Der Brief im Handschuhfach

Ich fahre seit elf Jahren für die Malteser den Krankentransport in Rosenheim, und man glaubt gar nicht, was man dabei alles zu hören bekommt. Diesmal war es keine Patientin, sondern deren Tochter, eine Frau Mitte vierzig, die neben mir auf dem Beifahrersitz saß, während ihre Mutter hinten auf der Trage lag und zur Palliativstation im Klinikum gebracht wurde. Draußen nebliger Novemberabend, die Scheibenwischer kamen kaum gegen den Nieselregen an, und auf dem Radio lief leise der Verkehrsfunk, den keiner von uns hörte.

Sie hieß Margit Brandner, die Tochter, und ihre Mutter, Frau Edelgard Brandner, war neunzig, hatte einen Blumenladen am Loretoplatz geführt, fast vierzig Jahre lang, bis die Hände nicht mehr mitmachten. Ich kannte den Laden flüchtig, war mal dort gewesen, um Nelken für meine eigene Mutter zu kaufen. Jetzt war er längst verpachtet, an einen Dönerimbiss, glaube ich, und die alte Frau hinten im Wagen wog nicht mehr als vierzig Kilo.

Margit hielt eine Plastiktüte auf dem Schoß, so eine von Edeka, abgegriffen am Griff, und darin steckte eine Mappe aus Pappe, verschnürt mit einem Haushaltsgummi. Sie öffnete sie nicht, redete aber darüber, als müsste sie es jemandem erzählen, bevor wir ankamen.

„Meine Tochter will nicht mehr mit mir reden", sagte sie. „Wegen dem Geld vom Blumenladen. Weil ich's nicht ihr gegeben hab, sondern meiner Schwester."

Ich hab nichts gesagt, nur kurz geblinkt, weil vor uns ein Linienbus an der Haltestelle Aventinstraße hielt. Man lernt in dem Job, dass man zuhört und nicht bewertet. Aber sie wartete gar nicht auf eine Antwort.

„Die Steffi — das ist meine Tochter — die hat gedacht, sie kriegt automatisch die Hälfte vom Verkauf. Weil sie zwölf Jahre im Laden mitgearbeitet hat, ohne richtigen Lohn, nur Kost und ein bisschen Taschengeld. Und jetzt, wo Mutter den Laden verpachtet hat für sechzigtausend Euro Ablöse, sagt die Steffi, das stünde ihr zu."

Ihre Hände, während sie redete, falteten den Rand der Tüte immer wieder zusammen und wieder auf, ein kleines, nervöses Bügeln, das nicht aufhörte.

„Aber Mutter hat's der Tante Resi gegeben. Weil die mit achtzig noch allein in der Wohnung lebt und von irgendwas die Heimhilfe bezahlen muss. Dreihundertzwanzig Euro die Woche kostet das, hat sie mir erzählt. Und die Steffi — die hat ein Haus, einen Mann mit guter Stelle bei BMW, zwei Autos vor der Tür. Die braucht das Geld nicht. Aber sie sieht's nicht so."

An der roten Ampel vor der Klinikeinfahrt drehte ich mich kurz nach hinten. Die alte Frau hatte die Augen geschlossen, aber ihre Lippen bewegten sich, ganz leicht, wie beim Rosenkranz. Ich hab das öfter gesehen bei älteren Patientinnen aus der Gegend, viele von denen sind noch mit dem Angelusgebet aufgewachsen.

„Seit drei Monaten ruft sie nicht mehr an", sagte Margit. „Die Steffi. Und Mutter — die hat angefangen, ihr Briefe zu schreiben, die sie nie abschickt. Liegen alle in dieser Mappe hier."

Sie klopfte mit dem Finger auf die Pappe, einmal, zweimal.

Ich hab die Trage ausgeladen am Portal 3, der Nieselregen war inzwischen richtiger Regen geworden, und eine Schwester von der Palliativstation kam mit dem Rollstuhl entgegen. Eigentlich ist da meine Arbeit zu Ende — Patientin abliefern, Übergabeprotokoll unterschreiben, nächste Fahrt. Aber ich hatte noch eine Stunde Pause vor der nächsten Tour, und Margit fragte, ob ich kurz mit raufkommen könnte, weil sie allein nicht wisse, wie sie das mit dem Aufnahmegespräch regeln solle. Man soll sich eigentlich nicht einmischen, das ist nicht mein Job. Aber ich bin mitgegangen, zwei Stockwerke hoch, Zimmer 214, Blick auf den Parkplatz und die nassen Kastanienbäume.

Die Aufnahmeschwester, eine junge Frau namens Pinar, machte die üblichen Fragen — Allergien, Medikamente, Kontaktperson für Notfälle. Und genau bei dieser Frage kam die zweite Tochter zur Tür. Stephanie Brandner, in einem grauen Wollmantel, der noch die Regentropfen trug, mit einem Gesicht, das aussah, als hätte sie die ganze Fahrt von München hierher geweint und sich dann wieder zusammengerissen.

Sie blieb im Türrahmen stehen, eine Hand noch am Rahmen, wie jemand, der nicht sicher ist, ob er eintreten darf.

„Mama", sagte sie.

Die alte Frau im Bett schlug die Augen auf. Niemand sprach eine Zeit lang, nur das Piepen des Monitors neben dem Bett, gleichmäßig, gleichgültig gegen das, was im Raum passierte.

„Ich hab deine Briefe gefunden", sagte Steffi schließlich. „Die Resi hat sie mir gegeben. Hat gesagt, du hast ihr erzählt, du schickst sie mir nicht, weil du Angst hast, ich les sie nicht."

Edelgard Brandner hob die Hand, nur ein paar Zentimeter über die Bettdecke, mehr Kraft hatte sie nicht, aber Steffi verstand die Geste und kam näher, setzte sich auf den Plastikstuhl neben dem Bett.

„Das Geld vom Laden", sagte die alte Frau, die Stimme dünn, aber nicht unsicher. „Das war nie gegen dich. Die Resi hat niemanden außer mir. Ich hab gedacht, du verstehst das, weil du zwölf Jahre lang gesehen hast, wie ich bin. Wie ich's immer gemacht hab — wer mehr braucht, kriegt mehr. Nicht, wer mehr verdient hat."

„Ich hab zwölf Jahre für dich gearbeitet, Mama. Für drei Euro fünfzig die Stunde, manchmal gar nichts, wenn die Kasse knapp war."

„Ich weiß."

„Und du hast's einfach weggegeben. Ohne mich zu fragen."

„Weil's mein Laden war. Mein Geld." Die alte Frau atmete flach, zwischen den Sätzen. „Aber ich hab dir was anderes dagelassen. Steht im Testament. Die Wohnung am Loretoplatz, die über dem Laden. Die gehört dir, seit letztem Jahr schon, nur hab ich's dir nie gesagt, weil ich wollte, dass du's selber findest, bei der Notarin, wenn ich nicht mehr da bin. Falsch war das vielleicht. Aber ich wollt nicht, dass du denkst, ich kauf dich damit."

Steffi sagte nichts. Sie zog die Plastikmappe aus der Tüte, die ihre Schwester ihr gereicht hatte, löste den Haushaltsgummi, und darin lagen, ich konnte es von der Tür aus sehen, vielleicht fünfzehn, zwanzig Briefumschläge, alle mit der gleichen krakeligen Schrift beschriftet: „Für meine Steffi."

Sie öffnete den obersten. Las ihn, ohne laut vorzulesen. Die Hand, mit der sie das Blatt hielt, zitterte nicht übertrieben, nur ein bisschen, am Rand des Papiers.

Dann stand sie auf, ging zum Fenster, wo ihr Mantel über der Heizung hing und schon trocknete, und holte aus der Innentasche ihr Handy. Sie rief nicht an — sie öffnete die Banking-App, ich konnte das Display sehen, weil sie es drehte, zu ihrer Mutter hin, nicht zu mir.

„Ich hab vor zwei Wochen einen Dauerauftrag eingerichtet", sagte sie. „Für die Tante Resi. Hundertfünfzig Euro im Monat, zusätzlich zu dem, was du ihr gegeben hast. Ich wollt's dir nicht sagen, bevor's steht."

Die alte Frau schloss die Augen, aber ihre Lippen bewegten sich wieder, dieses leise Beten, und dieses Mal lächelte sie dabei nicht — sie presste nur kurz die Hand ihrer Tochter, die sich jetzt neben ihr aufs Bett gesetzt hatte.

Pinar, die Aufnahmeschwester, machte mir ein Zeichen, dass sie von hier übernehme, und ich ging zurück zum Wagen, weil meine Pause vorbei war und die nächste Fahrt auf mich wartete, ein Patient aus Bad Aibling, Dialyse-Termin, pünktlich um halb fünf. Im Treppenhaus roch es nach Desinfektionsmittel und nassem Novembermantel, und durch das kleine Fenster im Treppenhaus sah ich den Parkplatz, die Kastanienbäume, die ihre letzten Blätter in den Regen warfen.

Ich habe die beiden Schwestern nicht wiedergesehen. Aber als ich drei Tage später wieder zur Palliativstation fuhr, diesmal mit einem anderen Patienten, stand auf dem Nachttisch von Zimmer 214 ein Strauß Nelken, aus dem alten Laden am Loretoplatz, erkannte ich am Papier, das noch den Stempel trug. Jemand hatte ihn vorbeigebracht, wahrscheinlich beide zusammen, aber das weiß ich nicht genau — das war schon nicht mehr meine Fahrt.

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