatz um drei.“ Sie schloss das bernsteinfarbene Auge wieder.
Am nächsten Tag wartete Kurt an derselben Bank. Der Regen hatte nachgelassen, und die Welt war ein einziges, trübes Grau. Herr Geiger erschien pünktlich, mit einer neuen Tüte und einem neuen, blasseren Gesicht. Heute konnte man fast sein Schlüsselbein durch den Kragen sehen.
„Du bist ja da“, flüsterte er, und in seiner Stimme schwang etwas, das Kurt nicht kannte. Ein winziges Beben. „Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Magst du Leberkäse? Wenigstens der ist noch echt. Nicht so wie ich, was?“
Kurt bellte nicht. Er streckte die Schnauze vor und berührte sacht die Hand des Mannes. Die Hand war kühl, aber fest. Wenigstens noch das. Dann sprang er, ohne große Vorwarnung, gegen Herrn Geigers Schienbein, rutschte ab, kläffte kurz und rannte drei Schritte in Richtung Gasse, blieb stehen, wedelte.
Herr Geiger sah ihn an. Seine randlose Brille war von feinen Regentropfen übersät. „Soll ich etwa mitkommen?“
Kurt wedelte heftiger.
„In die Werkstatt? Ich hab da nichts zu… ich meine, da ist es kalt. Die Uhr über dem Tresen geht seit vier Jahren falsch, und ich hab sie nie repariert, weil… weil ja doch keiner kommt. Warum sollte ich…“
Kurt jaulte kurz. Ein kleiner, hoffnungslos verzweifelter Laut.
Herr Geiger schluckte. „Gut. Also gut. Wenn du meinst, das bringt was. Aber beschwer dich nicht, wenn’s dich enttäuscht. Das tut es nämlich immer. Immer, hörst du?“
Die Uhrmacherwerkstatt Geiger war ein schmaler Raum in der Siechenstraße, eingeklemmt zwischen einem Dönerladen und einem verstaubten Buchantiquariat. Das Schaufenster war blind, die Messingschilder angelaufen. Herr Geiger schloss auf, und drinnen roch es nach Messingpolitur, Staub und der leisen Traurigkeit von tausend vergessenen Stunden.
Kurt schoss hinein, als wäre er hier geboren. Er sprang auf den abgewetzten Ledersessel hinter dem Tresen, drehte sich dreimal um die eigene Achse und blieb sitzen, die Pfoten über die Kante gelegt, den Blick fest auf den alten Mann gerichtet.
„Ich wohne hier nicht. Das ist ein Geschäft, kein Zuhause. Das verstehst du nicht. Das Zuhause ist oben, die Wendeltreppe rauf. Zwei Zimmer, eine Kochnische. Aber da war ich seit… ich weiß nicht mehr. Vielleicht seit Weihnachten. Das Essen kommt vom Lieferservice, und die Rechnungen bezahle ich. Da ist alles, was ich brauche. Da brauche ich niemanden.“
Kurt legte den Kopf schief. Dann tat er etwas sehr Undackelhaftes. Er gähnte demonstrativ, ließ sich vom Sessel fallen, trabte zur Tür, die ins Treppenhaus führte, und kratzte einmal, kurz, am Holz.
Herr Geiger stand reglos da, wie eine seiner vergessenen Uhren, deren Pendel stillsteht. Dann zog er den Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Tür und stieg die enge, knarrende Wendeltreppe hinauf. Kurt folgte ihm.
Oben, in den zwei Zimmern mit der Kochnische, war die Luft so alt und verbraucht, dass Kurt niesen musste. Das Oberlicht war von einer dicken Schicht Taubendreck halb zugesetzt. Aber da war ein Sofa. Grün, mit Blümchenmuster, vor dem ein ovaler Flickenteppich lag, auf dem die Nachmittagssonne einen warmen Flecken malte. Kurt stieg auf den Flecken, seufzte aus tiefstem Dackelherzen und rollte sich zusammen.
Herr Geiger sah auf seinen Bauch, der sich langsam hob und senkte. Er sah auf seine eigenen Hände. Und obwohl er keine große Veränderung bemerkte, kam es ihm vor, als würde das Licht im Raum eine Nuance mehr Farbe bekommen. Oder vielleicht waren es nur die Dackelhaare auf seinen Hosenbeinen, die auf einmal so real waren.
In den nächsten Wochen änderte sich vieles. Das Oberlicht wurde geputzt – eine Nachbarin namens Frau Dr. Schöller, Bibliothekarin im Ruhestand, die Herrn Geigers Gerumpel auf der Treppe gehört und sich prompt eine Leiter und einen Eimer ausgeliehen hatte, denn: „Wenn man schon einen Hund hat, muss man auch für Luft sorgen, Herr Geiger!“ Sie brachte am nächsten Tag einen selbstgebackenen Rhabarberkuchen vorbei und ein antiquarisches Buch über die Zucht von Dachshunden. Kurt wedelte so heftig, dass eine Tasse vom Tresen fiel.
Das Schaufenster wurde dekoriert. Nicht von Herrn Geiger selbst, sondern von den Kindern des Dönerbudenbesitzers, die ein Mobile aus alten Zahnrädern und Dackelsilhouetten für das Fenster bastelten. „Der Hund ist jetzt hier der Chef“, erklärte die achtjährige Elif ernst, „und ein Chef braucht ein schönes Büro. Hat meine Mama gesagt.“ Herr Geiger stellte eine Tüte gebrannte Mandeln ins Fenster als Dank. Die leuchteten wie kleine, braune Schätze in der trüben Sonne.
Die Uhr über dem Tresen wurde repariert. Nicht an einem bestimmten Tag, sondern ganz allmählich, Abend für Abend, während Kurt auf dem Sessel schnarchte und die Geräusche von feinstem Werkzeug erfüllten den Raum. Herr Geiger stellte fest, dass das Ticken ein Geräusch war, das er vermisst hatte. Ein zweites, kleines Herz im Raum.
Eines Abends, als bereits die Narzissen vor dem Haus in voller Blüte standen, saß die schwarz-weiße Katze Frau Immergrün auf dem Fenstersims und putzte sich genüsslich die Flanke. Herr Geiger saß auf dem grünen Sofa, neben ihm schnarchte Kurt, und in seiner Hand lag ein altes Fotoalbum. Er blätterte nicht darin, er hielt es nur. Aber er lächelte, und seine Hand war von einem ganz gewöhnlichen, soliden Fleisch, durch das keine Dachpfannen und kein Abendhimmel mehr durchschimmerten.
Kurt öffnete ein Auge und sah durch die Scheibe direkt in Frau Immergrüns bernsteinfarbenen Blick. Sie zwinkerte einmal. Dann sprang sie vom Sims und verschwand in der blauen Dämmerung über den Dächern des Zinkenwörth.
„Weißt du, Kurt“, sagte Herr Geiger in die Stille, „morgen kommt die Frau Dr. Schöller zum Tee. Sie hat gefragt, ob ich ihr die Uhr ihrer Mutter reparieren kann. Und die Elif bringt ihren Vater mit, er will mir zeigen, wie man Lahmacun macht. Ich hab gesagt, ich hab noch nie einen Hahn im Topf gehabt, aber er meinte, das lernt man. Und übermorgen…“ Er stockte.
Kurt hob den Kopf und legte ihn schwer auf Herrn Geigers Knie.
„Übermorgen“, flüsterte der Uhrmacher, „gehe ich zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder über die Sandkerwa. Vielleicht kaufe ich mir einen Zwetschgenkuchen. Ich glaube, ich habe vergessen, wie die schmecken. Ist das nicht dumm?“
Kurt seufzte und ließ einen fahren. Herr Geiger lachte, ein brüchiges, rostiges Geräusch, das er selbst kaum noch kannte. Und in der stillen, von neuem Ticken erfüllten Uhrmacherstube stieg der scharfe Geruch von Dackelblähung auf, vermischt mit dem Duft von Messingöl und dem Versprechen von Pflaumenkuchen. Es war der lebendigste Geruch der Welt.







