Ich habe diesen Text geschrieben, um eine Geschichte zu erzählen, die auf wahren Begebenheiten beruht. Es geht um den Tod einer blinden Löwin und die außergewöhnliche Fürsorge ihrer Töchter. Die Handlung spielt in Deutschland, genauer gesagt im Serengeti-Park Hodenhagen. Alle Charaktere, Namen und Details sind von mir neu erfunden, um die emotionale Dramaturgie des Originals eigenständig zu erzählen.

Die Sache mit dem Treppenhaus

Man riecht den Tod ja nicht sofort. Im Serengeti-Park in Hodenhagen, da roch es an diesem Morgen im Mai erst mal nach nassem Eukalyptus und dem Futter, das der Pfleger Jens um halb sechs mit dem alten Unimog vorbeibrachte. Über der Savannenanlage hing der Geruch von kaltem Rauch aus dem kleinen Krematorium—nur ein dünner Faden, mehr war das nicht, der vom Wind aus dem Nachbarkreis herübergeweht wurde. Jens hatte die Scheinwerfer des Wagens angelassen, und die Staubkörner tanzten im Lichtkegel, als würde nichts geschehen.

Sie lag am Wasserloch. Die alte Löwin. Blind auf beiden Augen, das Fell an den Flanken stumpf, als hätte jemand Kreide darübergewischt. Man hätte meinen können, sie schläft, weil sie in der Nacht noch am Rand gelegen und auf die Geräusche der anderen gelauscht hatte. Aber das Heben und Senken ihrer Brust war zu ruhig gewesen, eine ganze Stunde lang, und dann war es gar nicht mehr gewesen. Die Töchter—Binta und die hellere, die auf den Namen Afrika hörte—lagen zu beiden Seiten, nicht auf ihr, sondern so, dass ihre Körper eine kleine Mauer bildeten. Zwei Löwinnen, die dem, was da zwischen ihnen lag, den Rücken zuwandten und den Blick nach draußen richteten, dorthin, wo die Morgendämmerung die Kuppel des Affenhauses in ein fahles Rot tauchte. Afrika hatte die Vorderpfote auf etwas gelegt, das Jens erst nicht erkannte: der halbe Schulterknochen eines Wasserbocks, an dem noch Sehnenfäden hingen, feucht und dunkel. Den hatten sie in der Nacht noch geholt. Für sie. Obwohl sie längst wussten, dass es vorbei war. Vielleicht ist das der Punkt, an dem man begreift, dass Trauer bei Tieren nichts mit Instinkt zu tun hat, sondern mit Warten.

Die Geschichte, die jeder im Park erzählte, ging so: Nachdem der Star—so hieß die Löwin, weil das kleine schwarze Mal über ihrem rechten Ohr an einen Stern erinnerte—ihr Augenlicht verloren hatte, irgendwann nach einer Infektion, die der Tierarzt Dr. Behrens zuerst für eine Bindehautentzündung gehalten hatte, war sie in der Nacht nicht mehr vom Liegeplatz aufgestanden. Am dritten Morgen hatte Jens die beiden Töchter am Zaun gesehen, sie hatten auf die Touristen gestarrt, die mit ihren Brotdosen am Safaribus standen, stumm, reglos, als wäre ihnen zum ersten Mal aufgefallen, dass hinter dem Maschendraht eine Welt lag, die ihre Mutter nie wieder sehen würde. Danach bewegte sich das Rudel anders. Nicht als Gruppe von Raubtieren, sondern als Gebilde, das einen Riss hatte und sich um diesen Riss herum neu sortierte.

Sie führten sie zum Wasser. Das hieß: Binta ging voraus, Afrika blieb einen halben Schritt hinter der Blinden, und wenn Star den Kopf senkte, um zu trinken, legte Afrika ihr die Schnauze an die Schulter, nicht als Stütze, sondern als Signal: Hier bin ich, hier ist sicher. Jens stand oft auf der Beobachtungsplattform und sah zu, wie die Alte am Ufer stand, die Vorderpfoten im Schlamm, und wie die Töchter ihr den Weg zwischen die dürren Akazien wiesen. Einmal hatte ein rangniedriges Männchen versucht, ihr den Fressplatz streitig zu machen, und Binta hatte sich so plötzlich gedreht, dass der Kleinere zurück in die Büsche gestolpert war. Es gab keinen Kampf. Es gab nur diese Drehung, die Schulter nach vorn, den Schädel tief. Es reichte. Der Kleinere legte sich in den Schatten und blieb dort, bis die Alte gefressen hatte.

Das Erstaunliche war die Jagd. Ein blindes Muttertier, das konnte man nicht durchfüttern, das war zu viel für die zwei. Also jagten sie für drei. Binta übernahm die Rolle, die sonst die Alte gehabt hatte: Sie hielt die Beute im Auge, sie setzte den Sprint an. Afrika schnitt den Weg ab, trieb das Jungtier in die Mulde bei der alten Futterraufe. Und immer, wenn sie gerissen hatten, schleiften sie die schwersten Stücke nicht zum eigenen Fressplatz, sondern den Hang hinauf, dorthin, wo Star auf einer Decke aus trockenem Gras lag, den Kopf auf die Pfoten gebettet, die Ohren in jede Richtung gedreht. Sie spürte, wenn sie kamen. Ihr ganzer Körper wurde dann lebendig, der Hals straffte sich, die Nase arbeitete. Und die Töchter blieben neben ihr, bis sie den ersten Bissen genommen hatte.

Niemand wusste zu sagen, wann genau die Alte krank wurde. Vielleicht war es die Lunge, vielleicht das Herz. In den Akten stand nur: zunehmende Apathie, Futterverweigerung über 36 Stunden, Kreislaufschwäche. Am Montag rot vermerkt, am Donnerstag zur Beobachtung ins Innengehege. Doch die Töchter wollten nicht ins Haus. Sie blieben am Gitter, die ganze Nacht, und Afrika scharrte mit der Pranke über den Beton, bis unter ihren Krallen das blanke Metall der Schwellen zu sehen war. Jens hatte den Tierarzt um sieben gerufen, telefonisch, und da hatte Dr. Behrens gesagt, was man in solchen Fällen eben sagt: Nicht hetzen. Abwarten. Der Natur ihren Lauf lassen.

Der Lauf der Natur nun: Am Dienstag, gegen 11 Uhr 20, ging Jens mit dem Eimer zum Seiteneingang, als er Binta und Afrika auffällig weit vom Tor entfernt sah. Sie saßen auf der kleinen Anhöhe hinter dem Wasserloch, der Stelle, von der aus man über den halben Park blickt, und schienen auf etwas zu warten. Jens dachte, sie hätten einen Rehbock am Zaun gesehen, aber da trat Star aus dem Schatten des Unterstands. Langsam, Schritt für Schritt, den Kopf tief. Und Binta stand auf und ging ihr entgegen, fast beiläufig, den Schwanz aufgerichtet. Sie legte ihre Flanke an die der Mutter. Dann gingen sie zusammen den Hang hinunter, die blinde Löwin in der Mitte, die Töchter als lebendes Geländer, und unten am Wasser blieben sie stehen, und Star trank, so lange, dass Jens die Zeit maß: neun Minuten. Danach sank sie seitlich ins Gras, und die Töchter legten sich dazu.

Um sechs Uhr abends rührte sie sich nicht mehr. Jens war auf der Plattform geblieben, obwohl sein Dienst längst vorbei war. Er aß ein Käsebrötchen aus der Alufolie, und die Hälfte davon legte er vor das Gitter, was er sonst nie tat. Er konnte das Brötchen nicht erklären. Als die Dämmerung kam, gingen die Strahler über dem Affenhaus an, und das Licht fiel flach über die Savanne, rostig und golden, und die Löwinnen im Gras sahen aus wie Statuen, die man dort für eine afrikanische Nacht aufgestellt hatte.

Am nächsten Morgen rief er Dr. Behrens an, vom Diensttelefon an der Futterkammer, während draußen die ersten Besucher ihre Parkplatzmünzen in die Automaten warfen. „Sie ist weg“, sagte Jens. „Heute Nacht.“ Der Tierarzt fragte, was die Töchter machen. Jens drehte den Kopf zur Überwachungskamera, die auf den Hang gerichtet war, und dorthin, wo die beiden saßen, die Köpfe dem Wind zugewandt, die Augen halb geschlossen. „Sie warten“, sagte er.

Das ist die Geschichte. Man kann sie zoologisch nennen, vom Sozialverhalten her, vom Brutfürsorgetrieb. Man kann sie auch eine Parabel nennen über Dinge, die weiter tragen, wenn das Sehen aufhört. Aber an diesem Morgen in Hodenhagen, zwischen Kasse und Wassergraben, war sie nur das: eine alte blinde Löwin, zwei Töchter, ein Stück Fleisch für jemanden, der schon gegangen war. Der Rest ist Sprache.

Jens hat am nächsten Tag seine Abmeldung an die Parkleitung diktiert. Nicht wegen Trauer, sondern weil er in der Nacht aufgewacht war und seine Frau und seine zwei Töchter atmen hörte, und weil ihm diese Atemzüge plötzlich vorkamen wie etwas, das man bewachen muss. Er hat zum Schluss die Stelle mit dem Gitter im Zaun ausgebessert, die seit Wochen lose war, die kleine Stelle, an der man, wenn man sich bückt, auf die Savannenanlage hinaussehen kann. Er hat neue Schrauben genommen, die alten waren verrostet. Beim Festziehen hat er an Star gedacht, und dass sie diese Lücke nie gefunden hatte, weil sie blind war. Und dann hat er die Zange in den Kasten gelegt, den Helm abgenommen und ist über den Parkplatz zu seinem Wagen gegangen, ohne sich umzudrehen.

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MagistrUm
Ich habe diesen Text geschrieben, um eine Geschichte zu erzählen, die auf wahren Begebenheiten beruht. Es geht um den Tod einer blinden Löwin und die außergewöhnliche Fürsorge ihrer Töchter. Die Handlung spielt in Deutschland, genauer gesagt im Serengeti-Park Hodenhagen. Alle Charaktere, Namen und Details sind von mir neu erfunden, um die emotionale Dramaturgie des Originals eigenständig zu erzählen.