Wenn der Fahrer fünf Minuten früher gekommen wäre

Ich schaute um sechs Uhr morgens aus dem Fenster, um zu sehen, ob es regnete. Der Novembermorgen über der Kölner Südstadt roch nach nassem Asphalt und Laub, das sich am Bordstein staute. Die Straßenbahn Linie 15 quietschte metallisch in der Kurve an der Severinstraße. Ich schnürte meine Laufschuhe und stieg die knarrenden Holzstufen hinunter, innerlich fluchend, weil der Aufzug schon wieder kaputt war.

Ich lief am Grüngürtel entlang, als mich etwas zum Langsamerwerden brachte. Unter einem dunkelblauen Opel Astra, direkt neben den Mülltonnen geparkt, bewegte sich etwas. Zwei kohlschwarze Punkte im Dunkel. Sie blinzelten und verschwanden tiefer unter der Karosserie.

Ich ging auf dem nassen Asphalt in die Hocke.

Die Katze war klein, grau wie ein schmutziger Lappen und so platt gedrückt, als wolle sie im Boden verschwinden. Sie saß genau in der Mitte unter dem Wagen, zwischen den Vorderrädern, dort, wo ein Ölfleck den Boden dunkel färbte. Wäre der Besitzer dieses Astra jetzt zur Arbeit gegangen, hätte er nicht einmal unter den Wagen geschaut. Hätte den Schlüssel gedreht. Und das wäre es gewesen.

Ich lief nach Hause und holte eine Dose Thunfisch, die noch von Weihnachten im Schrank stand. Als ich zurückkam, war die Katze noch da. Ich stellte die geöffnete Dose einen halben Meter vom Auto entfernt hin. Und wartete.

Nichts passierte.

Ich setzte mich auf den kalten Bordstein, die Knie umschlungen. Nasse Blätter klebten an meinen Schuhsohlen. Nach zehn Minuten verflog der Fischgeruch aus der Dose, und ich fror in meinem dünnen Pullover. Da schob sich eine Nase hervor. Dann eine Pfote. Dann kam das ganze Tier heraus — so mager, dass man die Rippen unter dem verklebten, verfilzten Fell arbeiten sah.

Erst beim Fressen bemerkte ich, dass sie auf der rechten Vorderpfote hinkte und das Schwanzende in einem seltsamen Winkel abgeknickt war, als hätte es ihr jemand eingeklemmt.

Sie schnappte sich ein Stück Thunfisch und flüchtete zurück unter das Auto, um dort in Deckung zu fressen.

Drei Tage vergingen. Ich fing an, das Futter näher an den Hauseingang zu stellen, dann auf die erste Treppenstufe. Am vierten Tag ging ich in meine Wohnung, ließ die Tür einen Handbreit offen und stellte den Napf direkt hinter die Schwelle. Ich setzte mich in den Flur, mit dem Rücken zur Tür, weil ich irgendwo gelesen hatte, dass Katzen es nicht mögen, wenn man sie anstarrt.

Ein Knabbern. Dann noch eins.

Nach einer Stunde schlief sie auf meinem Läufer, zu einer Kugel zusammengerollt, die Nase unter dem Schwanz versteckt. Zum ersten Mal wirkte sie, als hätte sie aufgehört, sich zu fürchten.

Ich rief die Tierarztpraxis in der Bonner Straße an. Wir vereinbarten einen Termin für den nächsten Tag. Abends füllte ich das Anmeldeformular auf der Website des Tierheims in Dellbrück aus, aber als ich beim Feld „Unterschrift des Antragstellers" ankam, klappte ich den Laptop zu.

Denn das Tierheim, das waren siebenhundert andere Katzen in Käfigen. Denn eine hinkende Katze mit krummem Schwanz stand nicht ganz oben auf der Vermittlungsliste. Denn vor sechs Wochen war mein Vater gestorben, und die Wohnung in Ehrenfeld war plötzlich viel zu groß für eine Person geworden.

Ich nannte sie Pixel. Ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil sie so klein war, dass sie kaum existierte, bis man genau hinsah.

Pixel entpuppte sich als Kater. Zweieinhalb Kilo, geschätztes Alter etwa vier Jahre. Der Tierarzt sagte, die Pfote sei irgendwann gebrochen gewesen und schlecht verheilt. Alte Verletzungen, da lasse sich nichts mehr machen. Man kastrierte ihn und setzte einen Chip. Beim Bezahlen schaute ich auf den Betrag am Kartenlesegerät — 340 Euro — und dachte, das sei das erste Geld, das ich seit der Beerdigung für etwas ausgab. Mein Vater hatte immer gesagt, meine Wohnung sei zu leer, sogar ein paar Zierfische würden mir guttun.

Im folgenden Monat schlief Pixel in einem Schuhkarton, obwohl ich ihm einen Kratzbaum von Fressnapf gekauft hatte. Er hatte ein Ritual: erst umkreiste er den Karton dreimal, dann stieg er hinein und knetete mit den Pfoten die alte Fleecedecke, die von meinem Vater stammte. Wenn ich den Balkon öffnete, um zu lüften, legte er sich auf die Schwelle, genau dort, wo die Bodenwärme endete, und beobachtete die Tauben.

Ich weiß nicht mehr genau, wann er aufhörte, sich zu verstecken, sobald es an der Tür klingelte.

Acht Monate später fuhr ich für ein Wochenende nach Monschau. Eine Freundin hatte uns ein Ferienhaus mit Kamin besorgt. Ich packte meine Tasche, und Pixel setzte sich mittendrin hinein, zwischen Pullover und Buch. Wir nahmen ihn mit. Die ganze Fahrt über gab er in der Transportbox Geräusche wie eine kaputte Türklingel von sich. Am Ziel lag er nach fünf Minuten auf der Fensterbank und sah aus, als gehöre ihm das ganze Haus.

Auf der Rückfahrt wurde mir klar, dass ich zum ersten Mal seit langem nicht nachgeprüft hatte, ob ich beide Schlösser abgeschlossen hatte.

Im April hing in meinem Treppenhaus ein Zettel: „Hat jemand einen roten Kater vermisst? Gefunden in der Zülpicher Straße." Jemand hatte mit Kugelschreiber eine Telefonnummer daruntergeschrieben und das Wort „dringend". Ich dachte daran, dass auch ich so einen Zettel für eine graue Katze mit krummem Schwanz hätte aufhängen können. Ich hätte eine Woche lang abwarten können, ob jemand nach ihr suchte. Ich hätte es tun können.

Aber ich tat es nicht.

Denn an jenem Novembermorgen unter dem dunkelblauen Astra lief keine Rettungsaktion. Das war meine eigene Rettung.

Abends sprang Pixel wie immer aufs Bett und legte sich in die Kuhle unter meinen Knien. Ich öffnete den Laptop und löschte das Anmeldeformular für das Tierheim. Den Papierkorb auf dem Desktop leerte ich sofort, ohne zu zögern.

Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn der Fahrer des Astra fünf Minuten früher aus dem Haus gekommen wäre. Ich weiß nicht, ob er überhaupt angehalten hätte. Ich weiß nur, dass Pixel heute auf dem Küchenschrank liegt und zusieht, wie ich Kaffee koche, und dass er mich immer bis zum Flur begleitet und sich auf meinen Schuh setzt, wenn ich zur Arbeit gehe.

Und ich gehe leise hinaus, in Hausschuhen, um ihn nicht zu wecken, und ziehe meine Schuhe erst im Treppenhaus an.

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MagistrUm
Wenn der Fahrer fünf Minuten früher gekommen wäre