Ich bin Thorben Albrecht, 44, selbstständiger Elektriker in Oldenburg, und ich erzähle das hier zum ersten Mal von meiner Seite. Meine Mutter Renate hat ihre Version wahrscheinlich schon jemandem erzählt, und ich weiß, wie es klingt, wenn sie es erzählt. Ich war nicht der Bösewicht in meinem eigenen Kopf. Das muss man verstehen, bevor man mich verurteilt.
Es ging um das Haus in der Dobbenstraße, Baujahr 1962, das mein Vater Uwe meiner Mutter vererbt hatte, als er vor vier Jahren an einem Dienstagmorgen im Schlaf gestorben war. Meine Schwester Katja und ich haben beim Sonntagsbraten darüber gesprochen – Rouladen, wie immer, dieselbe gusseiserne Pfanne, die schon unsere Oma benutzt hat. Ich hatte vorher mit meinem Steuerberater telefoniert: Wenn wir das Haus erst nach Mamas Tod erben, zahlen wir beide happige Erbschaftssteuer, dazu Notarkosten, vielleicht sogar Streit vor Gericht, wenn Katja und ich uns nicht einig werden. Verkaufen wir es jetzt zu Lebzeiten und teilen den Erlös, spart das allen Ärger.
Ich habe das vorgeschlagen, ja. Ich stehe dazu. Aber ich habe es nicht aus Gier getan, sondern weil ich damals wirklich dachte, ich würde für meine Mutter sorgen. Katja hat sofort zugestimmt, sie brauchte das Geld für ihren Kredit, die Scheidung hatte sie leer gemacht. Mama hat nicht lange gezögert. Sie hat gesagt, sie vertraue uns beiden. Beim Notar in der Innenstadt hat sie unterschrieben, und ich saß neben ihr und dachte: Gut, das ist geregelt, jetzt kann nichts mehr schiefgehen.
Das Haus wurde für 340.000 Euro verkauft. Katja nahm sofort ihre Hälfte, tilgte den Kredit, kaufte einen gebrauchten Opel. Mama zog bei mir ein, in Lucas altes Zimmer – mein Sohn schläft ohnehin meistens bei seinem Bruder Jannik, seit die beiden sich ein Stockwerk tiefer das Gamingzimmer geteilt haben. Ich habe ihr das Zimmer tapeziert, mit diesem schlichten beigen Muster, das sie sich gewünscht hat, keine Teddybären, das war nie unser Stil.
Die ersten Wochen waren tatsächlich gut. Meine Frau Steffi hat ihr morgens Kaffee gebracht, bevor sie zur Spätschicht in der Apotheke musste. Die Jungs haben ihr gute Nacht gesagt. Ich dachte ehrlich: Jetzt ist alles, wie es sein soll. Eine Familie unter einem Dach.
Was von außen wie Ausnutzung aussieht, war für mich etwas anderes: Entlastung. Steffi und ich arbeiten beide Vollzeit, dazu zwei Teenager, die nichts von sich aus tun. Als Mama anfing, morgens das Frühstück für alle vorzubereiten, habe ich das nicht als Befehl gemeint, sondern als: Sie ist ja ohnehin wach, sie hat früher in der Nähmaschinenfabrik in Bremen gearbeitet, vierzig Jahre am Stück, sie kann nicht einfach stillsitzen, das macht sie unruhig. Ich habe ihr nie gesagt, sie müsse bügeln. Ich habe meine Hemden einfach in den Wäschekorb gelegt, wie ich es immer getan habe, und sie hat sie genommen, ohne dass ich fragen musste. Vielleicht ist das genau das Problem – dass ich nie gefragt habe, ob sie wollte.
Katja hat sich zurückgezogen, das stimmt. Sie hat nicht angerufen, wenn Mama anrief. Ich habe das ihr gegenüber nie angesprochen, weil ich selbst keine Zeit hatte, mich darüber aufzuregen – zwischen Kundenterminen, Stromkästen und Steffis Schichtplan ist bei mir kaum Luft für Streit mit meiner Schwester.
Der Nachmittag, an dem Mama mit mir reden wollte, Steffi war bei ihrer Freundin Birgit – ich erinnere mich an jedes Detail, weil ich mich danach geschämt habe, aber in dem Moment selbst habe ich nur meine eigene Erschöpfung gesehen. Ich saß am Küchentisch, der Zettel vom Badumbau lag noch da, 6.200 Euro für die neuen Fliesen, die Handwerkerrechnung war noch nicht bezahlt. Mama hat angefangen: „Ich helfe gerne, aber ich fühle mich manchmal wie…" Ich habe sie unterbrochen. Ich weiß noch, wie ich mir mit der Hand über die Stirn gefahren bin, weil mein Kopf von der Doppelschicht brummte. Ich habe gesagt, Steffi brauche Platz, die Jungs würden älter, Luca wolle sein Zimmer zurück. Das war nicht gelogen – aber es war auch nicht die ganze Wahrheit. Die ganze Wahrheit war: Ich wollte nicht mehr der sein, der zwischen allen vermittelt. Ich wollte, dass jemand anders die Verantwortung übernimmt.
„Wo soll ich denn hin?", hat sie gefragt. Ich habe auf die Arbeitsplatte gestarrt. Ich wusste es nicht. Ich habe gesagt, sie könne sich etwas Kleines suchen, eine Einzimmerwohnung, Katja würde sicher etwas beisteuern. Ich wusste in dem Moment schon, dass das nicht stimmte. Katja hatte mir zwei Wochen vorher am Telefon gesagt, sie könne keinen Cent mehr abgeben, der Opel brauche eine neue Kupplung, 900 Euro, die sie nicht hatte.
Katja ist dann tagelang nicht ans Telefon gegangen, als Mama sie erreichen wollte. Als sie sich endlich gemeldet hat, hat sie zugegeben, dass von ihrer Hälfte nichts mehr übrig war. Ich habe das im Nachhinein erfahren, nicht direkt von ihr.
Ich erzähle das nicht, um mich zu entlasten. Ich war derjenige, der das Haus verkaufen wollte, der die Zahlen durchgerechnet hat, der am Ende gesagt hat: Es reicht jetzt. Ich habe meiner Mutter beigebracht zu rechnen, dass die Ausgaben irgendwann die Einnahmen übersteigen, und dann habe ich sie selbst zu einer Ausgabe gemacht, die nicht mehr ins Budget passte.
Was ich damals nicht gesehen habe: Sie hat an dem letzten Abend, bevor sie auszog, den alten Suppentopf aus Omas Zeiten gespült, abgetrocknet, in den Schrank zurückgestellt – und nichts gesagt. Ich dachte, sie hätte ihn vergessen zu nehmen. Jetzt weiß ich, dass sie ihn bewusst zurückgelassen hat, als letztes stilles Wort zwischen uns.
Mama zog in ein möbliertes Zimmer bei einer Witwe namens Frau Lohmeyer, im Stadtteil Kreyenbrück, am anderen Ende von Oldenburg. Sie zahlt von ihrer Rente, 1.140 Euro netto, davon gehen 480 fürs Zimmer weg. Ich rufe sonntags an, kurz, wie ein Punkt, den man von einer Liste abhakt. Das weiß ich von mir selbst, ich beobachte es, während ich es tue, und kann es trotzdem nicht ändern.
Vor drei Wochen hat Katja mich angerufen, zum ersten Mal seit Monaten wegen Mama und nicht wegen sich selbst. Sie hatte in Frau Lohmeyers Vorgarten eine Bank gesehen, auf der Mama saß, als Katja zufällig mit dem Fahrrad vorbeikam, und Mama hatte einen Ordner auf dem Schoß. Katja hat angehalten, gegrüßt, gefragt, was das sei.
Mama hat ihr den Ordner gezeigt. Darin: eine Mahnung vom Grundbuchamt wegen einer Forderung, die seit dem Hausverkauf offen stand – eine Erschließungsabgabe, die keiner von uns bedacht hatte, 3.800 Euro, die jetzt fällig wurden, weil der Notar sie übersehen hatte und die Gemeinde erst jetzt nachfasste. Rechtlich waren Katja und ich als frühere Miterben in der Zahlungspflicht, nicht Mama. Sie hatte das selbst herausgefunden, war zum Mieterverein gegangen, hatte sich beraten lassen, und dann einen Brief an uns beide aufgesetzt, fein, in ihrer alten Schreibmaschinenschrift, in dem stand, dass sie die Forderung an uns weiterleite und ab sofort nicht mehr für Besorgungen, Betreuung der Kinder oder Haushaltsarbeiten zur Verfügung stehe, „da dies, wie sich zeigt, keine familiäre Selbstverständlichkeit, sondern unbezahlte Arbeit war, für die ich nie gefragt wurde, ob ich sie leisten möchte".
Katja hat mir das am Telefon vorgelesen, mit zitternder Stimme, nicht aus Wut, sondern aus Scham. Ich bin am selben Abend nach Kreyenbrück gefahren. Mama saß am Küchentisch von Frau Lohmeyer, der Ordner lag vor ihr, daneben eine Tasse Tee, die sie nicht angerührt hatte. Ich habe gefragt, ob wir reden können. Sie hat den Ordner zugeklappt und gesagt: „Worüber, Thorben? Die Zahlen stehen da. Dreitausendachthundert Euro, geteilt durch zwei, das könnt ihr euch ausrechnen, dafür hab ich euch beiden das Rechnen schließlich mit beigebracht."
Ich habe versprochen, meinen Anteil zu überweisen, noch in dieser Woche. Ich habe das inzwischen getan, 1.900 Euro, Überweisung mit dem Betreff „Erschließungsabgabe Dobbenstraße". Katja hat ihren Teil auf Raten zugesagt, 200 Euro monatlich, ab Januar.
Das ändert nichts Grundsätzliches. Mama kocht keine Suppe mehr für uns, holt keine Kinder mehr von der Schule ab, bügelt keine Hemden. Sie sitzt bei Frau Lohmeyer, die beiden füttern zusammen den Kanarienvogel im Wohnzimmer, und wenn ich sonntags anrufe, erzählt sie mir von diesem Vogel, nicht von uns. Letzte Woche hat sie erwähnt, dass sie den alten Suppentopf vielleicht doch noch abholen möchte, irgendwann, wenn sie Zeit hat. Ich habe ihn seitdem nicht mehr benutzt. Er steht einfach im Schrank, und ich habe nicht den Mut, ihn ihr von selbst zu bringen.
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