Vor acht Tagen bin ich neunundfünfzig geworden. Kein Kuchen mit Kerzen, keine Karten auf dem Küchentisch. Renate hat mir morgens einen Kaffee gebracht, dazu zwei Butterkekse aus der Dose mit dem Blumenmuster, hat "alles Gute, mein Junge" gesagt, und das war's dann auch schon. Ich saß am Fenster, draußen hupte der Müllwagen in der Habichtstraße, irgendwo im Treppenhaus roch es nach gebratenen Zwiebeln von den Nachbarn im zweiten Stock, und ich dachte: neunundfünfzig. Wie ist das eigentlich passiert.
Früher hatte ich Leute um mich. Jürgen, mit dem ich in Bochum die Lehre gemacht habe, Elektriker beide. Und Sabine aus der Buchhaltung, wo ich zweiundzwanzig Jahre als Hausmeister gearbeitet habe, bevor der Betrieb dichtgemacht wurde. Jürgen ist nach Portugal gezogen, zu seiner Tochter, schickt manchmal ein Foto vom Strand. Sabine hat wieder geheiratet, kümmert sich um ihre Enkelkinder, hat ihr eigenes Leben. Wir schreiben uns zu Weihnachten. Höflichkeit, mehr ist da nicht mehr übrig.
Verheiratet war ich mal, kurz, mit Mitte zwanzig. Das ist eine andere Geschichte, die schnell vorbei war und über die ich nicht gern rede. Kinder kamen keine. Das hat mir früher zugesetzt, richtig weh getan. Heute ist es eher eine Leere, die abends kommt, wenn der Fernseher aus ist und die Wohnung plötzlich zu groß wirkt für zwei Menschen.
Meine Mutter ist zweiundachtzig. Klein geworden mit den Jahren, der Rücken gekrümmt, aber die Augen — die sind noch dieselben wie auf dem Hochzeitsfoto von ihr und meinem Vater, das im Flur hängt. Sie geht jeden Vormittag allein auf den Balkon, hält sich am Geländer fest, Schritt für Schritt, aber sie schafft es aus eigener Kraft. Das ist, ehrlich gesagt, der beste Moment meines Tages. Ich stehe dann in der Küche, tue so, als würde ich Geschirr abtrocknen, und denke: bitte noch nicht. Noch nicht.
Ich weiß, wie es klingt, wenn ein Mann von neunundfünfzig sagt, seine größte Angst sei nicht das Altwerden selbst, nicht die Diagnose, die irgendwann kommen kann, sondern der Tag, an dem er in dieser Wohnung ganz allein aufwacht. Aber genau so ist es. Ohne ihre Stimme aus der Küche, ohne das Schlurfen ihrer Hausschuhe auf dem Linoleum um sieben Uhr morgens, wäre das hier keine Wohnung mehr. Nur noch Zimmer.
Wir kommen mit wenig aus. Ihre Witwenrente und meine Erwerbsminderungsrente zusammen reichen gerade so, wenn man rechnet. Gemüse holen wir vom Wochenmarkt am Dienstag, das ist billiger als im Rewe um die Ecke. Kleidung kaufen wir im Sozialkaufhaus in der Nebenstraße, und das ist mir längst nicht mehr peinlich. Warum auch. Man kann in einer gebrauchten Jacke genauso warm und ordentlich aussehen wie in einer neuen aus dem Kaufhof.
Abends sitzen wir zusammen im Wohnzimmer. Sie strickt an einem Pullover, den sie nie fertig zu bekommen scheint, ich habe ein Buch aus der Stadtbücherei auf dem Schoß, oft ohne eine einzige Seite umzublättern. Wir schauen die Krimiserie, die um zwanzig Uhr fünfzehn läuft, jeden Mittwoch. Manchmal lachen wir richtig laut, manchmal sagen wir eine Stunde lang kein Wort. Dieses Schweigen zwischen uns ist alt geworden, so alt, dass es nicht mehr wehtut. Es liegt eher wie eine Decke über beiden von uns.
Am Wochenende kommt manchmal der Nachbar Herr Wollek von unten vorbei, mit seiner Frau. Wir trinken Kaffee, reden über die Baustelle vor dem Haus, über den neuen Bäcker, der die Brötchen teurer macht, über nichts Besonderes eigentlich. Aber wenn die zwei wieder gegangen sind, ist einem irgendwie wärmer ums Herz.
Manchmal frage ich mich, wofür ich die Jahre eigentlich verbraucht habe. Es hätte anders laufen können, wenn ich mutiger gewesen wäre. Wenn ich das Sichere nicht immer dem Echten vorgezogen hätte. Aber das lässt sich nicht mehr ändern, die Zeit kommt nicht zurück. Was bleibt, ist das hier: dieser Vormittag, der Kaffee, der noch dampft, die Stimme meiner Mutter aus der Küche. Und wenn ich sie ansehe, wie sie am Fenster steht, verstehe ich: das ist auch ein Leben. Nicht das, von dem ich mit dreißig geträumt habe. Aber echt. Und meins.
Vor drei Jahren wurde es ernst. Meine Mutter kam mit dem Rettungswagen ins Bergmannsheil, Herzrhythmusstörungen, drei Tage auf der Intensivstation, in denen ich auf einem Plastikstuhl im Flur gesessen und mit niemandem geredet habe, weil ich niemanden hatte, den ich hätte anrufen können. Der Arzt sagte damals, es könne auch anders ausgehen. Ich habe in dieser Nacht zum ersten Mal seit Jahren wieder gebetet, ohne genau zu wissen, an wen.
Sie kam durch. Kam nach Hause, schwächer als vorher, aber sie kam. Und drei Wochen später stand mein Cousin Bernd vor der Tür — der einzige Verwandte, der sich sonst nie meldet —, mit einem Aktenordner unter dem Arm. Er erklärte mir freundlich, fast beiläufig, dass es doch sinnvoll wäre, "die Sache mit der Wohnung jetzt zu regeln, solange Tante Renate noch klar im Kopf ist". Er meinte damit: eine Vorsorgevollmacht auf seinen Namen, angeblich um mir "die Last abzunehmen". Ich hätte fast unterschrieben, aus Erschöpfung, aus Höflichkeit, weil man in unserer Familie niemandem widerspricht.
Aber meine Mutter, klein und blass im Sessel, mit der Wolldecke über den Knien, hat den Ordner genommen, ihn zugeklappt und gesagt: "Bernd, das entscheide ich. Und ich entscheide, dass mein Sohn das regelt, nicht du." Sie hat ihn nicht angeschrien. Sie hat ihn einfach angesehen, mit diesem Blick, den sie schon hatte, als ich acht war und Blödsinn gemacht hatte, und er ist gegangen, ohne den Ordner.
Am nächsten Tag sind wir gemeinsam zur Notarin in der Innenstadt gefahren, mit dem Bus, weil das Taxi zu teuer gewesen wäre. Meine Mutter hat mir eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung ausgestellt, auf meinen Namen, nicht auf Bernds. Ich habe die Unterschriftsmappe noch, sie liegt im obersten Fach des Küchenschranks, neben der Kaffeedose. Vierhundertzwanzig Euro hat das gekostet, die wir vom Ersparten genommen haben, das eigentlich für die Heizkostennachzahlung gedacht war.
Bernd hat sich seitdem nicht mehr gemeldet. Kein Anruf, keine Weihnachtskarte. Das ist in Ordnung so.
Neulich, an einem Sonntagnachmittag, saßen wir wieder im Wohnzimmer, der Fernseher lief mit dem Ton auf leise, und meine Mutter hat plötzlich gefragt: "Junge, wenn ich mal nicht mehr bin — versprichst du mir, dass du nicht wieder allein in dieser Wohnung verschwindest?" Ich habe nichts geantwortet. Ich habe nur die Mappe aus dem Schrank geholt, sie ihr auf den Schoß gelegt und gesagt: "Das hier ist schon geregelt. Der Rest regelt sich auch noch."
Sie hat genickt, die Mappe mit beiden Händen festgehalten, so wie man etwas Warmes hält, und dann weitergestrickt, als wäre nichts gewesen. Der Fernseher lief weiter. Draußen fing es an zu regnen, gegen die Scheibe der Habichtstraße, ganz leise, wie jeden Herbst.
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