Das Wasser für den Tee hatte ich dreimal aufgesetzt. Dreimal hatte ich vergessen, es über den Beutel zu gießen. Jetzt stand die Tasse auf dem Küchentisch, der Dampf war längst weg, auf der Oberfläche trieb ein dünner Film aus Kamillenstaub. Mama hatte den Tee immer mit einem Löffel Honig umgerührt. Genau drei Sekunden, bis sich das Gold im Wasser verlor. Ich konnte das nicht anfassen.
Aus dem Wohnzimmer drang Niklas' Stimme, halb hineingerufen ins Telefon: „Nein, der Notar kommt erst nächste Woche. Aber wir müssen das Haus leer machen, der Markt wartet nicht." Er sprach über den Verkauf, als wäre das hier eine Immobilie aus Papier, keine Kindheit. Ich stand in der Küche und hörte den Kühlschrank summen.
Ich brauchte Eis für seinen Whisky. Er hatte die Flasche mitgebracht, Lagavulin, zwölf Jahre, und sie auf den Tisch gestellt, als wäre das ein Möbelstück. Also machte ich den Gefrierschrank auf. Vorne lagen die Beutel mit Himbeeren, die Mama im Juli gepflückt hatte. Der Frost hatte sie zu roten Kieselsteinen gemacht. Dahinter, ganz hinten, klebte etwas Weißes an der Rückwand. Ich zog einen Beutel weg. Ein Umschlag, festgeklebt mit Paketband. Darauf in Mamas Handschrift, mit dem alten Füller, der immer blaue Finger hinterließ: „Für Anna. Nach meinem Tod."
Meine Hand schloss sich um das Kuvert. Ich stopfte es in die Tasche meiner Strickjacke und spürte das Papier an der Hüfte, als ich die Eiswürfel ins Glas fallen ließ. Das Klirren war zu laut.
Niklas kam in die Tür. „Und? Hast du die Unterlagen vom Dachboden schon geholt?" Er meinte die Ordner mit den Rechnungen. Ich sah an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa lag seine Aktentasche, daneben der Laptop mit dem Bloomberg-Ticker. Er hatte schon einmal ein Haus verkauft, unseres in Hamburg. Das hier würde schneller gehen.
„Mama hat gesagt, das Haus gehört mir", sagte ich. Die Worte kamen flach, wie ein Echo aus einem leeren Zimmer.
Niklas zog die Brauen hoch. „Mama hat viel gesagt, bevor sie krank wurde. Papier ist Papier." Er griff nach dem Whiskyglas. „Du hattest drei Jahre ein Zimmer hier, kostenlos. Jetzt sei realistisch."
Ich antwortete nicht. In meiner Tasche knisterte der Umschlag.
Am Abend, als er mit seiner Frau im Hotel war – er wollte nicht im Haus schlafen, wegen der Erinnerungen, sagte er –, ging ich in die Werkstatt. Der alte Schuppen hinter dem Haus, wo der Geruch von Leinöl und Holzstaub in den Wänden hing. Ich setzte mich auf den Hocker, den Mama mir gekauft hatte, als ich siebzehn wurde. Über mir hing die Neonröhre, summte leise. Ich zog den Umschlag heraus.
Das Papier war dünn, die Schrift ein wenig zittrig. Mamas Hände waren am Ende nicht mehr ruhig gewesen. Ich las langsam, jedes Wort einzeln, als müsste ich sie mit den Fingern ertasten.
„Meine liebe Anna. Wenn Du das liest, bin ich fort. Ich weiß, Du wirst wütend sein, weil das Haus an Niklas fällt. Aber er ist nicht aus Holz, das trägt. Du bist es. Du hast immer getragen, ohne zu klagen. Deshalb habe ich Dir etwas anderes hinterlassen. Auf der Sparkasse, Konto Nummer 0319471200, liegen 47.300 Euro. Ich habe jeden Monat zweihundert Euro zurückgelegt, seit Du achtzehn warst. Für Deine Werkstatt. Für Dein Atelier. Du wolltest immer eins, mit einem großen Fenster nach Norden. Ich weiß es noch, Du hast es an die Wand in der Küche gemalt. Dieses Haus ist nur ein Haus. Du bist meine Tochter, egal wo Du lebst. Ich wollte, dass Du frei bist. In Liebe, Mama."
Ich saß da, die Füße auf dem Betonboden, und zwischen meinen Fingern zitterte das Papier. Ich habe nicht geweint. Ich habe die Zeile mit den 47.300 Euro fünfmal gelesen. Dann rechnete ich nach: 47.300 geteilt durch 200 – das waren fast zwanzig Jahre. Siebzehn Jahre. Ich war siebzehn, als sie anfing.
Ich faltete den Brief und legte ihn in die Schachtel mit meinen Graviermessern. Dann nahm ich den schweren Holzhammer von der Werkbank. Er lag gut in der Hand.
Am nächsten Morgen stand Niklas um halb acht in der Küche. Er trug einen Anzug, als ginge es zu einer Versteigerung. „Ich habe einen Gutachter bestellt. Der kommt um zehn. Du solltest deine Sachen packen."
Ich saß am Tisch und trank schwarzen Kaffee. „Was ist mit der Werkstatt?" fragte ich.
Er winkte ab. „Das baufällige Ding? Das gehört zum Grundstück. Wird abgerissen."
Ich stellte die Tasse ab. „Da drin steht meine Druckpresse. Meine Möbel. Meine Werkzeuge. Das habe ich gekauft."
Niklas lachte. „Mit wessen Geld? Du hast doch nichts verdient, du warst hier und hast gepflegt."
Ich stand auf. „Ich habe die Rechnungen bezahlt, Niklas. Den Ofen gewartet, das Dach repariert, die Grundsteuer überwiesen. 23.600 Euro in drei Jahren. Die Quittungen hast du im Ordner. Den du nie angeschaut hast."
Er wurde blass. „Das ist gelogen."
Ich holte den Ordner aus dem Schrank. Ich legte ihn auf den Tisch. Er klappte ihn auf. Blätterte. Die Rechnung über das neue Ziegeldach, 8.400 Euro. Die Ölrechnung vom letzten Winter, 1.980 Euro. Er blätterte weiter, schneller. Sein Zeigefinger hinterließ einen feuchten Fleck auf dem Papier.
„Du willst mir also eine Rechnung stellen?" Seine Stimme wurde scharf. „Vergiss es. Das Haus gehört mir. Alles, was darin ist, auch. Das ist Gesetz."
Ich nahm meine Jacke vom Haken. „Dann hol ich mir nur, was mir gehört." Ich ging nach draußen, die Kieselsteine knirschten unter den Schuhen. Der Nebel über der Elbe hing noch zwischen den Weiden, grau wie frischer Beton.
Ich fuhr zuerst zur Sparkasse in Dresden-Neustadt. Das Konto war auf meinen Namen angelegt, ich hatte es nie gewusst. Die Frau am Schalter musterte meinen Ausweis, dann tippte sie etwas. „47.300 Euro. Soll ich den Betrag auf Ihr Girokonto übertragen?"
Ich nickte nicht. Ich sagte: „Ja. Vollständig. Und geben Sie mir eine schriftliche Bestätigung."
Dann rief ich einen Umzugsservice an. Drei Männer kamen mit einem Transporter. Sie trugen den Druckstock, die Radierpresse, die Regale, die Kisten mit Linolplatten. Meine Staffelei, die Staffelei, die ich 2009 in Leipzig gekauft hatte. Das Atelier in der alten Fabrikhalle hatte ich am Tag zuvor gemietet. Kaum größer als die Werkstatt, aber mit einem Fenster nach Norden. Vierhundertzwanzig Euro kalt, im Monat. Ich konnte es mir leisten.
Gegen Abend, als die Männer den letzten Schrank auf den Transporter hoben, kam Niklas den Weg herunter. Er hielt sein Handy in der Hand, als wäre es ein Beweisstück. „Was zum Teufel machst du da?"
Ich stand vor der Werkstatttür. „Ich nehme meine Sachen."
„Das ist Diebstahl!" Er kam näher. Sein Atem roch nach dem Whisky von gestern. „Ich rufe die Polizei."
Ich reichte ihm einen Zettel. Darauf stand die Adresse meiner neuen Werkstatt, die Summe 47.300 und der Name meines Anwalts. „Ruf an. Der freut sich über jeden Zentimeter Papier."
Niklas riss den Zettel aus meiner Hand. „47.300? Wovon redest du?"
„Mama hatte ein Konto. Für mich. Sie hat siebzehn Jahre lang zweihundert Euro im Monat zurückgelegt. Das war ihre Antwort auf dein Papier." Ich sah ihn an, ohne zu blinzeln. „Das Haus bekommst du. Die Steine, die Wände, den Wert. Ich nehme die Werkstatt."
Er öffnete den Mund, machte ihn wieder zu. Dann warf er den Zettel auf den Boden und ging zurück zum Haus, die Schultern hochgezogen. Am Hauseingang blieb er stehen. Er drehte sich nicht um. Er sagte nur: „Du warst schon immer ihre Prinzessin."
Ich bückte mich, hob den Zettel auf und steckte ihn in die Tasche. Dann schloss ich die Werkstatttür ab und steckte den Schlüssel in den Umschlag mit seinem Namen.
Drei Wochen später klingelte mein Telefon. Es war Niklas. Ich ließ es klingeln. Danach kam eine SMS: „Ich verklage dich. Wegen Unterschlagung." Ich antwortete nicht sofort. Ich stand in meinem Atelier, das Licht fiel durch das Nordfenster, grau und sauber wie ein frisches Blatt Papier. Die Druckpresse stand an der Wand, daneben der Hocker von Mama. Auf dem Arbeitstisch lag der Umschlag aus dem Gefrierfach, das Papier an den Rändern vom Frost gewellt.
Ich nahm mein Handy und tippte: „Der Anwalt hat alle Belege. Und der Umschlag liegt bei mir. Mach's gut, Bruder."
Dann legte ich den Umschlag in einen Bilderrahmen. Ich stellte ihn auf das Fensterbrett, zwischen eine Schale mit Walnüssen und eine Lampe mit grünem Glasschirm. Ich drehte die Lampe an. Das Licht fiel auf die Zeile: „Du wolltest immer eins, mit einem großen Fenster nach Norden."
Ich griff nach einem Stück Lindenholz, das auf der Werkbank lag. Die Maserung verlief ruhig, wie ein Fluss ohne Gefälle. Ich klemmte es in den Schraubstock. Dann nahm ich ein Hohleisen, prüfte die Schneide mit dem Daumen. Das Metall war noch scharf, kalt. Ich setzte die Klinge an und schob sie ein Stück ins Holz. Ein dünner Span rollte sich auf, wirbelte unter das Licht der Lampe, blieb auf dem Rahmen liegen.
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