Ich hab die Tür noch gar nicht richtig auf, da schiebt sie mich schon mit der Schulter zur Seite, als wär ich der Postbote. Elke, meine ehemalige Schwiegermutter. Draußen schüttelt sie den Regen vom Trenchcoat, dass die Tropfen auf den Dielen landen, und marschiert an mir vorbei direkt in den Flur. In einer Aldi-Tüte baumeln ihre Hausschuhe. Sie stellt die Tüte auf dem Schuhschrank ab, zieht die nassen Stiefeletten aus und schlüpft in die Puschen. Dann blickt sie sich um wie eine Immobilienmaklerin, die eine Bruchbude taxiert. Ihr Blick bleibt an der Garderobe hängen, wo noch Stefans alte Lederjacke hängt.

„Die kannst du gleich einpacken", sagt sie und nickt Richtung Jacke. „Oder wegschmeißen, wie du willst. Hauptsache, sie ist bis Samstag weg."

Ich lehne mich an den Türrahmen und falte die Hände vor der Brust. Seit zwei Monaten wohne ich allein in dieser Wohnung. Stefan ist damals mit einer Sporttasche und dem Satz „Ich brauch mal Abstand" gegangen. Den Abstand hat er dann bei Jessica gefunden, 24, gelernte Kosmetikerin, die immer so künstlich nach Vanille roch, dass einem beim Betreten des Raums kurz die Luft wegblieb.

„Ich dachte, Stefan wohnt jetzt bei dir", sage ich.

Elke schnaubt. „Bei mir? Zwei Zimmer, fünfzig Quadratmeter. Wo soll denn da ein Baby rein? Außerdem sind die Wände hellhörig, die Nachbarn sind achtzig und beschweren sich bei jedem Pieps. Nein. Jessica kriegt ein Kind. Mein erstes Enkelkind." Sie sagt das mit einer Betonung, als hätte sie persönlich einen Nobelpreis gewonnen. „Und dafür brauchen die beiden Platz. Richtigen Platz."

Von der Fensterbank in der Küche höre ich ein leises Maunzen. Herr Schröder, mein roter Kater, hat bis eben in der Sonne gedöst und starrt Elke jetzt mit diesem Ausdruck an, den Katzen reservieren für Menschen, die zu laut sind.

„Elke", sage ich. „Die Wohnung gehört mir. Stefan und ich waren nie verheiratet. Er stand nie im Mietvertrag."

Sie winkt ab. „Papierkram. Stefan hat hier viereinhalb Jahre gewohnt. Seine Möbel stehen noch drin. Das reicht vor Gericht. Mein Cousin hatte so einen Fall, der hat recht bekommen."

Sie geht ins Wohnzimmer. Ich höre, wie sie mit dem Finger über die Fensterbank streicht. „Außerdem", ruft sie aus dem Zimmer, „was willst du überhaupt allein mit über siebzig Quadratmetern? Eine Frau Mitte dreißig ohne Familie braucht kein Wohnzimmer und zwei Schlafzimmer. Jessica hat mir gestern Abend die App gezeigt, wo man die Tapeten aussuchen kann. Fürs Kinderzimmer nehmen sie dieses helle Mintgrün. Beruhigt, sagt Jessica, fördert die Kreativität."

Mintgrün. Ich starre auf das Bücherregal im Flur, das Stefan vor drei Jahren aufgebaut hat. Er hatte zwei linke Hände, eine Wand war schief, aber wir haben abends mit einer Flasche Wein davor gesessen und gelacht. Viereinhalb Jahre. Vor zwei Monaten war das noch meine Zukunft.

Elke kommt zurück, mit einer Packung Kaffee in der Hand, die sie aus meinem Küchenschrank genommen hat. „Weißt du", sagt sie und wedelt mit der Packung, „jetzt wo Stefan endlich erwachsen wird und eine richtige Familie gründet, musst du ihn auch mal loslassen. Du klammerst dich an diese Wohnung wie an ihn. Ist doch lächerlich." Sie stellt den Kaffee auf die Arbeitsplatte, ohne zu fragen, als hätte sie vor, sich hier häuslich einzurichten. „Deine Eltern haben doch das Haus in Werder. Zieh dahin. Frische Luft, ein Garten. Wird dir guttun. Du siehst eh blass aus in letzter Zeit."

Da vibriert mein Handy. Auf dem Display erscheint „Stefan Mobil". Zum elften Mal heute. Ich hab ihn jedes Mal weggedrückt, aber diesmal starre ich auf den Bildschirm und warte.

„Geh doch ran", sagt Elke. „Wahrscheinlich ist es die Arbeit. Du hast doch nichts zu tun, du gehst ja nur spazieren oder was."

Ich nehme das Handy, drücke auf Grün und schalte den Lautsprecher ein.

„Carola!" Stefans Stimme klingt, als hätte er einen Marathon hinter sich. Im Hintergrund rauscht Verkehr. „Carola, bitte, ich muss mit dir reden."

Elke erstarrt mitten in der Bewegung. Die Kaffeepackung hängt schief in ihrer Hand.

„Ich hör dich", sage ich.

„Sie hat mich rausgeschmissen!" Stefan schluchzt fast. Auf offener Straße, das hört man an dem Echo zwischen Häuserwänden. „Heute Morgen. Ich war kurz beim Bäcker, um Schrippen zu holen, und als ich wiederkam, war das Schloss ausgetauscht. Meine Klamotten lagen im Hausflur. In Müllsäcken, Carola. Schwarzen Müllsäcken!"

Elkes Gesicht verliert schlagartig jede Farbe. Sie greift mit der freien Hand an ihren Hals, wo eine Goldkette hängt, und zieht daran, als würde sie zu eng sitzen.

„Was?" flüstert sie. „Stefan? Was redet der da?"

Aber Stefan hört sie nicht. Das Rauschen auf der Straße ist zu laut, und er redet einfach weiter. „Das Kind ist gar nicht von mir, Carola! Ich hab gestern Abend ihre Handynachrichten gesehen. Es ist von diesem Typ aus Dortmund, den sie seit März wieder regelmäßig trifft. Sie wollte nur meine Kohle. Unser Erspartes — erinnerst du dich an die achttausend Euro für das Autohaus in Spandau? Das, was wir zusammen angelegt hatten? Sie hat alles auf ihr Konto gezogen. Alles. Ich hab null Euro auf der Karte. Ich kann nicht mal den Bus zu meiner Mutter bezahlen."

Elke steht jetzt da wie eingefroren. Der Trenchcoat hängt ihr halb von den Schultern, eine Strähne aus der aufwendigen Frisur hat sich gelöst, die Wimperntusche verläuft von den Augenwinkeln, aber das merkt sie nicht. Ihr Mund öffnet sich und schließt sich wieder. Kein Ton kommt.

„Weißt du, was sie gesagt hat?" Stefan redet sich in Rage, das Schluchzen kippt jetzt in Wut. „Sie hat gesagt: Stefan, du warst ein netter Zeitvertreib. Aber für eine richtige Familie braucht man einen richtigen Mann. Zitat Ende."

Er hält kurz inne, dann wird seine Stimme plötzlich weich, fast ein Betteln. „Carola, lass mich zurückkommen. Bitte. Ich hab einen Fehler gemacht. Ich war blind. Ich hatte einen Aussetzer, so ein midlife-Ding. Ich lieb doch nur dich. Wir kennen uns seit dem Abi, wir haben alles zusammen aufgebaut…"

„Stefan", sage ich, und meine Stimme ist so kühl, dass Elke zusammenzuckt. „Ich habe hier gerade deine Mutter zu Besuch. Sie erklärt mir, dass du jetzt eine richtige Familie hast. Mit mintgrünen Tapeten und Kreativität und so."

Stille in der Leitung. Dann: „Meine Mutter? Was macht die bei dir?"

„Sie ist gekommen, um mir zu sagen, dass ich ausziehen soll. Für Jessica und das Baby. Deine richtige Familie."

„Sag ihr, das hat sich erledigt!" schreit Stefan in den Hörer. „Jessica ist weg, das Geld ist weg, das Baby ist nicht von mir, und ich sitze hier auf einer Bank vor dem U-Bahnhof Hermannplatz, ohne einen Cent in der Tasche. Bitte, Carola. Nur für ein paar Tage. Bis ich was Neues gefunden habe."

Elke greift mit zitternden Fingern nach dem Küchentresen, um Halt zu finden. Ihre Designer-Handtasche rutscht von der Schulter und fällt klatschend auf den Boden. Sie bückt sich nicht danach. Sie starrt nur auf das Handy in meiner Hand, als wäre es eine tickende Bombe. Der Duft von abgestandenem Kaffee und der nasse Geruch von Regen und Straße mischen sich mit dem Zitronenreiniger, den ich heute Morgen benutzt habe.

„Carola?" Stefan klingt jetzt wie ein kleiner Junge, der die Hausaufgaben vergessen hat.

Ich sehe Elke an. Sie weicht meinem Blick aus. Die Frau, die noch vor drei Minuten meine Wohnung vermessen hat wie ein Feldherr das Schlachtfeld, steht jetzt da wie ein nasser Vogel am Fensterbrett.

„Nein, Stefan", sage ich. „Du kannst nicht zurück."

„Carola, bitte, nur für—"

„Hier wohnt jetzt eine richtige Familie", sage ich. „Herr Schröder und ich. Und weisst du, was das Tolle ist? Der Kater fragt mich nie nach Geld und er geht auch nicht zum Brötchenholen und kommt nicht mehr zurück. Ist zuverlässiger als mancher Mensch."

Ich lege auf. Die Stille nach dem Piepton ist massiv und schwer. Von draußen hört man nur das Prasseln des Regens, der wieder stärker geworden ist, und das Schnurren von Herrn Schröder, der sich um meine Beine schlängelt.

Elke räuspert sich. Sie beugt sich langsam hinunter und hebt ihre Handtasche auf, wobei sie mit dem Kopf fast gegen die Arbeitsplatte stößt. Fahrig zieht sie den Trenchcoat zurecht, stopft die Hausschuhe zurück in die Aldi-Tüte. Ihre Hände zittern. Büschel von grauem Haaransatz, die sie sonst so sorgfältig färbt, sind sichtbar, weil die Frisur in Auflösung ist.

„Ich…" setzt sie an, aber es kommt nichts weiter.

„Die U-Bahn Richtung Hermannplatz fährt alle fünf Minuten", sage ich. „Du brauchst ihn nur am Ausgang abzuholen. Da sitzt er dann auf der Bank und friert."

Elke nickt nur.

Ich öffne die Tür. Ein kalter Luftzug weht vom Treppenhaus herein. „Ach, und Elke: Kümmere dich um ihn. Jetzt, wo du endlich Oma wirst, eilt es ja nicht mehr so mit dem Enkelkind."

Sie zuckt bei dem Wort Oma zusammen wie bei einem Schlag. Dann geht sie. Der Regen schluckt das Klackern ihrer Absätze auf der Treppe.

Die Tür fällt ins Schloss. Ich drehe den Riegel zweimal um. Herr Schröder sitzt auf dem Schuhschrank und blinzelt mich an. Ich kratze ihn hinterm Ohr. Dann hole ich eine Tasse aus dem Schrank — die blaue mit dem Sprung im Henkel, die Elke vorhin achtlos auf die Arbeitsplatte gestellt hat — und mach mir einen Kaffee. Der Regen prasselt gegen die Fensterscheibe.

Zehn Tage später kommt Post vom Anwalt. Stefans Anwalt fordert eine Ausgleichszahlung für Möbel und geleistete Renovierungsarbeiten. Ich lege den Brief auf den Küchentisch und trinke Orangensaft.

Am nächsten Tag suche ich meine Kontoauszüge raus. Die Abbuchungen für die Couchgarnitur, die Küchengeräte, die neue Waschmaschine — alles von meinem Konto bezahlt. Die Farbe für die Wände, die Regale, die Lampen im Flur. Die Quittungen hab ich aufgehoben, aus Gewohnheit. Ich schicke Kopien an meinen Anwalt, einen jungen Kerl aus Kreuzberg mit schwarzem Irokesenschnitt und messerscharfem Verstand.

Bei der Verhandlung im Amtsgericht Schöneberg trägt Stefan denselben Anzug wie damals zur Beerdigung seines Vaters. Er sitzt da, schaut mich an mit diesen feuchten Hundeaugen und flüstert über den Tisch: „Carola, lass uns das hier beenden und einfach nochmal reden." Ich sehe durch ihn hindurch, als wäre er aus Glas. Die Richterin, eine Frau um die sechzig mit Lesebrille und kurzen grauen Haaren, liest unsere Kontoauszüge und hebt eine Augenbraue. Stefans Forderung wird abgewiesen. Er muss meine Anwaltskosten übernehmen.

Elke kommt nicht zur Verhandlung. Ich höre von einer gemeinsamen Bekannten, dass sie jetzt das Wohnzimmer bei sich zuhause umräumt. Stefan schläft auf einem ausziehbaren Sofa, weil das alte Jugendzimmer vollgestellt ist mit Bügelbrett und Winterkleidung. Von mintgrünen Tapeten redet keiner mehr.

Vor zwei Wochen hab ich im Baumarkt neue Farbe gekauft. Ein warmes, sattes Terrakotta. Das Wohnzimmer hat jetzt eine Wand in dieser Farbe, dazu habe ich den alten Teppich rausgeschmissen, der schon seit Jahren fusselte. Herr Schröder liegt jetzt auf dem blanken Holzboden und genießt die Nachmittagssonne. Manchmal, wenn ich abends mit einem Buch auf dem Sofa sitze und der Regen gegen die Fenster tropft, muss ich an den Moment denken, als Elkes Gesicht einfror, während Stefans Stimme aus dem Telefon plärrte. Es ist kein Triumph. Ich bin nicht glücklich darüber, dass er da auf der Bank saß und fror. Aber ich bin glücklich, dass es nicht mehr mein Problem ist. Dass keine Aldi-Tüte mehr in meinem Flur steht. Dass niemand mehr meine Kaffeepackungen inspiziert.

Das Terrakotta trocknet wunderbar gleichmäßig. Ich mache das Fenster einen Spalt auf, damit die frische Luft reinkommt.

Herr Schröder rollt sich auf den Rücken und lässt sich den Bauch kraulen.

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MagistrUm
Ich hab die Tür noch gar nicht richtig auf, da schiebt sie mich schon mit der Schulter zur Seite, als wär ich der Postbote. Elke, meine ehemalige Schwiegermutter. Draußen schüttelt sie den Regen vom Trenchcoat, dass die Tropfen auf den Dielen landen, und marschiert an mir vorbei direkt in den Flur. In einer Aldi-Tüte baumeln ihre Hausschuhe. Sie stellt die Tüte auf dem Schuhschrank ab, zieht die nassen Stiefeletten aus und schlüpft in die Puschen. Dann blickt sie sich um wie eine Immobilienmaklerin, die eine Bruchbude taxiert. Ihr Blick bleibt an der Garderobe hängen, wo noch Stefans alte Lederjacke hängt.