Der Maulwurf im Marmorkuchen

Jacqueline schickte zum fünften Mal eine Sprachnachricht, jede einzelne länger als eine Minute. „Also, Katharina, ich will eine echte Skulptur! Alles in Schokolade, aber nicht so billig von der Tankstelle. Mein Schatz liebt Nougat. Und oben drauf muss ein Zuckerbild, ein Foto von ihm. Ich schick’s gleich rüber. Er ist so ein Prachtkerl, wenn er morgens aufwacht… Ach, und eine Überraschungskugel! So aus dunkler Schokolade zum Zerschlagen, mit ’nem Spruch drin. Das wird der Hammer!“

Katharina hörte die Tirade mit dem Handy am Ohr, während sie die Springform mit Butter ausstrich. Die Stimme der Kundin war schrill, anstrengend, erfüllt von dieser überdrehten Planungsfreude, die nur ganz frische oder ganz toxische Liebe mit sich bringt. Sie nannte sich Jacqueline, bestand auf dem französischen Aussprechen mit weichem „J“ und hatte bereits drei Probetermine platzen lassen. Der Auftrag war lukrativ, eine fünfundzwanzig Zentimeter hohe Nougattorte mit essbarem Druck und aufwendiger Kugeltechnik für fast vierhundert Euro. Katharina brauchte das Geld. Ihr kleiner Online-Backshop lief gut, aber das neue Mountainbike für ihren Sohn Tim und die Reitstunden für Tochter Lina fraßen Löcher ins Konto. Und von Markus, ihrem Mann, kam außer einem müden „Du machst das schon“ nicht viel Unterstützung.

Das Handy plingte. Das Foto war da.

Katharina wischte ihre mehligen Hände an der Jeans ab und öffnete die Datei. Das Bild zeigte einen Mann, der auf einer Parkbank saß, die Sonnenbrille lässig ins grau melierte Haar geschoben. Er trug ein hellblaues Leinenhemd, das sie noch nie gesehen hatte. Es war Markus. Ihr Markus. Kein Zweifel, denn über seiner linken Augenbraue verlief die kleine weiße Narbe vom Sturz mit dem Skateboard, die sie ihm vor sechzehn Jahren im Krankenhaus selbst mit einem Kuss getröstet hatte.

Die Küchenmaschine rührte den Rührteig leer. Ein leises Sirren hing im Raum, während in ihrem Kopf alles verstummte. Keine Explosion, keine Schreie. Nur eine plötzliche, tiefe Stille, als hätte jemand den Ton ihres Lebens ausgeknipst. Dieser Mann, der Vater ihrer Kinder, der ihr vor zwei Stunden beim Frühstück noch eine Banane aus der Hand genommen hatte, sah auf diesem Foto aus wie ein Fremder. Jung. Leicht. Verfügbar.

Sie nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse, es war eiskalter Filterkaffee vom Morgen. Der bittere Geschmack holte sie zurück. Mit dem Daumen tippte sie eine Antwort: „Foto ist gestochen scharf. Geht in Druck. Wie soll die Schrift unter dem Bild lauten?“

Jacqueline schrieb sofort zurück, als säße sie auf dem Handy. „Für den Sieger von seiner Muse. Ach Katharina, wir feiern heute Abend unser Einjähriges. Er war so kaputt, als ich ihn traf. Seine Frau, wissen Sie, so eine verbitterte Hausmaus. Stopft ihn mit Kuchen voll und motzt nur rum, wenn er sich mal ein Bier aufmacht. Null Leidenschaft. Aber ich hab ihn gerettet. Heute sagt er’s ihr endlich, und dann zieht er bei mir ein. Machen Sie den Kuchen zu ’nem Meisterwerk, er ist unsere Siegesfahne!“

Verbitterte Hausmaus. Kuchen stopfen. Null Leidenschaft.

Katharina biss sich auf die Innenseite der Wange, bis sie Eisen schmeckte. „Siegesfahne kommt. Lieferung um sieben. Adresse bitte nochmal bestätigen“, tippte sie und drückte senden.

„Bernauer Straße 17, Penthouse mit Dachterrasse. Ich lass den Champagner schon mal kalt stellen!“

Katharina kannte die Adresse. Es war ein nagelneuer Glas-und-Stahl-Kasten in Berlins Mitte, der schon einmal fröhlich in einer Immobilienanzeige auf Markus’ Instagram-Seite aufgetaucht war. „Zielobjekt eines Kunden“, hatte er gesagt. Klar.

Gegen halb sechs hörte sie den Schlüssel in der Tür. Markus polterte herein, schmiss seinen Rucksack neben die Garderobe und rief: „Schatz? Duftet gut hier!“

Tim, elf, stürmte ihm entgegen und boxte ihm gegen den Arm. Lina, acht, hing Sekunden später an seinem Hals. Ein normales Familienritual mit einem Mann, der ein Doppelleben führte.

Katharina kam in den Flur. Markus gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Er roch nach dem Aftershave vom Discounter und ein wenig nach U-Bahn. Wie immer.

„Ich bin echt im Eimer. Morgen wieder dieser Einkauf in Frankfurt. Ich muss los, der Zug fährt um kurz nach acht. Packst du mir kurz die Tasche? Nur für eine Nacht, Hemd, Zahnbürste, das Übliche.“ Er sah nicht einmal hoch beim Reden, scrollte nur durchs Handy.

„Frankfurt?“, fragte Katharina ruhig. „Die Frankfurter Messe?“

„Genau, der Chef macht Stress. Bin Sonntagmittag zurück. Wir können ja abends dann grillen, wenn’s Wetter hält.“ Er lächelte, dieses flüchtige, abwesende Lächeln, das sie früher charmant fand und das jetzt einfach nur noch eine Lüge war.

„Pack ich dir“, sagte sie. „Nudelauflauf ist im Ofen. Iss noch was, bevor du fährst.“

Später, er saß über seinem Teller, schaufelte das Essen in sich hinein, als wäre nichts, zog sie sich mit einer Ausrede ins Schlafzimmer zurück. Sie holte den alten, großen Rollkoffer vom Schrank, den mit den quietschenden Rädern. Nicht seinen kleinen Trolley. Den großen. Sie öffnete den Kleiderschrank und begann, systematisch seine Hälfte auszuräumen. Die Anzüge, die Freizeithemden, den Pullover von seiner Mutter, die Unterwäsche. Alles. Kein Fetzen Stoff, der ihm gehörte, blieb zurück. Sie legte seine Schuhe unten hinein, stopfte Socken in die Ritzen. Seinen Kulturbeutel aus dem Bad, inklusive der Salbe gegen seinen Fußpilz. Die Reiseflasche mit dem Billigshampoo.

Sie hievte den Koffer in den Flur, direkt neben die Garderobe. Dann ging sie zurück in die Küche, um das Werk zu vollenden.

Am nächsten Morgen, Samstag, standen die Rohlinge der Nougattorte kühl im Hauswirtschaftsraum. Der Zuckerfotodruck mit Markus’ Gesicht lag auf der Anrichte, präzise ausgeschnitten. Jetzt kam die Kugel. Sie temperierte die teure 70%-Kuvertüre auf der Marmorplatte, strich sie dünn in die Silikonform. Als die Hälften fest, aber noch formbar waren, nahm sie den kleinen Zettel zur Hand. Sie wählte ein Stück feines Büttenpapier, cremefarben. Mit ihrem Füllfederhalter, dem einzigen Luxus, den sie sich gegönnt hatte, schrieb sie in ihrer schönsten Schrift:

„Für den Sieger. Der Leasingvertrag für den Audi läuft auf deinen Namen, die Schlussrate ist fällig. Im Elternbeirat vertrittst du jetzt jeden zweiten Elternabend selbst. Die Hausmaus ist zum letzten Mal entlaufen. Viel Glück bei der Schädlingsbekämpfung. Den Koffer findest du im Flur.“

Dann griff sie an ihre linke Hand und zog den schmalen Goldreif vom Finger. Den Ring, den er ihr vor zwölf Jahren am Strand von Rügen übergestreift hatte, mit einem leichten Zittern in den Fingern, damals, als beides noch echt war. Sie legte den Ring in eine Hälfte der Halbkugel, rollte den Zettel daneben und verschloss die Kugel mit einem dünnen, heißen Schokoladenfaden.

Der Audi parkte bereits vor der Tür, als sie die bestellte Limousine des Fahrdienstes kommen sah. Perfekt. Sie hatte den Koffer in den Hausflur, direkt an die Aufzugstür gestellt. Jetzt trug sie nur noch die weiße Konditor-Box, über die sie zum Schutz eine neutrale Papiertüte gestülpt hatte. Sie trug ihre bequemste Jeans und einen schwarzen Kaschmirpullover. Keine Kriegsbemalung, keine Triumphgeste. Sie sah aus, als würde sie einen Kuchen liefern. Was sie ja auch tat.

Bernauer Straße. Der Aufzug fuhr surrend hinauf in die oberste Etage. Die Luft im Fahrstuhl war warm und roch nach Desinfektionsmittel. Es war zehn vor sieben. Draußen wurde es schon dämmrig.

Sie klingelte an der imposanten weißen Tür. Jacquelin öffnete. Sie trug ein hautenges Kleid in Weinrot, das eher eine Unterhose war, kombiniert mit High Heels, auf denen sie vor Aufregung hin und her wippte. Ihre Hochsteckfrisur war in ein Kunstwerk aus Haarspray verwandelt.

„Ach, wunderbar! Sie sind das! Kommen Sie rein, kommen Sie, legen Sie das Wunderwerk auf den Esstisch! Ich hole nur eben den Hammer… Mein Verlobter ist auf der Toilette, der macht sich noch fein, der arme Schatz, so ein Stress auf der Arbeit… und dann hat er ihr heute Morgen endlich die Wahrheit ins Gesicht geknallt! Er muss sich erst mal sammeln, jetzt fängt ja alles an!“

Jacqueline tänzelte voran in das riesige, offene Apartment mit den bodentiefen Fenstern. Überall Kerzen. Katharina folgte ihr schweigend. Mitten auf dem gläsernen Esstisch stand ein Sektkühler. Sie stellte die Box ab, zog die Hülle herunter. Die Torte thronte wie eine schwarze, glänzende Perle. Die Schokoladenkugel lag auf einem Bett aus Nougat-Spänen daneben.

„Wahnsinn!“, quietschte Jacqueline. „Fabian! Faaaa-bian! Komm sofort her, der Kuchen ist perfeeeekt!“

Eine Tür im Gang öffnete sich. Schritte. Dann bog Markus um die Ecke, das selbstgefällige Gewinnerlächeln noch im Gesicht. Er trug eine enge schwarze Jeans und ein tiefblaues Hemd. Seinen Wochenend-Pulli, den sie ihm nicht gepackt hatte.

Er sah den Tisch. Sah den Händler, der seine Frau war.

Die Zeit dehnte sich wie Karamell. Jedes Geräusch wurde glasklar: das Zischen einer Kerze, das leise Ticken der Heizung, das Klacken von Jacquelins Nägeln auf der Tischplatte, als sie ahnungslos den Holzhammer zurechtlegte.

Markus blieb stehen, als wäre er gegen eine Glasscheibe gelaufen. Das Lächeln sackte von seinem Gesicht, hinterließ eine fahle, schlaffe Maske der Panik. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Seine Hände fuhren hilflos an seine Seiten, fanden keine Hosentaschen zum Verkriechen. Schluckte. Sein Adamsapfel hüpfte hektisch.

„Fabian? Schatz, was ist? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen!“, lachte Jacqueline und ging auf ihn zu. Sie bemerkte noch nicht, dass ihre Stimme den Raum füllte, während die beiden anderen in einer unheimlichen Stille versteinert waren.

„Das ist er nicht“, sagte Katharina. Ihre Stimme war sonor und fest. Kein Zittern. „Er ist kein Geist. Nur ein ganz normaler Lügner. Ein besonders unkreativer noch dazu. Einkauf in Frankfurt, Markus? Echt jetzt?“

Jacquelines Kopf fuhr herum, so ruckartig, dass eine ihrer Haarsträhnen aus der Klammer sprang. „Markus? Wer ist Markus? Das ist Fabian. Und was fällt Ihnen ein, mit meinem Verlobten in diesem Ton zu sprechen?“

„Nein, Jacqueline. Das ist Markus. Mein Mann. Markus, das ist deine Muse. Dein Notausgang aus der angeblichen Langeweile deiner Ehe. Die Dame meinte, ich hätte dich mit Kuchen gestopft und null Leidenschaft geliefert. Nun ja. Heute backe ich euch den Siegeskuchen. Und ich hab dir sogar Leidenschaft eingepackt. In der Überraschungskugel“, sie deutete mit dem Kinn auf die Schokoladenkugel, „wartet ein kleiner Brief auf dich und mein Ehering. Zur freien Verfügung. Der Rest deines Lebens steht im Koffer im Hausflur unserer Wohnung. Du hast ja jetzt ein Penthouse mit Dachterrasse. Wird also Platz genug sein.“

„Das… das ist doch Irrsinn!“, keuchte Jacqueline, die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Sie starrte Markus an, Versuchte, in seinem abgewandten, schweißglänzenden Gesicht ihren Märchenprinzen Fabian wiederzufinden. „Du hast gesagt… du hast gesagt, du lebst nur noch wegen der Kinder im Haus! Dass es seit Jahren vorbei ist! Dass sie dich anekelt! Fabian, sag was!“

Markus krümmte sich innerlich. Er öffnete wieder den Mund, um eines dieser Dinge zu sagen, die Männer wie er in solchen Situationen sagen. ‚Das ist nicht so, wie du denkst‘ oder ‚Lass mich erklären‘, jene Worthülsen, die die Wahrheit noch schlimmer machen. Aber bevor er einen Ton herausbrachte, hob Katharina eine Hand.

„Erspar’s dir. Du musst mir nichts erklären. Erklär’s ihr. Oder noch besser – schlag die Kugel auf. Die Antworten stehen da drin. In Schokolade gegossen. Ich denke, wir sind hier fertig. Genießt den Abend. Der Kuchen war wirklich teuer im Einkauf, Jacqueline. Guten Appetit.“

Sie drehte sich um und ging zur Tür, ohne Eile, aber ohne einen Blick zurück. Sie hörte, wie hinter ihr Jacquelines hohe, schrille Stimme in hysterisches Kreischen kippte: „Du verdammter Lügner! Du hast mich zum Narren gehalten! Wie konntest du… oh Gott, und sie ist einfach hier… nein, rühr mich nicht an!“ Ein Klirren, wahrscheinlich der Sektkühler, der vom Tisch gefegt wurde. Ein Poltern.

Katharina zog die Tür hinter sich zu und ging zum Aufzug. Der schwere Druck, der seit Stunden auf ihrem Brustkorb lag, wich einem Gefühl unendlicher Leichtigkeit. Es war vollbracht.

Im Aufzug zog sie ihr Handy aus der Tasche, blockierte Markus’ Nummer und die seines gemeinsamen Chatverlaufs. Auch seine Instagram- und Facebook-Profile verschwanden. Dann erledigte sie eine kurze Überweisung vom Gemeinschaftskonto, das sie nun auflöste, auf ihr eigenes, sodass nur ein symbolischer Euro darauf übrig blieb. Sie hatte die Bestätigung der Summe, mit der sie morgen die Anzahlung für Tinas Reitferien tätigen würde.

Die Nachtluft draußen war klar und kühl. Sie atmete tief durch. Sie suchte den Fahrer, setzte sich in die gepolsterte Limousine, die nach neuem Leder roch. Durch die getönten Scheiben sah sie, wie in der Penthouse-Etage das Flackern der Kerzen unruhig wurde.

Es gab keinen Schmerz. Es gab keine Wut mehr. Es gab nur diesen ruhigen, klaren Moment, in dem man den Hammer in die Hand nahm und selbst zum Gestalter des Schlussstrichs wurde.

Sie sah auf ihre linke Hand. Kein Streifen, keine Delle, kein Schatten, wo einmal der Ring gewesen war. Nur glatte, warme Haut. Die Hand einer freien Frau. Sie schloss die Augen, dachte an Tims euphorisches Grinsen auf dem neuen Mountainbike und daran, dass sie am Sonntag mit den Kindern in den Zoo fahren würde, ohne dass jemand genervt die Füße beklagte.

Die Limousine fuhr an. Vorne am Kudamm blinkten die Lichter.

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