Ich arbeite seit elf Jahren in der Kita in Leipzig-Reudnitz, hauptsächlich mit den Drei- bis Sechsjährigen. Mein Fenster im Gruppenraum geht auf den Hof, wo im Herbst die Kastanien liegen wie kleine gepanzerte Igel. Ich weiß, dass man nicht überall so viel Glück hat mit den Eltern, die morgens ihre Kinder abgeben. Deshalb zähle ich jeden Tag, bevor ich aufschließe, bis zehn und mache die Tür erst dann auf.
Ich kenne die meisten Eltern. Manche grüßen freundlich, andere drücken ihr Kind ab wie eine volle Einkaufstasche und sind schon wieder auf dem Handy, bevor die Jacke ausgezogen ist. Und dann gibt es Jungen wie Linus, der immer ein Buch mit Drachen mitbringt, dasselbe Buch, und der sich unter den Maltisch legt, wenn draußen ein Auto hupt.
Linus ist vier. Er spricht wenig, fragt nichts, sagt immer nur „okay“. Wenn ein anderes Kind ihm die Schaufel wegnimmt, tritt er nicht zu und schreit nicht, er schaut kurz auf seine Hände und geht dann zum Regal. Ich fragte mich, was zu Hause los war, wenn ein Vierjähriger so still ist. Aber man fragt das nicht direkt. Man wartet.
Seine Mutter holte ihn an einem Mittwoch ab, es war schon halb vier. Ich saß am Fenster und schälte Äpfel für den Obstteller. Sie blieb in der Tür stehen und wollte nicht hereinkommen. „Linus, zieh dich an.“ Das war alles. Kein „wie war dein Tag“, kein Blick in seine Mappe. Er tastete nach seinen Schuhen wie ein alter Mann. Als er mir das Drachenbuch zurücklegte, sagte ich zu ihr: „Ihrem Sohn tut die Gruppe gut. Er malt gern.“ Sie sah mich an, als hätte der Putzschrank mit ihr geredet.
Am nächsten Morgen brachte ihn der Vater. Ich kannte ihn nicht. Er trug eine helle Arbeitshose, auf der Tasche stand ein Maschinenbaubetrieb aus Espenhain. Er blieb im Flur stehen und sagte, ich solle dafür sorgen, dass Linus nicht wieder nass wird. Draußen hatte es geregnet, der Regen war von Ost nach West gezogen und die Pfütze vor dem Tor stand noch. Ich dachte, das ist ein Mann, der gern Anweisungen gibt. Linus zog seine Jacke nicht aus. Erst als der Vater die Treppe hinunterpolterte, stellte er sie an den Haken. Die Jacke war zu dünn für Oktober. Ich habe ihm meine Strickjacke geliehen, bis die Heizung ansprang.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich die beiden so bald wiedersehe. Es war am Freitag, gegen halb zwölf, die Kinder waren im Nebenraum beim Stühle-Umsetzen für den Erzählkreis. Im Flur hörte ich eine Stimme, die nicht zum Haus gehörte. Ich machte die Tür auf, bevor ich bis zehn gezählt hatte. Da standen die Mutter und der Vater, jeder auf einer Seite von Linus, als hätten sie ihn mitgebracht wie ein Paket, das man nicht behalten will.
Die Mutter sagte: „Wir haben uns getrennt. Wir brauchen ein Schreiben von der Kita, dass der Junge nicht in Ordnung ist. Für das Gericht.“ Der Vater hatte die Hände in den Taschen. Er fand, das könne ja nicht so schwer sein, ein Formular, eine Bestätigung, irgendwas. Es war kein Streit, verstehen Sie? Es war schlimmer. Die beiden redeten über das Kind wie über einen Motor, der nicht anspringt. Linus stand zwischen ihnen, hielt das Drachenbuch mit beiden Händen und sagte überhaupt nichts. Er schaute auf meine Füße. Ich hatte meine blauen Socken an, mit einem Loch an der großen Zehe, das ich beim Treppensteigen bemerkt hatte.
Ich hörte mir das alles an. Dann sagte ich nichts von dem, was man in solchen Momenten gern sagen würde. Ich ging in die Gruppe zurück und holte Linus’ Mappe. Ich legte sie auf den Tisch im Flur und blätterte. Ich zeigte ihnen die Bilder von den letzten zwei Wochen: den Drachen mit den blauen Flügeln, den Linus gemalt hatte, die Kastanie, die er mit Klebeband auf ein Papier gedrückt hatte, die Farbstriche, bei denen er mir erklärte, das sei „Regen im Gesicht“. Ich sagte ruhig: „Ihr Sohn ist nicht das Problem. Er hört auf, wenn jemand laut wird. Er hört den ganzen Tag auf, als müsste er eine Wand um sich bauen. Das ist das Einzige, was ich Ihnen bestätigen kann: Er wartet. Den ganzen Tag.“
Der Vater nahm die Mappe vom Tisch und blätterte so schnell, dass die Bilder knickten. Die Mutter steckte ihr Handy zweimal ein und zog es wieder heraus. Dann hat sie Linus an der Schulter gefasst, nicht grob, aber als wollte sie ihn umdrehen wie einen Gegenstand, den man zur Rückgabe bringt. Und der Junge sah mich an. Zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, direkt. Da habe ich etwas getan, das ich mir vor Jahren nicht zugetraut hätte, als ich noch glaubte, man müsse es allen recht machen.
Ich habe die Mappe zurückgeholt, alle Drachenbilder einzeln abgelegt und mit dem Stempel der Kita versehen. Dann schrieb ich auf ein Blatt, den Vordruck für Entwicklungsgespräche: „Linus ist in der Gruppe ruhig, sorgfältig, kann sich über lange Zeit allein beschäftigen. Er braucht klare Ansagen, gute Übergänge und Erwachsene, die ihm ohne Schreien zeigen, was kommt. Gewalt oder Druck verschlimmern die Symptome. Eine Beobachtung durch die Erziehungsberatung ist sinnvoll.“ Ich unterschrieb mit vollem Namen und schob das Blatt über den Tisch. Nicht zum Vater, nicht zur Mutter. Zu Linus. Er hat es mit beiden Händen genommen und in seine Mappe gelegt.
Dann habe ich der Mutter gesagt, es koste 20 Euro für die verlorene Matschhose, die am Montag nicht mehr aufgetaucht war, und ich bräuchte die Quittung, um das Konto zu bereinigen. Sie hat mir das Geld in Kleingeld hingelegt, ein Haufen Zehn- und Fünfzig-Cent-Stücke, als hätte sie lange gesammelt. Der Vater fragte, wer das Protokoll bekomme. Ich sagte: „Ihre Adresse ist mir egal. Das Jugendamt bekommt eine Kopie, sobald ich die Unterschrift der Leitung habe.“ Da ist er einen Schritt auf mich zugegangen, nicht schnell, aber ich kannte die Bewegung. Ich arbeite seit elf Jahren in Reudnitz. Ich habe gelernt, dass man bei dieser Bewegung nicht zurückweichen darf, sondern gerade stehen muss, und dass der Türschlüssel in der Schürzentasche rechts besseren Halt gibt als jedes Wort.
Dann hat er gelacht. Kurz, wie ein Hund niest. Und ist gegangen. Die Mutter blieb noch, nahm Linus’ Hand viel zu fest und sagte: „Wir kommen wieder.“ Ich habe nicht geantwortet. Was man in so einem Haus nicht sagt, habe ich gedacht: Ich bin nicht die, die Sie erwarten.
Seit diesem Tag hat Linus einen zweiten Zettel in der Mappe. Auf dem Zettel steht meine Telefonnummer und darunter habe ich gemalt, mit dem Buntstift, den er immer nimmt, wenn er traurig ist: einen Drachen mit blauen Flügeln, der nicht flieht. Auf die Kastanie im Flur habe ich seinen Namen geschrieben, weil er wissen soll, dass er hier einen Platz hat, auch wenn die Eltern den Hof verlassen. Wenn er morgens kommt, hängt er seine Jacke selbst auf. Er sagt dann nicht „okay“. Er sagt: „Ich bin da.“ Und wenn die Erwachsenen anrufen, um zu fragen, ob er „in Ordnung“ sei, lege ich seine Mappe auf den Tisch und sage: „Kommen Sie vorbei. Aber leise. Er malt gerade.“
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