Das Muttermal im Regen

Ich sitze in meinem Taxi an der Ampel am Connewitzer Kreuz, der Scheibenwischer schlägt im Takt, und draußen prasselt der Regen auf Leipzig, als hätte jemand einen Eimer über der Stadt ausgeschüttet. Es ist kurz nach sechs, ein Mittwoch im Oktober, und ich habe seit zwanzig Minuten keinen Fahrgast mehr gehabt. Vor mir hält ein schwarzer BMW X5, drinnen eine Frau und ein Junge, vielleicht acht, neun Jahre alt. Ich schaue auf die Rotphase, dann auf den Jungen, der plötzlich sein Gesicht an die Scheibe presst und mit dem Finger nach rechts zeigt, Richtung alter Konsum-Laden, wo unter dem Vordach ein Kind sitzt.

Der Regen hängt wie ein Vorhang zwischen uns. Das Kind unter dem Vordach zittert, die Knie an den Körper gezogen, in den Händen eine angebissene Bratwurst, die schon ganz aufgeweicht ist. Es ist ein Junge, vielleicht zehn, elf, die Haare verfilzt, die Hände blau vor Kälte. Ich sehe, wie die Frau im BMW innehält. Sie hat gerade nach ihrer Handtasche gegriffen, aber jetzt hält sie inne, die Hand mitten in der Bewegung. Ihr Rücken wird steif, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Dann reißt sie die Tür auf, ohne auf den Verkehr zu achten.

Ich stelle den Motor ab, lasse die Warnblinkanlage an. Eigentlich wollte ich nach Hause, meine Schicht ist gleich vorbei, und meine Frau wartet mit dem Essen. Aber irgendwas hält mich fest. Vielleicht ist es der Junge im Auto, der jetzt die Tür aufmacht und hinter seiner Mutter her ruft: „Mama? Was ist los?“

Die Frau geht über die nasse Straße, die Absätze klacken auf dem Asphalt, der Regen durchnässt ihre Bluse. Sie bleibt vor dem Kind stehen, das nicht aufschaut, sondern die Bratwurst fester umklammert, als wolle es sie verteidigen. Die Frau sagt etwas, das ich nicht höre, dann geht sie in die Hocke, die Hände auf die Knie gestützt, das Gesicht nah an das Kind heran. Der Junge weicht zurück, zieht die Beine an, aber dann dreht er den Kopf zur Seite, und ich sehe es: ein dunkles Muttermal am Hals, fast wie eine Karte, die jemand mit roter Tinte gezeichnet hat. Die Frau erstarrt. Ich sehe, wie ihre Schultern anfangen zu zittern, nicht vor Kälte. Sie streckt die Hand aus, will das Muttermal berühren, zieht aber zurück, als hätte sie Angst, dass es verschwindet.

Ich krame in meiner Mittelkonsole nach einem Kugelschreiber, notiere mir das Kennzeichen des BMW. Nicht weil ich neugierig bin, sondern weil ich als Taxifahrer gelernt habe, dass man in solchen Momenten besser ein paar Fakten festhält. Wann, wo, was.

Der Junge im BMW, der Sohn der Frau, steht jetzt neben ihr, schaut zu dem obdachlosen Kind, dann zu seiner Mutter. Ich höre ihn fragen: „Ist das mein Bruder?“

Die Frau sagt nichts. Sie holt ihr Handy heraus, wischt mit dem Daumen über den Bildschirm, zeigt dem Kind unter dem Vordach ein Foto. Das Kind blickt kaum hin, aber die Frau redet, redet, und irgendwann nickt das Kind, kaum sichtbar. Die Frau legt den Arm um es, zieht es an sich, und das Kind wehrt sich nicht, sondern lässt den Kopf an ihre Schulter fallen. Der Regen tropft von seinen Haaren, von ihren Haaren, vermischt sich auf dem Gesicht.

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Eingreifen? Nein, das ist nicht meine Sache. Ich bin nur ein Fahrer, der an einer roten Ampel steht. Aber ich bleibe sitzen, bis die Ampel zwei, drei Mal auf Grün springt. Hinter mir hupt jemand, ich fahre an den Straßenrand, stelle den Motor ab. Ich sehe, wie die Frau das Kind zum BMW führt, ihm die hintere Tür aufhält. Es zögert, greift nach der Türkante, als erwarte es, dass sich alles als Trick herausstellt. Dann steigt es ein. Die Frau setzt sich ans Steuer, der Sohn hinten neben dem fremden Jungen. Sie fahren los.

Am nächsten Morgen, beim Bäcker in der Karl-Liebknecht-Straße, lese ich in der Leipziger Volkszeitung eine kurze Notiz: „Acht Jahre nach Klinikbrand: Vermisster Zwilling in Leipzig aufgefunden.“ Ich lese den Artikel zweimal. Es geht um einen Brand in einem Krankenhaus im Jahr 2016, bei dem ein Neugeborenes als tot galt. Aber die Mutter hat nie daran geglaubt. Und gestern, im Regen, hat sie ihren Sohn wiedererkannt, an einem Muttermal.

Ich kaufe zwei Schrippen und einen Kaffee für 2,20 Euro, setze mich auf eine nasse Bank am Connewitzer Kreuz. Der Regen hat aufgehört, aber die Luft ist noch feucht und kalt. Ich denke an die Frau, wie sie auf der Straße kniete, und an den Jungen, der so lange allein gewesen ist. Ich denke an den Geruch von Bratwurst, der aus dem Imbiss gegenüber zog, und an den streunenden Hund, der in der Nacht zuvor am Mülleimer neben dem Konsum geschnüffelt hatte, als wäre er auf der Suche nach etwas Essbarem. Niemand hat den Hund beachtet, genau wie das Kind unter dem Vordach.

Drei Wochen später, ein Freitag, fahre ich eine Kundin zum Standesamt in der Nähe des Ringmessehauses. Als ich vor dem Eingang halte, sehe ich die Frau aus dem BMW. Sie trägt einen ordentlichen Mantel, in der Hand eine dicke Mappe. Neben ihr der Junge, der damals im Regen saß, jetzt in sauberen Kleidern, die Haare geschnitten. Er hält einen grünen Pass in der Hand, blättert darin, als suche er etwas. Die Frau legt ihm den Arm um die Schulter, sagt etwas, und der Junge schaut zu ihr auf, ein kleines, unsicheres Lächeln.

Ich steige aus, halte meiner Kundin die Tür auf. Die Kundin, eine ältere Dame mit Rollator, braucht einen Moment. Ich schaue hinüber zu der Frau und dem Jungen, die jetzt die Treppe zum Standesamt hinaufgehen. Die Frau dreht sich noch einmal um, als spüre sie meinen Blick. Ich hebe die Hand, eine kleine Geste, halb Gruß, halb Anerkennung. Sie nickt kaum merklich. Dann verschwinden sie hinter der Glastür.

Ich warte im Taxi auf meine Kundin. Der Nachrichtensender im Radio bringt einen Beitrag über den Fall: Die Mutter, eine Ingenieurin aus Leipzig, hat nach acht Jahren der Suche ihren Sohn gefunden. Das Krankenhaus hat Fehler eingeräumt, die Familie bekommt Schadenersatz. Die Summe: 450.000 Euro. Der Sprecher sagt: „Die Mutter hat entschieden, das Geld vollständig für die Therapie ihres Sohnes und für eine Stiftung für obdachlose Kinder zu verwenden.“

Ich stelle das Radio leiser. Meine Kundin kommt zurück, ich helfe ihr beim Einsteigen. Als ich den Motor starte, sehe ich im Rückspiegel, wie die Frau und der Junge das Standesamt verlassen. Der Junge hält den grünen Pass jetzt fest an die Brust gedrückt, als wäre es das Wertvollste, was er je besessen hat. Die Frau geht neben ihm, die Hand auf seiner Schulter. Sie sagt etwas, das ich nicht hören kann, aber der Junge lacht. Es ist ein kurzes, helles Lachen, das durch die offene Scheibe bis zu mir dringt. Dann fahre ich los, in den Feierabend.

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