Als Johannes schrieb, sein Schlaf sei ihm wichtiger als mein Zustand nach der Operation, brach innen etwas – und zugleich setzte sich etwas an seinen Platz.
Ich heiße Johannes Werner, bin vierzig, arbeite als Projektleiter bei einem Logistikunternehmen in Dortmund. Meine Frau Carolin lag damals im St.-Josefs-Hospital, nach einer Notoperation, die man ihr direkt aus dem Büro heraus ansetzte. Ich erzähle das jetzt aus meiner Sicht, weil ich glaube, dass man vieles anders sieht, wenn man selbst müde ist bis in die Knochen.
An dem Tag war ich seit halb sechs Uhr morgens auf den Beinen. Ein Lieferant in Essen hatte eine Ladung falsch deklariert, ich stand drei Stunden am Zoll-Terminal, dann noch ein Kundentermin in Bochum, der sich um zwei Stunden verschoben hatte. Ich kam gegen acht Uhr abends nach Hause, die Wohnung roch nach dem kalten Kaffee vom Morgen, den ich nicht weggeschüttet hatte. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel von Carolin mit der Einkaufsliste – Milch, Vollkornbrot, die Pillen für die Nachbarin, Frau Lindqvist, deren Hund wir manchmal Gassi führten. Den Zettel hatte ich gar nicht mehr gelesen, als das Handy klingelte: Carolin, aus der Klinik.
Sie schrieb, man habe sie geholt, einfach so, mitten aus der Besprechung, Blinddarm, Not-OP, und jetzt liege sie da ohne irgendwas – kein Portemonnaie, keine Zahnbürste, nichts zu essen, die Kantine schon zu. Ich erinnere mich, dass ich auf dem Sofa saß, die Krawatte noch zu, und dachte: Ich habe heute sechs Stunden geschlafen, ich bin seit vierzehn Stunden unterwegs, und jetzt soll ich noch durch halb Dortmund fahren.
Ich schrieb: „Kauf doch unten im Kiosk was. Die haben im Erdgeschoss einen." Sie schrieb zurück, sie habe kein Geld dabei, alles sei zu Hause. Ich schrieb: „Solche Sachen sollte man vorher einplanen. Ich fahr jetzt nirgendwohin." Dann kam ihre Frage, nur ein Wort: „Warum?"
Ich tippte: „Carolin, ich hab heute sechs Stunden geschlafen. Ich war den ganzen Tag auf den Beinen, mir ist jetzt wirklich nicht danach, quer durch die Stadt Zahnpasta zu fahren." Im Moment, als ich das schrieb, dachte ich: Das ist doch normal, das würde jeder verstehen. Ich war fertig. Nicht böse, nicht gleichgültig – einfach leer. Sie schrieb noch, ihre Erholung nach der OP sei etwas ernster als meine Müdigkeit. Ich legte das Handy auf den Couchtisch, Display nach unten, und schlief auf dem Sofa ein, die Krawatte immer noch zu.
Erst später verstand ich, dass es für sie nie um die Zahnbürste gegangen war. Da lag sie mir schon die Scheidungspapiere auf den Küchentisch, direkt neben die alte Einkaufsliste, die ich nie abgearbeitet hatte.
Zwölf Jahre lang hatte Carolin die Steuererklärung gemacht, die Termine bei der Krankenkasse vereinbart, den tropfenden Wasserhahn angemeldet, an den Geburtstag meiner Mutter gedacht, wenn ich ihn vergessen hatte. Ich stand jeden Morgen um fünf auf, fuhr zum Zoll-Terminal, zum Kundentermin, und dachte, damit sei meine Rechnung bezahlt. Es war mir nie aufgefallen, dass sie an diesem Abend im Krankenhaus zum ersten Mal seit Jahren etwas von mir brauchte, das nicht mit Geld zu tun hatte, und dass ich auch das nicht hatte.
Drei Tage später rief ich sie an, morgens, kurz vor ihrer Entlassung. Ich fragte, ob sie ein Taxi brauche oder ob ich sie nach der Arbeit abholen solle. Sie sagte, sie habe schon ein Taxi bestellt, sie sei in einer halben Stunde daheim, wir müssten reden. Ich sagte etwas von „bitte keine Szene machen, ich bin auf der Arbeit eh im Stress" – ich höre mich selbst sagen, wie das geklungen haben muss, kalt, abgeschottet. Sie antwortete nur: „Es wird keine Szene geben", und legte auf.
Als sie zur Tür kam, saß ich im Wohnzimmer, Laptop auf den Knien, eine Tasse Pfefferminztee neben mir, die schon kalt geworden war. Ich sah sie an und sagte: „Na siehst du, dir geht's doch gut. Du hast daraus damals so ein Drama gemacht, als wäre was Schlimmes passiert." Ich meinte das nicht böse. Ich meinte es wirklich so, wie ein Mann meint, der die ganze Zeit dachte, die Sache sei längst erledigt.
Sie stellte eine Papiertüte im Flur ab, kam ins Wohnzimmer, setzte sich mir gegenüber. Ihr Gesicht war ruhig, auffällig ruhig. Sie sagte: „Johannes, ich bin nicht hier, um über damals zu streiten. Ich bin hier, um meine Sachen zu holen."
Ich klappte den Laptop zu, fragte: „Was meinst du damit? Welche Sachen? Wohin willst du?"
Sie sagte ruhig: „Ich reiche die Scheidung ein."
Ich lachte zuerst, ein kurzes, nervöses Lachen, weil ich dachte, das sei übertrieben, eine Reaktion auf einen schlechten Tag im Krankenhaus. Dann sah ich den Ordner in ihrer Hand – einen roten Aktenordner, den sie sich offenbar bei ihrer Kollegin Petra besorgt hatte, mit einem gelben Haftzettel darauf: „Scheidung – Anwalt Dr. Brauer, Mittwoch 15 Uhr." Ich erinnere mich an diesen Zettel genauer als an fast alles andere aus diesem Gespräch.
Ich sagte: „Das ist doch total übertrieben, Carolin, wegen einer Zahnbürste trennt man sich nicht." Sie stand auf, ging in die Küche, öffnete den Küchenschrank, in dem unsere gemeinsamen Dokumente lagen – Mietvertrag, die Unterlagen zum Bausparvertrag, ihre Geburtsurkunde. Sie nahm nur ihre eigenen heraus, ließ meine liegen, sortiert, wie sie es immer tat. Dann sagte sie: „Es ging nie um die Zahnbürste, Johannes. Zwölf Jahre habe ich gedacht, wenn ich für dich da bin, bist du irgendwann auch für mich da. An dem Abend habe ich begriffen, dass das nicht stimmt."
Ich wollte widersprechen, sagte irgendwas über Stress, über den Tag beim Zoll in Essen, über die vierzehn Stunden. Sie unterbrach mich nicht einmal laut, sie sagte nur: „Ich weiß, dass dein Tag hart war, Johannes. Ich hatte an dem Abend eine offene Bauchdecke und kein Geld für eine Flasche Wasser."
Dann rief sie ein Taxi, mit dem Telefon in der Hand, während sie schon ihre Jacke von der Garderobe nahm. Ich stand im Flur, als der Fahrer hupte, und wusste nicht, was ich tun sollte – ihr die Tasche tragen, etwas sagen, was man in solchen Momenten sagt und das nichts ändert. Sie nahm die Tasche selbst, drehte sich an der Tür noch einmal um und sagte: „Die Wohnung bleibt bei dir, ich wollte sie nie, das wusstest du. Petra hat mir ein Zimmer in Hörde vermittelt, ab morgen. Meinen Anteil am Bausparvertrag, achtzehntausend Euro, überweise bitte auf mein neues Konto, die IBAN schickt dir mein Anwalt."
Ich stand an der offenen Tür, während das Taxi im November-Regen die Straße hinunterfuhr, Richtung Ostenhellweg, wo Frau Lindqvists Hund im Hausflur bellte, weil er fremde Schritte hörte. Die kalte Teetasse stand noch im Wohnzimmer, und auf dem Küchentisch lag immer noch der Zettel: Milch, Vollkornbrot, die Pillen für die Nachbarin.
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