Der Hund mit dem verbogenen Ohr

Klaus Bergmann wachte um Viertel vor sechs auf, wie jeden Morgen in den letzten eineinhalb Jahren. Der Wecker hatte noch nicht geklingelt. Draußen vor dem Fenster rumpelte die erste Straßenbahn Richtung Innenstadt. Er blieb liegen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte an die Decke, wo ein feiner Riss von der Lampe bis zur Wand lief. Früher hatte seine Frau immer gesagt, den müsse man mal ausbessern.

Kurz vor acht rief Manfred an, ein ehemaliger Kollege aus der Entwicklungsabteilung, mit dem er vor zwanzig Jahren die komplette Steuerungssoftware für die Fertigungsstraße geschrieben hatte.

„Klaus, ich hab da was. Die Tochter von meiner Cousine, die Sabine, hat einen Wurf Welpen. Labradore, reinrassig. Komm doch mal mit, nur anschauen. Die sucht noch Abnehmer.“

„Manfred, lass mal.“

„Nur anschauen hab ich gesagt. Ich hol dich um zehn ab. Mach dich fertig.“

Klaus saß auf der Bettkante. Die Fußleiste des Bettes hatte einen Kratzer, da war er vor Jahren mit dem Staubsauger hängengeblieben. Aus dem Bad tropfte der Wasserhahn. Er hatte die Dichtung schon dreimal wechseln wollen.

„Um zehn“, sagte er und legte auf.

Sabine wohnte draußen in einem kleinen Ort bei Hameln, ein altes Fachwerkhaus mit schiefen Fensterläden und einem verwilderten Garten voller Apfelbäume. Es roch nach feuchtem Gras, Hundefutter und dem Rauch aus dem Kamin des Nachbarhauses. Die Züchterin kam in Gummistiefeln aus der Haustür, eine kräftige Frau mit kurzen grauen Haaren und einer Lesebrille an einer Kordel um den Hals.

„Der Wurf ist hinten im Schuppen. Kommen Sie.“

Im umgebauten Geräteschuppen stand eine Wurfkiste mit Zeitungspapier ausgelegt. Die Hündin lag daneben, eine schwarze Labrador-Dame mit weißen Schnauzenhaaren, die schon etwas älter war. Sie hob kurz den Kopf, musterte Klaus mit braunen Augen und legte ihn wieder auf die Pfoten.

Sechs Welpen drängten sich an ihrem Bauch, glänzend, satt, mit Pfoten wie kleine Bären. Fünf davon kletterten übereinander, fiepten, zerrten an den Zitzen.

Der sechste saß ganz hinten in der Kiste, mit dem Rücken zur Wand, als wollte er nicht auffallen. Ein Ohr stand ab wie eine zerlesene Buchseite. Das Fell war stumpf, an der linken Hinterpfote fehlte ein Stückchen von der Kralle. Er schaute nicht zu den Geschwistern, sondern direkt zu Klaus. Ein ruhiger, langer Blick aus dunklen Augen.

„Also“, sagte Sabine und nahm einen der vorderen Welpen hoch, ein dickes, zappelndes Bündel. „Der hier, der Rüde, ganz toller Stammbaum, beide Elterntiere auf der Ausstellung platziert. Wird ein Prachtkerl, nehmen Sie den?“

Klaus schaute immer noch in die hintere Ecke der Kiste.

„Den da hinten.“

Sabine setzte den Welpen ab und wischte sich die Hände an der Hose ab.

„Also ehrlich gesagt, den wollte ich eigentlich gar nicht abgeben. Der ist hinterher, das sieht man gleich. Den behalt ich, oder ich finde schon eine Lösung. Nehmen Sie den hier, der ist wirklich erstklassig.“

„Den da hinten, bitte.“

Ein langer Blick zwischen Sabine und Manfred. Manfred hob kaum merklich die Schultern.

„Gut“, sagte Sabine schließlich. „Wenn Sie das wirklich wollen. Aber beschweren Sie sich hinterher nicht bei mir.“

Der Welpe war federleicht. Er roch nach Sägespänen und Hundemilch und hatte einen ganz eigenen warmen Geruch, irgendwie nach Heu und Karamell. Klaus öffnete seine Jacke, schob den kleinen Körper vorsichtig hinein und zog den Reißverschluss halb zu. Ein warmer Punkt begann an seiner Brust zu zittern, dann zu atmen, dann still zu liegen.

Auf der Rückfahrt sagte Manfred lange nichts. Vor der Autobahnausfahrt Hannover räusperte er sich.

„Warum hast du ausgerechnet den genommen? Ich mein, der war doch offensichtlich…“

Er suchte nach dem Wort.

„Keine Ahnung, Manni. Einfach so.“

Dann war es still.

In der Wohnung setzte Klaus den Welpen auf den Flurboden. Parkett, kalt vom langen Winter. Der kleine Hund blieb erstmal sitzen, dann tapste er los, rutschte auf den glatten Dielen, fing sich wieder, beschnüffelte die Fußleiste, den Schuhschrank, die Türschwelle zur Küche. Klaus stand im Flur, die Hände in den Hosentaschen, und schaute zu, wie dieses kleine fremde Leben seinen Wohnraum eroberte.

Er öffnete den Küchenschrank. Zwei Teller, eine Tasse, ein Glas. Kein Napf. Kein Hundenapf seit damals, als sein letzter Hund gestorben war, das war das Jahr vor Marions Tod gewesen, und seitdem hatte er keinen Napf mehr angerührt.

Er nahm die alte Auflaufform aus Steingut vom obersten Bord. Blau geblümt, mit einem Haarriss am Rand. Marions Form. Früher hatte sie jeden Sonntag Apfelkuchen darin gebacken. Er hielt sie unter den Wasserhahn, spülte sie lange aus, wischte den Staub vom letzten Jahr ab.

Wasser rein, auf den Boden gestellt. Der Welpe tapste hin, trank schlürfend, sabberte.

Klaus öffnete den Kühlschrank. Ein halbes Stück Käse, an den Rändern schon hart. Ein Glas Senf, das Marion vor fast zwei Jahren gekauft haben musste. Zwei Scheiben Toast, die letzte Packung. Sonst nichts.

Er zog die Jacke wieder an, der Welpe schaute irritiert, und ging runter zum Supermarkt an der Ecke. Kaufte Aufzuchtmilch, Hüttenkäse, gemahlenes Fleisch, ein ganzes Huhn zum Auskochen. Kaufte zwei Näpfe, einen blauen und einen roten, mit Pfotenabdrücken am Rand.

Die Kassiererin, eine junge Frau mit Nasenring und bunt gefärbten Haaren, schaute auf das Band mit den Hundesachen, dann auf Klaus, dann wieder auf das Band. Sie sagte nichts. Ihr Namensschild sagte „Leyla“. Klaus sagte auch nichts. Sie gab ihm das Wechselgeld, er nahm es, sie lächelte plötzlich.

„Glückwunsch zum Hund. Ist das ein Welpe?“

„Ja. Ein Welpe. Danke.“

Zu Hause kochte er Reis mit Huhn, stampfte es zu Brei, ließ es abkühlen, prüfte die Temperatur mit dem kleinen Finger. Genau so, wie er früher das Fläschchen für seine Tochter geprüft hatte, damals, vor fünfunddreißig Jahren, in der kleinen Wohnung in Linden, als er noch jung war und dachte, die Welt bleibt für immer so.

Der Welpe schlang den Brei, schmatzte, wischte mit der Zunge über den leeren Napf, dass er über die Fliesen schepperte. Klaus setzte sich auf den Küchenfußboden, mit dem Rücken an den Herd, und streckte die Beine aus. Zum ersten Mal seit Marions Tod saß er in dieser Küche und hatte keine Eile, nirgendwo hin zu müssen, weil zum ersten Mal jemand da war.

Der Welpe, satt und müde, rollte sich an seinen Knöchel. Ein weicher, atmender Ballen Wärme.

„Anton“, sagte Klaus in die leere Küche hinein. „Du heißt Anton.“

Der Hund hob kurz den Kopf, das verbogene Ohr zuckte, dann schlief er ein.

Ein halbes Jahr verging, langsam und viel zu schnell gleichzeitig. Klaus stand morgens um sechs auf, weil Anton um sechs aufwachte und mit der Rute gegen den Bettrand klopfte. Sie gingen in den Stadtwald, die große Runde am Maschsee entlang, dann die kleine durch den Von-Alten-Garten. Klaus fing wieder an zu kochen. Eintöpfe, Gulasch, Bratkartoffeln. Er kaufte beim Metzger Markknochen für Anton und für sich selbst ein ordentliches Stück Fleisch, was er seit Ewigkeiten nicht mehr getan hatte.

Er rasierte sich wieder jeden Morgen, weil es nicht mehr gleichgültig war, wer ihn sah.

Anton wuchs ungleichmäßig. Zuerst die Beine, viel zu lang, ein staksiges Gestell mit hängendem Ohr. Dann stellte sich das Ohr auf, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Dann das zweite. Das Fell wurde dicht und glänzend, schwarz mit mahagonifarbenen Akzenten an Läufen und Brust. Die Augen wurden bernsteinfarben, der Blick wach und klug.

Im März war er kein Welpe mehr. Er war ein Hund, ein großer, und er war schön.

Als Erster merkte es Manfred, der auf einen Kaffee vorbeikam. Er stellte sich in die Küchentür, sah Anton, sah Klaus, und sagte: „Das ist nicht dein Ernst. Das ist doch nicht der aus Hameln?“

„Doch.“

„Das gibt's nicht. Klaus, das gibt's nicht. Der sieht aus wie vom Züchter. Wie von einem guten Züchter. Mit Stammbaum und Papieren und dem ganzen Kram. Weißt du, was so ein Hund kostet?“

„Ist mir egal. Will ihn sowieso nicht hergeben.“

Manfred schüttelte den Kopf und trank seinen Kaffee.

Eine Woche später sprach ihn im Treppenhaus Frau Kowalski aus dem dritten Stock an, eine ältere Dame mit Lockenwicklern und Pantoffeln, die er sonst nur vom Grüßen kannte.

„Herr Bergmann, was haben Sie denn da für einen wunderbaren Hund? Ist das ein Mischling? Der sieht ja aus wie gemalt. Meine Enkelin steht jeden Nachmittag am Fenster und wartet, bis Sie Gassi gehen. Könnte sie den Hund vielleicht mal streicheln?“

Klaus schaute nach oben, zum Fenster im dritten Stock. Hinter der Scheibe ein kleines rundes Gesicht, eine Hand, die hektisch winkte.

„Klar. Soll sie runterkommen. Wir sind im Hof.“

Die Kleine hieß Frida, war sieben Jahre alt, hatte zwei geflochtene blonde Zöpfe und eine Zahnlücke vorne. Sie rannte in den Hof, blieb drei Meter vor Anton stehen, machte einen Knicks, als stünde sie vor einem König.

„Darf ich?“

Klaus nickte. Sie streckte die Hand aus, zögerlich, blieb zwei Fingerbreit vor Antons Nase stehen. Anton schnüffelte. Dann legte er den Kopf schief und stupste ihre Hand mit der Schnauze an. Frida kicherte.

„Herr Bergmann, hat er große Zähne?“

„Ziemlich große.“

„Beißt er?“

„Nein. Will er nicht. Der will das nicht.“

Frida überlegte. Dann fragte sie: „Kann ich morgen wiederkommen? Und ihm ein Leckerli mitbringen? Ich hab ein bisschen Taschengeld.“

„Bring lieber kein Leckerli. Aber kommen kannst du.“

Frida rannte ins Haus zurück, ihre Zöpfe flogen. Klaus sah ihr nach. Anton stupste ihn ans Knie, als wollte er sagen: Gehen wir weiter.

Im April wurde es warm. Der Hof roch nach Flieder. Die Leute saßen auf den Bänken vor dem Haus, und Klaus saß nicht mehr allein auf seiner. Frida saß meistens daneben, erzählte von der Schule, von ihrer Lehrerin Frau Meier, die immer „Früh-ling-sge-dich-te“ mit ihnen übte, von ihrem Papa, der jetzt in Hamburg arbeitete und nur am Wochenende kam.

Einmal brachte Frau Kowalski einen Topf Soljanka vorbei. Sie stand in der Tür, den Topf mit einem Geschirrtuch umwickelt, und sagte: „Herr Bergmann, ich hab zu viel gekocht. Meine Tochter ist krank, die sollte eigentlich kommen, jetzt sitz ich auf dem Essen. Nehmen Sie's doch, das wird sonst schlecht. Und Anton kriegt die Knochen, ich heb sie ihm auf.“

Klaus nahm den Topf. Er war warm. Er roch nach Paprika und Essig und Kümmel. Genau wie die Soljanka, die Marion immer gemacht hatte, jedes Silvester, es war ihre Tradition gewesen.

„Frau Kowalski, ich weiß nicht, wie ich das gutmachen soll.“

„Ach Quatsch. Gutes Essen muss gegessen werden. Guten Abend, Herr Bergmann.“

Sie stieg die Treppe hoch, ihre Pantoffeln schlurften auf den Stufen. Klaus stellte den Topf auf den Herd, nahm einen Löffel, kostete. Dann nahm er einen Teller, und dann setzte er sich an den Tisch, richtig an den Küchentisch, mit Teller und Besteck und einem Glas Wasser, und aß. Allein, aber nicht einsam, weil Anton unter dem Tisch lag und mit der Rute gegen die Tischbeine klopfte.

Im Mai kam ein Herr im Anzug auf ihn zu, als er gerade aus dem Haus trat. Um die vierzig, teure Schuhe, glänzender Aktenkoffer.

„Herr Bergmann? Entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist Schröder. Ich habe Ihren Hund gesehen, vorige Woche, vom Auto aus. Darf ich fragen, ob Sie ihn abgeben würden? Ich biete Ihnen viertausend Euro. Bar. Sofort. Der Hund ist exzellent, und ich suche ein Begleittier für meine Mutter, die lebt allein auf dem Land, und so ein Hund wäre ideal. Viertausend, was sagen Sie?“

Klaus schaute den Mann an. Dann schaute er auf Anton, der neben ihm saß, aufmerksam, mit gespitzten Ohren, als verstünde er jedes Wort.

„Nein“, sagte Klaus. „Nicht für Geld. Für gar nichts. Komm, Anton.“

Sie gingen die Straße runter Richtung Kanal. Der Mann im Anzug blieb stehen, sah ihnen nach, holte einmal Luft, als wollte er etwas rufen. Dann stieg er in sein Auto und fuhr davon.

An diesem Abend saß Klaus lange auf dem Sofa, Anton neben ihm, die große schwarze Schnauze auf seinem Knie. In der Wohnung war es still, nur das Ticken der Küchenuhr und das ferne Rauschen der Stadtautobahn.

Er stand auf, ging zum Wohnzimmerschrank und öffnete die untere Schublade. Ganz hinten, unter einem Stapel alter Handtücher, lag ein gerahmtes Foto, das er vor anderthalb Jahren dorthin gelegt hatte, mit dem Gesicht nach unten, weil er es nicht ertrug, diese Augen anzusehen.

Marion. In ihrem Sonntagskleid, vor dem Rhododendron im Schrebergarten, mit dreiundsechzig Jahren, lachend, mit Sonnenflecken auf den Wangen. Das letzte Foto vor der Diagnose.

Er holte das Bild heraus, wischte mit dem Ärmel über das Glas, pustete den Staub von der oberen Kante. Dann stellte er es auf den Schrank, mitten auf die freie Fläche, wo es früher immer gestanden hatte.

Marion lachte ihn an, wie sie immer gelacht hatte, an guten Tagen.

Anton kam vom Sofa herüber, setzte sich neben ihn, schaute das Bild an und wedelte langsam mit der Rute. Dann legte er den Kopf an Klaus‘ Hüfte, ganz sacht.

Klaus stand da, in seinem leeren Wohnzimmer, die Hand auf dem warmen Hundekopf, und schaute seine Frau an.

„Weißt du was“, sagte er in die Stille hinein. „Wir schaffen das hier. Der Anton und ich. Wir schaffen das.“

Vom Hof hörte man Frida rufen: „Herr Beeeergmann! Ist Anton da? Daaaarf ich?“

Klaus öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus. Unten stand Frida mit zwei geflochtenen Zöpfen und einem selbstgemalten Bild in der Hand, ein großer schwarzer Hund mit Bernsteinaugen und ein kleiner Junge daneben – oder sollte das ein Mann sein? Die Proportionen waren siebenjährig.

„Kommt rauf“, rief Klaus. „Ich mach Kakao. Anton ist schon wach, der wartet auf dich. Der wartet immer.“

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MagistrUm
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