Der Dauerkarte-Streit, den mein Sohn Jonas erst mit 46 richtig erklärte

Mit 75 wollte ich meine Dauerkarte beim 1. FC Köln aufgeben. Mein Sohn fragte nur: „Willst du nicht mehr mit mir hin?" Da wusste ich, dass es nie um das Spiel gegangen war.

Ich heiße Rainer, bin 75 und wohne seit vierzig Jahren in einer Dreizimmerwohnung in Köln-Ehrenfeld, dritter Stock, ohne Aufzug. Mein Sohn Jonas ist 46, verheiratet, zwei Kinder. Als er neun war, nahm ich ihn zum ersten Mal mit ins Rheinenergiestadion. Er trug einen viel zu großen Schal, den seine Oma gestrickt hatte, und hat die halbe erste Halbzeit die Bratwurstbude angestarrt statt den Platz. Danach gingen wir jeden zweiten Sonntag. Irgendwann wurde es jeden Sonntag.

Als Kind kaufte ich ihm vor dem Spiel eine Currywurst an der Bude an der Zülpicher Straße, extra scharf, obwohl seine Mutter das nicht wollte. Als Teenager kam er mit seinen Kumpels zum Stadion, setzte sich aber trotzdem zu mir. Als er anfing zu arbeiten und seine erste Freundin hatte, dachte ich, jetzt ist Schluss damit. War es aber nicht. Er hat die Sonntage freigehalten, auch als er heiratete, auch als die Kinder kamen und das Leben voller wurde.

Fußball mochte ich immer. Aber die Treppen im Stadion werden mir zu viel, der Lärm macht mich müde, und im Winter friere ich trotz drei Schichten Unterwäsche bis in die Knochen. Ein paar Jahre habe ich nichts gesagt, weil ich wusste, wie wichtig das für Jonas war. Dann dachte ich: Vielleicht geht er nur noch meinetwegen mit, aus Pflichtgefühl.

Letzte Saison, nach einem Heimspiel gegen Mainz, hatte ich solche Rückenschmerzen, dass ich zwei Tage im Bett lag. Meine Frau Ingrid sagte beim Abendessen: „Ich verstehe nicht, warum du dir das noch antust, wenn es dir keinen Spaß mehr macht." Ich antwortete: „Das ist meine und Jonas' Sache." Aber genau dieser Satz ließ mir keine Ruhe. Mein Sohn war 46. Bestimmt wollte er manchmal mit seinen Freunden hin oder mit seinem älteren Sohn, der inzwischen selbst Mitglied im Fanclub war.

Ein paar Wochen später, beim Kaffee in meiner Küche, sagte ich ihm, dass ich die Dauerkarte ab nächster Saison nicht mehr nutzen würde. Ich wollte sie ihm überlassen, damit er mit wem auch immer hingehen könnte. Ich erwartete, dass er sagt: klingt vernünftig, Papa. Stattdessen rührte Jonas minutenlang in seinem Kaffee, ohne zu trinken, bis der Löffel gegen die Tasse schlug. „Ach so", sagte er nur. Dann stand er auf, ging zum Fenster, blieb mit dem Rücken zu mir stehen und sagte gar nichts mehr.

Ich fragte, ob etwas nicht stimme. Er zuckte mit den Schultern, sagte, es sei schon in Ordnung, er müsse ohnehin bald los, seine Tochter von der Schule abholen. Das stimmte nicht, ich wusste, dass seine Tochter mittwochs immer bis vier bei der Oma blieb. Er zog seine Jacke an, obwohl sein Kaffee noch halb voll in der Tasse stand, und an der Tür sagte er: „Mach, wie du meinst, Papa. Ist ja deine Karte." Dann war er weg, und ich saß vor zwei kalten Tassen Kaffee und einem Löffel, der noch in meiner Hand lag.

Drei Tage hörte ich nichts von ihm. Normalerweise rief er mittwochs an, um zu fragen, ob ich Brot brauche, wenn er bei Edeka war. Diesmal nicht. Ich wollte schon selbst anrufen, als er am Samstagvormittag plötzlich unten vor der Haustür stand, ohne vorher zu klingeln, einfach mit seinem Schlüssel aufgeschlossen, wie früher, als er noch bei uns wohnte.

Er setzte sich an den Küchentisch, ohne Jacke auszuziehen, und sagte: „Ich muss dir was erzählen, und du darfst mich nicht unterbrechen." Dann erzählte er Dinge, über die wir nie gesprochen hatten. Dass diese Sonntage über Jahre fast die einzigen Momente gewesen waren, in denen wir allein zusammen waren. Als Teenager hat er mir auf dem Weg zum Stadion Probleme erzählt, die er vor seiner Mutter nicht ansprechen wollte. Als sein erstes Kind geboren wurde und er am Ende seiner Kräfte war, war der Sonntagnachmittag im Stadion die einzige Zeit, in der er für ein paar Stunden einfach nur mein Sohn war – nicht Ehemann, nicht Vater, nicht der Mann, der auf der Arbeit funktionieren muss.

Er erzählte sogar von dem Tag, als ihm bei der Spedition gekündigt wurde. Er hat es mir nicht zu Hause gesagt. Er hat es mir auf dem Weg ins Stadion erzählt, weil er wusste, dass ich kein Drama daraus mache und wir danach neunzig Minuten hatten, in denen wir nicht mehr darüber reden mussten. „Und jetzt willst du das einfach abgeben", sagte er, „als wäre es eine Zeitung, die du nicht mehr liest."

Ich erklärte ihm, warum ich es gesagt hatte: die Treppen, der Lärm, die Kälte bis in die Knochen, und dass ich dachte, er gehe längst nur noch meinetwegen mit, aus Pflichtgefühl, weil er sich seit seinem neunten Lebensjahr nie erlaubt hatte, nein zu sagen. Jonas schwieg lange. Dann nahm er den kalten Kaffee von drei Tagen zuvor, den ich nicht weggeschüttet hatte, goss ihn in die Spüle und stellte sich neue Tassen hin.

Wir haben etwas geändert. Jetzt gehe ich ungefähr einmal im Monat mit. Das Spiel suchen wir gemeinsam aus, meist ein Heimspiel, bei dem das Wetter noch mitspielt. Jonas geht die anderen Male mit Kumpels, mit seinem Sohn oder auch allein. Wenn ich mitkomme, rennen wir nicht mehr in letzter Minute zum Einlass. Wir gehen früher los und setzen uns vorher noch in die Kneipe an der Ecke auf ein Kölsch.

Vor drei Wochen waren wir zusammen beim Spiel gegen Union Berlin, 1:1, ein zähes Spiel ohne viel Fußball. Danach saßen wir noch in der Kneipe, und Jonas erzählte von einem Ärger mit seinem Chef, so nebenbei, zwischen zwei Schlucken. Ich hörte zu und gab erst einen Rat, als er danach fragte. Er wischte sich den Schaum von der Oberlippe, schaute auf die Uhr über der Theke und sagte: „Nächstes Heimspiel gegen Leverkusen nehme ich dich wieder mit, auch wenn's regnet." Dann bestellte er noch zwei Kölsch, obwohl wir eigentlich schon losmussten.

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