Die Sache mit den Winterstiefeln

Laura hätte nie gedacht, dass ein Dienstagabend im November ihr Leben so auf den Kopf stellen würde. Aber genau das tat er.

Sie stand an der Küchenzeile, das Tablett mit den Schweinemedaillons in der Hand, und sah durch die Durchreiche ins Esszimmer. Thomas saß breitbeinig am Kopf des Tisches und prostete den Gästen zu. Seinem neuen Abteilungsleiter, Herrn Wagner, und zwei Kollegen aus dem Projektteam. Es ging um die Bereichsleitung — Thomas hatte sich wochenlang ins Zeug gelegt, Überstunden geschoben und Laura angewiesen, dieses Essen perfekt zu machen.

„Perfekt“ bedeutete drei Tage Vorbereitung. Kalbsfond angesetzt, den Rote-Bete-Salat mit Walnüssen selbst gemacht, die Servietten exakt zur Tischdecke abgestimmt. Laura hatte sogar den alten Silberbesteckkasten ihrer Großmutter aus Leipzig poliert, obwohl Thomas dieses „Großmutterzeug“ sonst nicht ausstehen konnte. Aber für den Abend war es gut genug.

Herr Wagner — grauer Anzug, ruhige Stimme, die Art Mann, die einem direkt in die Augen sieht — hob sein Glas.

„Frau Hoffmann, das ist wirklich ein hervorragendes Essen. Kompliment an Sie.“

Laura hob kurz die Mundwinkel. Sie wollte gerade etwas erwidern, als Thomas sich räusperte.

„Ja, sie gibt sich Mühe“, sagte er und schnitt ein Stück Fleisch ab. Seine Stimme hatte diesen Ton, den Laura in fünf Jahren Ehe nur zu gut kannte. Leutselig. Gönnerhaft. Gefährlich.

„Wissen Sie“, fuhr Thomas fort und schob sich die Gabel in den Mund, „als ich Laura kennenlernte, hatte sie noch nie ein richtiges Steak gegessen. Die waren zu Hause wirklich arm. Ich meine, richtig arm — so mit kaputten Schuhen und allem, was dazugehört.“

Laura spürte, wie sich ihre Finger um das Tablett schlossen. Kalt. Das Edelstahl schnitt in die Handballen.

Thomas lachte kurz auf. „Sie hat mir mal erzählt, sie hätte als Kind die Winterstiefel von ihrem älteren Bruder auftragen müssen. Mit elf Jahren. Viel zu große, abgewetzte Jungenstiefel. Und wissen Sie, was sie gemacht hat? Sie hat die Löcher an den Kappen jeden Morgen mit Edding ausgemalt. Schwarz. Damit die Mitschüler es nicht sehen. Stellen Sie sich das mal vor!“

Er schüttelte den Kopf, als wäre das eine Anekdote über einen streunenden Hund, den er von der Straße aufgelesen hatte.

„Ich hab sie dann erstmal in ein gutes italienisches Restaurant in der Innenstadt ausgeführt. Sie wusste nicht mal, wie man eine Serviette auf den Schoß legt.“ Thomas griff nach seinem Glas und warf eine triumphierende Miene in die Runde. „Man könnte sagen, ich hab sie zivilisiert.“

Am Tisch wurde es so still, dass man das Tröpfeln des Wasserhahns in der Küche hörte. Einer der Kollegen, der junge mit der Brille, stocherte mit der Gabel in einer Roten Bete, ohne sie je aufzuspießen.

Laura erinnerte sich genau an den Abend, an dem sie Thomas diese Geschichte erzählt hatte. Es war Januar gewesen, ihr erster gemeinsamer Winter. Sie saßen auf dem Sofa in seiner kleinen Wohnung in Gohlis, draußen fiel nasser Leipziger Schnee, und sie hatte das erste Mal das Gefühl, jemandem alles sagen zu können. Das mit den Stiefeln. Das mit dem Gang zur Kleiderkammer der Caritas. Das mit dem Magenknurren in der zehnten Klasse, als das Geld fürs Mittagessen wieder nicht gereicht hatte.

Sie hatte geweint, als sie es erzählte. Thomas hatte ihre Hand gehalten.

Jetzt saß er da, ein selbstzufriedener Mann in einem Maßhemd, und verkaufte ihr Vertrauen als Gag beim Geschäftsessen. Als Beweis für seine Großzügigkeit.

Laura stellte das Tablett ab. Nicht wütend. Nicht einmal traurig. Nur ruhig. So ruhig, wie der Westermannsee an einem windstillen Morgen.

Sie zog den Ehering vom Finger. Er war immer etwas zu eng gewesen — Thomas hatte ihn ohne sie ausgesucht, bei einem Juwelier in der Mädlerpassage, weil er fand, dass sie „kein Auge für Wertarbeit“ habe. Das Ding hinterließ einen roten Abdruck auf der Haut.

Der Ring klirrte auf dem Tisch, als sie ihn neben Thomas‘ Teller legte.

„Weißt du, was der Unterschied ist, Thomas?“, sagte sie leise.

Er drehte den Kopf zu ihr. Das Grinsen war noch da, aber die Augen waren schon wachsam.

„Laura, nicht jetzt. Setz dich wieder hin.“ Seine Stimme klang wie das Knurren eines Hundes, der an der Kette zieht.

„Damals, mit elf“, sagte Laura, und ihre Stimme war ruhig, fast sachlich, „hab ich mit dem Edding meine Würde verteidigt. Ich hab mir die Nächte um die Ohren geschlagen, um aus nichts etwas zu machen, das man nicht sofort als Loch erkennt. Und du? Du hast heute Abend deine Würde ganz freiwillig in den Müll geworfen. Für einen billigen Lacher, der keiner war.“

Sie stand auf. Ihre Hände zitterten nicht. Sie nahm die Vase mit den Tulpen vom Sideboard — die hatte sie am Morgen auf dem Markt am Augustusplatz gekauft, weil Thomas meinte, frische Blumen machten etwas her — und stellte sie vor Herrn Wagner ab.

„Das Essen steht auf der Anrichte. Guten Appetit, meine Herren.“

Sie ging ohne Eile in den Flur. Zog den Mantel vom Haken, griff nach der Tasche, die seit drei Tagen gepackt im Schrank unter dem Wäschefach stand — Laptop, Pass, die Kontounterlagen, die auf ihren Namen liefen. Im Wohnzimmer herrschte das Schweigen eines Operationssaals.

Laura hörte, wie ein Stuhl scharrte. Dann Herrn Wagners Stimme, trocken und so leise, dass sie durch die geschlossene Tür kaum zu verstehen war.

„Herr Hoffmann. Ich denke, für heute reicht es.“

Als Laura die Treppe hinunterging, ihr eigener Atem kleine Wolken im kalten Treppenhaus bildend, fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, den Müll runterzubringen. Der Biomüll mit den Kartoffelschalen vom Vortag stand noch in der Küche. Thomas würde ihn nicht anrühren.

Sie trat auf die Straße. Die S-Bahn-Linie 16 rumpelte vorbei, ein paar Fahrräder standen angeschlossen am Laternenpfahl, und aus der Bäckerei an der Ecke roch es nach frischem Brot. Der Abend war dunkel, die Straßenlaternen spiegelten sich in den nassen Pflastersteinen.

Laura ging zu Fuß zur Bahn, vorbei an dem kleinen vietnamesischen Imbiss, wo sie immer Sommerrollen holte, wenn Thomas auf Geschäftsreise war und sie einen Abend für sich hatte. Sie würde diese Sommerrollen vermissen.

Bei ihrer Mutter in Connewitz klingelte sie um kurz nach acht. Ihre Mutter sagte nichts, als sie sie im Türrahmen stehen sah mit der Reisetasche und diesem seltsam leeren Gesicht. Sie stellte nur den Wasserkocher an und holte die Zitronenmelisse aus dem Küchenschrank.

Zehn Tage später saß Laura in einer Einzimmerwohnung in Reudnitz, zwei Stationen vom Clara-Zetkin-Park entfernt. Der Mietvertrag war unterschrieben, die Internetleitung frisch geschaltet, die Umzugskisten mit drei Freunden in einem Nachmittag hochgeschleppt. Die Wohnung hatte eine Tapete mit achtziger Jahre Blümchenmuster und eine Küchenzeile, bei der eine Schranktür klemmte. Aber das Fenster ging zum Hinterhof raus, wo eine alte Linde stand, und morgens um sieben hörte man Vögel.

Das Konto, das sie noch am selben Abend eröffnet hatte, als sie von Thomas weggegangen war, wies einen soliden vierstelligen Betrag auf — sie hatte jahrelang auf eigene Rechnung gearbeitet, Buchhaltung für zwei Ärztepraxen und einen Architekten. Das Geld war immer ein Notgroschen geblieben, weil Thomas fand, gemeinsame Finanzen seien Männersache.

Sein Anruf kam am zwölften Tag. Er war nicht wütend. Er war verunsichert.

„Laura, das ist jetzt wirklich albern. Wagner hat die Beförderung noch nicht bestätigt. Die Kollegen tuscheln hinter meinem Rücken. Du musst mit ihm sprechen und das klarstellen. Sag ihm einfach, wir hatten einen kleinen Streit und du hast es falsch verstanden. Das war doch nur ein Scherz unter Männern.“

Laura hörte ihm zu, während sie eine Tasse Pfefferminztee in den Händen hielt — die Tasse mit dem abgeschlagenen Henkel, die sie für fünfzig Cent auf dem Flohmarkt am Völkerschlachtdenkmal gefunden hatte. Sie passte perfekt in ihre Handfläche.

„Thomas“, sagte sie, „der Scherz war nicht unter Männern. Der Scherz war auf meine Kosten. Und ich bezahle nicht mehr mit.“

Sie legte auf, bevor er antworten konnte. Dann blockierte sie die Nummer.

Die Tage vergingen. Laura kaufte einen gebrauchten Schreibtisch bei eBay Kleinanzeigen, meldete ein Gewerbe an und übernahm einen dritten Buchhaltungskunden. Sie kochte sich abends einfache Sachen — Spaghetti mit Tomatensoße, Ofengemüse mit Feta, die Art Essen, die Thomas immer „Studentenfraß“ genannt hatte. Sie aß jeden Bissen, ohne dass jemand kommentierte, wie sie die Gabel hielt.

Eines Abends, es war ein Donnerstag und draußen fiel der erste richtige Schnee des Winters, klingelte ihr Handy. Eine unbekannte Nummer mit Berliner Vorwahl.

Es war Herr Wagner.

„Frau Hoffmann, ich hoffe, ich störe nicht. Ich habe Ihre Kontaktdaten über die Buchhaltung der Praxis bekommen — meine Frau ist Zahnärztin und sucht dringend jemanden für die Abrechnungen. Ich dachte, ich frage Sie. Sie haben ja… nun, Sie haben an dem Abend einen sehr klaren Eindruck hinterlassen.“

Laura notierte sich die Nummer seiner Frau. Als sie auflegte, war ihr Gesicht warm, aber es war keine Scham. Es war etwas anderes. Etwas Leichteres.

Sie holte ihren Laptop und öffnete die Website des Finanzamts. Beim Feld für den Namen tippte sie ihren Geburtsnamen ein — er stand da wie ein Satz, den sie lange nicht mehr ausgesprochen hatte. Als Absenderadresse gab sie die Wohnung in Reudnitz an.

Draußen fielen die Schneeflocken auf die alte Linde. Laura stand auf, schob das Fenster einen Spaltbreit auf und ließ die kalte Luft herein. Hinter ihr, auf dem Fensterbrett, wartete der Basilikum, den sie sich selbst geschenkt hatte, auf frisches Wasser.

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MagistrUm
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