Der Junge und die wilde Meute

Jonas saß in der letzten Reihe und wünschte, der Boden würde sich unter ihm auftun. Vor ihm auf dem Tisch lag das Matheheft, daneben die zerknüllte Tüte vom Pausenbrot. Tim Bergers Stimme schnitt durch das Gemurmel der Klasse: „Na, Jonas, schon wieder die falsche Brille auf? Oder hast du die vom Sperrmüll?“

Ein paar Jungen lachten. Jonas presste die Lippen aufeinander. Er war elf, trug eine viel zu große Cordjacke und wusste genau, dass es nicht die Brille war, über die sie lachten. Es war einfach alles an ihm. Die Art, wie er sprach, die Sache mit den Büchern, die er in jeder Pause las, und die Tatsache, dass er beim Sport immer als Letzter gewählt wurde.

Seit dem Umzug nach Salzgitter war es noch schlimmer geworden als in der alten Schule. Dort hatte er wenigstens noch ein, zwei Kinder gehabt, die mit ihm am Rand des Schulhofs gestanden und Steine gegen die Mülltonnen geworfen hatten. Hier gab es nichts. Nur Tim und seine Clique, die ihn „Professor“ nannten und darauf warteten, dass er einen Fehler machte.

Seine Mutter Sabine arbeitete im Drei-Schicht-System bei einem Logistikunternehmen. Morgens, wenn Jonas zur Schule ging, schlief sie meist noch, und nachmittags, wenn er kam, war sie schon wieder weg. Der Zettel auf dem Küchentisch lautete fast immer gleich: *Geld für Pizza liegt in der Dose. Mach die Hausaufgaben. Hab dich lieb.* Jonas fand den Ton der Zettel seltsam fröhlich, als wäre alles in bester Ordnung.

„Du musst dich halt mal durchsetzen“, hatte sie einmal gesagt, als er mit einer aufgeplatzten Lippe nach Hause kam. „So wie die anderen Jungs. Ein bisschen mehr Härte schadet nicht.“ Damals hatte sie ihm eine Dose Pfefferspray in den Schulranzen gesteckt. Jonas hatte sie nie benutzt, aus Angst, es könnte alles nur schlimmer machen.

In der Woche vor den Herbstferien entdeckte er den Welpen.

Hinter der Schule lag ein verwildertes Grundstück, auf dem früher eine kleine Papierfabrik gestanden hatte. Mittlerweile war nur noch ein halb eingestürzter Zaun übrig und dahinter ein paar rostige Container. Jonas ging dort manchmal hin, weil die anderen diesen Weg mieden. Sie sagten, da streunten wilde Hunde herum, mindestens zehn, und ein verrückter alter Mann hause in einem Bauwagen.

An dem Nachmittag raschelte es im Gebüsch. Ein hellbrauner Welpe mit viel zu großen Pfoten kam auf ihn zugestolpert und stupste mit der Nase gegen seinen Turnbeutel. Jonas kniete sich hin und kraulte den kleinen Kerl hinter den Ohren. Der Welpe schloss die Augen und ließ ein leises Quieken hören.

„Du hast wohl Hunger, was?“, sagte Jonas leise und holte den Rest seines Käsebrots aus der Tüte. Das Tier fraß, als hätte es seit Tagen nichts bekommen.

Plötzlich tauchte hinter den Containern eine schwarze Hündin auf. Sie blieb etwa zehn Meter entfernt stehen, die Lefzen leicht hochgezogen, aber ohne zu knurren. Der Welpe drehte sich um, wedelte und stolperte zu ihr hin. Beide verschwanden hinter einem Berg alter Paletten.

„Also doch eine Mutter“, murmelte Jonas.

Am nächsten Tag war er wieder da. Diesmal hatte er extra etwas Trockenfutter aus dem Supermarkt mitgebracht, die billigste Sorte für 79 Cent. Der Welpe, den er bei sich Benny nannte, erkannte ihn sofort. Die schwarze Hündin blieb auf Abstand, aber ihre Haltung war weniger steif. Jonas nannte sie Alma, weil sie ihn an eine alte Frau aus der Nachbarschaft erinnerte, die immer von ihrem Fenster aus winkte, aber nie etwas sagte.

Die Besuche wurden zur Gewohnheit. Nach der Schule schlich Jonas über das Gelände, immer darauf bedacht, dass ihm niemand folgte. Der Bauwagen stand unter einer großen Weide, und eines Tages saß der alte Mann davor auf einem umgedrehten Bierkasten und stopfte eine Pfeife. Er trug eine speckige Weste und Gummistiefel, und sein Gesicht war voller tiefer Furchen, als hätte jemand mit einem stumpfen Messer hineingeschnitten.

„So, so“, brummte er, ohne aufzublicken. „Der junge Herr mit den Käsebroten. Ich hab mich schon gefragt, wann du endlich den Mut findest, hier direkt vorbeizukommen.“

Jonas blieb wie angewurzelt stehen. „Ich … ich wollte nur Benny besuchen. Und Alma. Ich mach nichts kaputt, ehrlich.“

Der Alte stopfte die Pfeife fester. „Benny und Alma, so so. Meine Hunde heißen Schnitzel und Jenny. Aber wie du willst.“ Er hob endlich den Kopf und sah Jonas direkt an. Seine Augen waren wässrig, aber nicht unfreundlich. „Ich bin Herbert. Herbert Krüger. Und jetzt setz dich hin, bevor du umfällst. Du siehst aus wie ein nasses Handtuch.“

Von diesem Tag an verbrachte Jonas fast jeden Nachmittag bei Herbert. Im Bauwagen roch es nach feuchtem Tabak, Motorenöl und nassem Hundefell. Herbert war eigentlich gelernter Kfz-Mechaniker, aber nach einer Kündigung vor zwanzig Jahren und einer gescheiterten Ehe hatte er irgendwann hier auf dem Gelände eine Stelle als Nachtwächter angenommen. Die Firma, die das Gelände gepachtet hatte, war längst pleite, aber Herbert blieb. „Weil mich keiner rauswirft und die Gemeinde vergessen hat, dass es mich gibt“, sagte er trocken.

Manchmal spielten sie Karten. Meistens gewann Herbert, aber Jonas lernte schnell. Eines Tages, nach einer besonders miesen Schulstunde, erzählte Jonas dem alten Mann, was passiert war. Noch nie hatte er mit jemandem außer seiner Mutter darüber gesprochen. Die Worte kamen stockend: der Name „Brillenschlange“, die Sache mit dem Mülleimer, in den man seine Sportschuhe geworfen hatte, und wie Tim jetzt dafür sorgte, dass keiner aus der Klasse sich neben ihn setzte.

Herbert hörte zu und rauchte. Dann nahm er die Pfeife aus dem Mund und sagte: „Weißt du, Jonas, ich hatte früher auch so einen. Große Klappe, starke Arme, alle hatten Angst. Aber vor den Hunden, vor denen hat er sich in die Hosen gemacht. Einmal hab ich ihn gesehen, wie er vor einem Dackel weggerannt ist.“ Er lachte, ein tiefes, rasselndes Geräusch.

„Hier gibt’s eine ganze Meute Streuner hinter dem Zaun“, fuhr er fort. „Aber die greifen keinen an. Die wissen genau, wer zu uns gehört und wer nicht. So ein Rudel versteht mehr von Gerechtigkeit als mancher Lehrer.“

Der Satz blieb Jonas im Gedächtnis, auch als er an dem Tag, an dem er eine glatte Eins in Geschichte bekam, den Fehler machte, zu fröhlich über das Gelände zu laufen.

Er hörte die Stimmen erst, als er schon den halben Weg zum Bauwagen zurückgelegt hatte. „Na, Jonas, willst du heute deinen Professor-Titel verteidigen?“ Tim und vier andere Jungen kamen den schmalen Pfad zwischen den Brennnesseln entlang. Jonas begann zu rennen, den Weg am Zaun entlang, aber seine Cordjacke verfing sich an einem Draht. Er stolperte, schlug sich das Knie auf, rappelte sich wieder hoch. Da hatte Tim ihn schon fast erreicht.

Und dann hörte er Bennys helles Bellen.

Der Welpe kam um die Ecke geschossen, direkt auf Jonas zu, gefolgt von Alma und zwei weiteren Hunden – einem grauen Mischling mit hängenden Lefzen und einem großen Schäferhundmischling, der kaum einen Laut gab. Die Tiere stellten sich zwischen Jonas und die Jungen, als hätten sie es geübt. Alma knurrte tief aus der Kehle, die Lefzen nach hinten gezogen. Tim wich sofort zurück.

„Die … die sind doch wild!“, schrie einer der anderen Jungen. Tim hob einen Stein, aber bevor er werfen konnte, sprang Alma einen Satz nach vorn und schnappte nach dem Trageriemen seines Schulranzens. Tim ließ den Stein fallen und rannte. Der Rest der Gruppe stob auseinander, eine Wolke aus Staub und Flüchen hinter sich herziehend. Die graue Hündin folgte ihnen noch ein paar Meter und blieb dann stehen, als wäre das Spiel zu Ende.

Jonas saß auf dem Boden, das Knie blutete, und Benny leckte ihm die Hand. Herbert tauchte Minuten später auf und sah sich den Schaden an. „Hast du dir wehgetan?“, fragte er. Jonas schüttelte den Kopf, aber sein Körper zitterte.

„Das war Tim. Der hat uns verfolgt. Alma hat mich verteidigt“, brachte er schließlich heraus.

Herbert klopfte den Tabak aus der Pfeife und half ihm auf. „Ich hab’s gesehen. Jenny hat genau gewusst, wer heute hier Ärger macht. Das sind kluge Tiere. Aber dass die anderen jetzt zuhause jammern, dass sie von wilden Hunden angegriffen wurden – darauf kannst du Gift nehmen.“

Es kam noch schlimmer als befürchtet.

Am nächsten Morgen stand die Schulleiterin in der Klasse und erklärte mit besorgter Stimme, dass das unbebaute Gelände ab sofort gesperrt sei. Ein Team des Ordnungsamts und der Tierschutzverein würden die dort lebenden Tiere einfangen und ins Tierheim bringen. „Wir müssen die Sicherheit unserer Schüler gewährleisten“, sagte sie und sah Jonas kurz an. Tims Vater, der im Stadtrat saß, hatte offenbar bereits am Abend zuvor mit dem Ordnungsamt telefoniert und die Sache ins Rollen gebracht.

Jonas verbrachte den Vormittag wie im Fieber. Er meldete sich nicht, schrieb nichts mit, seine Augen klebten an der regennassen Fensterscheibe. Nach der letzten Stunde rannte er los, obwohl es in Strömen schoss. Am Zaun des Geländes stand ein Transporter mit der Aufschrift „Tiernotdienst Salzgitter“. Zwei Männer in grüner Arbeitskleidung führten gerade eine große Transportbox aus dem Gebüsch. Darin kauerte Alma, die Nase zwischen die Gitterstäbe gepresst, und winselte.

„Das ist meine Hündin!“, schrie Jonas, packte einen der Männer am Ärmel. Der Mann schüttelte ihn freundlich ab. „Niemand hier hat Papiere, Junge. Die laufen seit Monaten da rum. Jetzt geh mal zur Seite, wir machen hier nur unsere Arbeit.“ Dann fügten sie Benny in einer kleineren Box hinzu, die Stahltür fiel zu, und der Wagen fuhr davon. Jonas stand im Regen und begriff erst nach einer Weile, dass er weinte. Nicht leise und heimlich, sondern mit dem ganzen Körper, als würde etwas in ihm zerbrechen.

Noch in derselben Nacht bekam er hohes Fieber. Sabine brachte ihn in die Bereitschaftspraxis, der Arzt diagnostizierte eine Lungenentzündung und behielt ihn gleich da. Jonas lag eine Woche im Krankenhaus, am Tropf, und sprach fast nichts. Er fragte nicht nach Herbert, nicht nach den Hunden. Die Nachtschwester erzählte Sabine, er rede im Schlaf von „Alma“ und einem Bauwagen.

Am Tag seiner Entlassung war die Wohnung seltsam aufgeräumt, und auf dem Küchentisch stand ein Teller mit frischen Quarkbällchen, die Sabine noch nie gebacken hatte. Es klingelte kurz nach drei.

Sabine öffnete die Tür. Jonas, noch im Schlafanzug, blieb im Flur stehen und traute seinen Augen nicht. Herbert stand da, im guten grauen Hemd, das er sonst nie trug, und führte eine Leine. Am anderen Ende zerrte ein völlig aufgeregter Benny mit seinen Schlappohren und wedelte, dass der ganze Körper wackelte.

Herbert grinste sein schiefes Grinsen. „Na, mein Junge. Wir konnten dich doch nicht einfach so im Regen stehen lassen. Jenny ist bei meiner Nichte auf dem Hof untergekommen, die suchte eh eine Hofhündin. Und den kleinen Schnitzel – für dich Benny – hab ich gleich am selben Abend aus dem Tierheim geholt, bevor irgendein Sachbearbeiter dumme Ideen bekommt. Deine Mutter und ich haben danach lange telefoniert, als du im Krankenhaus warst.“ Er zwinkerte Sabine zu.

Sabine verschränkte die Arme. Sie stellte einen Napf auf den Boden und schob ihn mit dem Fuß zu Benny. „Aber die Hundehaare saugst du selbst weg, verstanden? Keine Diskussion. Und das Gassigehen übernehmt ihr zwei gemeinsam.“ Sie strich Jonas über die nassen Haare.

Jonas kniete sich hin, und Benny sprang an ihm hoch und leckte ihm quer übers Gesicht. Herbert setzte sich auf den Stuhl am Küchentisch, als hätte er nie woanders gesessen, und erzählte, dass Jenny jetzt auf dem Hof von seiner Nichte sogar einen eigenen Zwinger bekommen hatte und jeden Morgen mit dem Traktor mitfahren durfte.

Am nächsten Morgen ging Jonas mit Benny an der Leine zur Schule. Tim und die anderen standen wie immer am Zaun. Sie sahen den Hund, sahen Jonas’ geraden Gang, und Tim sagte etwas zu seinem Nachbarn, so leise, dass man es nicht verstand. Dann wandte er sich ab und kickte eine leere Coladose gegen den Mülleimer. Keiner lachte. Jonas ging weiter, und Benny trottete neben ihm her, als wäre das schon immer ihr gemeinsamer Schulweg gewesen.

Auf dem brachliegenden Gelände wurde nie wieder ein wildes Tier eingefangen. Nur ab und zu, wenn es dämmert, steht eine schwarze Hündin mit einem grauen Gefährten am Waldrand, bevor sie zwischen den Bäumen verschwinden.

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