Winston und die letzte Chance

Hertha war neunzehn Jahre alt, als sie das erste Mal zurückgebracht wurde. Eine Französische Bulldogge, grau um die Schnauze, mit einem steifen Hinterbein und Augen, die ständig tränten. Im Tierheim Lichtenberg kannten sie ihre Geschichte: drei Familien, drei gescheiterte Versuche, keine davon länger als sechs Wochen. Die letzte Pflegefamilie hatte beim Rückbringen gesagt, das Tier mache einfach schlechte Stimmung im Haus. Die Betreuerin, eine Frau namens Jutta Reimann, hatte diesen Satz noch tagelang im Kopf, weil er so beiläufig gesagt worden war, als würde man über einen kaputten Toaster reden.

Heinz und Mathilde Brauer waren beide über siebzig, lebten in einer Dreizimmerwohnung in Lichtenberg mit Blick auf eine stillgelegte Straßenbahnlinie, und hatten gerade ihren eigenen Hund verloren. Dreizehn Jahre waren sie mit Bodo zusammen gewesen, einem Mischling, der im Flur gestorben war, zwischen Garderobe und Küchentür, an einem Dienstagnachmittag im September. Die Nachbarn rieten ihnen zu einem Welpen. Etwas Junges. Etwas, das noch Jahre vor sich hat. Mathilde hörte sich das an, nickte, und fuhr trotzdem mit der Regionalbahn nach Marzahn, um sich ein Foto im Internet in echt anzuschauen – eine alte Bulldogge, die niemand wollte.

"Ich hab sie gesehen, wie sie ganz hinten im Zwinger saß", erzählt Mathilde später. "Nicht gebellt, nicht gewedelt. Einfach gesessen und gewartet, dass wieder nichts passiert."

Sie nahmen Hertha trotzdem mit nach Hause. Heinz trug den alten Hund auf dem Arm die drei Treppen hoch, weil der Aufzug wieder einmal kaputt war – das Schild mit "außer Betrieb, Hausverwaltung informiert" klebte da schon seit Wochen am Spiegel im Eingang. In der Wohnung roch es nach dem Kartoffelsalat, den Mathilde für den nächsten Tag vorbereitet hatte, und aus dem Radio in der Küche lief leise ein Fußballspiel, das Heinz vergessen hatte abzuschalten.

Die erste Nacht war schwierig. Hertha konnte sich nicht hinlegen. Sie stand immer wieder auf, trottete mit ihrem steifen Bein zur Schlafzimmertür, schaute hinein, ob die beiden noch da waren, legte sich kurz hin, und nach einer Viertelstunde fing sie wieder an. Als wartete sie darauf, dass jemand ihr sagt: Jetzt ist es vorbei, jetzt kommst du wieder weg.

Gegen zwei Uhr morgens klopfte Mathilde auf die Bettkante. "Komm her, Hertha. Du bleibst jetzt."

Der Hund blieb stehen, als hätte er nicht verstanden, dass die Worte ihm galten. Dann kletterte er mit Mühe hinauf, drehte sich zweimal um sich selbst, und sank mit einem langen, tiefen Seufzer gegen Heinz' Beine. Kein Jammern, eher ein Ausatmen, das sich über Minuten hinzog. Zum ersten Mal seit Monaten schlief Hertha die ganze Nacht durch.

Die Wochen danach verliefen ruhig, fast zu ruhig, fand Jutta Reimann, als sie zum Nachkontrollbesuch kam. Hertha folgte Heinz von Zimmer zu Zimmer, als könne sie es sich nicht leisten, ihn aus den Augen zu lassen. Beim Gang zur Hausarztpraxis, wohin Heinz wegen seines Bluthochdrucks musste, wartete sie vor der Tür, obwohl die Sprechstundenhilfe sie gern mit hineingenommen hätte. Sie wollte dort warten, wo Heinz sie zuletzt gesehen hatte.

Im November kam der erste Rückschlag. Hertha fraß drei Tage nichts. Der Tierarzt in der Praxis an der Frankfurter Allee sprach von einer Niereninsuffizienz, wie sie bei alten Hunden ihrer Rasse häufig vorkommt, und von einer möglichen Diät mit speziellem Nierenfutter, das zweiundvierzig Euro pro Zehn-Kilo-Sack kostete. Heinz und Mathilde lebten von zwei kleinen Renten, zusammen knapp über zweitausend Euro im Monat, und das neue Futter sprengte den Spielraum, den sie für solche Dinge eingeplant hatten.

"Wir haben überlegt, ob wir den Hund vielleicht doch wieder zurückbringen müssen", sagt Mathilde, und man merkt, wie schwer ihr dieser Satz noch immer fällt. "Nicht weil wir nicht wollten. Weil wir Angst hatten, es uns nicht leisten zu können."

Sie verkauften die alte Standuhr, die seit Heinz' Mutter im Wohnzimmer stand und die ohnehin seit Jahren falsch ging. Zweihundertfünfzig Euro bei einem Trödler in Friedrichshain, bar auf die Hand. Das reichte für vier Monate Spezialfutter. Heinz fing außerdem an, sonntags Zeitungen auszutragen, was er mit seinen Knien eigentlich nicht mehr sollte, aber er sagte nichts davon zu Mathilde, bis sie ihn eines Morgens im Treppenhaus erwischte, Prospekte unter dem Arm, schwer atmend.

Hertha erholte sich. Langsam, aber sie erholte sich. Im Frühling begleitete sie Heinz wieder bis zum Kiosk an der Ecke, wo er sich seine Zigaretten kaufte, bevor er beschloss, ganz aufzuhören – wegen des Bluthochdrucks, aber auch, wie er zugab, weil er fand, dass ein Hund, der kämpft, es verdient, dass man selbst auch irgendetwas aufgibt.

Im Mai rief die ehemalige Pflegefamilie an, die Hertha einst zurückgebracht hatte. Eine Frau, deren Name im Tierheim noch in der Akte stand, Birgit Sander. Sie hatte über eine gemeinsame Bekannte erfahren, dass "der alte Hund" noch lebte, und fragte, ob man ihn nicht zurückgeben wolle, da sie jetzt, wie sie sagte, "wieder bereit" sei. Mathilde nahm den Anruf an, auf dem Küchentisch lag die Akte mit Herthas Impfpass, den Tierarztrechnungen, dem Chip-Ausweis.

"Nein", sagte Mathilde, ohne zu zögern. "Sie gehört zu uns."

Sie legte den Impfpass in eine blaue Mappe, schrieb mit Kugelschreiber ihren eigenen Namen als Halterin auf die Rückseite der letzten Rechnung und steckte alles in die Schublade neben dem Telefon, dort, wo sonst die wichtigen Papiere lagen: der Mietvertrag, die Rentenbescheide, die Kontoauszüge. Birgit Sander blieb am anderen Ende der Leitung einen Moment still, dann legte sie auf.

Hertha lag währenddessen unter dem Küchentisch, den Kopf auf Heinz' Hausschuh, und schlief. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, die seit Monaten wieder verkehrte, mit diesem metallischen Quietschen, das Mathilde inzwischen gar nicht mehr störte. Sie hatte sich daran gewöhnt, so wie Hertha sich daran gewöhnt hatte, dass niemand mehr kam, um sie wieder wegzuholen.

Rate article
MagistrUm
Winston und die letzte Chance