Der Tresorschlüssel, den Mira nicht zurückgab

Mein Name ist Jonas Pabst, ich bin vierunddreißig und bis zu diesem Herbst war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich der vernünftigste Mensch in meinem Umfeld bin. Ich plane. Ich rechne nach. Bevor ich irgendetwas unterschreibe, lese ich die Fußnoten. Das war schon immer so, seit ich mit achtundzwanzig meine eigene Steuerberatungskanzlei in Freiburg aufgebaut habe. Leute haben mir oft gesagt, ich sei kühl. Distanziert. Dass ich lieber Tabellen anschaue als Menschen. Ich habe das nie als Beleidigung verstanden. Gefühle sind für mich kein Problem, ich habe nur gelernt, dass sie schlechte Entscheidungen nicht aufhalten, wenn man ihnen zu viel Raum gibt.

Fünf Jahre war ich mit Mira zusammen. Fünf Jahre, in denen ich dachte, ich hätte endlich jemanden gefunden, der genauso tickt wie ich – ruhig, geordnet, loyal. An dem Samstag, an dem wir heiraten sollten, bin ich um sechs Uhr morgens im Gästezimmer des Gutshofs bei Staufen aufgewacht, in dem die Feier stattfinden sollte. Draußen lag Nebel über den Weinbergen, aus der Küche roch es nach Zwiebelsuppe, die der Koch für den Abend vorbereitete. Ich hatte die Krawatte schon zweimal gebunden, weil mir der Knoten beim ersten Versuch zu locker erschien.

In meiner Jackentasche lag ein Umschlag. Keine Blumen, kein Ring – ein Schlüssel zu einem kleinen Bankschließfach bei der Sparkasse Freiburg, in dem die Gründungsurkunde meiner Kanzlei lag. Ich wollte Mira an diesem Tag zur stillen Teilhaberin machen, zu fünfundzwanzig Prozent. Das war mein Geschenk. Nicht romantisch, aber für mich das Höchste, was ich geben konnte: Vertrauen in Zahlen gegossen.

Dann kam der Anruf von meiner Schwester Pauline. Ihre Stimme überschlug sich am Telefon: Ich solle sofort zur Sakristei der kleinen Kapelle am See kommen, bevor der Pfarrer eintrifft. Dort fand ich Mira im Brautkleid, das Handy noch in der Hand, eine SMS-Konversation auf dem Display, die sie nicht schnell genug schließen konnte. Es ging um eine Überweisung. Vierzigtausend Euro, die sie vor drei Wochen von meinem gemeinsamen Geschäftskonto – auf das sie als Prokuristin Zugriff hatte – auf das Konto ihres Ex-Freundes Tobias überwiesen hatte. Angeblich, um ihm "aus der Insolvenz zu helfen". Ohne mich zu fragen. Ohne ein Wort.

Ich habe nicht geschrien. Ich bin nur stehen geblieben und habe gerechnet, wie ich das immer tue, wenn mir der Boden wegrutscht: Vierzigtausend Euro entsprachen fast genau dem Betrag, den ich zwei Jahre zuvor für die neue Kanzleiausstattung zurückgelegt hatte. Draußen, durch das kleine Fenster der Sakristei, sah ich die Gäste schon auf den Bänken sitzen, meine Mutter mit ihrem Fascinator, Tobias' Name noch auf dem Bildschirm, den Mira mit dem Daumen zu verwischen versuchte, als könnte sie die Zahlen damit löschen.

"Ich wollte es dir nach der Hochzeit sagen", hat sie gesagt. Nicht "es tut mir leid". Nicht "ich war es nicht". Sondern: nach der Hochzeit. Als wäre der Ring, den ich ihrer Großmutter zuliebe extra bei einem Juwelier in der Kaiser-Joseph-Straße hatte reinigen lassen, nur eine Formsache gewesen, die man vor der eigentlichen Sache noch abhaken muss.

Die Trauzeugin hat an die Tür geklopft. Der Pfarrer hat gefragt, ob in zehn Minuten alles bereit sei. Ich habe "ja" gesagt, weil mein Kopf schon arbeitete, nicht weil ich noch heiraten wollte.

Ich habe die Hochzeit nicht abgesagt wie in einem Film, mit umgeworfenen Stühlen und einer Ansprache vor allen Gästen. Das wäre Theater gewesen, und Theater mag ich nicht. Ich bin stattdessen zu meiner Mutter gegangen, habe ihr gesagt, dass sich etwas Geschäftliches ergeben hat, und die Band gebeten, noch eine Stunde Pause zu machen. Dann habe ich Mira gebeten, mit mir in den kleinen Weinkeller des Gutshofs zu gehen, wo niemand uns hören konnte außer den Fässern.

Dort habe ich ihr den Umschlag mit dem Schließfachschlüssel aus der Tasche gezogen und auf das Holzfass zwischen uns gelegt. "Das war für dich gedacht", habe ich gesagt. "Fünfundzwanzig Prozent der Kanzlei. Das kriegst du jetzt nicht." Sie hat nach dem Umschlag gegriffen, als könnte sie ihn noch an sich reißen, und ihre Finger haben sich in das raue Papier verkrallt, bis die Ecke einriss. "Tobias hat gedroht, alles an deine Mandanten zu schicken, wenn ich nicht zahle", hat sie gesagt, die Stimme schon brüchig. "Was für Unterlagen?" habe ich gefragt. Sie hat geschluckt, die Hand auf das Fass gestützt, als bräuchte sie Halt. "Kontoauszüge. Von vor zwei Jahren. Er hat behauptet, du hättest Schwarzgeld –" Sie hat abgebrochen, den Satz nicht zu Ende gebracht, weil sie selbst gehört hat, wie absurd er klang. "Das ist nicht wahr", habe ich gesagt, "und selbst wenn es wahr wäre, hättest du mit mir reden müssen, nicht mit ihm Geld schieben." Ein Fass hinter uns knarzte, als würde der Keller selbst Stellung nehmen. Mira hat die Faust auf das Holz geschlagen, einmal, dumpf, und dann sofort die Hand wieder zurückgezogen, als hätte sie sich daran verbrannt. "Ich hatte Angst", hat sie gesagt. "Ich hatte Angst, und du warst nie da, wenn ich Angst hatte." Ich habe ihr nicht widersprochen und nicht zugestimmt. Ich habe nur mein Telefon aus der Jacke genommen und meiner Steuerberaterkollegin, Frau Dr. Herzog, eine Nachricht geschrieben: sie solle Mira am Montag die Vollmacht als Prokuristin entziehen und das Geschäftskonto sperren lassen.

Die Hochzeit fand nicht statt. Keine große Erklärung vor den Gästen – meine Mutter hat ihnen gesagt, es gebe eine familiäre Angelegenheit, die Feier verschiebe sich. Die meisten sind zum Buffet gegangen, das ohnehin schon aufgebaut war, Flammkuchen und badischer Winzersekt, niemand ließ sich die Kalbsbäckchen entgehen, nur weil keine Hochzeit mehr stattfand.

Am Montag bin ich mit meinem Anwalt zur Sparkasse gefahren. Wir haben das Konto formell auf meinen alleinigen Namen zurückübertragen lassen, die Prokura widerrufen und die vierzigtausend Euro als Schaden dokumentiert. Mein Anwalt hat Tobias schriftlich zur Rückzahlung aufgefordert, mit Fristsetzung und der Drohung einer Strafanzeige wegen Beihilfe zur Untreue. Tobias hat sich nie gemeldet, aber sein Arbeitgeber schon: Eine Lohnpfändung lief binnen sechs Wochen an, nachdem das Amtsgericht Freiburg dem Mahnbescheid stattgegeben hatte. Von den vierzigtausend Euro sind bislang gut zwölftausend zurückgeflossen, der Rest wird monatlich abgezogen, bis die Summe steht. Mira hat drei Wochen später versucht, mich anzurufen. Ich habe nicht abgenommen. Stattdessen habe ich ihr eine E-Mail geschrieben mit dem Betreff "Schließfach Nr. 214" und einem Anhang: Kopie der Löschung ihres Zugriffs, unterschrieben von der Bank.

Den Ring meiner Großmutter habe ich nicht weggeworfen. Ich habe ihn meiner Nichte Lina gegeben, die im Frühjahr ihre eigene kleine Konditorei in der Freiburger Altstadt eröffnet, mit der Bitte, ihn zu verkaufen oder zu behalten, wie sie möchte – nur nicht an jemanden weiterzugeben, der ihn nicht verdient.

An einem Samstagmorgen im Oktober stehe ich vor Linas Vitrine, während sie die Schwarzwälder Torten einräumt, der Ring blitzt an ihrem kleinen Finger zwischen den Kirschen auf dem obersten Tortenstück. "Willst du einen Kaffee, bevor du zur Kanzlei fährst?", fragt sie und schiebt mir ein Stück vom Rand des Blechs über den Tresen, das beim Schneiden zerbröckelt ist. Ich nehme die Gabel, schneide mir ein Eckchen ab, und draußen fährt die Straßenbahn Richtung Bertoldsbrunnen vorbei, Kirschwasser und Schokolade in der Luft zwischen uns.

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MagistrUm
Der Tresorschlüssel, den Mira nicht zurückgab