Im Lager der Bäckerei roch es nach Mehlstaub und dem süßlichen Aroma von überreifen Äpfeln, die jemand in einer Ecke vergessen hatte. Das Neonlicht über dem Edelstahltisch flackerte, seit Monaten hatte sich niemand darum gekümmert. Draußen vor dem Fenster zogen die Lichter der letzten Straßenbahn vorbei, die um Viertel vor elf von Mülheim nach Essen ratterte. Gleich würde der Fahrer am Betriebshof Feierabend machen. Gleich würde auch sie endlich Feierabend machen können.
Im Laden vorne klappte die Tür.
Schritte. Keine Kundenschritte – dafür war es zu spät. Eher das zögernde Tapsen von jemandem, der nicht wusste, ob er willkommen war.
Korinna wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging nach vorne. Zwischen den Körben mit dem gestrigen Brot stand Sabine. Jung, höchstens vierundzwanzig, die neue Aushilfe aus der Filiale am Rathausmarkt. Ihre Haare klebten ihr an den Schläfen, die Wimperntusche war verschmiert. In der Hand hielt sie einen Autoschlüssel mit einem kleinen Mercedes-Anhänger.
»Frau Hartmann«, sagte Sabine. Ihre Stimme klang brüchig wie das Papier unter den Croissants. »Sie müssen ihn zurücknehmen. Bitte. Ich kann das nicht mehr.«
Korinna lehnte sich an den Tresen. Von draußen hörte man das ferne Quietschen der Straßenbahn in der Kurve.
»Kevin ist seit vier Tagen nicht mehr zur Arbeit gegangen«, sagte Sabine und legte den Schlüssel auf den Tresen, als wäre er ein Beweisstück. »Er sitzt in meiner Wohnung und trinkt. Gestern hat er den Fernseher aus dem Fenster geworfen. Die Nachbarn haben die Polizei gerufen. Ich habe Angst vor ihm, Frau Hartmann. Der Mann ist krank. Den will ich nicht mehr.«
Korinna betrachtete den Schlüssel. Drei Zacken an einem abgewetzten Lederanhänger. Das Ding hatte sie ihm vor zwölf Jahren zum Hochzeitstag geschenkt, damals, als Kevin seinen Mercedes noch gehegt und gepflegt hatte wie ein Familienmitglied. Jetzt lag er da auf dem Tresen zwischen Mohnbrötchen und einem halb leeren Glas Johannisbeermarmelade.
»Und der Wagen?«, fragte Korinna.
»Steht vor meinem Haus. Holen Sie ihn ab. Holen Sie ihn beide ab.«
Korinna drehte den Schlüssel um. Irgendwo im Hinterzimmer summte der alte Kühlschrank.
Vor vier Monaten hatte sie zum ersten Mal bemerkt, dass Kevin abends nach der Werkstatt nicht mehr nach Hause kam. Er rief an, sagte, er müsse noch einen Kunden nach Duisburg bringen oder einen Ersatzteil abholen, der nur in Oberhausen zu kriegen sei. Seine Arbeitshemden rochen nicht mehr nach Motorenöl, sondern nach einem blumigen Deo, das Korinna noch nie im Badezimmer gesehen hatte. Und dann diese Stille beim Abendessen. Achtzehn Jahre hatten sie zusammen diese Bäckerei aufgebaut: sie am Ofen, er auf dem Fahrersitz des Lieferwagens, morgens um vier die Brötchen an die Hotels im Ruhrgebiet ausgefahren. Achtzehn Jahre, ein Haus in Mülheim-Saarn, ein Sohn, der im September bei Mercedes in Düsseldorf seine Ausbildung zum Mechatroniker anfangen sollte.
Und dann Sabine. Die Neue aus der Filiale.
»Setzen Sie sich«, sagte Korinna und zeigte auf einen der Bistrostühle. Sabine blieb stehen.
An dem Abend, als alles aufflog, hatte es geregnet. Korinna erinnerte sich genau: die Scheibenwischer ihres Polo hatten diesen quietschenden Ton gemacht, den sie seit Wochen reparieren lassen wollte. Sie war früher aus der Backstube gekommen und an Kevins Werkstatt vorbeigefahren, einfach so, ohne bestimmten Grund. Sein Wagen stand auf dem Hof, aber die Rolltore waren zu. Daneben Sabines roter Fiat 500, das Cabrio, das sie sich von ihrem ersten Gehalt gekauft hatte.
Die alte Frau Kowalski von gegenüber hatte es ihr eine Woche vorher schon gesagt, als Korinna ihr das Dreikornbrot über die Theke schob: »Ihr Mann, Frau Hartmann, der steht jeden Abend mit der Kleinen an der Trinkhalle am Hans-Böckler-Platz. Ich dachte, Sie wissen das.«
Korinna hatte genickt und das Brot eingepackt. Das Papier war unter ihren Fingern gerissen.
Zu Hause hatte sie den Jungen am Küchentisch sitzen sehen. Leon, siebzehn, die Kopfhörer um den Hals, vor sich den Laptop mit den Bewerbungsunterlagen für Düsseldorf. Er suchte gerade nach einem WG-Zimmer, hatte sich eine Liste gemacht mit Mietpreisen und Stadtteilen. Ohne Papa, hatte er gesagt, wird das mit dem Geld aber knapp.
Ohne Papa.
Korinna hatte die ganzen Monate nichts gesagt. Kein Wort. Sie stand um drei Uhr morgens auf, fuhr zur Backstube, schob die Bleche mit den Sauerteigbroten in den Ofen und fragte sich, wie lange sie dieses Leben noch durchhalten würde. Aber ein Streit jetzt, ein Rauswurf jetzt – das hieße: keine Unterhaltszahlung für Leon. Das hieße: kein Geld für die Wohnung in Düsseldorf, kein Geld für das Deutschlandticket, das der Junge für den Weg zur Berufsschule brauchte. Kevin verdiente gut in seiner Werkstatt. Mit den Einnahmen aus der Bäckerei allein würde sie die Ausbildung ihres Sohnes nicht stemmen können.
Also wartete sie.
An einem Dienstag im Juli kam Kevin nach Hause. Es war noch hell draußen, kurz vor sieben, und er kam durch die Haustür, ohne sich die Schuhe abzutreten. Auf den hellen Fliesen im Flur blieben dunkle Abdrücke von Reifenabrieb und Straßenschmutz. Zehn Jahre lang hatte Korinna ihn jeden verdammten Tag gebeten, die Schuhe auszuziehen. Jetzt stand er da, in seinen dreckigen Adidas, mitten auf ihrem sauberen Boden, und sagte: »Ich pack meine Sachen. Ich zieh zu Sabine.«
Korinna legte den Teigschaber hin, mit dem sie gerade die Reste vom Streuselkuchen von der Arbeitsplatte gekratzt hatte. Langsam, ganz langsam, drehte sie sich um.
»Und das Haus?«
»Das Haus gehört dir und Leon. Ich will da nichts von. Aber die Werkstatt, die gehört mir. Und den Mercedes.« Er zog die Autoschlüssel aus der Hosentasche, denselben Schlüssel mit dem abgewetzten Lederanhänger. »Und das Sparkonto löse ich auf. Ist mein Geld, hab ich zwölf Jahre rangeklotzt für.«
In der Tür zum Wohnzimmer stand Leon. Er hatte die Kopfhörer abgenommen und hielt sie in der Hand, das Kabel baumelte herunter.
»Das Sparkonto ist für meine Ausbildung, Papa«, sagte der Junge. Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig.
»Dann such dir halt einen Nebenjob«, sagte Kevin, ohne den Sohn anzusehen. »Bei Mercedes verdienen die Azubis doch auch was. Und jetzt stell dich nicht so an. Das sind keine achthundert Euro im Monat, die du brauchst. Das sind fast dreißigtausend, die da auf dem Konto liegen. Ich lass mir doch mein eigenes Geld nicht wegnehmen.«
Leon antwortete nicht. Er drehte sich um, ging in sein Zimmer und schloss die Tür. Von innen hörte man kein einziges Geräusch.
Kevin zog noch am selben Abend aus. Zwei große Koffer, eine Sporttasche, der alte Werkzeugkasten, den er von seinem Vater geerbt hatte. Er warf alles in den Kofferraum des Mercedes und fuhr davon, ohne noch einmal zurückzuschauen.
Sabine stand noch immer am Tresen und wischte sich mit dem Ärmel über die verschmierte Wimperntusche. Sie sah jetzt nicht mehr jung aus, nur noch müde.
»Er ist anders, wenn er getrunken hat«, sagte sie leise. »Er schreit mich an, er schmeißt Sachen durch die Gegend. Gestern Nacht hat er mir gesagt, er bringt mich um, wenn ich ihn rausschmeiße. Die Werkstatt hat er seit einer Woche nicht mehr aufgemacht. Die Kunden rufen bei mir an, stellen mir Fragen. Ich hab doch keine Ahnung von Autos. Ich kann das nicht. Sie sind seine Frau. Sie wissen, wie man mit ihm umgeht.«
Korinna griff nach der Kaffeekanne, goss sich eine Tasse ein und nahm einen Schluck, bevor sie antwortete. Kalt. Der Kaffee war seit Stunden kalt, aber sie trank ihn trotzdem. Sie spürte, wie die Bitterkeit in ihrem Hals kratzte.
»Wissen Sie, Sabine, Kevin hatte das schon dreimal. In den zwölf Jahren, die wir verheiratet waren. Alle drei, vier Jahre kriegt er so einen Schub. Dann verschwindet er in den Alkohol, als würde er ertrinken wollen. Ich bin dann morgens um vier in die Werkstatt gefahren, hab den Leuten Bescheid gesagt, dass er krank ist. Ich hab die Kunden vertröstet, die Rechnungen geschrieben, den Laden am Laufen gehalten, während er im Keller saß und die Wand angestarrt hat. Zwei, drei Wochen jedes Mal. Und dann kam er wieder hoch, duschte sich, zog ein frisches Hemd an und tat so, als wäre nichts gewesen.«
Sabine starrte sie an.
»Wussten Sie das etwa nicht?«, fragte Korinna. Ihre Stimme klang jetzt müde, aber nicht verbittert. Eher sachlich, wie eine Ärztin, die eine Diagnose stellte. »Kevin ist krank. Ich hab ihn zwölf Jahre lang durch diese Phasen geschleppt. Jetzt sind Sie dran.«
Sabine schüttelte den Kopf. Tränen liefen ihr übers Gesicht, aber Korinna sah keinen einzigen Funken Mitleid in sich. Sie dachte an Leon, der jetzt in Düsseldorf in einem kleinen Zimmer unterm Dach wohnte und jeden Monat penibel seine Ausgaben in eine Excel-Tabelle eintrug. Sie dachte an die Stille im Haus, die sie in den ersten Wochen nach Kevins Auszug nicht ertragen hatte und die ihr jetzt das Liebste war. Kein Trampeln dreckiger Schuhe im Flur. Kein muffiger Geruch von Bier und Zigaretten am Küchentisch. Kein Schweigen beim Abendessen.
»Nein«, sagte Korinna schließlich und stellte die Tasse ab. »Ich nehme ihn nicht zurück. Sie haben ihn mir weggenommen – jetzt behalten Sie ihn auch.«
Sabine riss die Augen auf. »Ich kann nicht!«
»Dann schmeißen Sie ihn raus. Geben Sie ihm den Schlüssel für seinen Mercedes und sagen Sie ihm, er soll sehen, wo er bleibt. Ich bin nicht mehr zuständig.«
Sabine schnappte sich den Schlüssel vom Tresen, drehte sich um und rannte aus der Tür. Die kleine Glocke darüber bimmelte hysterisch hinter ihr her.
Eine Woche später stand Kevin vor der Gartentür.
Korinna kam gerade vom Großmarkt zurück, die Hände voll mit Mehltüten. Es dämmerte bereits, und im Nachbargarten bellte der alte Schäferhund von Familie Yildirim, der immer anschlug, wenn jemand an der Straße stehen blieb. Kevin lehnte an der Mülltonne. Seine Haare waren fettig, das Hemd voller Flecken, und unter dem Bart war sein Gesicht eingefallen. Er roch nach kaltem Rauch und etwas Süßlichem, das vom Alkohol kam.
»Korinna«, sagte er. Seine Stimme war heiser, kaum mehr als ein Flüstern. »Sabine hat die Schlösser ausgetauscht. Die Werkstatt ist zu, die Kunden sind weg. Das Geld ist alle. Ich hab nichts mehr. Kein Zuhause, keine Arbeit, nichts mehr. Lass mich wieder reinkommen.«
Korinna stellte die Mehltüten auf die Treppe vor der Haustür. In der Küche brannte Licht, und sie wusste, dass Leon dort saß. Er war übers Wochenende zu Besuch gekommen, hatte seine schmutzige Wäsche mitgebracht und saß jetzt wahrscheinlich vor seinem Laptop und las die Nachrichten von seinen Kommilitonen.
»Kevin«, sagte sie. Ihr Atem bildete kleine Wölkchen in der feuchten Luft. »Ins Haus kommst du nicht. Nicht mehr. Aber ich hab einen Vorschlag.«
Sie zeigte auf den alten Geräteschuppen im Garten, ein kleines gemauertes Häuschen, das einmal als Waschküche gedient hatte. Drin stand nur noch ein alter Heizlüfter, ein Regal mit leeren Einmachgläsern und ein Feldbett, das sie für Übernachtungsgäste aufgehoben hatte.
»Du kannst im Schuppen wohnen. Duschen kannst du im Keller, den Eingang von außen. Morgen suchst du dir Arbeit. Wenn du trinkst – und ich mein das so: bei einem einzigen Tropfen Alkohol –, fliegst du raus. Wenn du auch nur einen Fuß in dieses Haus setzt, ohne dass ich es dir sage, fliegst du raus. Und jeden Monat gibst du mir vierhundert Euro für Leon. Den Rest von dem, was du verdienst, kannst du behalten.«
Kevin sah sie an. In seinen Augen war nichts mehr von dem Mann, der vor vier Monaten mit den dreckigen Schuhen durch den Flur gestapft war und gesagt hatte: Das ist mein Geld. Da war nur noch ein müder, kaputter Mensch, der sich an eine Mülltonne klammerte.
»Korinna …«, setzte er an.
»Das ist das Angebot. Nimm es an oder geh.«
Er nickte. Ein einziges, kraftloses Nicken, und dann schlurfte er an ihr vorbei durch das nasse Gras zum Schuppen.
Am nächsten Morgen, als Korinna um vier Uhr aus dem Haus ging, brannte im Schuppen noch kein Licht. Sie schloss die Tür leise, stieg in ihren Polo und fuhr zur Backstube.
Auf dem Beifahrersitz lag ein Zettel von Leon. Er musste ihn irgendwann in der Nacht dort hingelegt haben, bevor er zurück in sein Zimmer gegangen war. Darauf stand nur ein Satz, geschrieben mit Kugelschreiber auf einem abgerissenen Stück Backpapier:
»Danke, dass du ihn nicht reingelassen hast.«
Korinna faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in die Tasche ihrer Schürze. Dann startete sie den Motor und fuhr los. Es war noch dunkel, aber der Himmel über den Schornsteinen der alten Industrieanlagen färbte sich bereits in ein blasses Orange. In einer Stunde würde der Sauerteig aufgehen, und die erste Ladung Brötchen musste in den Ofen. Das Leben ging weiter.
Im Rückspiegel sah sie, wie im Schuppen endlich das Licht anging. Ein schwacher, flackernder Schein hinter dem kleinen Fenster. Sie trat aufs Gas und bog in die Hauptstraße ein.







