Es gibt zwei Mal, in denen man jung ist, sagt Helga Brenner immer, wenn sie auf der Bank vor dem Reihenhaus in Gütersloh sitzt und den Kaffee aus der Thermoskanne in den Deckel gießt, weil sie keine Lust hat, extra eine Tasse zu holen. Das erste Mal kommt, ohne dass man gefragt wird. Man ist zwanzig, will alles auf einmal: den Mann, die Wohnung, die Kinder, den Job, der etwas zählt. Man rennt, bis man vergisst, wie jung man eigentlich noch ist.
Das zweite Mal kommt anders. Bei Helga kam es mit sechzig, drei Monate nachdem ihr Mann Dieter gestorben war, mitten im Januar, als die Nachbarn noch die Weihnachtsbeleuchtung am Fenster hatten.
Sie hatte vierunddreißig Jahre lang in der Druckerei am Stadtrand gearbeitet, erst am Falzgerät, später am Schreibtisch mit den Lieferscheinen. Sie hatte zwei Kinder großgezogen, die jetzt in Münster und in Köln wohnen und einmal im Monat anrufen, meistens sonntags gegen elf. Sie hatte ihr halbes Leben damit verbracht, Dieters Hemden zu bügeln, obwohl er nie darum gebeten hatte, und das Essen pünktlich auf den Tisch zu stellen, obwohl die Kinder längst ausgezogen waren.
Nach der Beerdigung – ein grauer Tag, der Pfarrer hatte sich beim Namen vertan, und niemand hatte es laut gesagt – saß Helga drei Wochen lang im Wohnzimmer und schaute den Fernseher an, ohne ihn wirklich zu sehen. Ihre Nachbarin Renate, die im Haus gegenüber wohnt und seit zwanzig Jahren jeden Mittwoch zum Kaffee kommt, stand irgendwann einfach mit einer Tüte Gartenerde vor der Tür und sagte nur: „Wir pflanzen jetzt Tomaten. Zieh dir was Vernünftiges an."
Das war der Anfang. Nicht die Tomaten selbst – die wurden übrigens mickrig, weil Helga sie zu viel gegossen hat –, sondern der Satz danach, den Renate beim Umgraben so nebenbei sagte: „Du musst doch nicht mehr allen gefallen, Helga. Guck dich an. Wem willst du noch was beweisen?"
Helga hatte darauf nichts erwidert. Aber sie hatte in der Nacht lange wach gelegen und an die vierunddreißig Jahre gedacht, an die Hemden, an die Kleider, die sie nie gekauft hatte, weil Dieter fand, Rot stünde ihr nicht. An die Einladungen, die sie abgesagt hatte, weil es sich nicht gehörte, allein hinzugehen. An die Stimme ihrer Mutter, die ihr mit zwanzig gesagt hatte: Mach dich nicht lächerlich.
Im Februar kaufte sie sich eine rote Jacke. Keine besondere, vom Kaufhof, vierunddreißig Euro im Schlussverkauf. Sie zog sie zum Wocheneinkauf an, obwohl der Rewe-Parkplatz um die Ecke kein Anlass für irgendetwas ist. Die Kassiererin sagte: „Schöne Farbe." Helga hat seitdem drei weitere rote Sachen gekauft.
Ihre Tochter Sabine, die in Köln eine Marketingstelle hat und findet, dass ihre Mutter „sich zusammenreißen" sollte, rief im März an und fragte, ob Helga nicht Lust hätte, zu ihr zu ziehen, in die Nähe, damit jemand nach ihr sehe. Helga sagte nein. Nicht böse, nicht erklärend – einfach nein. Sabine war einen Moment lang still am Telefon, dann sagte sie: „Du bist komisch geworden, Mama." Helga antwortete: „Vielleicht bin ich einfach ich geworden."
Im April meldete sie sich zum Seniorentanzkurs im Gemeindehaus an, montags um 17 Uhr, zwölf Euro im Monat, Kursleiterin heißt Frau Albrecht und trägt immer Ringelsocken. Helga war die Einzige, die noch nie Standardtanz gelernt hatte, und trat ihrem Partner, einem siebzigjährigen pensionierten Lehrer namens Horst Kellermann, in der ersten Stunde zweimal auf den Fuß. Horst lachte nur und sagte, das sei immer noch besser als die Konferenzen im Lehrerzimmer.
Im Mai begann der eigentliche Streit – denn natürlich kam er, so wie er in jeder Familie irgendwann kommt, wenn jemand anfängt, sich nicht mehr zu erklären. Sabine fuhr an einem Samstag unangemeldet aus Köln nach Gütersloh, mit dem festen Plan, der Mutter „zur Vernunft zu reden". Sie fand Helga im Garten, in der roten Jacke, mit Erde unter den Fingernägeln, wie sie gerade neue Tomatenstecken in die Beete steckte, die Renate ihr gebracht hatte.
„Du hast dem Makler erlaubt, dass er das Haus schätzt", sagte Sabine, kaum dass sie aus dem Auto war. Es stimmte. Helga hatte überlegt, das Haus zu verkaufen und in eine kleinere Wohnung in der Stadtmitte zu ziehen, näher am Gemeindehaus, näher am Markt, wo sie samstags die Blumenfrau kennt. „Papa hat das Haus für uns gebaut", sagte Sabine. „Für die Familie. Und du willst es einfach – weggeben?"
„Ich gebe nichts weg", sagte Helga, ohne aufzustehen. „Ich verkaufe es. Und wenn ich es verkaufe, ist das Geld meins, weil ich vierunddreißig Jahre dafür gearbeitet habe, genau wie dein Vater."
„Es geht nicht um das Geld."
„Nein", sagte Helga. „Es geht darum, dass du entscheiden willst, wie ich den Rest meines Lebens verbringe. Und das mache ich jetzt selbst."
Es war still im Garten, bis auf das Hundegebell von nebenan – Renates Mischling Bruno, der seit Jahren niemanden außer dem Postboten ernst nimmt. Sabine stand mit verschränkten Armen zwischen den Tomatenstecken und sagte schließlich, leiser: „Ich hab Angst, dass du allein bist, Mama. Das ist alles."
Helga stand auf, klopfte sich die Erde von der Hose und sah ihre Tochter an. „Ich war dreiunddreißig Jahre nicht allein, Sabine. Ich war verheiratet, in einem Zimmer, in dem ich nie die Fenster so aufmachen durfte, wie ich wollte, weil Dieter Zugluft hasste. Jetzt mache ich die Fenster auf, wie ich will. Das ist kein Alleinsein. Das ist zum ersten Mal ich."
Im Juni unterschrieb Helga den Verkaufsvertrag für das Haus am Lindenweg, zweihundertachtzigtausend Euro, bei einer Notarin in der Innenstadt, deren Kanzlei nach frischem Kaffee und altem Teppich roch. Von dem Geld überwies sie vierzigtausend Euro auf ein eigenes Konto bei der Sparkasse, mit dem Vermerk „Helga privat" – ein Konto, das sie seit vierzig Jahren nicht gehabt hatte, weil es immer ein gemeinsames Konto mit Dieter gewesen war. Den Rest teilte sie zu gleichen Teilen zwischen Sabine und ihrem Sohn Markus auf, ohne dass irgendjemand sie darum gebeten hätte.
Sie zog in eine Zweizimmerwohnung über der Bäckerei Fischer am Marktplatz, dritter Stock, mit Balkon zur Kirche hin. Die erste Nacht dort hörte sie um sechs Uhr morgens das Mehlsieb klappern, als unten der Teig für die Brötchen angesetzt wurde, und dachte, das sei der schönste Wecker, den sie je gehabt hatte.
Sabine kam im September wieder, dieses Mal mit einer Flasche Wein statt mit Vorwürfen. Sie setzten sich auf den kleinen Balkon, auf zwei Plastikstühle, die Helga für neun Euro bei Tedi gekauft hatte, und schauten auf die Kirchturmuhr, die zwei Minuten zu früh geht und niemand sie je gerichtet hat.
„Horst hat gesagt, du seist die Beste im Kurs geworden", sagte Sabine, halb fragend.
„Horst übertreibt", sagte Helga. „Aber ich trete ihm nicht mehr auf die Füße."
Sie tranken den Wein aus Gläsern, die nicht zusammenpassten, weil Helga sich noch kein richtiges Service gekauft hatte, und als die Flasche halb leer war, fragte Sabine, ohne Helga anzusehen: „Bist du glücklich, Mama?"
Helga dachte lange nach, bevor sie antwortete. Nicht, weil sie nach der Wahrheit suchte, sondern weil sie sie zum ersten Mal in Worte fassen musste.
„Ich bin zweiundsechzig", sagte sie schließlich. „Ich habe vierzigtausend Euro auf einem Konto, das nur mir gehört. Ich habe eine rote Jacke, die niemandem gefallen muss außer mir. Und am Montag lerne ich den Wiener Walzer. Glücklich weiß ich nicht. Aber frei – ja. Das ist es, glaube ich."
Die Kirchturmuhr schlug, zwei Minuten zu früh, und unten auf dem Marktplatz räumte jemand die letzten Blumenstände zusammen. Sabine griff nach der Hand ihrer Mutter, und beide blieben so sitzen, bis es dunkel wurde und die Fensterläden der Bäckerei unten zuklappten.
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