So viele Jahre Dieselgeruch in der Nase

Ich arbeite seit siebzehn Jahren in einer Kfz-Werkstatt in Wuppertal, direkt an der Bundesstraße. Nicht als Mechanikerin – ich mache die Buchhaltung und das Ersatzteillager. Mein Schreibtisch steht hinter einer Glasscheibe, durch die ich den Hof sehe, die Hebebühnen, den Wartesaal mit der Kaffeemaschine, die seit dem Frühjahr tropft.

An einem Dienstag im November – ich weiß es noch, weil der Lieferwagen von ZF Friedrichshafen eine Stunde Verspätung hatte – kam eine Frau herein, die mir sofort auffiel. Nicht weil sie laut war. Im Gegenteil. Sie war um die fünfzig, trug eine beige Wolljacke und stellte einen Aktenordner auf meinen Tresen, als hätte er hundert Kilo gewogen.

„Ich brauche eine Kopie der Rechnung vom September“, sagte sie. „Der Auftrag lief auf meinen Namen. Latzke, Sabine.“

Ich suchte den Auftrag heraus. Getriebespülung, neue vordere Bremsbeläge, Klimaservice. Bezahlt per Überweisung von einem Konto, das auf sie lief.

„Geht es um eine Garantiefrage?“, fragte ich.

„Nur die Kopie“, sagte sie.

Während ich die Rechnung durch den Drucker laufen ließ, rückte sie die Handtasche von einer Schulter auf die andere. Draußen fing es an zu regnen, die Tropfen liefen die Scheibe herunter wie ein Gitter. Ich legte ihr das Blatt hin, sie steckte es in eine Klarsichthülle, bedankte sich und war weg. Drei Minuten, mehr nicht. Ich dachte, das war es.

Vier Wochen später, kurz vor Weihnachten, stand sie wieder auf dem Hof. Die Werkstatt war gerade voll, alle vier Hebebühnen belegt, und sie stand zwischen den Autos und wartete. Diesmal redete sie nicht mit mir. Sie redete mit ihrem Mann.

Ich hatte ihn noch nie gesehen, aber ich kannte seine Handschrift – er unterschrieb die Aufträge, wenn er den Firmenwagen brachte, einen silbernen Skoda Superb mit gefühlt vierhunderttausend Kilometern. Einmal hatte ich mit ihm telefoniert, weil eine Rechnung doppelt gebucht war, und er sagte: „Darum kümmert sich meine Frau.“ Dabei klang „meine Frau“ wie „die Buchhaltung“.

Jetzt standen die beiden neben dem Superb, und sie stritten. Nicht laut, darin waren sie sich ähnlich. Ich hörte trotzdem jedes Wort, weil in dem Moment der Kompressor abschaltete.

„Du warst mit ihr bei der Spedition“, sagte Sabine. „Am Donnerstag. Ich hab die Kreditkartenabrechnung gesehen – dreiundachtzig Euro im Autohof an der A46.“

„Und?“, sagte er.

„Und ich wollte es von dir hören.“

Er schloss die Fahrertür auf, warf den Schlüssel in der Hand, fing ihn. „Da gibt es nichts zu hören. Mittagessen. Nach dem Termin. Nächste Frage.“

Er sagte das so ruhig, dass ich die Rechnung in meiner Hand noch einmal neu sortiert habe, ohne zu wissen warum.

„Ich war am Telefon mit der Bank“, sagte sie. „Wegen des Kontos für deinen Fliegerclub. Der Berater fragte, ob ich die zweite Karte behalten will. Ich sagte, welche zweite Karte? Weißt du, was er geantwortet hat? ‚Die dein Mann am 8. Oktober bestellt hat. Ist sie nicht angekommen?'“

In dem Moment fuhr ein Kurier in den Hof, die Schranke ging hoch, und ich verlor die nächsten Sätze. Ich sah nur, wie sie ihm die Klarsichthülle hinhielt. Die Rechenmaschine auf meinem Tisch summte, ich weiß es noch, weil nichts anderes zu hören war.

Dann stieg er ins Auto, ließ den Motor an. „Nächste Woche reden wir. Ich hab die Beerdigung von Onkel Werner.“

„Die Rechnung war eine Gemeinschaftsbestellung“, hörte ich Sabine noch. „Zusammen mit einem Bett. Du hast im Möbelhaus ein Bett mitbestellt. Für wen?“

Der Superb rollte vom Hof.

Ich habe mir immer gesagt, dass mich die Sache nichts angeht. Ich sitze hinter der Scheibe, ich drucke Rechnungen, ich lerne die Leute nicht kennen. Aber wenn man lange genug mit Buchhaltung und einer Kaffeemaschine, die tropft, zusammengesessen ist, fällt einem auf, wer jeden Kassenbon aufhebt und wer die ganze Zeit nur auf sein Telefon glotzt.

Anfang Februar stand der Superb wieder auf dem Hof. Ölwechsel. Es war ein Donnerstag, kurz vor Feierabend. Sabine kam nicht herein. Ich sah sie draußen am Zaun stehen, wo die Schneeglöckchen am Maschendraht hängen, und mit dem Prüfer reden. Der Mann reichte ihr eine Pappe, auf der stand, dass das Fahrzeug bei der letzten Inspektion mit Sommerreifen unterwegs gewesen war. Im Januar. Sie hielt die Karte mit beiden Händen fest.

Als ich Feierabend machte, war sie schon weg, aber ihr Aktenordner lag auf dem Beifahrersitz ihres Wagens. Ich weiß nicht, wieso ich das erwähne. Vielleicht, weil der Wagen unverschlossen war.

Drei Tage später, Montagmorgen, kam die große Entscheidung. Die Frau saß im Wartesaal, als ich aufschloss, und neben ihr stand ein Mann in grauem Anzug, der seinen Laptop aufklappte, noch ehe ich die Tür richtig zu hatte.

„Ich bin Herr Keller“, sagte er. „Notar aus Barmen. Frau Latzke bittet um eine eidesstattliche Erklärung der Firma, dass der Ölwechsel im Juni tatsächlich auf ihren Namen gebucht wurde.“

Ich fragte nicht, wofür sie so etwas braucht. Ich sah nur sein Namensschild und dass er mit Kugelschreiber schrieb, nicht mit Tinte.

Um halb zwölf kam derEhemann. Nicht geplant, er wollte nur Luftdruck prüfen. Er sah seine Frau durch die Scheibe, kam herein, der Notar klappte den Laptop zu.

„Du bringst also deine eigene Buchhaltung in Stellung“, sagte der Mann.

„Du hast gesagt, ich könnte dir nichts beweisen. Also lasse ich es beweisen.“

Danach war Stille. Der Regen lief am Fenster, tropfte in den Rinnstein vor der Tür.

Der Mann nahm die Papiere, die auf demTresen lagen, ging sie durch, legte sie zurück. Dann zog er seinen Schal zurecht und sagte: „Wir klären das zu Hause.“

„Da gibt es nichts mehr zu klären“, sagte Sabine. „Die Werkstatt bestätigt, wann du mit welchem Auto wo warst. Die Bank bestätigt die Karte. Die Autobahnraststätte bestätigt das Zimmer. Der Anwalt bestätigt den Rest.“

Ich wusste nicht, wohin ich schauen soll, also schaute ich auf die Blätter. Der Rechnungsbetrag für den Ölwechsel stand auf der Pappe, mit Mehrwertsteuer: 184,70 Euro, unterschrieben von mir.

Der Mann ist dann raus. Kein lautes Wort, keine Beleidigung. Er zögerte an der Tür, zog sie auf, blieb einen Moment unter der Regenrinne stehen.

Was danach wurde, weiß ich aus den Unterlagen. Sie zog eine Woche später aus der gemeinsamen Wohnung am Hainberg aus, in eine Einzimmerwohnung in Vohwinkel. Sie nahm den Kaffeevollautomaten mit, die Unterlagen und den Toyota Yaris. Das Möbelhaus „Bettzeug Blütenweg“ meldete sich noch einmal, aber die Rechnung ging an den Mann.

Beim letzten Mal, als ihr Ex-Mann mit dem Superb da war, war es schon April. Er fragte, ob ich noch die alten Ölrechnungen hätte. Er brauchte Nachweise für den Wiederverkauf. Ich sagte, ja, die hätte ich, alle ordentlich abgeheftet.

Er stand am Tresen und blätterte in seinen Papieren. Dann warf er einen Blick in den leeren Wartesaal. „Wissen Sie, was das Schlimmste an allem ist?“, fragte er. „Sie ist nicht einmal traurig geworden. Sie ist nur… still geworden. Kalt. Korrekt. Als hätte sie die ganze Zeit nur gewartet, bis der Papierberg hoch genug ist.“

Er legte 11,50 Euro für den Luftdruck in den kleinen Blechbecher auf dem Tresen. Ich kann mich nicht erinnern, wann zuletzt jemand so etwas getan hat.

Als der Superb vom Hof rollte, tropfte die Kaffeemaschine zum achtundvierzigsten Mal an diesem Tag. Ich habe nicht mitgezählt. Das Lagerprotokoll hat es für mich getan, es läuft im Hintergrund mit, Sekunde für Sekunde, und manchmal meine ich, es zählt nicht nur die Zeit.

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MagistrUm
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