An diesem Morgen bog ich falsch ab. Es war der dritte Donnerstag im Oktober, halb sieben, die Luft roch nach nassem Laub und dem Rauch aus den Kaminen der Altbauwohnungen in der Elbchaussee. Normalerweise laufe ich die Strecke am Wasser entlang, am Jenischpark vorbei und dann zurück. Aber die Stadt hatte den Uferweg wegen Wartungsarbeiten gesperrt – ein handbeschriebenes Schild an einem Bauzaun: »Bitte den Umweg über die Parkallee nehmen«. Also bog ich in die kleine Seitenstraße ein, vorbei an den dichten Rhododendron-Hecken der Villengrundstücke. Ich kannte diesen Weg nicht. Er war eng und still, der Asphalt wellig von den Wurzeln alter Kastanien. Ich dachte noch: Blöd, jetzt muss ich nachher den Hügel wieder hoch.
Dann hörte ich ein Geräusch. Kein Winseln, kein Maunzen. Eher ein ganz leises, kaum hörbares Schaben, wie eine Pfote auf trockenem Laub. Ich blieb stehen, das Herz schlug schneller ohne Grund. Hinter einer verrosteten Parkbank, unter einem wilden Fliederbusch, lag ein Haufen dunkles Fell und bewegte sich. Erst dachte ich an einen verletzten Fuchs. Wir haben Füchse in Blankenese, das wäre nichts Ungewöhnliches. Ich ging in die Hocke, schob die Zweige auseinander – und sah eine Hündin. Sie war ein mittelgroßer Mischling, vielleicht ein Schäferhund-Boxer-Mix, das Fell verfilzt und voller Kletten, die Rippen zeichneten sich unter der Haut ab, als hätte jemand einen Drahtkorb mit grauem Plüsch überzogen. Sie lag auf der Seite, die Augen halb geschlossen, und atmete flach. Aber sie lag nicht allein.
An ihren Bauch geschmiegt lagen zwei Welpen. Vielleicht drei Wochen alt, die Mäuler noch rosa, die Pfoten wie kleine Radiergummis. Und dahinter – ich blinzelte, schob noch einen Zweig weg – lagen drei Katzenbabys. Sie waren winzig, die Augen noch blau, das Fell gefleckt wie bei wilden Kaninchen. Eines der Kätzchen hatte sich zwischen die Welpen gerollt, ein anderes lag unter dem Vorderlauf der Hündin, das dritte direkt an ihrer Kehle, das Köpfchen an ihrem Hals. Sie waren nicht ihre. Es waren fremde Kinder. Und sie hatte sie adoptiert.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort hockte. Der Oktobernebel kroch über meine Knöchel, meine Finger wurden taub. Die Hündin hob irgendwann den Kopf und sah mich an. Sie knurrte nicht, sie fletschte nicht die Zähne. Sie sah mich einfach an, mit diesen braunen, unendlich erschöpften Augen, in denen eine Frage stand: Bist du sicher? Darf ich dir vertrauen? Ich schluckte, der Kloß in meinem Hals tat weh. Ich bin keine Frau, die bei Tiergeschichten weint. Aber als ich dieses Knäuel aus fünf kleinen Körpern sah, die sich aneinander kuschelten, ohne zu wissen, dass sie eigentlich nicht zusammengehören, passierte etwas in mir. Ich dachte an meine eigene Mutter, die vor drei Jahren gestorben war und die noch auf dem Sterbebett gefragt hatte, ob es meinem Bruder gut gehe – meinem Halbbruder, den sie nie gemocht hatte. »Blut ist nicht alles«, hatte sie gesagt. »Wärme zählt.«
Ich zog mein Handy aus der Armtasche meiner Laufjacke. Meine Finger waren so klamm, dass ich zweimal die falsche Nummer tippte. Dann endlich Thomas. Es klingelte viermal, fünfmal. Er ging ran, seine Stimme noch schlaftrunken: »Anna? Ist was passiert?« – »Kannst du kommen?«, brachte ich heraus. »Ich bin in der kleinen Straße hinter der Parkallee, da wo die alte Bank steht. Ich hab eine Mutter gefunden. Mit fünf Kindern. Aber nicht alle sind ihre eigenen.« – »Was redest du da?« – »Bitte. Bring die alte Hundebox aus dem Keller mit. Und eine Decke. Beeil dich.«
Zwanzig Minuten hörte ich nur meinen eigenen Atem und das gelegentliche leise Quieken eines Kätzchens. Die Hündin bewegte sich nicht. Ich traute mich nicht, sie anzufassen. Ich saß einfach auf dem kalten Boden, hielt die Hände in die Jackentaschen gepresst und redete mit ihr. Leise. Dass wir sie mitnehmen, dass wir helfen, dass niemand mehr frieren muss. Sie schloss die Augen, als würde sie verstehen.
Thomas kam mit dem alten Golf. Er parkte halb auf dem Gehweg, stieg aus, Box unter dem Arm. Als er das Fellbündel sah, blieb er stehen und sagte nichts. Er ist kein Mann der großen Worte. Er stellte die Box ab, kniete sich neben mich und beobachtete die Hündin. »Sind das… Katzen?«, flüsterte er. Ich nickte. Er schüttelte langsam den Kopf, zog seine Arbeitshandschuhe aus der Jacke und sagte: »Gut. Wir nehmen alle. Aber zuerst die Kleinen, dann die Mama, sonst wird sie unruhig.«
Wir hoben die drei Kätzchen und die beiden Welpen behutsam in die Box, auf das alte Flanellhemd, das Thomas mitgebracht hatte. Sie waren warm und federleicht. Als wir die Hündin anleinen wollten – ich hatte einen alten Strick aus dem Kofferraum geholt –, stand sie von selbst auf. Ihre Beine zitterten, aber sie leckte mir einmal über den Handrücken und folgte mir dann zur offenen Heckklappe. Sie sprang nicht, sie wartete, bis Thomas sie vorsichtig hineinhob. Dann legte sie sich neben die Box, die Nase ans Gitter gepresst. Und die ganze Fahrt zur Praxis sah sie mich im Rückspiegel an.
Die Tierärztin, Frau Dr. Meinhardt, eine resolute Frau mit kurzen grauen Haaren und einer Brille an einer bunten Kette, untersuchte alle sechs, während der Kaffeeautomat im Flur tropfte und eine griechische Landschildkröte im Wartezimmer gegen die Terrarienscheibe stieß. Die Welpen waren gesund, die Kätzchen halbwegs stabil, die Hündin stark unterernährt, aber ohne innere Verletzungen. »Eins müssen Sie wissen«, sagte sie und zeigte auf das kleinste Kätzchen, ein getigertes mit weißen Pfoten. »Das hier hat kaum gesaugt. Es ist dehydriert und unterkühlt. Wenn es die Nacht nicht schafft, haben wir leider keine Chance.« Sie gab mir eine Flasche Spezialmilch und eine Pipette. »Alle zwei Stunden. Halten Sie es warm. Und beten Sie.«
Wir nahmen alle mit nach Hause. In der Waschküche im Souterrain, zwischen Waschmaschine und Trockner, bauten wir ein Lager aus Pappkartons, alten Wolldecken und einem Heizkissen auf niedrigster Stufe. Ich taufte die Hündin Mathilde. Tilly, weil sie so zart war, dass man sie kaum berühren mochte. Die Welpen nannten wir Mops und Fred, die Kätzchen Mimi, Moritz und – das schwache – Pünktchen. Thomas brachte mir einen Campingstuhl, einen Thermoskrug Tee, und sagte: »Ich bleib bei dir.«
Die Nacht war lang. Tilly lag in ihrem Karton und beobachtete jede meiner Bewegungen, während ich Pünktchen in ein Handtuch wickelte und ihm alle zwei Stunden mit der Pipette Milch in das winzige Mäulchen träufelte. Es schluckte kaum. Der kleine Bauch hob sich kaum. Einmal, gegen drei Uhr morgens, hörte das Atmen ganz auf. Ich strich mit dem Finger über die Brust, massierte in winzigen Kreisen, und dachte: Bitte, bitte nicht. Ein leises, kaum hörbares Maunzen kam. Dann noch eins. Dann hob Pünktchen den Kopf, öffnete die blauen Augen und begann, an meinem Daumen zu saugen. Ich weinte. Heulte, mit hochgezogenen Knien und zitternden Schultern, und Tilly stand auf und leckte mir die Tränen von der Wange. Als wäre ich eines ihrer Kinder.
In den nächsten Wochen änderte sich unsere Routine völlig. Thomas fuhr morgens allein zur Arbeit, ich nahm unbezahlten Urlaub. Ich fütterte, wärmte, putzte, machte Fotos für den Tierschutzverein und schrieb Anzeigen ins Stadtteilportal. Ich lernte, dass Welpen um Punkt sechs Uhr früh durchdrehen und dass Kätzchen auf die absurdeste Weise in Socken klettern können. Ich lernte, dass Tilly nichts fraß, bevor sie nicht sicher war, dass alle fünf kleinen Bäuche gefüllt waren. Und ich lernte, dass eine Hündin, die nie einen eigenen Korb hatte, bereit war, ihr letztes bisschen Kraft für drei Wesen zu geben, die nicht mal ihre eigene Sprache sprachen.
Die Interessenten kamen. Zuerst für Mops, den pummeligeren Welpen, ein junges Paar aus Ottensen mit einem großen Garten. Dann für Fred, eine Familie mit zwei Kindern, die versprachen, ihn nie an die Kette zu legen. Die Kätzchen wurden gemeinsam von einer alten Dame aufgenommen, die seit Jahren Katzen aus dem Tierheim pflegte. Sie holte alle drei an einem sonnigen Novembernachmittag ab, setzte sie in einen Weidenkorb und sagte: »Keine Sorge, die bleiben zusammen. Bei mir gibt’s eine beheizte Veranda und jeden Tag Hühnchen.«
Übrig blieb Tilly. Sie lag in der Waschküche auf ihrem Kissen und sah mich an, als wüsste sie, dass das der letzte Abschied war. Ich hatte schon ein Tierheim in Stellingen kontaktiert, die hatten einen Platz für sie. Aber als ich ihre Leine nahm, stand sie auf, ging zu dem leeren Karton, in dem Pünktchen gelegen hatte, und stupste ihn einmal an. Dann kam sie zurück und legte den Kopf auf meinen Schoß. Thomas lehnte im Türrahmen. »Du weißt, dass wir sie behalten, oder?«, sagte er.
Ich rief das Tierheim an und sagte ab. Dann kaufte ich ein neues Hundebett, das genau zwischen Couch und Heizung passte, einen roten Napf und eine Tüte mit den teuren Leckerlis aus der Manufaktur am Fischmarkt. Ich meldete Tilly beim Veterinäramt an, ließ sie chippen und kaufte eine quietschgelbe Hundemarke mit ihrem Namen und unserer Telefonnummer.
Heute, sechs Monate später, liegt sie neben mir, während ich das schreibe. Draußen regnet es, der April klopft ans Fenster. Auf dem Couchtisch steht eine Karte von der alten Katzendame: ein Foto von Mimi, Moritz und Pünktchen, die mittlerweile flauschige junge Katzen sind, auf einem Kratzbaum sitzend. Pünktchen hat einen kleinen weißen Latz und sieht direkt in die Kamera. Die Welpen schicken manchmal Videos: Mops gräbt Löcher im Sand, Fred apportiert einen knallpinken Ball.
An diesem Morgen im Oktober bin ich falsch abgebogen. Aber ich habe nie mehr nach dem richtigen Weg gesucht.







