Kater Felix, der Kater mit dem Kater

Ich arbeite seit elf Jahren in der Tierarztpraxis am Hackeschen Markt, und normalerweise fällt mir zu jedem Tier eine Geschichte ein, sobald die Tür aufgeht. Aber diesen Kater vergesse ich nicht, weil ich ihn nie richtig behandelt habe. Ich habe nur seine Akte verwaltet, bis sie plötzlich endete.

Es war ein Dienstag im November, kurz vor Feierabend, so gegen achtzehn Uhr. Draußen hing dieser Berliner Nieselregen, der nicht richtig fällt und nicht richtig aufhört. Ich wischte gerade den Untersuchungstisch ab, als das Telefon klingelte. Eine Frau, Anfang fünfzig, Stimme zwischen Panik und Hoffnung. Ihr Kater sei seit dem Morgen apathisch, fresse nichts, liege nur herum. Ob ich noch einen Termin frei hätte.

Ich bot ihr an, vorbeizukommen, aber sie wohnte in Hohenschönhausen, gute vierzig Minuten mit der Tram. Sie fragte, ob es Tabletten gebe, die man einem Kater geben könne, ohne dass er sich wehrt. Ich erklärte ihr, nein, das sei schwierig, wenn das Tier nicht schlucken will, man solle keinesfalls irgendetwas selbst versuchen. Sie bedankte sich und legte auf.

Am nächsten Morgen kam sie dann doch. Der Kater saß in einer Transportbox und wirkte, als hätte man ihn durch eine Waschmaschine gedreht. Das Fell stumpf, die Augen halb zu, der Schwanz wie ein nasses Seil hinter ihm hergeschleift. Auf dem Untersuchungstisch blieb er liegen, als hätte er beschlossen, dass jeder Widerstand sinnlos sei.

Die Frau, Frau Hartmann, redete ohne Punkt und Komma. Ihr Kater heiße Felix, er sei elf, und gestern sei er noch ganz normal gewesen. Aber heute Morgen habe er sich unter die Heizung gelegt, das mache er sonst nie. Sie hätte ihm ein Stück Pute angeboten, das Lieblingsstück von Felix, aber er hätte nicht einmal den Kopf gehoben.

Während sie sprach, fiel mir auf, dass Felix nicht säuerlich roch, wie kranke Tiere es oft tun. Er roch süßlich-scharf, ein Geruch, den ich aus Kneipentüren kannte, nicht aus Katzenmäulern.

„Was hat er gefressen?“, fragte ich.

Frau Hartmann zögerte. Ihre Finger drehten den Reißverschluss ihrer Jacke auf und zu, immer wieder dasselbe kurze Stück. „Nichts Besonderes“, sagte sie. „Nur sein normales Futter.“

Ich tastete den Bauch des Katers ab. Er spannte die Muskeln an, gab aber keinen Laut von sich. Die Temperatur war leicht erhöht, die Schleimhäute blass, aber nicht kritisch. Ich nahm Blut ab, weil mir dieser Geruch keine Ruhe ließ. Felix blieb ruhig, während die Nadel in sein Bein glitt. Er atmete flach, als wäre ihm selbst das Atmen zu anstrengend.

Während die Probe ins Labor ging, saß Frau Hartmann im Wartezimmer auf dem abgewetzten Stuhl neben der Yucca-Palme, die wir dort seit Jahren nicht rauswerfen, weil sich noch niemand beschwert hat. Sie hielt die leere Transportbox auf dem Schoß, als könnte Felix jeden Moment hineinmaterialisieren.

Eine halbe Stunde später kamen die Werte. Die Leber zeigte eine leichte Belastung, nichts Dramatisches. Der Blutzucker war niedrig, zu niedrig für einen Kater, der angeblich nichts gefressen hatte. Und die Werte passten zusammen zu einem Bild, das ich schon oft gesehen hatte, wenn Besitzer Wein oder Likör verschütteten und ihre Katzen es aufleckten: Alkohol.

Ich ging ins Wartezimmer und setzte mich neben sie. „Frau Hartmann“, sagte ich, „ich muss Sie etwas fragen, und es ist wichtig, dass Sie ehrlich sind. Hat Felix Zugang zu Alkohol? Vielleicht ein offenes Glas, etwas Verschüttetes?“

Ihr Gesicht veränderte sich auf eine Weise, die ich nicht erwartet hatte. Es wurde nicht rot, es wurde nicht abwehrend. Es wurde still, als hätte jemand einen Vorhang vor ein Fenster gezogen.

„Nein“, sagte sie. „Wir haben keinen Alkohol im Haus.“

Ich glaube ihr bis heute nicht. Der Kater blieb noch zwei Tage in der Praxis, zur Beobachtung. In dieser Zeit kam er wieder zu Kräften, fraß, trank, benutzte das Katzenklo. Am dritten Tag holte Frau Hartmann ihn ab. Felix saß in der Box und beobachtete mich mit einer Gelassenheit, die ich selten bei Katzen sehe, die bei uns übernachtet haben – als hätte er verstanden, dass hier niemand ihn betrügt.

Ich hakte nicht nach, weil ich kein Recht dazu hatte. Aber am Abend, nachdem Frau Hartmann mit Felix gegangen war, schrieb unsere Tiermedizinische Fachangestellte in unsere WhatsApp-Gruppe: „Weiß jemand, wie ein Kater mit einer Baldrian-Vergiftung aussieht? Hatte gestern einen komischen Anruf.“

Eine ältere Dame hatte sie erreicht, die Stimme brüchig, offenbar hatte sie geweint. Ihr Sohn habe dem Kater seiner Schwester Baldriantropfen ins Futter gemischt, weil das Tier so nervös umherlief – er habe gehofft, es würde sich beruhigen. Jetzt liege das Tier apathisch da. Ob das gefährlich sei.

Unsere Fachangestellte hatte erklärt, Baldrian könne bei Katzen zu genau solchen Symptomen führen: Teilnahmslosigkeit, Muskelschwäche, in höherer Dosis auch zu einem Zustand, der wie Trunkenheit wirke, weil Baldrian ähnlich wie Alkohol auf das Nervensystem wirkt. Die Frau am Telefon hatte abrupt aufgelegt.

Als ich das hörte, wurde mir kalt. Nicht weil ich die Erklärung für den Geruch nicht hatte – Baldriantinktur wird in Alkohol angesetzt, jeder Tropfen riecht danach –, sondern weil mir klar wurde, wessen Sohn wohl angerufen hatte, und wessen Kater vor mir auf dem Tisch gelegen hatte.

Am Freitag klingelte mein Telefon. Frau Hartmann. Ihre Stimme war jetzt fest, fast formell. „Frau Dr. Berger“, sagte sie, „ich wollte Ihnen nur sagen, dass Felix wieder ganz der Alte ist. Er hat heute Morgen auf dem Balkon gesessen und den Vögeln zugeschaut.“

„Frau Hartmann“, sagte ich, „ich habe gestern von einem Anruf erfahren. Von einer Dame, deren Sohn einer Katze Baldriantropfen gegeben hat, weil das Tier unruhig war. War das bei Ihnen zu Hause?“

Am anderen Ende blieb es lange still. Ich hörte nur ihren Atem, unregelmäßig, als würde sie etwas gegen die Sprechmuschel drücken.

„Mein Sohn wohnt bei uns“, sagte sie schließlich leise. „Er meinte es gut. Felix kratzt nachts an den Türen, seit mein Mann im Krankenhaus liegt. Niemand von uns schläft mehr.“ Dann, schneller: „Aber es wird nicht wieder passieren. Ich habe die Tropfen weggeschlossen.“

Ich fragte, ob ich mit ihrem Sohn sprechen könne, nur ein paar Sätze, wie viel gefährlich sei und was nicht. Sie sagte, das sei nicht nötig, sie habe es selbst geregelt. Ich hörte, wie oft sie in diesem Gespräch „Wir haben das im Griff“ sagte. Dreimal in wenigen Minuten. Ich ließ es dabei, weil ich keine Handhabe hatte, mehr zu verlangen. Aber ich notierte in Felix' Akte: „Baldrianvergiftung durch Sohn der Halterin, vermutlich in Überforderungssituation. Bei nächster Vorstellung Rücksprache mit Familie. Auf Wiederholung achten.“

Drei Wochen später, am Nikolaustag, kam Frau Hartmann noch einmal, diesmal ohne Termin, ohne Felix. Sie hatte eine kleine Schachtel dabei, einen dieser schmalen Kartons, in denen normalerweise Pralinen stecken. Sie stellte sie auf den Tresen und schob sie mir hinüber.

„Das ist nicht für Sie“, sagte sie. „Das ist für Felix. Falls er noch einmal herkommen muss und ich nicht dabei sein kann.“

Ich fragte, warum sie das nicht selbst mit ihm bringen wolle. Sie sah mich an, zum ersten Mal an diesem Tag richtig an, und sagte nur: „Es ist gerade viel bei uns.“ Dann ging sie, bevor ich weiterfragen konnte.

Ich öffnete die Schachtel, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war. Darin lagen ein kleines Spielzeug, eine graue Filzmaus, und ein Zettel in krakeliger Schrift: „Bitte schauen Sie auf seine Ohren. Er kratzt am linken Ohr, wenn es ihm schlecht geht. Dann behalten Sie ihn bitte, bis er wieder frisst. Er vertraut Ihnen.“

Es war der genaueste Liebesbeweis, den mir je jemand über ein Tier geschrieben hat – und gleichzeitig das Eingeständnis, dass sie zu Hause die Kontrolle verloren hatte.

Ich legte die Maus und den Zettel in Felix' Akte. Die letzte Eintragung stammt vom März, als ich den Praxiskalender auf das neue Jahr umgestellt hatte: „Frau Hartmann angerufen. Felix nicht zur jährlichen Impfung erschienen. Erneut erinnert. Keine Antwort. Zweiter Anruf: Nummer nicht mehr vergeben.“

Ich habe die Schachtel noch heute in meinem Spind, zwischen Verbandsmaterial und einem alten Kalender. Manchmal, wenn ich sie sehe, überlege ich, ob ich nach Hohenschönhausen fahren sollte, einfach klingeln, fragen, ob es Felix und der Familie gut geht. Ich habe es nie getan. Es ist nicht meine Adresse, nicht mein Zettel, nicht mein Recht.

Aber wenn jetzt ein Kater mit stumpfem Fell und diesem süßlichen Geruch auf meinem Tisch liegt, öffne ich die Schublade mit der Filzmaus, bevor ich überhaupt die erste Frage an die Besitzer stelle.

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Kater Felix, der Kater mit dem Kater