Der erste Tag an der Universität Leipzig

Hertha stand schon im Flur, als Jonas aus seinem Zimmer kam, und sagte kein Wort. Sie hatte die bordeauxrote Strickjacke an, die sie nur für besondere Anlässe aufhob, dazu das Kopftuch mit den kleinen Tulpen. In der Hand hielt sie ihre Handtasche, als wäre sie schon abmarschbereit – und doch rührte sie sich nicht von der Stelle.

„Omi, was ist los?"

„Ich hab's mir überlegt." Sie strich die Tasche glatt, einmal, zweimal. „Geh lieber allein, Jonas. Das ist besser für dich."

Es war der 1. Oktober, draußen roch es nach feuchtem Laub und nach dem Kohleofen vom Nachbarn im zweiten Stock, der seinen alten Gasherd seit Jahren durch nichts ersetzen wollte. Jonas hatte das weiße Hemd schon am Abend vorher über die Stuhllehne gehängt, den Rucksack neben die Wohnungstür gestellt. Jetzt stand er da, fertig angezogen, und verstand nicht, warum seine Großmutter plötzlich zurückwich.

„Ich dachte, du kommst mit. Du hast doch gesagt—"

„Ich weiß, was ich gesagt hab." Hertha setzte sich auf den Flurhocker, die Handtasche auf den Knien. „Aber ich hab die ganze Nacht wachgelegen und mir vorgestellt, wie das aussieht. Eine alte Frau mit Kopftuch zwischen all den jungen Leuten. Die werden tuscheln, Jonas. Und dann bist du der, über den sie tuscheln, am ersten Tag."

Jonas kannte seine Großmutter zu gut, um das als bloße Bescheidenheit abzutun. Er war sieben, als seine Eltern nach Stuttgart gezogen waren, um in der Automobilbranche zu arbeiten – ein befristeter Vertrag, hieß es damals, ein Jahr, höchstens zwei. Aus den zwei Jahren wurden sieben, dann wurden sie zu „wir schauen mal, wie es sich entwickelt". Und ohne dass jemand es je ausgesprochen hätte, war Omi Hertha zu der Person geworden, die ihn tatsächlich aufzog, in der Dreiraumwohnung am Rand von Halle, mit Blick auf die Gleise der Güterbahn.

Sie weckte ihn morgens. Sie schmierte ihm Stullen mit Leberwurst, weil er alles andere verweigerte. Sie wartete nach der Schule an der Bushaltestelle, egal ob es regnete oder die Linie mal wieder zwanzig Minuten Verspätung hatte. Sie saß an seinem Bett, wenn er vierzig Grad Fieber hatte und nur noch nach Apfelschorle fragte. Sie wusch seine Trainingshose abends im Handwaschbecken und hängte sie über die Heizung, damit sie bis morgens trocken war.

Am ersten Schultag hatte Jonas den ganzen Weg geweint.

„Omi, ich will nicht!"

„Warum denn, mein Spatz?"

„Ich kenn da keinen."

Sie hatte seine Hand genommen. „Dann halte ich dich halt bis zum Tor."

Und so war es geblieben. Jeden September zog Hertha ihre gute blaue Strickjacke an und brachte ihn zur Schule. Als er klein war, ließ er ihre Hand gar nicht los. Später, als Teenager, lief er ein paar Schritte vor ihr.

„Omi, ich kann auch allein gehen."

„Weiß ich doch, Schatz."

Trotzdem kam sie mit. Nicht weil er den Weg nicht gekannt hätte. Sondern weil es ihre Freude war, ihm beim Hineingehen zuzusehen.

Die Jahre vergingen. Jonas war kein Einser-Schüler, aber fleißig, und wenn er etwas nicht verstand, sagte Hertha immer denselben Satz:

„Versuch's noch mal, mein Junge. Man verliert nicht, wenn man etwas nicht weiß. Man verliert erst, wenn man aufhört zu versuchen."

Sie hatte nur einen Hauptschulabschluss. Bei den Mathehausaufgaben konnte sie ihm oft gar nicht helfen. Aber sie blieb trotzdem neben ihm sitzen.

„Diese neue Mathematik von euch versteh ich nicht, aber ich bleib hier, bis du fertig bist."

Und das tat sie dann auch.

Als Jonas in der zwölften Klasse sagte, er wolle studieren, verstummte Hertha einen Moment.

„Was ist, Omi?"

„Nichts."

„Sag's schon."

Sie wischte sich mit der Schürze eine Ecke des Auges trocken. „Ich hab nur gedacht – ich hatte nie das Glück, viel zu lernen. Und jetzt wirst du Student."

Als die Zulassung kam und Jonas das Wort „Zugelassen" auf dem Bildschirm sah, rief er nicht nach seiner Mutter, nicht nach seinem Vater.

„OMI!"

Hertha kam erschrocken aus der Küche gelaufen, mit der Schürze noch um den Bauch. „Was ist denn passiert?"

Jonas nahm sie in die Arme. „Du hast einen Studenten großgezogen!"

Die alte Frau fing an zu weinen. „Du hast gelernt, mein Junge. Nicht ich."

„Ich hab gelernt. Aber du hast es möglich gemacht, dass ich lernen konnte."

Jetzt aber, an diesem Morgen, dem ersten Tag an der Universität Leipzig, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, saß genau diese Frau auf dem Flurhocker und wollte nicht mitkommen.

Jonas kniete sich vor sie. „Omi, sieh mich an."

Sie hob den Kopf nicht gleich.

„Wenn jemand lacht, weil ich mit der Frau komme, die mich großgezogen hat, dann liegt das Problem nicht bei mir. Aber wenn du heute nicht mitkommst, dann fehlt da jemand, der eigentlich hingehört."

Hertha schwieg lange. Dann stand sie auf, strich den Rock glatt und band das Kopftuch fester unter dem Kinn.

„Na gut. Aber wenn einer was sagt, dann geh ich sofort wieder."

„Dann gehen wir beide."

Sie fuhren mit der Straßenbahn Linie 9 bis zur Haltestelle vor dem Hauptgebäude. Vor der Uni war es voll – Studenten, Eltern, Gruppen, die sich fotografierten, irgendwo spielte jemand aus einem Handy Musik. Hertha blieb kurz vor der Treppe stehen, die Hand fest um ihre Handtasche verkrampft.

„Jonas, geh schon vor. Ich warte hier unten."

„Nein." Er hielt ihren Arm. „In der ersten Klasse hast du mich bis zum Tor gebracht." Er zeigte auf den Eingang der Fakultät. „Heute gehen wir zusammen bis dahin."

Sie gingen langsam hinauf, Hertha mit kleinen Schritten, den Blick starr auf die Stufen gerichtet. Ein Kommilitone kam auf sie zu, musterte Hertha von oben bis unten.

„Hey, Jonas! Wer ist die Dame?"

Einen Herzschlag lang sagte niemand etwas. Hertha wollte schon einen Schritt zurücktreten.

„Meine Oma." Jonas zog sie näher an sich heran. „Sie ist der Grund, warum ich hier bin."

Der Kommilitone zögerte, dann nickte er nur knapp und ging weiter. Hertha atmete aus, ein langes, zittriges Ausatmen, und ihre Hand löste sich ein wenig von der Handtasche.

An der Tür drehte sich Jonas zu ihr um.

„Weißt du noch, was du immer gesagt hast, als ich klein war?"

„Was denn?"

„Dass ich irgendwann nicht mehr an deiner Hand gehen muss."

Sie schüttelte den Kopf, fast ungläubig. „Und jetzt ist es so weit."

Jonas drückte sie an sich. „Doch, Omi. Nur dass jetzt ich dich halte."

Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Bleib ein guter Mensch, Jonas. Was auch aus dir wird – vergiss das nicht."

„Vergess ich nicht."

„Und lern was Ordentliches."

„Mach ich."

„Und iss was. Du vergisst ja immer zu essen, wenn du was zu tun hast."

Jonas grinste. „Das wird sich an der Uni sicher nicht ändern."

Bevor sie hineingingen, machten sie ein Foto, das ein Student mit seinem Handy für sie schoss. Jonas im weißen Hemd, den Rucksack über der Schulter. Sie, klein neben ihm, das Kopftuch unter dem Kinn gebunden, die Hand fest um seinen Arm.

Drei Jahre später, an einem Nachmittag im Mai, saß Hertha wieder auf genau dieser Treppe vor der Fakultät, dieses Mal mit dem Zeugnis in der Hand – Jonas hatte seinen Bachelor in Betriebswirtschaft gerade in der Tasche, mit 1,8. Sie strich mit dem Finger über das Siegel der Uni, als könnte sie dadurch spüren, dass es echt war. Jonas setzte sich neben sie, noch in der Robe, die man sich für die Zeremonie ausgeliehen hatte.

„Omi, ich hab einen Job. Bei der Sparkasse in Halle, als Trainee."

Hertha drehte sich zu ihm. „Und was heißt das jetzt genau, so ein Trainee?"

„Das heißt, ich fange im September an. Festes Gehalt. Und, Omi – ich zahl die Wohnung jetzt."

„Welche Wohnung?"

„Unsere. Die mit den Gleisen davor."

Sie wollte widersprechen, wie sie es immer tat, wenn er ihr etwas geben wollte. Aber Jonas hatte schon den Mietvertrag aus der Umhängetasche gezogen, den er still auf eigenen Namen hatte umschreiben lassen – dreihundertzwanzig Euro Kaltmiete, die seit elf Jahren von Herthas Rente abgingen, Monat für Monat, auch in den Monaten, in denen vom Heizgeld kaum noch etwas übrig blieb.

„Ab Juni steht mein Name drauf. Nicht deiner."

Hertha sah auf das Papier, dann auf ihn. „Jonas, das brauchst du nicht—"

„Doch. Ich brauch das." Er nahm ihre Hand, dieselbe Hand, die ihn einmal zum Schultor gehalten hatte. „Du hast elf Jahre für mich bezahlt, ohne dass irgendwer dich das gefragt hat. Jetzt bezahle ich. Und du hörst auf zu rechnen, wie viel vom Rentenbescheid noch für dich übrig bleibt."

Er zeigte ihr noch etwas: eine Bestätigung der Kreissparkasse, dass ab Juli ein Dauerauftrag von seinem neuen Gehaltskonto lief – direkt an die Hausverwaltung, ohne dass sie je wieder einen Umschlag zur Post tragen müsste.

Hertha zog das abgegriffene Foto aus ihrer Geldbörse, das vom ersten Unitag, und legte es neben den Mietvertrag mit Jonas' Namen oben links. Die beiden Papiere lagen eine Weile einfach so da, nebeneinander auf ihren Knien.

„Du bringst mich noch zum Weinen, mein Junge. Schon wieder."

„Ich weiß, Omi." Er legte den Arm um ihre Schulter, während drüben am Gleis die Güterbahn vorbeifuhr, genau wie damals, als er klein war und sie ihn an der Hand gehalten hatte.

Hertha sagte nichts mehr. Sie faltete den Mietvertrag ordentlich zusammen, steckte ihn neben das Foto in ihre Geldbörse und lehnte den Kopf an seine Schulter, bis die Güterbahn vollständig vorbeigefahren war.

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