Es ging nicht um die Tagesstätte an sich. Es ging um den Zuschuss, den Birgit Lenhart seit elf Jahren jeden Monat überwiesen hatte – zweihundertzwanzig Euro, pünktlich am Ersten, auf das Konto ihrer Schwiegertochter Carolin, "für die Kinder, für den Kindergarten, für was auch kommt". Und an dem Dienstag im September, als die Kita in Mülheim an der Ruhr wegen eines Corona-Ausbruchs dichtmachte, kam heraus, wofür das Geld die ganze Zeit wirklich gebraucht worden war.
Birgit ist 67, Rentnerin, ehemalige Sachbearbeiterin bei der AOK. Sie wohnt noch in der Dreizimmerwohnung in der Mettmannstraße, in der schon ihr Sohn Jonas aufgewachsen ist. Jonas ist jetzt 34, verheiratet mit Carolin, zwei Kinder – Mats, sechs, und Lotta, vier. Mats besuchte die Kita "Sonnenblume" im Stadtteil Speldorf, dritte Woche nach den Sommerferien, als die Leitung plötzlich eine Mail herausschickte: Betrieb bis auf Weiteres eingestellt, mehrere Erzieherinnen und ein Drittel der Gruppe positiv getestet, Gesundheitsamt informiert.
Carolin rief an diesem Nachmittag bei Birgit an, atemlos, mit dem Handy am Ohr und Lotta quengelnd im Hintergrund. Sie müsse Mats sofort abholen, Jonas sei auf Montage in Bottrop, könne Birgit nicht einfach vorbeikommen und die Kinder für ein paar Tage nehmen. Birgit sagte zu. Natürlich sagte sie zu. Sie hatte schon öfter ausgeholfen, das war nichts Neues. Was neu war: Als sie am nächsten Morgen bei Carolin die Kindersachen zusammenpackte, fiel ihr auf dem Küchentisch ein Ordner in die Hände, den jemand offenbar eilig weggeräumt hatte und doch liegen gelassen hatte. Beschriftet mit Filzstift: "Fitness – Verträge".
Sie hätte ihn nicht aufmachen müssen. Aber die Rechnung von einem Studio namens "Pulse Gym" in Oberhausen lag obenauf, Betrag: 219 Euro monatlich, Lastschrift, Laufzeit noch vierzehn Monate. Dahinter Quittungen von einer Physiotherapie, Privatleistung, nicht über die Kasse abgerechnet. Macht zusammen, grob gerechnet, ziemlich genau das, was Birgit jeden Monat als "Kita-Zuschuss" überwiesen hatte.
Birgit sagte an diesem Morgen nichts. Sie packte die Rucksäcke der Kinder, nahm Mats an die Hand, der noch seinen Pyjama unter der Jacke trug, und fuhr mit beiden zu sich nach Hause. Erst abends, als die Kinder schon schliefen auf der ausgezogenen Couch im Wohnzimmer, rief sie Carolin an.
"Der Zuschuss", sagte Birgit. "Wofür war der eigentlich die letzten Monate."
Stille am anderen Ende, dann: "Für die Kinder, Birgit, wie immer."
"Ich hab den Ordner gesehen. Pulse Gym. Die Physio-Rechnungen."
"Das hat nichts – also, das ist was anderes, das zahlen wir aus eigener Tasche."
"Zweihundertneunzehn Euro Fitnessstudio, Carolin. Das ist genau meine Überweisung."
Carolin wechselte das Thema, fragte nach Mats, ob er sein Inhalator mitgenommen habe. Birgit ließ es an diesem Abend gut sein. Aber sie schlief nicht viel.
Am Donnerstag, die Kita immer noch geschlossen, Gesundheitsamt hatte eine Quarantäne für die betroffene Gruppe bis zum folgenden Montag verhängt, kam Jonas aus Bottrop zurück. Er stand am Sonntagabend in Birgits Küche, roch nach Baustelle, und wollte wissen, warum seine Mutter "so komisch" sei.
"Weil ich seit elf Jahren eurem Kindergeld hinterherwerfe, und ihr geht davon ins Gym."
"Mama, das ist doch albern. Carolin braucht das für den Rücken, die Physio ist wegen der Bandscheibe, das weißt du doch."
"Dann sag mir, wofür die Kita-Beiträge eigentlich noch gebraucht werden. Weil den letzten Kita-Beitrag, den ich online eingesehen hab, den hat die Stadt übernommen, Elternbeitrag nach Einkommen gestaffelt, bei euch liegt der bei vierzig Euro. Nicht zweihundertzwanzig."
Jonas hatte keine Antwort. Er schaute auf den Küchenboden, auf die alten Fliesen, die Birgit seit zwanzig Jahren nicht ausgetauscht hatte, weil immer irgendwo das Geld für die Enkel gebraucht wurde.
Birgit holte am Montag ihren Ordner aus dem Schrank im Flur – den mit den eigenen Kontoauszügen, zurück bis 2015 – und setzte sich mit einem Kaffee an den Tisch. Sie zählte nicht aus Wut. Sie zählte, weil sie wissen wollte, wie die Zahl aussah, bevor sie irgendetwas entschied. Elf Jahre, einhundertzweiunddreißig Überweisungen, macht zusammen 29.040 Euro. Nicht alles davon war Fitnessstudio gewesen, das wusste sie auch. Aber genug, dass die letzten anderthalb Jahre offenbar komplett dort gelandet waren.
Am Dienstag rief sie bei ihrer Bank an und stornierte den Dauerauftrag. Dann schrieb sie Carolin eine SMS, kein Streit, keine Vorwürfe, nur ein Satz: "Der Dauerauftrag ist zum Monatsende eingestellt. Was die Kinder brauchen, kaufe ich ab jetzt direkt – Kleidung, Schulsachen, Ausflüge. Keine Überweisungen mehr aufs Konto."
Carolin rief sofort an. Birgit nahm ab, blieb ruhig am Küchentisch sitzen, den Kontoauszug noch vor sich liegend.
"Das kannst du nicht machen, das haben wir fest eingeplant, der Vertrag beim Gym läuft noch, wenn das wegfällt –"
"Dann kündigt den Vertrag. Oder bezahlt ihn selbst. Ich hab elf Jahre für etwas gezahlt, das es gar nicht gab."
"Es ging immer auch um die Kinder, Birgit, das ist nicht fair –"
"Fair ist, dass Mats jetzt ein neues Paar Winterstiefel braucht, weil seine zu klein sind. Die kauf ich ihm diese Woche. Persönlich, im Laden in der Innenstadt. Die Quittung behalte ich."
Jonas kam am Mittwoch noch einmal allein vorbei, ohne Carolin, ohne die Kinder. Er setzte sich an denselben Küchentisch, auf dem Birgit mittlerweile eine zweite Mappe liegen hatte, säuberlich beschriftet: "Ausgaben Mats/Lotta, ab sofort direkt." Quittungen vom Schreibwarenladen, von der Drogerie, eine für die neuen Stiefel.
"Du machst das wirklich", sagte er, mehr feststellend als fragend.
"Ich mach das wirklich. Ich bin keine Bank, Jonas. Ich bin eure Mutter und Oma. Wenn die Kinder was brauchen, bin ich da, sofort, ohne Diskussion. Aber ich zahl nicht mehr für ein Fitnessstudio, von dem ich nichts wusste."
Er blieb noch eine Weile, trank seinen Kaffee, sagte nicht viel mehr. An der Tür drehte er sich um und meinte, Carolin sei "ziemlich fertig" gewesen, als sie die SMS gelesen habe. Birgit nickte nur und schloss die Tür hinter ihm.
Zwei Wochen später, die Kita war längst wieder offen, der letzte Fall aus der Gruppe von Mats auskuriert, rief Carolin noch einmal an – diesmal ruhiger. Sie hätten den Gym-Vertrag gekündigt, mit einer Ausstiegsgebühr von 180 Euro, die sie "irgendwie" aufbringen mussten. Birgit sagte, das täte ihr leid, aber half nicht aus. Sie hatte an diesem Nachmittag ohnehin mit Mats einen Termin beim Optiker, das Kind brauchte eine neue Brille, und die bezahlte Oma Birgit bar an der Kasse, direkt, mit eigenem Namen auf der Quittung.
Im Januar, beim Dreikönigskaffee bei Birgits Schwester in Essen, erzählte Carolin beiläufig, dass sie inzwischen selbst joggen gehe, kostenlos, im Park an der Ruhr, weil für ein Studio ohnehin kein Geld mehr da sei. Niemand am Tisch kommentierte das. Birgit goss sich noch eine Tasse Kaffee ein und reichte Mats ein zweites Stück vom Streuselkuchen.
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