Der Torflügel klemmte wie jedes verdammte Mal. Ich stemmte die Schulter dagegen, bis das Holz nachgab und der Riegel aus der angelaufenen Öse rutschte. In der Hand baumelte der Pappkarton mit den Tomatenpflanzen, die ich eigentlich hatte zurückschicken wollen, bis mir einfiel, dass im Sommerhaus noch der Gutschein von der Gärtnerei lag. Der lief am selben Abend ab.
Vor dem Schuppen stand der weiße Kastenwagen von Dennis. Die Fahrertür hatte er offen gelassen, der Motor knackte noch in der Hitze. Ich blieb hinter der Regentonne stehen. Nicht aus Misstrauen. Eher aus einem Reflex, den man nicht erklärt.
Dann hörte ich Ines lachen.
„Wann wirfst du sie endlich raus?“
Ihre Stimme kam von der offenen Terrassentür. Sie klang nicht böse, eher wie eine, die eine Rechnung auf den Tisch legt.
„Du bist jetzt ihr Mann. Du hast ein Recht auf die Wohnung. Und das Sommerhaus schreiben wir auf mich. Sie vergisst ja sowieso, dass es existiert.“
Dennis lachte. Ein tiefes, zufriedenes Lachen aus dem Bauch.
„Nicht so schnell. Die Sache mit den gefälschten Fotos hat sie noch nicht verdaut. Aber du hast es gut eingefädelt. Matthias mit dieser Kollegin vom Betriebsausflug – perfekt geschnitten, wirklich. Jetzt muss ich sie nur noch dazu bringen, das Grundstück auf mich zu überschreiben. Dann teilen wir.“
Ich kniete hinter der Tonne, und der Nachbarjunge hämmerte irgendwo auf ein Fahrrad ein. Immer wenn ich den Atem anhielt, fiel ein Schlag.
Mein Handy lag in der Brusttasche. Ich tastete nach dem Aufnahmeknopf und drückte mit dem Daumen so fest, dass das Plastik unter meinem Fingernagel wehtat. Ich habe nicht ein Wort gesagt. Nur aufgenommen. Dann bin ich rückwärts bis zum Zaun gegangen, in meinen zwölf Jahre alten Corsa gestiegen und nach Freiburg zurückgefahren. Der Beifahrersitz roch nach den Tomaten, die ich nie angefasst hatte.
Dabei hatte alles ganz anders angefangen. Sieben Jahre früher, in der Küche der Wohnung in der Wiehre. Meine Mutter saß mir am Tisch gegenüber, vor ihr eine Tasse Fencheltee, auf der sich eine Haut gebildet hatte, weil sie nicht dazu kam, ihn zu trinken.
„Ich habe meinen Anteil an der Wohnung und das Sommerhaus auf dich überschrieben“, sagte sie.
Ihre Hände lagen flach auf einem braunen Aktenordner von der Notarin.
„Die Wohnung gehört zur Familie deines Vaters. Er hätte gewollt, dass seine einzige Tochter sie bekommt. Aber ich bitte dich: Wirf Ines nicht raus, bevor sie ihren eigenen Weg gefunden hat. Haltet zusammen.“
Ich musste lachen, fast ein bisschen beleidigt.
„Mama, wie kommst du darauf? Wir bleiben zusammen. Was soll die Frage?“
Sie nickte. Nein, halt, sie bestätigte es nur mit dem Kinn, so wie Menschen es tun, wenn sie ein Versprechen brauchen, das größer ist als Worte.
Dann zog meine Mutter nach Dresden, zu Wilhelm, diesem Mann, der ihr über zwanzig Jahre Pakete geschickt hatte. Schokolade aus dem Osten, Handschuhe, einmal sogar eine Holzeisenbahn, die ich mit Ines teilte, obwohl sie nicht meinem Vater gehörte.
Nach ihrem Umzug hatte ich zwei Männer im Nacken.
Der eine war Matthias. Fünf Jahre älter, arbeitete beim Umweltamt, wohnte in einer engen Mietwohnung im Stühlinger und sparte auf ein eigenes Haus. Kennengelernt hatte ich ihn an einem Dezembermorgen, als ich auf dem Weg zur Arbeit am Rotteckring auf Glatteis ausgerutscht war. Er hielt mit seinem silbernen Passat an, kurbelte das Fenster runter und fragte, ob ich auf dem Eis eine Kür übe oder ob er mich mitnehmen dürfe. Am selben Abend stand er wieder da und drückte mir eine Packung Spikes für die Schuhe in die Hand. Kein Strauß, keine nummerierte Karte. Einfach Spikes. Das sagt mehr über einen Mann als drei Restaurantbesuche.
Der andere war Dennis. Mit ihm war ich in der Parallelklasse gewesen, aber er hatte mich zehn Jahre lang nicht beachtet. Dann, als die Wohnung überschrieben war, konnte er plötzlich gar nicht mehr ohne mich. Dennis fuhr Lkw im Fernverkehr, kam alle zwei Wochen für ein paar Tage zurück und legte es mit einer Hartnäckigkeit an, die ich damals für Leidenschaft hielt.
Im Frühjahr saß ich mit Matthias in einem kleinen Café am Kaiserstuhl. Vor uns Kuchen, hinter uns der Hang mit den Reben, und Matthias redete über die Luftqualität im Stadtwald. Dann sagte ich:
„Nach der Hochzeit gebe ich das Sommerhaus an Ines. Sie träumt von einem eigenen Fleckchen Grün. Und die Wohnung verkaufen wir oder teilen sie. Sie ist meine Schwester. Ich kann sie nicht leer ausgehen lassen.“
Matthias zog nur eine Augenbraue hoch. Es interessierte ihn nicht. Er interessierte sich für die Flussläufe im Südschwarzwald, nicht für mein Erbe.
„Sag Ines noch nichts davon“, bat ich. „Soll eine Überraschung sein.“
Zwei Tage später rief Ines mich in ihr Zimmer. Sie hatte einen weißen Umschlag aus der Drogerie mitgebracht, solcher mit der rauen Innenseite. Sie kippte den Inhalt auf ihre Bettdecke.
Fotos. Matthias mit einer jungen Frau. Ihre Arme lagen um seinen Hals, sein Kopf war tief über ihr Gesicht gebeugt. Ich dachte, mir rutscht das Herz in die Kniekehle.
„Meine Bekannte hat mir die geschickt“, sagte Ines. „Sie hat mit ein paar Leuten vom Amt zu tun. Das ist dein Matthias. So viel dazu.“
Ich schrieb Matthias noch am selben Abend eine Nachricht. Drei Zeilen. Dass er sich nicht mehr melden soll.
Er kam trotzdem. Ich hörte ihn im Hausflur, die Deckenlampe flackerte, als er den Klingelknopf drückte. Ich machte nicht auf.
Drei Tage später stand Dennis vor der Tür. Frisch rasiert, die Haare noch nass vom Regen.
„Heirate mich“, sagte er.
Ich war so müde. So wütend auf alles.
„Wenn du wartest, bis ich klarkomme, können wir zum Standesamt.“
Er sagte ja.
Die Eintragung dauerte siebzehn Minuten. Im Trauzimmer des Rathauses roch es nach Bohnerwachs, die Standesbeamtin trug eine Brosche in Form eines Elefanten. Danach fuhr Dennis zurück zu seinem Lkw, und ich saß auf dem Sofa in der Wiehre und starrte auf das Hochzeitsfoto, das wir nicht gemacht hatten.
Zwei Monate lang war Ines wie ausgewechselt. Sie kochte für Dennis, wenn er von den Touren kam. Rührte ihn an der Schulter an, wenn er am Küchentisch saß. Ich war froh, dass endlich Ruhe war. Dass sich irgendwas wie Familie anfühlte. Mein Herz blieb trotzdem wie zugeklappt.
Dann der Tag mit den Tomatenpflanzen.
Auf der Fahrt vom Sommerhaus zurück hielt ich zweimal an. Einmal am Feldrand bei Gottenheim, weil ich dachte, ich müsste mich übergeben. Dann an einer Tankstelle, wo ich zehn Minuten auf den Bildschirm der Zapfsäule starrte, ohne zu tanken.
Zu Hause ging ich in Ines’ Zimmer. Unter ihrem Bett stand die alte Schuhschachtel mit der Aufschrift „Nike, Größe 39“. Da drin lagen zwischen alten Kinokarten und einer Kette aus Muscheln die Originalfotos. Das Weihnachtsessen vom Umweltamt. Matthias stand neben einer Kollegin. Sie umarmte ihn zur Begrüßung, wie man das eben tut. Nichts davon war heimlich. Nichts davon war eine Umarmung, die einem das Herz bricht. Ines hatte die Ränder abgeschnitten, die Köpfe vergrößert, die Körper enger zusammengerückt.
Ich legte die Fotos auf den Küchentisch. Daneben mein Handy. Ich drückte auf Wiedergabe.
Als Ines und Dennis am späten Abend aus dem Hausflur kamen, lief die Aufnahme zum dritten Mal.
„Wann wirfst du sie endlich raus?“
Ines blieb an der Türschwelle stehen. Ihre Hand schoss an den Mund, zog sie aber sofort wieder runter, als würde sie sich verspätet an ihre Rolle erinnern.
„Das ist eine Fälschung“, sagte sie.
„Du eine Fälschung“, sagte Dennis.
„Halt die Klappe, du hast mich verpfiffen!“
Sie fauchten sich über den Flur hinweg an, während ich neben dem Tisch stand und die Klinke der Küchenschranktür umklammerte. Das Metall war kalt.
„Morgen früh gehen wir zum Amtsgericht“, sagte ich. „Ich reiche die Scheidung ein. Und du, Ines, hast eine Woche, um deine Sachen zu packen. Die Wohnung und das Sommerhaus werden verkauft. Ihr wolltet mir beides nehmen. Jetzt bekommt ihr gar nichts.“
Dennis setzte sich auf einen Stuhl. Der Stuhl wackelte, weil ihm seit Jahren eine Filzunterlage fehlte.
Eine Woche später zog Ines aus. Sie hinterließ einen Zettel auf dem Spülbecken: „Ich bin in einer anderen Stadt. Sag Mama nicht, wo ich bin.“ Die Adresse fehlte.
Die Scheidung zog sich vier Monate. Dennis unterschrieb, ohne ein Wort. Er nahm seinen Kastenwagen, seine Lederjacke und den Toaster, den ich ihm geschenkt hatte. Den Toaster habe ich nicht vermisst.
Die Wohnung in der Wiehre verkauften wir für 310.000 Euro. Das Sommerhaus am Kaiserstuhl ging für 137.000 an ein Paar aus Emmendingen, das sich dort eine Ferienwohnung einrichten wollte. Beim Notar lag der Kugelschreiber, mit dem ich unterschrieb, an einer dünnen Kette am Tisch. Ich weiß noch, dass ich dachte: Genau so fühlt sich Freiheit an. Ein Stift, der nicht wegläuft.
Matthias rief ich noch am selben Abend an.
„Es tut mir leid“, sagte ich. „Ich war so dumm, ich habe auf eine Lüge gehört.“
„Komm zu mir“, sagte er. „Ich habe gewartet. Ich wusste, dass die Wahrheit irgendwann hochkommt.“
Wir redeten, bis es hell wurde. Vor dem Fenster fuhr die erste Straßenbahn die Heinrich-von-Stephan-Straße runter, und die Nachbarin warf einer Katze Brotstücke zu.
Sieben Jahre später.
Wir bauten ein Haus in Gundelfingen, nicht weit vom Waldrand. Die Kinder spielten im Garten, zwei Jungen und ein Mädchen, und ich kämpfte gerade mit dem Rasenmäher, als der Große mir einen Brief auf die Knie legte.
„Der Briefträger hat gesagt, du sollst den gleich aufmachen.“
Absenderin: Ines Winter. Irgendwo in der Nähe von Plauen.
Ich setzte mich auf die Stufe vor der Haustür. Der Beton hatte Risse, durch die Ameisen liefen.
„Liebe Schwester“, schrieb sie. „Ich schreibe, weil ich glaube, dass ich jetzt den Mut habe, dich um Vergebung zu bitten. Nach dem, was ich getan habe, bin ich lange durch die Wohnheime gezogen, bis mich eine Einrichtung für alte Menschen aufgenommen hat. Ich habe dort gepflegt, geschrubbt, mich um die schweren Fälle gekümmert. Vor drei Jahren begegnete ich Michael. Er hat das Dach des Hauses repariert. Er ist Bauleiter. Ich habe ihm alles erzählt, jede Einzelheit. Letztes Jahr haben wir geheiratet. Jetzt erwarten wir einen Jungen. Wir wollen ihn taufen lassen, und ich möchte, dass du kommst. Ich möchte, dass du ihn siehst. Ich verlange nichts. Ich würde dich nach all dem nur gern einmal umarmen.“
Ich las den Brief zweimal. Beim dritten Mal legte ich ihn auf das Fensterbrett und wässerte die Geranien, obwohl sie schon nass waren.
Dann fuhr ich mit Matthias und den Kindern in die Kirche nach Plauen.
Nach der Taufe, als die Orgel den letzten Ton ausspuckte, ging ich zu Ines. Sie trug ein grünes Kleid, das an den Schultern zu eng war. Ihr Sohn schlief in ihrem Arm, die Faust um den Zeigefinger des Vaters geschlossen.
Ich legte einen Umschlag auf den Tisch neben dem Taufbecken. Darin lag die Bestätigung der Sparkasse.
„Für deinen Sohn“, sagte ich. „Ich habe ein Sparkonto auf seinen Namen eingerichtet. Fünfzigtausend Euro. Das ist ein Teil vom Verkauf des Sommerhauses, das du einmal haben wolltest. Jetzt gehört es ihm.“
Ines legte die Hand über den Mund. Michael reichte mir seine grobe Hand, als wolle er sie schütteln, zog sie aber zurück, weil er nicht wusste, ob man das bei einer Schwester tut.
„Du bist meine Schwester“, sagte ich. „Anders war es nicht vorgesehen.“
Draußen an der Kirchenmauer lehnte ein Mann in einer ausgewaschenen Lederjacke. Er rauchte, die Zigarette klebte an seiner Unterlippe. Dennis. Das Gesicht war grau und die Augen lagen tief, als hätte er seit Jahren nicht mehr geschlafen.
Er trat einen Schritt vor, als ich zum Auto ging.
„Du gibst einem fremden Kind fünfzigtausend. Und mir? Ich hab dir doch nichts getan.“
Ich zog den Autoschlüssel aus der Jackentasche. Das Metall hatte die Kälte vom Kirchenvorplatz angenommen.
„Du hast vor sieben Jahren auf alles verzichtet. Unterschrieben.“
„Das war nur, weil ich gedacht hab –“
„Ich muss los“, sagte ich. „Matthias wartet mit den Kindern.“
Ich stieg ein. Dennis blieb auf dem Pflaster stehen, die Hände halb in den Taschen, als hätte er vergessen, was man mit ihnen macht, wenn ein Gespräch vorbei ist.
Matthias legte den ersten Gang ein. Die Kirchturmuhr schlug zwölf.
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