Lina war dreiundzwanzig, als die Ärzte ihr sagten, sie werde wohl nie wieder laufen. Seit dem Unfall auf der B14 bei Freiburg saß sie im Rollstuhl, und die Benefizgala im Rosengarten-Saal war das erste Mal seit über drei Jahren, dass sie überhaupt wieder ein Kleid trug, das nicht für den Alltag gedacht war.
Der Saal war mit Kristalllüstern beleuchtet, auf den Tischen standen Kerzen und kleine Gestecke aus Herbstastern, draußen regnete es in Strömen auf den Schlossplatz. Die Stadt Freiburg richtete die Gala jedes Jahr im November aus, zugunsten der Kinderkrebsstation am Uniklinikum. Unternehmer, ein paar Lokalpolitiker, die Chefärztin der Klinik – alle in Abendgarderobe, Sekt in der Hand, Eintritt hundertfünfzig Euro pro Person. Lina war in diesem Jahr zur Schirmherrin gewählt worden, nicht weil sie krank war, sondern weil sie seit dem Unfall eine Stiftung für junge Unfallopfer aufgebaut hatte. Man hatte ihr einen Platz direkt neben der Bühne reserviert, mit Blumen am Rollstuhl.
Gerade als der Bürgermeister das Mikrofon abgeben wollte, ging die Flügeltür am Ende des Saals auf, und eine Frau kam herein, die nicht hierhergehörte. Grauer Parka, durchnässt, Turnschuhe mit aufgerissener Sohle. Niemand kannte sie. Ein Kellner wollte sie schon zur Seite nehmen, aber sie ging zielstrebig weiter, direkt auf Lina zu, als hätte sie den Saal vorher ausgekundschaftet.
„Tanzen Sie mit mir?", fragte sie leise.
Herr Brenneke, der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse und Hauptsponsor des Abends, sprang auf. „Sicherheitsdienst! Diese Frau hat hier nichts zu suchen!"
Zwei Männer in schwarzen Anzügen kamen von den Seiten her näher. Lina hob die Hand.
„Nein. Lassen Sie sie."
Nur das Klirren eines Glases irgendwo hinten durchbrach die angespannte Ruhe im Saal.
„Ich will wissen, was sie will", sagte Lina und streckte der Fremden die Hand entgegen.
Die Frau nahm sie, kniete sich halb hin, sodass ihre Augen auf gleicher Höhe waren.
„Trauen Sie sich mehr zu, als Sie sich bisher zugetraut haben."
Linas Herz schlug schneller, ein Kribbeln zog durch ihre Beine, das sie seit Monaten nicht mehr gespürt hatte.
„Versuchen Sie, aufzustehen."
Es passierte lange nichts. Dreihundert Leute hielten die Luft an. Ein Kind am Nebentisch fragte laut „Mama, was macht die?", und jemand zischte „pssst".
Dann, mit zitternden Armen, gestützt auf die Hand der Fremden, hob sich Lina ein paar Zentimeter aus dem Sitz. Hielt sich an der Armlehne fest. Rutschte fast wieder zurück. Richtete sich erneut auf.
Sie stand.
Ein Schritt. Dann noch einer.
Der Saal explodierte – erst ein kollektives Luftholen, dann Schreie, Klatschen, ein Stuhl, der umkippte, weil jemand aufsprang. Eine Frau am Fenstertisch, die Köchin des Catering-Teams, die zufällig gerade mit einem Tablett herauskam, ließ es fast fallen und weinte haltlos. Die Chefärztin der Kinderklinik, Dr. Falkenberg, stand mit offenem Mund da, ohne sich zu rühren.
Herr Brenneke, der noch Minuten zuvor nach dem Sicherheitsdienst gerufen hatte, stammelte: „Das… das ist unmöglich."
Lina weinte, machte noch zwei, drei weitere Schritte, immer an der Hand der Unbekannten. In der Mitte des Parketts drehten sich beide einmal im Kreis, ein kurzer, einfacher Tanz, während das Streichquartett in der Ecke von sich aus leise einsetzte. Der Applaus danach dauerte fast zwei Minuten.
Als die Gäste sich endlich fassten und nach der Frau suchten, um ihr zu danken, war sie verschwunden. Niemand hatte die Tür gehört.
In der Reha-Klinik Bad Krozingen roch der Flur nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee aus dem Automaten. Dr. Wertheim, der Neurologe, hatte die Bilder auf dem Schirm aufgerufen, die Wirbelsäule in Grautönen, und tippte mit dem Kugelschreiber gegen eine Stelle auf Höhe L2.
„Ihre Verletzung war nie komplett. Das hat damals keiner richtig gesehen, ehrlich gesagt."
„Dann hätte ich die ganze Zeit laufen können?"
„Nein. So einfach ist das nicht." Er legte den Stift weg. „Was im Saal passiert ist – unter extremer emotionaler Anspannung reorganisiert sich manchmal das Rückenmark neu, Restfasern übernehmen Funktionen. Kommt vor. Selten, aber kommt vor. Die Fachliteratur nennt das neuronale Plastizität. Kann Monate dauern, bis es stabil ist. Kann auch wieder wegbrechen, wenn Sie's übertreiben."
Lina sah auf ihre Hände im Schoß. „Um wie viele Schritte geht's bei der Übung heute?"
„Zwölf. Mit den Unterarmstützen, den grauen da, nicht die alten." Er deutete zur Wand, wo ihre Stützen standen, Marke Ottobock, die Griffe abgewetzt vom Üben. „Übermorgen vierzehn. Wir steigern langsam."
Sie übte um elf Uhr vormittags, immer zur gleichen Zeit, im Flur B, zwischen Zimmer 114 und dem Pflegestützpunkt, wo eine Schwester mit Klemmbrett die Schritte mitzählte. Nach der zwölften Übung saß sie schweißgebadet im Rollstuhl und hatte Blasen an den Handballen von den Griffen.
Mit dem Sozialamt in Emmendingen telefonierte sie drei Tage später von der Stiftung aus, wegen einer ganz anderen Sache: einem Härtefall-Antrag, der schon zum zweiten Mal wegen fehlender Unterschrift zurückgekommen war.
„Frau Albrecht, hier ist wieder Lina Berger von der Stiftung. Es geht um den Antrag von letzter Woche."
„Moment, ich les grad noch was anderes – ach ja, Suhr, Marlene Suhr, der ist raus, der läuft nicht mehr bei uns."
„Wie meinen Sie, läuft nicht mehr?"
„Die Frau hat die letzte Meldeadresse im Übergangswohnheim Grünwinkel, das ist von März. Seitdem nix. Kein Widerspruch, keine Unterschrift nachgereicht, ist durchs Raster. Passiert dauernd."
„Können Sie mir die Akte trotzdem zufaxen?"
„Fax hab ich nicht mehr, Frau Berger, wir sind jetzt digital. Ich scann's Ihnen, aber da steht eh nicht viel drin außer der Ablehnung."
Die eingescannte Seite kam eine Stunde später per Mail. Auf dem Ablehnungsbescheid, unten rechts, stand eine Unterschrift, die Lina kannte, weil sie selbst unter Hunderten solcher Bescheide stand: ihre eigene, aus einer Zeit, in der sie Anträge im Akkord abgezeichnet hatte, ohne die Namen zu lesen.
Physiotherapeutin. Emmendingen. Praxis aufgegeben nach Erschöpfung. Kein fester Wohnsitz.
Lina fuhr selbst nach Grünwinkel, drückte auf die Klingel des Übergangswohnheims, bis ein Hausmeister öffnete, der sich an niemanden mit diesem Namen erinnern konnte, aber auf einen Zettel am Schwarzen Brett zeigte: Kleidersammlung, jeden Donnerstag, Organisation „Brücke e.V." Bei der Brücke kannte man eine Marlene, aber die sei im Sommer weiter nach Lahr gezogen, hieß es, vielleicht, man wisse es nicht genau.
Lina ließ es nach drei Wochen Suche. Die Spur verlief sich in Achselzucken und veralteten Melderegistern.
Was blieb, war der Stiftungsordner. Sie zog ihn aus dem Regal, schlug die Vergaberichtlinie auf, strich mit dem Kugelschreiber quer über den Absatz, der Anträge nach Posteingangsdatum sortierte, und rief ihren Anwalt an.
„Ich will einen Fonds. Zwanzigtausend im Jahr. Keine Frist, kein Formular, das zwingend ist. Eine Sozialarbeiterin prüft, unterschreibt, Geld raus. Fertig."
„Das hält bei der Buchprüfung nicht ohne Dokumentation."
„Dann machen Sie eine Dokumentation, die hält. Aber niemand fliegt mehr raus, weil ein Kästchen leer blieb."
Beim nächsten Jahresempfang des Bürgermeisters stand Lina am Stehpult im Foyer, unterschrieb das neue Satzungsblatt mit dem Kugelschreiber, den sie seit jenem Abend im Rosengarten-Saal in der Jackentasche trug, und legte ihn danach neben die Mappe.
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