Der Mann im Mercedes und das Mädchen ohne Namen

Yvonne Brandt war seit elf Monaten verschwunden, und die halbe Stadt Dortmund hatte längst ihre eigene Theorie darüber, was mit der Frau des berüchtigten Immobilienunternehmers Richard Vollmer geschehen war.

Sie war an einem Dienstagmorgen aus ihrer Villa im Stadtteil Kirchhörde gegangen, in ihren silbernen Audi gestiegen und nie zurückgekehrt. Der Wagen stand drei Tage später verlassen auf einem Parkplatz hinter dem Hauptbahnhof – ohne Handy, ohne Papiere, ohne eine einzige Tasche.

Die Kriminalpolizei richtete ihre Ermittlungen sofort auf Richard. Das Hauspersonal berichtete von lautstarken Streitigkeiten in den Wochen davor. Die Haushälterin hatte gehört, wie Yvonne ihrem Mann zugeschrien hatte, sie halte das Leben mit ihm keinen Tag länger aus und werde zur Presse gehen. Die Ermittler bauten daraus ihre Hypothese: Vollmer habe seine Frau aus dem Weg geräumt, bevor sie seine schmutzigen Geschäfte öffentlich machen konnte. Beweise gab es keine. Richard beteuerte bei jeder Vernehmung, er habe Yvonne nichts angetan und wisse nicht, wo sie sei.

Was er der Polizei verschwieg: Er wusste mehr, als er zugab.

Die Überwachung ließ ihn nicht in Ruhe. Zivile Streifenwagen parkten vor seinem Grundstück in der Wittener Straße, fremde Gestalten folgten ihm zum Golfclub, und seine Bauleiter wurden reihenweise zu Verhören einbestellt. Anfangs amüsierte ihn das Katz-und-Maus-Spiel sogar. Nach elf Monaten aber zehrte der Dauerdruck an seinen Nerven – er schlief schlecht, trank mehr als früher, und auf jedem Bauprojekt witterte er neue Spitzel.

An einem regnerischen Novembervormittag war Richard auf dem Weg zu einem Termin mit der Stadtverwaltung. Sein Fahrer bremste den Mercedes an der Ampel nahe dem Borsigplatz, wo samstags noch immer der alte Trödelmarkt stattfand und jetzt, mitten in der Woche, nur ein paar nasse Marktstände leer standen. Richard wandte den Kopf zum Seitenfenster.

An der Wand eines verfallenen Lagerhauses kauerte eine junge Frau. Ihr Kleid war schmutzig und an mehreren Stellen eingerissen, das verfilzte Haar reichte ihr fast bis zu den Knien. Er wollte schon wegsehen – da krallten sich seine Finger in die Lederlehne vor ihm. Trotz Dreck, Erschöpfung und der Länge der Haare: Das Gesicht glich dem seiner verschwundenen Frau auf eine Weise, die ihm den Atem nahm.

„Halt an", befahl er seinem Fahrer.

Er stieg aus, ging zu der jungen Frau hinüber. Beim Anblick des teuren Anzugs und der beiden Männer hinter ihm wich sie zurück.

„Ich hab nichts gestohlen", sagte sie hastig. „Ich stand hier bloß."

„Wie heißt du?"

„Lena."

„Wo wohnst du?"

Sie zog die Schultern hoch und wich seinem Blick aus. „Nirgends richtig. Manchmal in der Notunterkunft an der Münsterstraße, aber da ist fast nie ein Bett frei."

Richard musterte ihr Gesicht lange, ohne etwas zu sagen. In seinem Kopf setzte sich ein riskanter Plan zusammen. Wenn die Polizei und die ganze Stadt seine Frau wieder lebend sahen, würden die Verdächtigungen verschwinden, und die Ermittler würden ihn endlich in Frieden lassen. Natürlich unterschied sich das Aussehen der jungen Frau in Details – buschigere Augenbrauen, eine kleine Narbe am Kinn, viel zu langes Haar. Aber das ließ sich mit guten Fachkräften korrigieren.

„Ich kann dir mehr zahlen, als du je in der Hand gehalten hast", sagte er. „Dafür musst du ein paar Bedingungen erfüllen."

„Welche denn?", fragte Lena misstrauisch.

„Du lässt dich zurechtmachen, änderst deine Frisur, lernst, anders zu sprechen – und gibst dich eine Weile als jemand anderes aus."

„Als wer?"

„Als meine Frau."

Lena dachte, der Mann mache sich über sie lustig, und wollte gehen. Richard hielt sie nicht fest.

„Ich zwinge dich zu nichts. Fünfzigtausend Euro, neue Papiere, eine eigene Wohnung. Danach kannst du verschwinden und mich nie wiedersehen."

Lena blieb stehen. Mit diesem Geld könnte sie ein neues Leben anfangen – weg von der Platte, weg vom Jugendamt, das sie mit achtzehn aus der Pflegefamilie entlassen hatte, ohne ihr mehr als einen Koffer und eine Linie-U-Bahn-Monatskarte mitzugeben. Nach langem Schweigen sagte sie zu.

Richard brachte sie in den exklusivsten Friseursalon der Stadt, am Phoenixsee, mit Blick aufs Wasser. An diesem Tag wurden plötzlich alle Kundentermine verschoben, die Tür wurde abgeschlossen. Er bezahlte dem Inhaber eine Summe, die diesem die Sprache verschlug, damit die besten Stylisten der Stadt sich ausschließlich um Lena kümmerten.

Als das Mädchen in ihrem abgetragenen Kleid und den durchgelaufenen Turnschuhen herein kam, wechselten die Angestellten verwunderte Blicke. Manche sahen sie mitleidig an, andere verstanden nicht, warum ein so einflussreicher Mann eine Obdachlose hierher brachte.

„Macht sie wie die Frau auf diesem Foto", befahl Richard und legte das Porträt seiner Frau auf den Tresen. „Frisur, Haarfarbe, Make-up – alles muss passen."

Lena presste ihr langes Haar an die Brust. „Muss das Haar wirklich ab?"

„Sonst funktioniert der Plan nicht."

Sie setzte sich in den Stuhl und ließ die Stylistin die Schere nehmen.

Was dann geschah, versetzte die ganze Stadt in Aufruhr.

Die Verwandlung dauerte fast sechs Stunden. Als Lena aufstand, legte die Stylistin die Schere beiseite und trat einen Schritt zurück – nicht weil jemand geschockt war über das Ergebnis, sondern weil es zu gut gelungen war. Dieselbe kastanienbraune Farbe, derselbe Bob mit Seitenscheitel, dieselben geschwungenen Brauen. Nur die kleine Narbe am Kinn ließ sich nicht wegschminken, also klebte die Visagistin ein winziges Pflaster darüber und erklärte, "Yvonne" habe sich beim Kochen verbrannt.

Richard zog Lena in die Welt seiner verschwundenen Frau hinein, wie man eine Puppe in ein fertiges Kleid steckt. Eine Logopädin brachte ihr Yvonnes gewähltes Hochdeutsch bei, ohne den Dortmunder Dialekt, mit dem Lena aufgewachsen war. Eine Haushälterin zeigte ihr, wie man den Tee nahm, wie man beim Telefonieren mit der Bank klang. Nach zehn Tagen führte Richard sie öffentlich aus – zu einem Empfang der IHK Dortmund, wo halb die Stadt anwesend war.

Das Gerücht verbreitete sich binnen Stunden. Noch am selben Abend stand ein Streifenwagen vor dem Haus, und am nächsten Morgen klopfte Kriminalhauptkommissarin Petra Siebert selbst an die Tür, mit einem Kollegen im Schlepptau und einem Aktenordner unter dem Arm.

„Frau Vollmer soll zurück sein?", fragte Siebert, als Richard die Tür öffnete.

„Sehen Sie selbst", sagte er und trat zur Seite.

Lena stand im Flur, in einem cremefarbenen Kleid, das Haar perfekt sitzend, die Hände ineinander verschränkt, genau so, wie man es ihr beigebracht hatte. Siebert musterte sie Zentimeter für Zentimeter.

„Wo waren Sie elf Monate lang, Frau Vollmer?"

Lena hatte die Antwort tausendmal geübt. „Bei einer Cousine in Lissabon. Ich brauchte Abstand von allem hier."

Siebert stellte noch zwei, drei Fragen, verglich die Stimme mit alten Aufnahmen aus der Akte – die Ähnlichkeit war erstaunlich, aber eine erfahrene Ermittlerin verlässt sich nicht nur auf das Gesicht. Sie bat um einen Abgleich der Fingerabdrücke, "nur eine Formalität, zum Abschluss der Akte".

Lenas Finger verkrampften sich im Stoff ihres Kleides, eine Sekunde zu lange.

Richard versuchte es zu überspielen: „Das ist doch völlig unnötig, sie ist zurück, der Fall ist erledigt."

„Formalität", wiederholte Siebert ruhig und notierte etwas in ihrem Block.

Drei Tage später kam das Ergebnis. Keine Übereinstimmung. Siebert stand mit dem Laborbericht in der Hand erneut vor der Villa in Kirchhörde, dieses Mal mit vier Beamten und einem Durchsuchungsbeschluss. Richard öffnete selbst, mit dem Telefon noch in der Hand, mitten im Satz mit seinem Anwalt.

„Herr Vollmer, wir müssen reden. Und diesmal auch mit der Frau, die sich Yvonne Vollmer nennt."

Lena, die auf der Treppe stand, griff nach dem Geländer. Nicht aus Angst vor der Polizei – die kannte sie bereits von der Straße aus, Streifenwagen, Platzverweise, nichts Neues. Sie griff danach, weil ihr in diesem Moment klar wurde: Jetzt oder nie.

„Ich heiße Lena Ostermann", sagte sie, bevor Richard etwas erwidern konnte. „Ich habe Herrn Vollmer nie gesagt, ich sei seine Frau gesucht zu werden. Er hat mich dafür bezahlt, sie darzustellen."

Siebert ließ sie beide ins Wohnzimmer bringen. Was danach ans Licht kam, erschütterte die ganze Stadt mehr als jede Vermisstenmeldung zuvor: Yvonne Vollmer war nicht ermordet worden. Sie lebte, unter einem anderen Namen, in einer kleinen Wohnung in Münster, finanziert mit einem Konto, das sie heimlich über Jahre angelegt hatte, bevor sie aus der Ehe floh – vor einem Mann, der sie kontrolliert, überwacht und isoliert hatte, lange bevor sie ihren Koffer packte. Sie hatte Dortmund verlassen, weil sie wusste, dass Richard eher die ganze Stadt umdrehen würde, als sie ziehen zu lassen – und sie hatte recht gehabt, nur anders, als sie es sich vorgestellt hatte.

Richard wurde wegen Freiheitsberaubung, Täuschung von Ermittlungsbehörden und Betrug angeklagt – die Inszenierung mit Lena hatte ihm am Ende genau das eingebracht, was er hatte vermeiden wollen: eine Hausdurchsuchung, bei der die Steuerfahndung gleich noch zwei Schwarzgeldkonten in Liechtenstein fand.

Lena bekam von der Stadt keinen Cent der versprochenen fünfzigtausend Euro, aber sie bekam etwas anderes: eine Zeugenaussage, die sie vor einer Anklage schützte, und die Aufmerksamkeit einer Reporterin, die ihre Geschichte in der Ruhr Nachrichten veröffentlichte.

Sechs Wochen später saß Lena in einem kleinen Büro des Jobcenters an der Münsterstraße, nicht als Bittstellerin, sondern mit einem Ordner unter dem Arm – Kopien ihrer Zeugenaussage, ihrer neuen, echten Meldebescheinigung, eines befristeten Mietvertrags für ein Zimmer in einer WG in der Nordstadt. Sie legte den Ordner auf den Tisch der Sachbearbeiterin und sagte, ihr Haar inzwischen wieder ein paar Zentimeter gewachsen, in ihrem eigenen, unverstellten Dortmunder Akzent: „Ich brauche keine Notunterkunft mehr. Ich habe eine Adresse."

Rate article
MagistrUm
Der Mann im Mercedes und das Mädchen ohne Namen