Lara Hartwich wuchs mit einem einzigen Vorsatz auf: Sie würde niemals so enden wie ihre Mutter.
Marianne Hartwich war eine Frau, über die die Leute noch zwanzig Jahre später sprachen. Schön, elegant, ein Stadtkind durch und durch, mit einem Abitur so glänzend, dass ihr jede Universität offengestanden hätte. Sie hätte Ärztin werden können, Architektin, hätte in Hamburg oder München Karriere machen können. Stattdessen hatte sie sich in Arne verliebt. Einen Mann, der große Ideen hatte und wenig Sitzfleisch. Er hatte eine Methode für ökologischen Gemüseanbau entwickelt, die alles verändern sollte, und Marianne zog mit ihm auf einen verwunschenen Hof im Wendland, um das große Abenteuer zu wagen.
Lara war fünf, als sie das erste Mal hörte, wie ihre Mutter nachts in der Küche weinte.
Das große ökologische Abenteuer war geplatzt wie eine Seifenblase. Arnes Methode funktionierte nicht, das Geld schmolz dahin, und Arne selbst schmolz mit. Aus dem charismatischen Visionär wurde ein müder Mann mit fahlem Gesicht und einer Fahne von billigem Kornbrand, die sich wie ein unsichtbarer Begleiter durch den ganzen Hof zog. Marianne alterte in diesen Jahren um Jahrzehnte. Sie sagte nie ein böses Wort über ihn, stand morgens um fünf auf, versorgte die Hühner und die Kinder, und abends saß sie am Küchentisch und starrte mit leeren Augen in die Flamme einer Kerze.
„Warum bist du eigentlich mit Papa aufs Land gezogen?“, fragte Lara sie einmal mit dreizehn, in diesem schneidenden Ton, den nur dreizehnjährige Mädchen beherrschen. „Das war doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Du hättest jeden haben können.“
Marianne strich ihrer Tochter eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte. Ein Lächeln, das Lara damals nicht verstand und das sie wütender machte als alles andere. „Eines Tages wirst du es vielleicht begreifen, mein Schatz. Oder auch nicht. Und vielleicht ist das auch besser so.“
Lara begriff es nicht. Stattdessen legte sie sich einen Plan zurecht. Seit jenem Nachmittag in der Küche stand es unverrückbar fest: Sie würde nie den falschen Mann lieben. Besser noch: Sie würde überhaupt nicht lieben, bis sie oben war. Gefühle waren eine Falle, das hatte sie am Beispiel ihrer Mutter gelernt.
Mit siebzehn ging sie nach Freiburg, um Biotechnologie zu studieren. Sie war die Jüngste im Jahrgang, die Ehrgeizigste, die mit den schärfsten Fragen in den Seminaren und dem kühlsten Lächeln bei den abendlichen Partys. Während andere Kommilitonen ihre Jugend genossen, knüpfte Lara ein Netz. Sie wusste, wen sie ansprechen musste, wem sie Komplimente machte und wem sie mit scheinbar naiver Bewunderung das Gefühl gab, unersetzlich zu sein.
Einer dieser Menschen war Professor Konrad Vester.
Leiter des Instituts für molekulare Biotechnologie, sechsundfünfzig, verheiratet mit einer stillen, unscheinbaren Laborleiterin namens Helene, zwei erwachsene Töchter, eine Villa im Stadtteil Herdern und ein Forschungsprojekt, das kurz vor dem Durchbruch stand. Vester war der König des Fachbereichs, und Lara wusste: Wer bei Vester promovierte, dem standen alle Türen offen.
Helene Vester war es, die Lara ihrem Mann vorstellte. Eine Ironie, über die Lara später oft nachdachte. Die ältere Frau, graumeliert, im weißen Kittel und mit diesem besorgten Ausdruck, den Frauen bekommen, wenn sie seit zwanzig Jahren die Launen eines eitlen Mannes ertragen, hatte Lara im Labor entdeckt und war begeistert von ihren Ergebnissen.
„Konrad, du musst dir diese junge Frau ansehen“, sagte sie, als sie ihren Mann eines Nachmittags im Institut abfing. „Lara Hartwich. Sie hat einen völlig neuen Ansatz für die Enzymstabilität entwickelt. So etwas habe ich noch nicht gesehen.“
Konrad Vester musterte Lara mit einem Blick, den sie genau kannte. Es war der Blick eines Mannes, der abschätzt, ob sich eine Investition lohnt. Lara trug ihre Haare offen, einen schlichten schwarzen Rollkragenpullover und die Perlenkette ihrer Großmutter. Sie sah aus wie eine junge Französin aus einem Godard-Film.
„Dann zeigen Sie mir mal, was Sie können, Frau Hartwich“, sagte er gedehnt.
Sie zeigte es ihm. Nicht nur im Labor.
Anfangs war es ein Spiel. Lara wusste, dass Männer wie Vester nicht wegen einer Studentin ihre Ehe aufs Spiel setzten. Das wollte sie auch gar nicht. Sie wollte Kontakte, Koautorenschaften, Empfehlungsschreiben, Zugang zu Forschungskreisen. Vester verliebte sich mit der ganzen blinden Wucht eines Mannes, der seit zwanzig Jahren nicht mehr verliebt gewesen war. Er schenkte ihr Ohrringe mit Saphiren und einen alten Volvo, er nahm sie mit zu Kongressen nach Barcelona und San Francisco, und er setzte ihren Namen unter Artikel in Fachzeitschriften, für die andere jahrelang schuften mussten.
„Ich könnte für dich alles hinschmeißen, Lara“, flüsterte er ihr eines Nachts in einem Hotelzimmer in Boston zu. „Helene und ich… das ist seit Jahren vorbei. Ich wusste es nur nicht. Bis du kamst.“
Lara strich mit dem Daumen über seinen Handrücken. „Konrad, du bist müde. Und übermorgen ist dein großer Vortrag. Schlaf jetzt.“
Helene Vester wusste Bescheid. Natürlich wusste sie Bescheid. Man sah es an den roten Rändern ihrer Augen und an der Art, wie sie Lara in den Institutsfluren nicht mehr grüßte. Aber sie schwieg, so wie Laras Mutter geschwiegen hatte. Das war der einzige Moment, in dem Lara einen Anflug von Unbehagen spürte. Aber es ging vorbei.
Nach dem Examen bekam Lara die Promotionsstelle, die sie wollte. Und dann, fast zeitgleich, passierten zwei Dinge.
Das erste: Lara lernte einen Mann kennen, der nicht verheiratet war. Sebastian Fichte, zweiunddreißig, Patentanwalt aus einer Hamburger Anwaltsdynastie, klug, gutaussehend, und vor allem: frei. Sie trafen sich auf einer Vernissage, er lud sie zum Essen ein, zwei Wochen später waren sie ein Paar. Vester wurde blass, als er davon erfuhr, aber er sagte nichts. Was sollte er auch sagen? Er war der verheiratete Professor, der seit Monaten versprach, seine Frau zu verlassen, und es nie tat.
Das zweite passierte an einem Dienstagmorgen im November: Lara hielt einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand.
Sie saß zwanzig Minuten auf dem Badezimmerboden und starrte die zwei blauen Striche an. Sebastian war nicht der Vater. Sebastian hatte sie nie ohne Kondom angefasst. Der Vater war Konrad Vester.
Ihr erster Gedanke war die Nummer einer Privatklinik in Basel. Aber dann, während sie die Ziffern schon in ihr Handy tippte, kam eine Welle von Übelkeit, die nichts mit der Schwangerschaft zu tun hatte. Es war die Vorstellung, in zwanzig Jahren einsam in einer Küche zu sitzen und auf eine Kerzenflamme zu starren. Vielleicht, dachte Lara in diesem Moment, vielleicht war das hier das Druckmittel, auf das sie gewartet hatte. Wenn Vester nicht bereit war, für sie seine Ehe aufzugeben, dann würde er es für sein Kind tun. Ein Sohn, ein später Erbe, das konnte er doch nicht ausschlagen.
Sie ging in sein Büro und legte den Laborbefund der Frauenklinik auf seinen Mahagonischreibtisch.
Konrad Vester nahm das Papier, und Lara sah, wie die Farbe aus seinem gutrasierten Gesicht wich. Fünf, zehn, fünfzehn Sekunden sagte er gar nichts. Draußen auf dem Gang schlug eine Tür, jemand lachte, Schritte entfernten sich. In dem Büro, in dem Lara so viele Nachmittage verbracht hatte, hörte man nur das leise Ticken der alten Standuhr, die Vesters Vater ihm aus dem Schwarzwald vermacht hatte.
„Lara…“, begann er, und räusperte sich. „Das ist… ich meine…“ Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Ich kümmere mich um alles. Finanziell, meine ich. Du musst dir keine Sorgen machen. Aber wir müssen… du musst verstehen, ich kann jetzt nicht… Helene und ich… das ist alles so kompliziert, das Institut, die Mädchen…“
Lara nickte langsam. Sie wusste, was das bedeutete.
Sebastian löste die Verlobung, bevor Lara ihm überhaupt von der Schwangerschaft erzählen konnte. Er hatte es wohl einfach gespürt, so wie kluge Anwälte so etwas spüren. Irgendwo musste jemand aus dem Institut geschwatzt haben. Lara trug es mit Würde, zumindest nach außen. Innen war eine Kälte, die nichts mit ihren üblichen Kalkulationen zu tun hatte. Jahre später sah sie ihn einmal in der Freiburger Innenstadt, mit einer blonden Frau und einem kleinen Mädchen auf dem Arm. Er grüßte knapp und verlegen. Lara empfand nichts mehr dabei, kein Bedauern, keine Nostalgie, nur eine leise Verwunderung darüber, wie gründlich ein Mensch aus ihrem Leben verschwinden konnte, der einmal so nah gewesen war.
Ihr Sohn kam an einem heißen Julitag zur Welt. Sie nannte ihn Paul, nach ihrem großen Bruder, und als sie ihn das erste Mal im Arm hielt, diesen winzigen roten schreienden Menschen mit ernsten grauen Augen, geschah etwas, womit Lara nicht gerechnet hatte. Irgendwo tief in ihrer Brust, hinter den Schichten aus Ehrgeiz und Berechnung, riss eine Naht auf.
Vester tauchte am dritten Tag nach der Geburt in der Klinik auf, mit einem Strauß weißer Rosen und einem dicken Umschlag. Er wagte kaum, das Kind anzusehen. Als Paul fünf Wochen alt war, hatte sich Konrads Frau endgültig von ihm getrennt, die Töchter brachen den Kontakt ab, und Helene zog zu ihrer Schwester nach Konstanz.
Und plötzlich stand Vester wieder vor Laras Tür. Jeden Abend brachte er Essen und Spielzeug, saß in ihrer kleinen Wohnung auf dem abgewetzten Sofa und hielt seinen Sohn auf dem Arm, mit einer unbeholfenen Zärtlichkeit, die Lara fast rührte. Fast. Sie ließ ihn gewähren und begann, sich in dem fremden Gefühl einzurichten, dass nun vielleicht doch noch alles gut werden könnte.
Es wurde nicht gut.
Im März des folgenden Jahres fuhr Vester zu einer Forschungskonferenz nach München. Es ging um sein Lebensprojekt, die Enzymstabilitätsstudie, an der Lara entscheidend mitgearbeitet hatte. Sie hatte ihm die Präsentation zusammengestellt, Grafiken überarbeitet, sogar den Titel formuliert. „Das ist unser Ding, Konrad“, sagte sie am Bahnhof und gab ihm einen Kuss. Er versprach, jeden Abend anzurufen.
Vier Tage lang rief er an. Am fünften kam nur eine SMS: „Heute stressig, melde mich morgen.“ Am sechsten: Nichts. Am siebten rief Lara im Hotel an, man sagte ihr, Herr Professor Vester sei bereits abgereist.
Zwei Wochen später erfuhr sie aus dem Institutsnewsletter, was geschehen war. Der Forschungsverbund in München hatte Vester ein Angebot unterbreitet: eine eigene Abteilung, ein Jahresetat im Millionenbereich, eine Dienstvilla im Englischen Garten und ein Platz im Vorstand eines Spin-off-Unternehmens. Das Projekt, das zu einem Viertel ihre Arbeit war, gehörte jetzt allein ihm. Und Konrad Vester hatte angenommen, ohne mit ihr auch nur ein einziges Wort zu wechseln.
Lara rief ihn an. Fünfmal, zehnmal, zwanzigmal. Beim dreiundzwanzigsten Mal ging er ran. „Lara, ich kann jetzt nicht reden, ich bin in einer Besprechung.“ Klick. Eine Woche später kam ein Paket mit Babysachen, Größe 74, und ein Briefumschlag mit fünfhundert Euro Bargeld. Kein Brief, keine Erklärung.
Die Villa im Herdern, in der sie ein Jahr lang mit Vester und dem Baby zur Miete gewohnt hatte, musste sie innerhalb von vierzehn Tagen räumen. Die Stelle am Institut wurde ihr mit einem formelhaften Bedauernsschreiben gekündigt, das der neue kommissarische Leiter unterzeichnet hatte, ein Mann, den Lara kaum kannte. Sie zog mit Paul in ein kleines Apartment in einem tristen Wohnblock im Freiburger Westen, wo der Wind durch undichte Fenster pfiff und der Nachbar über ihr jeden Abend um zehn die „Tagesschau“ auf voller Lautstärke hörte.
Es war ein Dienstag im November, fast auf den Tag genau drei Jahre nach dem positiven Schwangerschaftstest, als Lara den Tiefpunkt erreichte. Paul war erkältet und weinte seit Stunden. Das Geld reichte nicht für die teure Allergie-Milch, die der Kinderarzt empfohlen hatte. Laras Laptop, ihr einziges Arbeitsgerät, hatte den Geist aufgegeben, und sie hatte keine dreihundert Euro für einen neuen. Sie stand in der Kochnische, rührte in einem Topf mit billiger Gemüsesuppe und sah, wie draußen der Regen gegen die Fensterscheibe schlug.
Und dann musste sie an ihre Mutter denken.
Nicht an das verhärmte Gesicht, nicht an die Tränen in der Küche. Sondern an einen Nachmittag im Sommer, als Lara vielleicht acht gewesen war. Die Ernte war schon wieder schlecht ausgefallen, das Geld schon wieder knapp, und Laras Mutter hatte dennoch auf der kleinen Veranda einen Tisch mit einem geblümten Tuch gedeckt und selbstgebackenen Pflaumenkuchen serviert. Sie hatte gelacht, als Paul, Laras großer Bruder, eine Biene verschluckt hatte. Sie hatte gelacht, und Lara hatte das damals für Schwäche gehalten. Jetzt, mit einem schreienden Baby auf dem Arm und einer zerrütteten Existenz im Rücken, fragte sie sich zum ersten Mal, ob es nicht vielleicht Stärke gewesen war.
Das Telefon klingelte. Laras Mutter, pünktlich wie jeden Abend.
„Und, wie geht es meinem Enkel?“, fragte Marianne, und ihre Stimme klang warm, trotz der schlechten Verbindung und der hundert Kilometer Entfernung.
„Er schreit“, sagte Lara. „Er schreit, und ich habe kein Geld für seine Milch, und ich habe keine Ahnung, wie ich den Rest des Monats überstehen soll, und ich… ich…“ Sie sprach den Satz nicht zu Ende. Stattdessen weinte sie. Das erste Mal, seit sie mit dreizehn in der Küche gestanden und sich geschworen hatte, niemals zu werden wie ihre Mutter.
Marianne schwieg einen Moment am anderen Ende der Leitung. Dann sagte sie: „Ich komme morgen früh, mein Schatz. Ich bringe dir Geld und den alten Laptop von Papa, der funktioniert noch. Und dann schauen wir weiter. Wir schauen einfach weiter.“
Lara legte auf und sah auf Paul hinab, der in seiner Wiege endlich eingeschlafen war. Er hatte die gleichen grauen Augen wie sie, die gleichen, die ihr jeden Morgen aus dem Spiegel entgegensahen. Eine Ähnlichkeit, die bei fremden Leuten oft ein Lächeln auslöste.
Am nächsten Morgen, kurz bevor ihre Mutter mit der Regionalbahn eintraf, bekam Lara eine E-Mail. Eine kleine Biotech-Firma aus Basel suchte eine Laborleiterin. Die Bewerbungsfrist endete in drei Tagen. Lara schrieb die Bewerbung in einer Nacht, mit dem kaputten Laptop, der alle zwanzig Minuten abstürzte, und Paul in einer Tragehilfe vor der Brust.
Sie bekam die Stelle nicht sofort, aber sie kam auf die Shortlist, dann zum Vorstellungsgespräch, dann in die zweite Runde. Drei Monate später unterschrieb sie den Vertrag. Keine Villa im Grünen, kein großes Institut, aber eine bezahlbare Wohnung mit einem Balkon, auf den nachmittags die Sonne schien. Paul lernte laufen, und seine ersten vier Schritte legte er auf dem abgewetzten Parkett zurück, während Marianne in der Ecke saß und Kaffee trank und zum ersten Mal seit Jahren wieder so lächelte, wie Lara es von früher kannte.
Konrad Vester rief noch dreimal an im Lauf des nächsten Jahres. Lara nahm beim dritten Mal ab, hörte ihm zehn Sekunden zu, sagte: „Ich wünsche dir alles Gute, Konrad“, und legte auf. Das war an einem Donnerstag. Am Freitag reichte sie beim Familiengericht den Antrag auf alleiniges Sorgerecht ein. Sie bekam es ohne große Gegenwehr.
An einem Abend im Mai, kurz vor Pauls zweitem Geburtstag, saß Lara mit ihrer Mutter auf dem kleinen Balkon. Paul schlief, über ihnen zogen die Sterne auf, und irgendwo in der Nachbarschaft spielte jemand Klavier. Es war kein großes Glück, das da in der lauen Abendluft hing. Es war ein kleines, unscheinbares, hart erarbeitetes Glück.
Marianne hatte die geblümte Tischdecke mitgebracht, die gleiche, die schon auf der Veranda im Wendland gelegen hatte. Sie strich den Stoff glatt und sah ihre Tochter an, lange und ruhig.
Drinnen im Schlafzimmer drehte sich der kleine Paul im Schlaf auf die Seite und murmelte etwas Unverständliches, einen Laut, der fast wie ein Lachen klang. Marianne hob den Kopf, lauschte einen Moment, und das Lächeln, das sich auf ihrem Gesicht ausbreitete, war genug.







