Der Waldschrat

Er war ein mürrisches, altes Vieh. Grau, zerzaust, ein Ohr halb abgerissen. Sein Revier war eine stillgelegte Ziegelei am Rand von Bad Segeberg, dahinter begann der tiefe Segeberger Forst. Menschen hasste er. Andere Katzen noch mehr. Sein Leben war klar: jagen, fressen, in der Sonne dösen und bloß niemandem in die Quere kommen. Ein perfekter Plan, fand er. Bis zu diesem einen Morgen Anfang April.

Ein Geräusch riss ihn aus dem Schlaf. Kein Vogel, kein Rascheln — ein klägliches, hohes Fiepen, das nicht hierhergehörte. Es klang nach einem kleinen Ding, das am Ende war. Er schob sich unter einem morschen Fensterbrett hervor und spähte ins Gebüsch. Zwischen Brennnesseln und altem Schutt kauerte ein Fellbündel. Nass, zitternd, keine größer als eine ausgewachsene Männerfaust. Der graue Kater schlich näher, die Nase im Wind. Und dann stank es ihm entgegen. Hund.

Sein Schwanz peitschte. Jeder Instinkt schrie: Weg hier. Aber das Bündel hob den Kopf, zwei schwarze Knopfaugen trafen seine, und aus dem winzigen Maul kam ein so jämmerliches, dünnes Quieken, dass der Kater einfach stehen blieb. Er fauchte, nur so pro forma. Das Bündel robbte auf ihn zu, plumpste über seine eigenen tapsigen Pfoten und presste die kalte Nase gegen sein Kinn.

Blödsinn, dachte der Kater. Riesengroßer Blödsinn.

Zwei Stunden später lag das Bündel in seiner Höhle unter dem alten Brennofen. Ein Wolf. Der Kater wusste das, auch wenn er keine Ahnung von Wölfen hatte. Dafür roch das Ding einfach zu wild. Er nannte es erst gar nicht. Höchstens „das Ungetüm“. Das Ungetüm fraß. Es fraß ihm die Haare vom Kopf. Plötzlich reichte es nicht mehr, eine fette Wühlmaus zu erbeuten. Er musste Kaninchen reißen, Hasen, einmal sogar ein Rehkitz, das er sich mit einem Fuchs teilte.

Das Ungetüm wuchs. Und es wuchs nicht nur, es lernte. Der Kater schliff seine Krallen an Beton? Das Ungetüm wetzte seine an einem Findling. Der Kater lauerte regungslos im Farn? Das Ungetüm presste sich neben ihn und atmete so flach, dass nicht mal die Meisen es hörten. Nach einem Jahr war das Ungetüm größer als jeder Schäferhund, den der Kater je gesehen hatte. Nach zwei Jahren passte es nicht mehr durch den Eingang der alten Brennkammer.

Es passierte an einem Dienstag. Der Kater hatte Lust auf etwas Verbotenes. Nicht Wald, nicht Wild — er wollte Fettiges, Salziges, eine dieser halb verwesten Frikadellen aus den Tonnen hinter dem „Waldesruh“-Imbiss an der Landstraße. Also trottete er los, das schwere Fell des Ungetüms noch im Ohr, das vor der Höhle schlief.

Der Imbiss war menschenleer. Die Tonnen quollen über. Er fand eine ganze, kaum angebissene Bratwurst und zerrte sie gerade über den Rand, als ein tiefes Grollen die Luft zerschnitt. Keine fünfzehn Meter entfernt stand ein Köter. Groß, drahtig, die Lefzen hochgezogen. Dahinter noch einer, und noch einer. Vier wildernde Hunde, die sich hier ihr Revier erkämpft hatten. Sie hatten ihn gerochen. Sie hatten gewartet.

Er ließ die Wurst fallen.

Rennen. Rennen, so schnell seine alten Knochen ihn trugen. Er hetzte über den Schotter, unter einen verrosteten Baucontainer, hinaus auf eine leere Betonfläche. Eine Sackgasse. Die Hunde schlossen einen Halbkreis, Speichel troff auf den Asphalt. Der Kater drückte sich in die Ecke, sein Fell ein einziger borstiger Panzer, sein Herz ein Presslufthammer. Er wusste, es war vorbei. Aber in seinem Schädel pochte nur ein Gedanke: Das Ungetüm. Es wartet. Es wartet, und es wird nicht verstehen, warum ich nicht komme. Es wird hungernd vor der Höhle sitzen, mit diesen blöden treuen Augen, und irgendwann wird es aufhören zu warten. Und dann wird es sterben.

Der größte Hund spannte die Hinterläufe. Der Kater holte tief Luft und heulte. Ein langer, rauer, völlig unkatziger Laut, der von den Wänden des alten Imbisses zurückgeworfen wurde.

Die Antwort kam sofort. Ein Krachen im Gebüsch, ein tiefes, kehliges Donnern, das nicht aus einer Hundekehle stammen konnte. Eine schwarze, rasende Masse brach aus dem Dickicht der Brombeerhecken und traf den Leitköter wie ein Güterzug. Der Hund überschlug sich, jaulte gellend auf, Blut spritzte über den Asphalt. Die anderen fuhren herum, doch was sie sahen, ließ ihre Ruten augenblicklich unter die Bäuche klemmen.

Das Ungetüm. Es stand da, so groß wie ein Kalb, das grau-schwarze Fell gesträubt, so dass es die aufgehende Sonne verdeckte. Die Lefzen blutrot, die Zähne ein Gebirge aus Elfenbein. Es stieß ein tiefes, hasserfülltes Knurren aus — kein Laut, sondern eine Druckwelle. Die Hunde, die noch konnten, rasten davon, blind vor Panik, geradewegs in den Wald hinein. Einer blieb liegen und rührte sich nicht mehr.

Der Kater saß regungslos in seiner Ecke, die Krallen noch immer tief in den Beton geschlagen. Das Ungetüm wandte den gewaltigen Schädel. Sein Atem ging stoßweise, dampfte in der kühlen Morgenluft. Es kam auf ihn zu, die mächtigen Pranken hinterließen nasse Abdrücke auf dem Asphalt.

Dann senkte es den Kopf, genau wie damals als winziges Bündel unter dem Brennnesselbusch. Es stupste den Kater mit einer Zärtlichkeit an, die dieser monströse Körper kaum fassen konnte. Seine Zunge, rau wie grobes Sandpapier, strich dem Kater einmal quer übers Gesicht. Der graue Griesgram, dem eben noch die Hölle ins Gesicht gestarrt hatte, boxte ihm mit ausgefahrener Kralle gegen die Schnauze. „Spinnst du?“, sagte dieser Hieb.

Das Ungetüm winselte leise. Nicht vor Schmerz. Vor Glück. Es ließ sich schwer neben ihm auf den Asphalt plumpsen, das Kinn auf die Pfoten gebettet, und beobachtete ihn mit diesen dunklen, völlig un-wölfisch sanften Augen, die fragten: Alles in Ordnung?

Der Kater seufzte. Er leckte sich eine zerrissene Kralle sauber. Dann stand er auf, schüttelte den Staub aus seinem Fell, und strich mit einem knappen, kaum wahrnehmbaren Kopfnicken an der Flanke des Wolfs entlang. „Komm, du Ungetüm“, schien das zu heißen. „Hier gibt’s nichts mehr zu fressen. Wir gehen nach Hause.“

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