Ich heiße Nadja Berger, und an dem Morgen, an dem ich Miriam Hartmann kennenlernte, hatte ich eigentlich frei. Aber mein Kollege rief um kurz nach sieben an, er hätte Magen-Darm, und der Chef sagte: „Menckestraße 14, private Haushaltsauflösung. Sei um neun da, die Frau will nicht lange warten.“ Also zog ich die Arbeitshose an, holte den Transporter von der Firma König Umzüge ab und fuhr durch Leipzig-Gohlis, an der Haltestelle Menckestraße vorbei, wo die Linie 4 bimmelte. Es roch nach nassem Asphalt und Lindenblüten, obwohl die Sonne schon brannte.
Die Tür machte eine Frau auf, die einen grauen Trainingsanzug trug und einen dunklen Fleck am Unterarm hatte, den sie mit dem Ärmel verdeckte, als sie mir die Hand gab. „Ich bin Miriam Hartmann. Kommen Sie rein.“ Ihre Stimme klang sachlich, wie eine Ansage am Bahnhof. „Die Sachen sind sortiert. Alles, was im Schlafzimmer rechts liegt, gehört ihm. Packen Sie es ein, stellen Sie es nach draußen auf den Rasen.“ Sie zeigte auf einen Stapel Umzugskartons an der Wand und ging in die Küche, wo die Kaffeemaschine blubberte. Ich fragte nicht, wer „er“ war. Ich bekam siebzehn Euro die Stunde, und Fragen gehörten nicht dazu.
Mein Kollege und ich fingen an. Aus dem Schlafzimmer holten wir einen dunkelblauen Anzug, ein Paar braune Lederschuhe, einen Laptop, einen Rasierer mit Kabel, eine Uhr, die nach Männerdeo roch. Auf dem Nachttisch stand ein Foto von einem Mann mit schütterem Haar und einem breiten Grinsen. Ich packte es in einen Karton, zwischen die Socken. Im Wohnzimmer hingen gerahmte Bilder von einem Segelboot, und auf dem Sideboard stand eine kleine Porzellankatze mit abgebrochenem Ohr. Die Frau kam aus der Küche, reichte mir einen Kaffee im Pappbecher und sagte: „Die Katze bleibt.“ Ich stellte sie vorsichtig beiseite.
Gegen zehn kam ein Mann von einem Schlüsseldienst. Er trug einen Werkzeugkoffer, auf dem „Schlosserei Berger“ stand – nicht verwandt mit mir, ich habe gelacht, aber nur kurz. Miriam Hartmann gab ihm einen Zettel und zwei neue Schlüssel. Er wechselte das Schloss an der Haustür, dann das an der Terrassentür. Sie zahlte ihm bar, ich sah einen Fünfzig-Euro-Schein. Dann telefonierte sie in der Küche. Ich hörte nur Fetzen: „Nein, der Notartermin ist erst um elf. Die Schlösser sind gemacht. Die Kartons stehen schon halb draußen.“ Ich trug gerade einen Karton mit Krawatten und Manschettenknöpfen auf den Rasen, als sie auflegte und mich ansah. „Stellen Sie alles ordentlich hin. Er soll sehen, dass nichts kaputt ist.“
Wir arbeiteten zügig. Der Rasen vor dem Haus füllte sich mit Kartons, einem schwarzen Koffer, einem Aktenordner, einer gerahmten Urkunde von einer Sparkasse. Ich stellte die Schuhe nebeneinander auf den Koffer. Der Kollege fragte, ob wir auch die Matratze rausholen sollten. Die Frau schüttelte den Kopf. „Die gehört zur Einrichtung. Die bleibt.“ Sie zog an ihrem Ärmel, der Fleck rutschte höher, und ich sah, dass es ein Hämatom war, blau und gelb an den Rändern. Ich sagte nichts. Ich holte den nächsten Karton.
Um kurz vor zwölf bog ein silberner Mercedes in die Einfahrt. Ich wusste sofort, wer das war. Der Mann von dem Foto stieg aus, neben ihm eine ältere Frau mit Dauerwelle und einem roten Mantel. Hinten kam ein Typ mit Aktentasche, der aussah, als hätte er schlechte Nachrichten. Thorsten Hartmann blieb auf dem Rasen stehen, direkt vor seinem Anzug, der in einem offenen Karton lag. Seine Mutter deutete mit dem Finger auf das Haus. „Da wohnst du. Und wer hat deine Sachen hierher gestellt?“
Miriam Hartmann kam aus der Tür. In der Hand hatte sie eine blaue Mappe. Sie ging die zwei Stufen hinunter, stellte sich vor ihren Mann und öffnete die Mappe. Ich stand drei Meter entfernt, mit einem leeren Karton, und konnte sehen, dass es eine beglaubigte Abschrift vom Grundbuch war. Oben stand ihr Name.
„Das hier sagt, wem das Haus gehört“, sagte sie. „Und deine Sachen stehen auf dem Rasen. Nimm sie mit. Du wohnst hier nicht mehr.“
Thorsten Hartmann lachte, aber es klang wie ein Husten. „Du kannst mich nicht rauswerfen. Das ist mein Haus!“
Seine Mutter fiel ein: „Und wenn du meinen Jungen rauswirfst, dann nehme ich wenigstens die Küche mit! Die hat er bezahlt!“
„Die Küche steht im Kaufvertrag der Immobilie“, sagte Miriam Hartmann. „Die gehört mir. Wie alles andere auch. Der Notartermin um elf war nur für den Fall, dass du es schriftlich willst. Die Polizei ist schon unterwegs.“
Der Makler mit der Aktentasche trat einen Schritt vor. „Frau Hartmann, ich habe hier die Finanzierungsunterlagen für den Verkauf. Ihr Mann und seine Mutter haben mir Vollmacht gegeben.“
Miriam Hartmann zog eine zweite Seite aus der Mappe. „Diese Unterschrift? Die habe ich nicht geleistet. Mein Anwalt hat schon eine Anzeige wegen Urkundenfälschung vorbereitet. Und Sie sollten sich überlegen, ob Sie mit in die Sache reingezogen werden wollen.“
Der Makler wurde blass. Thorsten Hartmann trat auf seine Frau zu, die Ader an seinem Hals dick. „Du machst das nicht. Das ist mein Haus. Ich habe dich reingeholt, als du nichts hattest!“
„Du hast mich reingeholt?“ Miriam Hartmann lachte nicht, aber ihre Mundwinkel bewegten sich kaum. „Ich habe dich reingeholt. Vor vier Jahren. Ohne Ehevertrag, aber das Haus war vorher da. Und jetzt willst du es verkaufen, um deine Autowerkstatt zu finanzieren. Mit einer gefälschten Unterschrift. Das ist Betrug.“
In dem Moment hörte man Martinshorn. Zwei Polizeibeamte stiegen aus, einer mit Kamera auf der Brust. Thorsten Hartmann machte einen Schritt zurück, seine Mutter kreischte: „Sie lügt! Mein Sohn würde so etwas nie tun!“ Aber der Beamte bat alle, die Hände aus den Taschen zu nehmen. Miriam Hartmann reichte ihm die Mappe. „Darin sind die Unterlagen. Die Gewaltanzeige von gestern Abend, die Fotos von meinem Arm, die Aufnahmen der Überwachungskamera und der Grundbuchauszug. Der Schlüsseldienst hat die Schlösser heute Morgen getauscht. Er hat keinen Zutritt mehr.“
Thorsten Hartmann brüllte etwas, das wie „Du verdammte Lügnerin“ klang, aber ich hörte nicht genau, weil die Mutter gleichzeitig schrie. Der Polizist nahm ihn am Arm. Ein zweiter Beamter kam zu mir und fragte: „Haben Sie etwas gesehen? Haben Sie die Sachen gepackt?“ Ich sagte: „Ich habe nur Kartons gepackt. Auf den Rasen gestellt. Mehr nicht.“ Er schrieb meine Personalien auf. Mein Kollege stand am Transporter und rauchte, obwohl er sonst nie raucht.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Thorsten Hartmann wurde mit Handschellen abgeführt. Seine Mutter lief hinterher, der rote Mantel flatterte, ihre Dauerwelle zerfiel. Der Makler stieg in seinen Mercedes und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Miriam Hartmann blieb auf dem Rasen stehen, die blaue Mappe in beiden Händen, und sah den Autos nach. Dann drehte sie sich zu mir um. „Die Kartons können stehen bleiben. Ich werde sie später abholen lassen. Ihre Arbeit ist erledigt.“ Sie gab mir einen Umschlag mit dem Restbetrag, 480 Euro bar, und noch zwanzig Euro Trinkgeld. „Kaufen Sie sich was zu essen.“
Ich fuhr mit dem Transporter zurück zur Firma. Auf dem Beifahrersitz lag der Pappbecher mit kaltem Kaffee, den ich nicht ausgetrunken hatte. Ich dachte an den blauen Fleck an ihrem Arm. Ich dachte daran, wie sie die Mappe geöffnet hatte, ohne zu zittern. Aber ich hatte keine Zeit für Gedanken, weil der Chef anrief und fragte, ob der Auftrag erledigt sei. „Ja“, sagte ich. „Alles raus.“
Drei Monate später hatte ich einen Auftrag in derselben Straße, eine Studentin zog zwei Blocks weiter in eine WG. Ich bog in die Menckestraße ein und sah das Haus Nummer 14. Der Rasen war umgegraben, und an der Stelle, wo damals die Kartons gestanden hatten, war ein junger Ahorn gepflanzt. Die Haustür war frisch gestrichen, dunkelgrün, mit einer neuen Klingel. Ich parkte den Transporter und ging die Straße entlang.
Da stand Thorsten Hartmann vor der Tür. Er trug dieselbe braune Lederjacke wie auf dem Foto, aber sie war fleckig. Er versuchte, einen Schlüssel ins Schloss zu stecken. Der Schlüssel drehte nicht. Er rüttelte an der Klinke, fluchte, versuchte es noch einmal. Dann warf er den Schlüssel in den Vorgarten, direkt neben den Ahorn, und stapfte davon, ohne sich umzuschauen. Am Fenster im ersten Stock bewegte sich eine Gardine. Eine Hand zog sie kurz zurück, dann fiel sie wieder zu.
Ich stieg in den Transporter und fuhr los. Die Menckestraße roch wieder nach Lindenblüten. Die Linie 4 bimmelte an der Haltestelle. Und ich stellte das Radio an, weil ich nichts mehr hören wollte.
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