Das Bernsteinfläschchen

Die erste Nacht, in der ich das Zeug nicht trank, war eine Dezembernacht in Hamburg-Eimsbüttel. Draußen pfiff der Wind um die Altbau-Fenster, und in der Ferne dröhnte ein Öltanker auf der Elbe. Ich lag unter meiner dicken Daunendecke, das Gesicht zur Wand, und atmete tief und gleichmäßig – eine schlafende Frau.

Felix summte in der Küche. Ich kannte die Melodie: „Here Comes the Sun“, das Gleiche, das er an unserem ersten Abend gesummt hatte. Sechs Jahre her. Sechs Jahre, in denen er mich jeden Abend ein Glas warmes Wasser mit Honig und Kamille trinken ließ. Jeden. Den. Abend. Damals, als wir uns kennenlernten, hatte er noch als Pflegehelfer in der Uniklinik Eppendorf gearbeitet – ein kräftezehrender Job, den er nach eigener Aussage hinter sich gelassen hatte.

Nur dass mir der Schlaf an diesem Abend nicht kommen wollte. Ein unruhiger Gedanke, eingepflanzt von einer Freundin, die vor drei Tagen versehentlich meinen Puls gemessen und gestutzt hatte. „Dein Ruhepuls ist bei achtundneunzig, Clara. Das ist nicht normal. Was nimmst du abends?“ Ich hatte gelacht. „Nur Kräutertee.“ Aber ihre Miene war an mir hängen geblieben.

Ich wartete, bis das Summen aufhörte, dann schälte ich mich aus dem Bett und schlich über den gebeizten Dielenboden. Die Küchentür stand einen Spalt offen. Felix stand mit dem Rücken zu mir an der Arbeitsplatte, die Schultern breit und entspannt unter seinem marineblauen Wollpullover. Neben ihm stand mein Glas – dickwandig, mit kleinen Sprüngen im Boden, ein Erbstück von meiner Mutter. Er goss heißes Wasser aus dem Wasserkocher, gab einen Löffel Akazienhonig hinein und zog dann die Schublade unter dem Herd auf.

Dort lag das Bernsteinfläschchen. Er kannte die Stelle blind; er hob es ins Licht der Dunstabzugshaube und ließ drei Tropfen einer klaren Flüssigkeit ins Glas fallen. Drei Tropfen. Wie er es immer tat.

Mein Mund wurde trocken, und meine Hand krallte sich in den Türrahmen. Ich zog mich zurück, bevor er sich umdrehen konnte, und huschte ins Bett. Als er mit dem Glas kam, das sanfte Gesicht aufgesetzt, lag ich schon wieder unter der Decke.

„Hier, meine Kleine. Trink schön, dann schläfst du tief und ohne Träume.“ Seine Stimme war Honig und Samt. Seit sechs Jahren nannte er mich seine Kleine. Ich war dreiundfünfzig, als wir uns kennenlernten, er achtundzwanzig. Neunundfünfzig zu vierunddreißig heute. Kleine Frau. Klingt liebevoll, nicht? Er stellte das Glas auf meinen Nachttisch und berührte meine Schläfe.

Ich gähnte und murmelte: „Später, mein Herz. Es ist noch zu heiß.“ Er zögerte, machte dann eine kurze Bewegung mit dem Kopf und ging ins Bad. Ich hörte ihn Zähne putzen, die Wasserspülung. Als er schlief, holte ich die Thermoskanne heraus, die ich nachmittags in einer Schublade verstaut hatte, und goss den Inhalt des Glases um, tropfengenau, bis auf den letzten Rest.

Die Klinik fand ich über eine Bekannte, die beim Verfassungsschutz arbeitete und immer wieder betonte: „Wenn du einem Mann nicht traust, prüf nach.“ Die Laborantin nahm die Probe ohne viele Fragen entgegen. Ich nannte meinen Namen – Clara Berger – und gab den Grund an: unerklärliche Herzrhythmusstörungen, Verdacht auf Vergiftung durch Dritte. Sie schloss die Probe in einen Stahlschrank und versprach mir einen Anruf innerhalb von 48 Stunden.

Die Sonne schien ins Wartezimmer des Privatlabors, als die Rezeptionistin aufrief: „Frau Berger?“ Ich stand auf und folgte ihr. Der Arzt – ein junger Toxikologe mit dicken Brillengläsern – setzte sich nicht, sondern blieb vor mir stehen. „Frau Berger, die Flüssigkeit, die Sie mir gebracht haben, enthält Midazolam. Ein starkes Benzodiazepin. Normalerweise verschreibungspflichtig und in Kliniken zur Sedierung vor Operationen genutzt. Regelmäßig über einen langen Zeitraum eingenommen, kann es zu Gedächtnisverlust, Abhängigkeit und Herzrasen führen. Wer auch immer Ihnen das verabreicht hat, wollte Sie nicht schlafen lassen – er wollte Sie ruhigstellen.“

Mir wurde übel. Sechs Jahre Wärme, sechs Jahre Rückenmassagen und gekochte Mahlzeiten, sechs Jahre „Meine Kleine“ – und die ganze Zeit tropfte dieses Zeug in mein Glas. Meine ruhige, gleichmäßige Stimme fragte nach der Dosierung. Er hielt eine Kopie des Laborberichts hoch. „Drei Tropfen pro Abend in Ihrem Gewicht und Alter reichen, um innerhalb einer Stunde Tiefschlaf zu erzwingen. Über die Jahre hinweg hat Ihr Körper sich daran gewöhnt, weshalb die Entzugserscheinungen beginnen könnten – Zittern, Unruhe, Schlaflosigkeit. Ich empfehle einen stationären Aufenthalt unter Aufsicht.“

Ich lehnte ab. Nicht weil ich unvernünftig war, sondern weil ich Klarheit brauchte, bevor ich meinem Körper noch eine weitere Substanz zuführte. Auf dem Rückweg hielt ich an einer Apotheke in der Osterstraße und ließ mir eine kleine Packung Aktivkohle geben. Dann setzte ich mich auf eine Bank am Isebekkanal. Die Enten schnatterten im grauen Wasser, ein Radfahrer fluchte über eine entgegenkommende E-Roller-Fahrerin. Und ich atmete.

Zu Hause holte ich das Bernsteinfläschchen aus der Schublade – es war noch halbvoll, ohne Etikett. Ich wickelte es in ein weiches Tuch und schloss es in den kleinen Wandtresor im Schlafzimmer, dessen Kombination Felix nie erfahren hatte. Dann rief ich meinen Anwalt an. Am selben Nachmittag ging ich zur Polizeiwache in der Schanze und gab eine Aussage zu Protokoll, noch ohne das Beweisstück aus der Hand zu geben. Ich ließ mir den Vorgang bestätigen und sagte, das Fläschchen werde ich zu gegebener Zeit aushändigen. Von dort aus eröffnete ich ein Schließfach bei der Sparda-Bank und brachte meine Unterlagen und die Ersparnisse unter. Zwei Sparkonten, das Apartment in der Rothenbaumchaussee, das Ferienhaus an der Schlei in Schleswig-Holstein – alles auf meinen Namen, alles von meinem verstorbenen Mann. Felix stand in keinem Grundbuch, aber er hatte die Schlüssel. Die ließ ich noch in derselben Nacht austauschen.

Am nächsten Abend setzte ich mich ins Wohnzimmer und wartete. Felix kam gegen sieben, die Arbeitstasche über der Schulter. Er sah zum gedeckten Tisch, auf dem nur eine Kanne Kräutertee und zwei Tassen standen – und mein leeres Glas. Kein Abendtrunk. Sein Gesicht zeigte keine Regung, doch seine Augen verengten sich um ein Millimetermaß.

„Meine Kleine, hast du nichts zu trinken für uns? Ich bin völlig ausgetrocknet.“ Er griff zur Teekanne, doch ich schob sie beiseite.

„Felix, setz dich bitte.“

Er zögerte, ließ sich dann in den Sessel fallen. Meine Stimme blieb ruhig, obwohl meine Hände unter dem Tisch zitterten. „Ich war beim Arzt. Die Tropfen aus dem Bernsteinfläschchen, die du mir jeden Abend in mein Wasser gibst, sind Midazolam. Ein Narkosemittel. Sechs Jahre lang hast du mich sediert, ohne mein Wissen. Warum?“

Seine langen Wimpern bewegten sich schnell. Er sah mich an, dann das Glas, dann das Fenster. „Clara… du hast keine Ahnung, von was du redest. Ich hab dir nur pflanzliche Beruhigungstropfen gegeben, etwas aus dem Reformhaus, was hilft bei Unruhe-“

„Ich habe das Zeug im Labor analysieren lassen. Willst du mich jetzt auch noch für dumm verkaufen?“

Er stand auf. Der Teppich schluckte seine Schritte. Er kam auf mich zu, und ich hob die Hand – einen silbernen Kugelschreiber in der Faust. Nicht als Waffe, sondern um Distanz zu markieren. Er blieb stehen.

„Du verstehst nicht, Clara. Du bist so angespannt in deinem Alter, du grübelst nachts, wälzt dich herum. Ich konnte es nicht mit ansehen. Ich wollte dir Ruhe gönnen. Echte Ruhe. Nicht dieses Einschlaftheater, das nach drei Stunden nachlässt. Du solltest ohne Angst alt werden. Ich liebe dich doch.“ Seine Stimme wurde weich, fast flehentlich.

„Du liebst mein Geld, Felix. Meine Wohnung. Meine Sicherheit. Du liebst die Vorstellung, mich zu besitzen und ruhigzustellen, so dass ich nicht merke, wenn du dich an meinem Besitz bedienst. Deshalb hast du nie einen richtigen Vertrag unterschrieben, obwohl du als Pflegehelfer in der Uniklinik gelernt hast, wie man an Mittel kommt. Weil dir die Betäubung genügte.“ Meine Hände presste ich unter die Oberschenkel.

Er sah mich an. Kein Weinen, kein Zerknirschen, nur eine kalte Leere in dem Gesicht, das ich sechs Jahre lang geliebt hatte. Dann zuckte er mit den Schultern. „Na und? Beweis es. Niemand wird dir glauben. Eine Frau in deinem Alter, die einen jungen Mann verführt und dann behauptet, er hätte sie vergiftet? Die Richter werden denken, du willst nur die Scheidung vermeiden.“ Seine Worte klangen schneidend und glatt.

Ich atmete durch und zog mein Smartphone aus der Rocktasche, das Display zeigte eine Aufnahme-App, die seit einer halben Stunde lief. „Beweis? Ich habe einen Laborbefund und dein Geständnis. Die Aufnahme landet gerade per Cloud-Backup beim Anwalt. Du hast schon verloren, noch bevor du den Mund aufgemacht hast, Felix. Die Polizei ist informiert; das Fläschchen mit deinen Fingerabdrücken befindet sich an einem sicheren Ort und wird der Kripo heute Abend noch übergeben. Und übrigens, das Schloss am Haus an der Schlei ist ausgetauscht. Deine Sachen stehen in drei Umzugskartons bei der Nachbarin unten im Haus Nummer 8. Ich würde an deiner Stelle jetzt gehen, bevor die Beamten eintreffen, die du nicht mehr aufhalten kannst, indem du mich umarmst und ‚Meine Kleine‘ sagst.“

Er sah auf das Handy, dann auf mich. Ein langer, flacher Atemzug. Dann griff er nach seiner Jacke, zog die Tür auf und verschwand im Treppenhaus.

Die Tür fiel ins Schloss, und ich ließ mich auf den Sessel fallen. Der Dezemberwind pfiff durch ein undichtes Fenster; draußen schaltete sich das Neonlicht des Imbisses an der Ecke summend ein. Ich zählte zwölfmal das Brummen, dann wählte ich die Nummer der Polizei und gab das Fläschchen noch am selben Abend ab.

Drei Monate später war die Ehe annulliert. Felix tauchte unter, und ich stellte keine Fragen mehr. Das Bernsteinfläschchen blieb bei der Kripo; die gesicherten Fingerabdrücke reichten für eine Anzeige, die im Sande verlief, weil er ins Ausland reiste – vermutlich mit einem der gefälschten Rezepte, die er sich über alte Kontakte aus seiner Klinikzeit besorgt hatte. Aber das war nicht mehr mein Kampf.

Ich verkaufte die Wohnung, ließ die Adresse löschen und zog endgültig in das rote Backsteinhaus an der Schlei. Morgens höre ich die Möwen, die vor dem Fenster kreischen, abends den Wind, der um die Kaminecke zischt. Im Anbau richtete ich einen kleinen Kursraum für Frauen ein – keine klassische Yogagruppe, eher ein Treffen, bei dem wir Mandarinen teilen und miteinander reden. Über das, was kommt nach einer Trennung, über Angst und Alltag.

Neulich brachte eine von ihnen einen selbst gebackenen Rhabarberkuchen mit und fragte mich, ob ich noch an die Liebe glaube. Ich antwortete nicht gleich. Meine Finger strichen über den gesplitterten Rand des Glases auf dem Boden, durch den das Abendlicht brach. Dann griff ich zur Kanne und goss ihr Tee nach.

Jeden Abend, bevor ich schlafen gehe, bereite ich mir ein Glas warmes Wasser zu, mit Honig und frischer Minze aus dem Garten. Ich trinke es, während ich am Fenster stehe und die Lichter der Autos auf der Brücke zähle.

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