Ich stand am Brunnen vor dem Kino, den Strauß Margeriten in der Hand. Meine Finger waren klamm, dabei war es ein milder Maiabend. Ein alter Mann auf der Bank gegenüber zündete sich umständlich eine Zigarette an und musterte mich mit dem müden Interesse eines Menschen, der schon alles gesehen hat.
„Leon?“
Die Stimme kam von links. Nicht laut, aber klar. Irgendetwas darin ließ mich zusammenzucken. Ich drehte mich um und hätte fast die Blumen fallen lassen.
Vor mir stand eine Frau mit kurzen, fast schwarzen Haaren, die in der Abendsonne bläulich schimmerten. Ihre Augen waren von einem hellen Grau, das ständig die Farbe zu wechseln schien. Sie trug eine abgewetzte Lederjacke und darüber einen Seidenschal, der nach Tabak und irgendeinem schweren Parfum roch. An der rechten Hand fehlte ihr das oberste Glied des kleinen Fingers.
„Marie“, sagte ich. Es klang heiser. Lächerlich.
Sie musterte mich ohne Eile. Dann, als hätte ich eine Prüfung bestanden, erschien ein kaum sichtbares Lächeln in ihren Mundwinkeln.
„Du siehst aus wie jemand, der seit zwanzig Minuten am falschen Eingang wartet.“ Sie zog an ihrer Zigarette. „Das Kino ist da hinten. Aber du wolltest ja keinen Film sehen, oder?“
„Wollte ich nicht.“ Ich streckte ihr den Strauß hin. „Die sind für dich. Keine Ahnung, ob du Blumen magst. Ich dachte nur… ich weiß auch nicht, was ich dachte.“
Marie nahm die Margeriten, betrachtete sie kurz und steckte sie dann in ihre Umhängetasche, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
„Gehen wir“, sagte sie. „Am Fluss ist es ruhiger.“ Sie hakte sich bei mir unter, als täten wir das jeden Abend. Ich spürte die Wärme ihrer Hand durch den Stoff meines Hemdes.
So begann die Sache mit Marie Steinke, die im April 1967 in mein Leben trat wie ein sorgfältig vorbereiteter Unfall.
Wir gingen die Uferstraße entlang. Das Wasser war bleiern, irgendwo tutete ein Lastkahn. Ich redete. Ich redete zu viel, wie immer, wenn ich nervös bin. Über mein Studium, über meinen Bruder, über die Bäckerei meiner Eltern in Pempelfort, über alles. Marie hörte zu. Sie stellte Fragen, die nicht höflich waren, sondern genau. Haken, die sitzen blieben.
„Warum studierst du eigentlich Zahnmedizin, wenn du lieber Gärtner geworden wärst?“, fragte sie an der Pegeluhr.
„Weil mein Vater die Praxis seit dreißig Jahren hat und ich der einzige Sohn bin, der noch mit ihm redet.“ Die Antwort kam, bevor ich nachdenken konnte.
Marie nickte. Kein Urteil. Kein Ratschlag. Nur dieses Nicken, das bedeutete: Ich habe es zur Kenntnis genommen.
Sie selbst erzählte wenig. Ich erfuhr, dass sie 1944 in Königsberg geboren war, als die Stadt schon brannte. Dass ihre Mutter sie auf der Flucht bekommen hatte, irgendwo zwischen Schnee und Tieffliegern. Dass sie jetzt in der Telefonvermittlung der Stadtwerke arbeitete, Nachtschicht, sechs Mal die Woche.
„Hört sich einsam an“, sagte ich.
„Ist es nicht“, erwiderte sie. „Ich höre die ganze Nacht Stimmen. Nur sind das nicht meine Gespräche.“ Sie lachte, kurz und ohne Bitterkeit. „Irgendwann fängst du an, dir Geschichten zu den Stimmen auszudenken. Um zwei Uhr nachts ist das besser als Kino.“
Wir blieben an einem Geländer stehen. Unter uns strömte der Rhein, gleichgültig und breit. Marie stand so nah, dass ich ihren Atem im Nacken spürte.
„Leon“, sagte sie. „Du schaust mich an, seit wir uns begegnet sind. Die ganze Zeit. Weißt du das?“
Ich wusste es. Ich konnte nicht anders. Es lag nicht nur an ihrem Gesicht, den hohen Wangenknochen, den schmalen Lippen. Es war die Art, wie sie dastand. Als gehörte ihr der Fluss und alles, was darauf trieb.
„Ich glaube“, sagte ich langsam, „ich bin gerade in etwas hineingeraten, worauf ich nicht vorbereitet war.“
Marie drehte sich zu mir. Ihr grauer Blick war vollkommen ruhig.
„Das mag ich an dir“, sagte sie. „Dass du es zugibst.“ Sie nahm meine Hand. „Aber jetzt will ich einen Kaffee. Da vorne gibt es eine Kneipe mit fragwürdigen Stühlen. Die Kellnerin heißt Helga und kann Karten legen. Interessiert?“
Ich nickte. Mehr brachte ich nicht heraus.
Das Lokal hieß „Zum Anker“, und Helga legte keine Karten, sondern servierte Bohnenkaffee mit einem Schuss Korn. Wir saßen an einem wackligen Tisch am Fenster, draußen war es inzwischen dunkel geworden. Marie wickelte ihren Schal enger, die Heizung unter dem Fensterbrett war seit dem Krieg nicht mehr erneuert worden.
„Warum hast du damals ja gesagt?“, fragte ich. „Auf das Treffen, meine ich. Du kanntest mich doch gar nicht. Ein Anruf von irgendeinem Kerl, der sich über die Vermittlung zu dir durchgefragt hat. Das muss doch verrückt geklungen haben.“
Marie lächelte. „Es klang nicht verrückt. Es klang mutig. Drei Tage lang hast du es versucht, sagte die Kollegin von der Frühschicht. Drei Tage. Die meisten rufen einmal an und geben auf.“ Sie trank einen Schluck Kaffee. „Mut hat mir immer gefallen. Ist ein seltener Rohstoff geworden in diesem Land.“
Um Mitternacht brachte ich sie zur Straßenbahn. Sie wohnte in Mülheim, sagte sie, mehr nicht. Keine Adresse, keine Telefonnummer. Ich fragte auch nicht.
„Wann sehen wir uns wieder?“, fragte ich an der Haltestelle.
„Ruf mich an“, sagte sie. „Du hast ja die Nummer von der Zentrale.“ Sie stieg ein, die Türen schlossen sich zischend. Durch die Scheibe sah ich, wie sie die Margeriten aus der Tasche zog und auf den Sitz neben sich legte. Dann fuhr die Bahn an, und das gelbe Licht verschluckte sie.
Die nächsten zwei Wochen waren die Hölle.
Ich rief an. Täglich. Manchmal stündlich. Die Nummer der Vermittlung war ein Nadelöhr, durch das ich mich jedes Mal aufs Neue quetschen musste. Meistens ging eine Frau namens Kohlhaas ran, die klang, als hätte sie Zitronen zum Frühstück gegessen. Marie sei nicht zuständig. Marie sei in der Pause. Marie sei heute nicht da. Wer ich überhaupt sei, und ob das hier ein privater Anschluss wäre.
Ich lernte die Stimmen aller Vermittlerinnen kennen. Die von Kohlhaas. Die rauchige von Frau Nowak, die wenigstens Mitleid zu haben schien. Die schrille von Fräulein Berger, die immer „Hallo, hallo, wer spricht denn da?“ rief, als wäre ein Telefonanruf eine Naturkatastrophe. Und einmal, einmal, hatte ich Marie selbst dran.
„Leon“, sagte sie. „Atme. Ich höre, wie du hyperventilierst.“
„Ich krieg dich nie dran, Marie. Das ist Wahnsinn. Die lassen mich nicht durch. Kohlhaas hasst mich. Es ist eine Verschwörung.“
Marie lachte leise. „Kohlhaas hasst alle. Das ist kein persönlicher Feldzug gegen dich. Aber du hast recht, das geht so nicht weiter. Hör zu. Morgen Abend, gleiche Stelle. Am Brunnen. Ich hab eine Idee.“
Ich kam eine Stunde zu früh, diesmal ohne Blumen. Der alte Mann von neulich saß wieder auf seiner Bank, als hätte er nie aufgehört, dort zu sitzen.
Marie erschien pünktlich. Sie trug ein dunkelblaues Kleid und sah aus wie eine Schauspielerin, die zu einem Termin beim Filmproduzenten geht und nicht zu einem Studenten mit leerem Portemonnaie und einem Fahrrad, bei dem die Kette ständig absprang.
Wir gingen in den Hofgarten und setzten uns auf eine Decke, die Marie mitgebracht hatte. Es war früher Nachmittag, die Sonne fiel schräg durch die Kastanienbäume. Kinder schrien in der Ferne.
„Ich muss dir etwas geben“, sagte Marie und holte einen zerknitterten Zettel aus der Jackentasche. „Aber alles, was jetzt kommt, bleibt unter uns. Hast du verstanden? Wenn das jemand erfährt, bin ich meinen Job los. Und nicht nur das. Ich kriege einen Vermerk in die Akte, der mich für jede öffentliche Stelle sperrt. Das ist kein Spaß, Leon. Die Stadtverwaltung ist kein Ponyhof.“
„Ich versteh schon“, sagte ich. „Erzähl.“
Sie erklärte es mit leiser, präziser Stimme. In ihrem Vermittlungsraum gab es einen technischen Anschluss mit eigener Durchwahl. Eigentlich nur für die Techniker vom Fernmeldeamt und bei Störungen. Das Telefon war an allen Plätzen parallel geschaltet. Wenn ich auf dieser Nummer anrief, würde die Lampe an Maries Pult aufleuchten, egal wo sie gerade saß, und sie konnte drangehen, ohne dass es jemand mitbekam.
„Nach Mitternacht“, sagte sie. „Nicht vor null Uhr. Da sind die Kontrollanrufe durch. Und falls besetzt ist, ruf zehn Minuten später an. Dann sind wahrscheinlich die Techniker drauf, die halten nie lange durch in der Nachtschicht, die sind genauso müde wie wir. Hast du einen Zettel?“
Ich hatte keinen. Ich riss die Ecke von einer alten Zeitung ab, die im Gras lag, und Marie diktierte mir die Nummer. Sieben Ziffern. Zweimal. Langsam.
„Vorwahl nicht vergessen“, sagte sie. „Du willst ja nicht bei irgendeiner Oma in Bilk landen.“
Ich faltete den Fetzen zusammen und steckte ihn in die Brusttasche meines Hemdes, drückte ihn fest, als könnte er mir durch den Stoff hindurch abhandenkommen.
„Marie, warum tust du das?“
Sie sah mich lange an. Dann legte sie ihre Hand auf meine, die immer noch auf meiner Brusttasche lag.
„Weil du der erste Mann seit fünf Jahren bist, bei dem ich nicht gleich wegrennen will“, sagte sie. „Und weil ich gestern Abend eine Stunde auf deinen Anruf gewartet habe und Kohlhaas dir nicht durchgestellt hat, und da bin ich im leeren Flur auf und ab gegangen und hab gemerkt, dass mir das an die Nieren geht. Was kein gutes Zeichen ist. Aber ein ehrliches.“
Ich hob ihre Hand und küsste sie. Das hatte ich noch nie gemacht, nicht so. Meine bisherigen Freundinnen hatten das peinlich gefunden, so mit Handkuss, Altmodisches Getue. Marie nicht. Sie lächelte, diesmal mit Zähnen.
In der Nacht auf Samstag saß ich im Wohnzimmer meiner Eltern und starrte das Telefon an. Das Haus war still. Mein Vater schnarchte im Schlafzimmer nebenan, meine Mutter hatte sich mit einer Illustrierten und einer Wärmflasche ins Bett zurückgezogen. Ich trug den Hörer auf dem Schoß wie einen kranken Vogel.
Um Viertel vor eins klingelte es. Ich zuckte zusammen, als hätte jemand eine Tasse fallen lassen.
„Leon?“
„Hier bin ich. Marie. Dein Flüstern ist so laut, dass man es bis Oberkassel hört. Haben deine Eltern einen leichten Schlaf?“
„Mein Vater schläft wie ein Stein. Meine Mutter hat ihr Hörgerät rausgenommen. Wir sind sicher. Ich glaube.“
„Bist du bereit? Hast du Papier?“
„Ja.“
„Also. Null, zwei, eins, eins…“
Ich schrieb mit. Meine Hand zitterte so sehr, dass die Bleistiftspitze einmal das Papier durchstieß. Sieben Ziffern. Die magische Brücke.
„Nochmal“, sagte Marie. „Zum Vergleich. Null, zwei, eins, eins…“
Ich wiederholte. Die Nummern stimmten überein.
„Gut“, sagte sie. „Und jetzt will ich was hören. Wie war dein Tag? Und lüg nicht, ich merke das am Tonfall. Wir sind schließlich Profis.“
Ich lachte, leise, mit vorgehaltener Hand. „Mein Tag war furchtbar“, sagte ich. „Ich hab in der Anatomie einen Unterkiefer falsch herum beschriftet. Professor Vogelsang hat mich vor allen Leuten einen hoffnungslosen Fall genannt. Und dann bin ich auf dem Heimweg in Hundescheiße getreten. Aber das ist jetzt alles egal. Weil ich deine Stimme höre und deine Nummer hab und dich am Sonntag sehen werde. Richtig? Sonntag?“
„Sonntag“, bestätigte Marie. Ihre Stimme war weich jetzt, ohne den spöttischen Unterton. „Um zwei. Am Rheinturm. Bring eine Jacke mit, es wird windig.“
„Marie?“
„Ja?“
„Ich muss dir noch was sagen. Ich…“ Die Worte blieben mir im Hals stecken, schwer und groß wie der Unterkieferknochen, den ich am Vormittag falsch beschriftet hatte.
„Ich weiß“, sagte sie. „Jetzt nicht. Sag’s mir am Sonntag. Wenn der Wind dir die Worte nicht gleich wieder aus dem Mund reißt. Schlaf gut, Leon.“ Sie legte auf, bevor ich antworten konnte.
Ich saß im Dunkeln und hielt den Fetzen Papier in der Hand. Eine Telefonnummer. Eine geheime Leitung quer durch die Nacht, von meinem Wohnzimmer in Pempelfort zu einer Vermittlerin im vierten Stock der Stadtwerke, die um zwei Uhr früh an ihrem Pult saß und auf das Aufleuchten der roten Lampe wartete, auf mein Signal, mitten im endlosen Strom fremder Stimmen.
Am Sonntag stand ich um halb zwei am Rheinturm, in der falschen Jacke und mit einem zu großen Strauß Wiesenblumen vom Blumenstand am Hauptbahnhof. Zehn nach zwei war ich überzeugt, dass sie nicht kommen würde. Um Viertel nach zwei sah ich sie die Treppe vom Parkhaus herunterlaufen, außer Atem, das Haar zerzaust, die Lederjacke offen.
„Tut mir leid. Die Bahn hatte Verspätung, und dann hab ich noch einen Kaffee umgeschüttet, und Kohlhaas hat heute Morgen gesagt, ich sähe aus wie jemand, der Geheimnisse hat, was als Witz gemeint war und trotzdem…“ Sie hielt inne und sah mich an, dann die Blumen. „Du hast schon wieder Blumen gekauft. Du lernst es auch nie, oder?“
„Ich hab gehört, Frauen mögen Blumen. Ist das falsch?“
Marie nahm den Strauß, diesmal vorsichtig, als könnte er zerbrechen. „Es ist nicht falsch. Es ist nur…“ Sie suchte nach dem Wort. „Unnötig. Du musst nichts kompensieren, Leon. Du reichst auch so. Komm jetzt, ich hab in der Altstadt ein Café entdeckt, wo der Kellner Cellospielen kann und es Erdbeertorte gibt, die nicht nach Pappe schmeckt. Die spendier ich dir, als Buße für die geplatzte erste Verabredung letzte Woche. Weißt du noch, als die Kohlhaas einfach aufgelegt hat?“
„Ich erinnere mich dunkel“, sagte ich grinsend.
Wir gingen in Richtung Altstadt, vorbei an den Touristen und den Radfahrern und dem Mann, der Luftballons verkaufte. Marie hatte sich bei mir untergehakt, und ich spürte die kleine, kühle Narbe an ihrem kleinen Finger, die sie nie erklären würde, zumindest nicht jetzt, nicht heute, vielleicht niemals.
„Marie?“
„Mhm?“
„Das, was ich dir am Telefon sagen wollte. Ich will’s jetzt nicht mehr aufschieben. Weil der Wind einem heute gar nichts wegreißt, es ist so windstill, dass nicht mal die Fahne da oben…“ Ich zeigte zum Rheinturm.
Sie blieb stehen und legte zwei Finger auf meine Lippen. „Spar’s dir auf“, sagte sie. „Für den Tag, an dem du meine Wohnung gesehen hast und trotzdem noch da bist. Oder für den Tag, an dem ich dir sage, was mit meiner Hand passiert ist. Wenn du dann immer noch…“ Sie brach ab.
„Dann immer noch was?“
„Dann“, sagte sie leise und nahm die Finger von meinem Mund, „ist es mehr wert als heute. Glaub mir. So funktioniert das mit Marie Steinke. Hast du das immer noch nicht begriffen?“
Ich hatte es begriffen. Und ich war bereit zu warten. Das massive Klicken der Telefonvermittlung in meinem Ohr, die sieben Ziffern auf dem zerknitterten Zettel über meinem Herzen – sie waren der Beweis, dass Geduld manchmal das einzige Passwort ist, das zählt.







