Ich wohne seit elf Jahren im Haus gegenüber, Dachgeschoss, und von meinem Küchenfenster sehe ich direkt in den Garten der Hollmanns. Man kriegt eben vieles mit, wenn man abends um sechs den Kaffee trinkt und die Nachrichten aus dem Lautsprecher dröhnen. Ich will mich da nicht einmischen, das war noch nie meine Art. Aber was ich in diesem Oktober gesehen habe, das hat mich dann doch aus der Küche geholt.
Sabine Hollmann und ihr Mann Jens wohnen seit acht Jahren dort, ein hübsches Reihenhaus mit Vorgarten, so ein typisches Siedlungshaus am Rand von Dortmund, zwischen Hecke und Mülltonnen. Verheiratet sind sie seit drei Jahren. Vor zwei Jahren haben sie sich einen Hund angeschafft, einen Golden Retriever, den sie Bruno nannten. Kinder hatten sie noch keine, und man konnte sehen, wie der Hund für die beiden fast wie ein Kind war — Sabine kaufte ihm teure Kauknochen vom Fressnapf, Jens baute ihm im Garten extra eine kleine Hundehütte mit Dachziegeln, die zum Haus passten.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem alles anfing, weil an dem Tag der Postbote dreimal geläutet hat und keiner aufmachte. Es war ein Dienstag, Anfang Oktober, grauer Himmel, feuchter Asphalt. Ich stand am Fenster mit meinem Tee, als ich sah, wie Bruno aus dem Garten der Hollmanns zur Terrasse trottete — mit etwas im Maul. Dachte mir nichts dabei. Hunde schleppen ständig irgendwas an, Stöcke, Bälle, manchmal auch den Fahrradhelm vom Nachbarsjungen.
Am nächsten Tag war es wieder so. Und am übernächsten auch. Ich kriegte das nur am Rand mit, zwischen Abwasch und Fernsehprogramm, bis mir eines Abends auffiel: Das war kein Stock. Das war Unterwäsche. Männerunterhosen, um genau zu sein, auf der Terrasse der Hollmanns ausgebreitet wie zum Trocknen.
Ich hab's Sabine ein paar Tage später beim Brötchenholen erzählt, so nebenbei, weil ich dachte, vielleicht freut sie sich, dass der Hund so fleißig sammelt. Sie hat gelacht, hat gesagt, das sei bestimmt Jens' alte Wäsche, die er zum Spenden in den Schuppen gestellt hatte, der Hund buddle wohl in den Säcken. Ich hab nichts weiter gesagt.
Von da an blieb ich öfter am Fenster stehen, auch wenn der Tee längst kalt wurde. Eine Woche später klingelte Sabine bei mir, kurz nach neun am Abend, in der Strickjacke, ohne Mantel drüber, obwohl es schon kühl war für Mitte Oktober. Sie fragte, ob sie kurz reinkommen könne, und ihre Stimme klang fester als sonst, als hätte sie sich die Sätze vorher im Kopf zurechtgelegt.
Sie setzte sich an meinen Küchentisch, die Hände um die Teetasse gelegt, die ich ihr hingestellt hatte, ohne einen Schluck zu trinken. „Ich bin ihm heute hinterhergegangen", sagte sie. „Bruno, meine ich. Vom Küchenfenster aus gesehen, wohin er immer läuft. Zum Schuppen, hinten am Grundstück, wo Jens die Werkzeuge und die Weihnachtskartons lagert." Sie drehte die Tasse einmal auf der Untertasse, ohne hinzuschauen. „Ich bin reingegangen. Da waren Pfotenspuren im Staub, direkt zu dem Kartonstapel mit dem Christbaumschmuck. Ich hab die Kartons weggeschoben."
Sie hielt inne, als müsste sie erst wieder Luft holen, bevor der nächste Satz kam. „Dahinter stand eine Reisetasche. Schwarz, mit dem Logo von einer Fluggesellschaft, mit der Jens noch nie geflogen ist, soweit ich weiß." Sie zählte die Dinge auf, fast mechanisch, als würde sie eine Einkaufsliste vorlesen, weil sie es anders wohl nicht aussprechen konnte: eine zweite Zahnbürste. Ein Rasierer, nicht Jens' Marke. Ein Ladekabel für ein Handy, das niemand im Haushalt besaß. Und ganz unten, zusammengefaltet, Herrenunterwäsche, genau die Größe, genau die Marke, die Bruno schon tagelang über die Terrasse geschleppt hatte. Dazu eine kleine Klarsichtmappe mit Quittungen, ein Hotel an der Rheinuferpromenade, immer samstags, drei Wochen in Folge.
„Ich dachte noch, vielleicht ist das von einem Handwerker", sagte sie, und bei dem Satz lachte sie kurz auf, viel zu laut für die kleine Küche, ein Lachen, das nirgendwo hinwollte. Dann war es wieder still, und ihre Hände, die die Tasse hielten, zitterten leicht, so dass der Tee einen dünnen Ring auf der Untertasse hinterließ.
„Hast du mit ihm gesprochen?", fragte ich.
„Am Abend. Ich hab die Tasche wieder genauso hingestellt, wie sie war, Kartons drauf, alles wie vorher. Und als er nach Hause kam, hab ich einfach gefragt, ob der Schuppen in letzter Zeit mal ausgemistet wurde." Sie schaute auf die Tasse, nicht auf mich. „Er hat gesagt, nein, warum, und dabei ist ihm die Gabel runtergefallen. Beim Essen. Einfach so, aus der Hand. Er hat sich gleich wieder runtergebeugt und sie aufgehoben und weitergegessen, als wäre nichts gewesen. Aber ich hab's gesehen."
Mehr sagte sie dazu nicht, und ich fragte nicht weiter. Es war nicht an mir, ihr zu sagen, was sie jetzt tun sollte.
Zwei Wochen später — Ende Oktober, kurz vor Allerheiligen — stand ein Umzugswagen vor dem Haus der Hollmanns. Keine Spedition, nur ein geliehener Transporter, wie man ihn beim Bauhaus für einen Tag mietet. Sabine trug Kartons heraus, aber nicht ihre eigenen. Jens' Werkbank, seine Anglerausrüstung, ein paar Gemälde, die er von seinem Vater geerbt hatte.
Ich habe sie am Gartenzaun getroffen, als sie den letzten Karton reinschob. Sie erzählte mir, kurz und ohne Umschweife, dass sie beim Notar gewesen war und das Haus — das auf beide Namen lief — in eine Teilungsversteigerung gegeben hatte, weil Jens nicht freiwillig ausziehen wollte. Sie hatte außerdem das gemeinsame Konto bei der Sparkasse Dortmund gekündigt, auf das Jens' Gehalt lief, und ein neues Konto nur auf ihren Namen eröffnet. Vierzehntausend Euro, die auf dem alten Konto lagen, hatte sie sich vorher ausgezahlt — ihr Anteil, wie sie sagte, nach drei Jahren Ehe und fünf gemeinsamen Jahren davor.
Jens kam an diesem Nachmittag noch einmal vorbei, mit seinem eigenen Auto, einem alten Opel Astra. Er stand vor der Tür und klingelte, zweimal, dreimal, und rief durch die geschlossene Tür etwas von „so kann man das doch nicht machen" und „lass mich wenigstens meine Sachen holen". Durch die Gardine sah ich sein Gesicht, blass, die Augenbrauen zusammengezogen, als könnte er selbst nicht glauben, dass niemand aufmachte. Sabine stand im Flur, die Mappe mit den Scheidungsunterlagen unter dem Arm, und wartete einfach, bis er wieder ins Auto stieg und wegfuhr.
Bruno lag die ganze Zeit ruhig auf der Terrasse, den Kopf auf den Pfoten, als hätte er seinen Teil der Arbeit schon getan und das Übrige ginge ihn nichts mehr an.
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