Der Putzeimer dampfte noch, als es das erste Mal an der Tür rumpelte. Ich dachte, der neue Mieter käme einen Tag früher, aber der hatte keinen Schlüssel. Also drückte ich das nasse Tuch aus und ging in den Flur. Durch den Spalt der angelehnten Tür sah ich erst nur die Umzugskartons. Vier Stück, übereinander gestapelt wie ein schiefes Hochhaus, und daneben Gisela, meine Schwiegermutter. Sie fuchtelte mit dem Klemmbrett herum und dirigierte zwei Männer von der Umzugsfirma Schumann.
„Vorsicht mit dem Meißner Porzellan, das ist das Hochzeitsservice von Melanie! Wenn da eine Tasse kaputtgeht, ziehe ich Ihnen den Schaden vom Lohn ab!“
Ich machte die Tür ganz auf und blieb im Rahmen stehen. Die Kette ließ ich drinnen. Mein Blaumann vom Streichen war noch feucht an den Knien.
„Gisela, was wird das?“
Sie drehte sich um, als hätte sie mich schon lange erwartet. Das pinke Seidentuch war ihr von der Schulter gerutscht, die Hochsteckfrisur hielt nur noch mit drei Klammern. Ein Anblick, den ich von Familienfeiern kannte – kurz bevor der erste Teller flog.
„Thomas, mach den Weg frei. Die Jungs schleppen sich einen Wolf. Melanie ist gestern bei Markus ausgezogen, die Ehe ist vorbei. Sie braucht Ruhe, ein eigenes Dach über dem Kopf. Und du hast die Wohnung hier seit sechs Wochen leer stehen. Das ist doch die reinste Verschwendung!“
Ich spürte den kalten Luftzug aus dem Treppenhaus. Der Flur roch nach Kohlrouladen von Frau Krause von nebenan und ein bisschen nach dem Zementstaub der Baustelle im zweiten Stock.
„Leer steht sie nicht. Morgen um neun kommt der neue Mieter, ein Augenarzt aus der Uniklinik, der seine Schicht um sieben beendet und danach zum Unterschreiben vorbeikommt. Die Kaution ist schon auf meinem Konto, der Mietvertrag unterschrieben. Melanie kann nicht hier wohnen, Gisela. Nicht für zwei Nächte, nicht für zwei Monate, nicht mal für einen Nachmittag Kaffeetrinken. Diese Wohnung gehört nicht zur Familie – das ist meine Wohnung, gekauft mit einem Kredit, den ich allein tilge, zwei Jahre bevor ich Laura kennengelernt habe. Wir haben das oft genug besprochen: Die Mieteinnahmen decken die Rate ab, und für Extrawünsche bin ich nicht zuständig.“
Gisela lachte kurz auf. Die Männer von der Umzugsfirma stellten gerade eine Kiste vor dem Fahrstuhl ab. Etwas klimperte im Karton. Ihre Miene wurde unterkühlt, jener Ausdruck, den sie immer parat hat, wenn jemand ihren Familienrat nicht wie eine Aufforderung zum sofortigen Vollzug behandelt.
„Laura sagte, du würdest dich querstellen. Aber Familie ist Familie. Meine Tochter weint sich die Augen aus dem Kopf, und du rechnest die Quadratmeter nach. Ruf sofort diesen Doktor an und sag, es hat sich was ergeben. Die Kaution kriegt er wieder, und du holst dir die paar Euro eben ein anderes Mal rein. Ein Mann muss Prioritäten setzen. Ich habe der Nachbarin unten übrigens schon Bescheid gesagt, dass Melanies Sachen kommen, damit sie nicht den Notarzt ruft wegen des Lärms. Jetzt mach die Tür richtig auf, oder die stellen uns die Möbel vor den Aufzugsspiegel, und dann gibt’s Scherereien mit dem Vermieter des Hauses, die ich nicht zahlen will. Du willst doch nicht, dass ich mich blamiere?“
Ich holte mein Handy aus der Tasche meiner Arbeitshose. Meine Finger waren noch kalt vom feuchten Lappen. Lauras Nummer wählte ich mit ruhigem Daumen, während ich Gisela nicht aus den Augen ließ.
Als sie abnahm, hörte ich im Hintergrund das Sirren ihrer Nähmaschine. Sie hatte wohl Homeoffice gemacht.
„Laura, deine Mutter hat hier das halbe Treppenhaus mit Melanies Aussteuer versperrt. Du weißt davon?“, sagte ich, die Aufmerksamkeit fest bei Gisela. Die nutzte die Pause, um einem der Möbelpacker eine Flasche Wasser aus ihrer Handtasche zu reichen.
„Schatz, sie ist doch am Boden zerstört. Melanie erträgt diesen Markus keine Sekunde mehr. Mama sagte, du könntest das für ein paar Wochen arrangieren. Warum musst du immer alles so kompliziert machen? Bei uns in der Familie hilft man sich doch. Außerdem ist deine Zweizimmerwohnung in Plagwitz sowieso zu klein für zwei, falls du auf die Idee kommst, selbst einzuziehen. Also stell dich nicht so an, Thomas. Die Kreditrate läuft nicht weg, nur weil Melanies Kaffeebecher in deinem Schrank stehen. Und wenn der neue Mieter wirklich nicht warten will – dann zahle ich dir die entgangene Miete aus meiner nächsten Gehaltserhöhung. Versprochen. Oder Mama legt sie dir aus, das ist doch kein Problem. Und du willst ja wohl nicht, dass meine Schwester bei uns im Wohnzimmer nächtigt? Das wäre ja albern. Gib ihr den Schlüssel, und wir essen heute Abend zu dritt bei uns, okay?“
Ich schaute hoch zur Decke. Die Leuchtröhre im Treppenhaus flackerte. Irgendwo schlug eine Tür.
„Laura, wir zahlen die Miete für unsere gemeinsame Wohnung fünfzig-fünfzig. Wenn Melanie ein Dach über dem Kopf braucht, kann sie gern in deinem Anteil wohnen. Ich rücke mein Bettzeug nicht an. Meine Wohnung in Plagwitz ist nicht der Pufferraum für Ehekrisen deiner Familie. Und was deine Mutter den Nachbarn erzählt hat, ist mir herzlich egal. Ich lege jetzt auf und beende das hier friedlich. Sag ihr das bitte, wenn sie das nächste Mal bei dir anruft. Tschüss.“
Ich drückte auflegen. Gisela stand jetzt ganz nah an der Tür, die rechte Hand gegen den Türrahmen gestützt. Die Männer hinter ihr schoben eine letzte Kiste mit einem dumpfen Rums auf den Steinfußboden. Der Fahrstuhl surrte, blieb aber auf der Etage stehen, weil jemand die Tür blockierte, unten in der dritten. Mein Zeigefinger berührte den Schlüssel im Schloss.
„Hör auf mit dem Theater, Thomas. Melanie sitzt in der Kälte in meinem Auto. Entweder du gibst die Wohnung frei, oder ich setze diese Kisten auf den Hausflur und klingele bei allen Parteien, bis jemand aufmacht, der Mitleid hat. Du willst doch nicht, dass morgen in der Zeitung steht, ein Schwiegersohn hat die Schwester seiner Frau vor die Tür gesetzt. Das Meißner Porzellan ist das Einzige, was Melanie von ihrer Hochzeit geblieben ist. Also, soll ich jetzt deine Klingelanlage testen?“
Ich bückte mich kurz. Als ich mich wieder aufrichtete, hatte ich die kleinen Gummistopfen in der Hand, die auf dem Boden lagen – wahrscheinlich von der Transportverpackung. Ich legte sie außen auf die oberste Kiste.
„Gisela, das Treppenhaus gehört zur Hausverwaltung. Was Sie davorstellen oder liegenlassen, kann der Hausmeister morgen früh entsorgen lassen. Und falls Sie wirklich Klingeln spielen wollen – unsere Nachbarin unter uns sammelt altes Meißner mit Handmalerei. Die freut sich bestimmt, wenn vor ihrer Tür ein kleines Geschenk steht. Sie müssen es nur drei Stockwerke tiefer tragen. Jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss die Fenster in der Küche noch abziehen. Sonst kommt der Augenarzt morgen in eine Schlierenhöhle, und das geht wirklich nicht. Einen schönen Nachmittag noch!“
Ihr Gesicht verlor jegliche Farbe. Sie riss den Mund auf, aber da klickte schon mein Sicherheitsschloss, und die Tür schnappte ins Holz. Ihr Geschrei wurde leiser, dann hörte ich nur noch das dumpfe Wummern der Kartons, die wohl von einem der Möbelpacker fallengelassen worden waren.
Ich arbeitete die Küchenfenster fertig. Um halb sieben abends rief mich die Hausverwaltung kurz an, weil sich Mieter über versperrte Flure beschwert hätten und eine Frau ohne Termin mit zwei Trägern nicht weichen wollte. Ich sagte, ich hätte nicht bestellt. Die Polizei musste nicht kommen, irgendwann war der Spuk vorbei.
Daheim roch es nach abgestandenem Filterkaffee. Laura saß am Küchentisch, das Telefon vor sich, die Kreditkarte zwischen den Fingern.
„Du hast sie stehen lassen und ihr nicht mal geholfen, einen neuen Transporter zu mieten. Weißt du, was die Anfahrt zurück nach Chemnitz gekostet hat? Zweihundertsechzig Euro. Du hast meine Mutter vor dem gesamten Mietshaus gedemütigt. Sie weint seit einer Stunde, weil die Nachbarin aus dem Erdgeschoss gesagt hat, mit so einer Rücksichtslosigkeit würde sie nicht mal die Anmeldung für den Kleingartenverein bekommen. Thomas, wieso bist du so? Wir sind doch eine Familie. Melly hat heute Nacht nicht mal eine Matratze. Das warst du ihr schuldig. Mama sagt, du hast dich benommen wie ein kleiner Junge. Ich hab mich für dich geschämt. Ich habe im Büro den ganzen Nachmittag keine E-Mail beantwortet, weil ich dachte, du wirst wenigstens mit Mama eine Lösung finden, bevor du abhaust. Aber du hast einfach alles zu gemacht und bist heimgegangen, als wär nichts. Sag mir jetzt: Wann holst du Mellys Sachen zurück und entschuldigst dich?“
Ich zog meine Arbeitsschuhe aus und stellte sie neben die Fußmatte. Meine Socken waren feucht, die Küchenlampe spiegelte sich in der schwarzen Lacktischplatte.
„Sie lagen noch bis vor einer Viertelstunde vor dem Fahrstuhl. Ob sie jetzt im Fundbüro sind oder bei Frau Krause, weiß ich nicht. Aber ich kann nachher mal bei ihr klingeln. Die freut sich sicher über einen späten Besuch von mir. Und wenn du heute Abend zu deiner Mutter willst, um Melanie eine Matratze zu bringen – die große Reisetasche mit den Rollen steht noch im Schrank, links oben. Da passen drei Decken rein und ein Kissen, das von der Couch. Ich helfe dir beim Tragen bis zur U-Bahn. Aber eine Entschuldigung kriegt von mir niemand für etwas, was mein Eigentum war, bevor ich dich kannte, und es jetzt noch ist. Ich hole jetzt einen Döner von der Ecke. Soll ich dir einen mitbringen?“
Laura stand auf, ohne die Kreditkarte loszulassen. Sie ging an mir vorbei und zog den Ring vom Finger. Nicht den Ehering – der war schon seit Monaten in der Schublade, weil mir die Arbeit mit Silber auf den Fingern nicht passte. Es war der Erbschaftsring ihrer Großmutter.
„Pack die Tasche ruhig für mich. Aber heb sie im Schrank auf – vielleicht brauchst du sie selbst, wenn der Augenarzt morgen doch einen anderen Mietvertrag findet. Ich schlafe heute bei Mama und Melly. Du hast hier ja jetzt Platz genug, um dich von deiner Familie zu erholen. Und denk nicht, dass Mama dir je wieder ein Stück Kuchen anbietet. Das ist jetzt echt vorbei. Ich hasse deine Pingeligkeit. Mama hat recht: Was dir gehört, ist nur dir wichtig. Ein Haus ohne Familie ist kein Haus – aber das wirst du nie verstehen. Du hast nicht einen Funken Herz in deiner Brust. Du wirst alt und allein, und dann wirst du an diese Szene denken. Gute Nacht, Thomas. Häng den Putzeimer ab, der tropft noch. Sonst verschimmelt dir noch das Parkett von deiner geliebten Wohnung. Das wäre doch schade um die Kreditwürdigkeit, oder?“
Sie knallte die Tür, dass die kleine Kaffeetasse auf dem Tisch klirrte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie das Licht im Flur ausging, weil sie den Schalter mit dem Ellenbogen erwischt hatte, während sie sich den Mantel überwarf. Dann hörte ich noch ein leises Scheppern – die Tasse auf dem Tisch war wohl umgefallen. Ich hob sie nicht auf. Ich aß den Döner allein und schrieb dem Augenarzt eine SMS, dass die Wohnung fertig sei und er gern ab acht Uhr die Schlüssel in der Hausmeisterloge abholen könne, falls er vor der Arbeit kommen wollte.
Fünfzehn Monate später klopfte es an meiner neuen Bürotür. Ich war gerade dabei, Rechnungen zu sortieren. Im Türrahmen stand Laura, ohne den Erbschaftsring ihrer Großmutter. Es fiel sofort auf, weil ihre Hände immer suchend ausgestreckt wirkten.
„Mama ist letzte Woche gestürzt, als sie Melanies alte Stehlampe aus dem Keller holen wollte. Sie liegt jetzt im Krankenhaus in Chemnitz und braucht ihre Krankenkarte, die steckt noch in dem Wintermantel, den du im letzten Jahr in der Reinigung abgegeben hast. Angeblich hast du ihr versprochen, ihn einzupacken und nach Hause zu bringen. Aber du hast ihn nie gebracht, oder? Melly braucht auch noch die alten Fotos ihrer Hochzeit, ich dachte, vielleicht sind sie ja noch in deiner Wohnung in Plagwitz. Der alte Mieter hat sie bestimmt nicht behalten. Du könntest doch – einfach mal nachsehen. Ich zahle auch den Sprit. Es ist doch jetzt sowieso vorbei mit uns, aber deswegen muss man doch nicht das letzte bisschen Menschlichkeit vergessen. Oder, Thomas?“
Ich legte die Rechnung, die ich in der Hand hielt, in die Ablage und stand auf. Der Schreibtischstuhl quietschte, wie immer um kurz nach sechs.
„Den Wintermantel habe ich damals in eine Kleiderkammer gegeben. Die rote Jacke mit den Hornknöpfen, richtig? Die liegt im Caritas-Keller in der Goethestraße, zusammen mit deiner alten Wärmflasche. Melanie hat nie nach den Fotos gefragt, aber ich kann gern den Keller checken – da liegt noch ein Karton mit Zeitschriften von deiner Mutter. Den wollte sie eigentlich nicht mehr, aber vielleicht sind die Bilder darin. Ich schicke dir eine SMS, wenn ich was finde. Grüß deine Mama und sag ihr, die Tasse, die damals vom Tisch gefallen ist, habe ich inzwischen geklebt. Sie steht im Spülbecken, falls sie jemand abholen will. Ist blau mit Goldrand – das Muster passt sogar zu ihrem Meißner Hochzeitsservice, falls sie es je wieder komplett haben. Ich muss dann weiter, macht’s gut.“
Laura bewegte kaum merklich den Kopf, als hätte sie etwas anderes erwartet, aber nicht gewusst, was. Dann zog sie eine kleine Packung Schokolade aus der Tasche und legte sie auf den Karton mit den Unterlagen, den ich am Vortag für das Finanzamt fertig gemacht hatte. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging. Die Tür schloss leise, ganz anders als damals.
Ich schaute auf die Packung. Milka, Alpenmilch, zerdrückt. Die Heizung summte, und ich fühlte, wie der Geruch von frischem Putzmittel in der Luft hing – unsere Reinigungskraft war am Morgen da gewesen. Ich machte mir eine Tasse Kaffee und sah aus dem Fenster. Es schneite. In Plagwitz brannte in meiner alten Wohnung jetzt das Licht des Augenarztes. Er hatte den Kreditvertrag über die Hausverwaltung mitfinanziert und zahlte pünktlich. Zuverlässiger als jede Familiengeschichte.







