Der Brief in der Nachttischschublade meiner Frau

Ich heiße Matthias Brenner, ich bin achtundfünfzig, und ich erzähle das hier zum ersten Mal so, wie es wirklich war – nicht so, wie meine Tochter es später allen im Dorf bei Rottenburg erzählt hat.

Bevor ich Karin heiratete, gab es eine andere Frau. Sie hieß Bettina, wir waren vier Jahre zusammen, in Tübingen, wo ich damals als Elektriker in einer kleinen Werkstatt anfing. Es endete nicht schlecht zwischen uns – es endete einfach nicht. Ihr Vater bekam eine Stelle in Hamburg, sie zog mit, wir schrieben uns noch ein Jahr Briefe, dann verlief es sich, wie es sich eben verläuft, wenn zweihundert Kilometer dazwischenliegen und keiner von beiden das Auto vollpackt.

Zwei Jahre später lernte ich Karin kennen, bei der Kirmes in Rottenburg, an einem Stand, wo sie Waffeln verkaufte und mir zu wenig Wechselgeld zurückgab, absichtlich, wie sie später zugab, weil sie noch ein Gespräch wollte. Ich erzählte ihr von Bettina, bevor wir überhaupt verlobt waren. Ich zeigte ihr auch die Fotos – drei Stück, Schwarzweiß, eins davon am Neckar, eins vor dem alten Kino. Ich dachte, sie würde sie wegwerfen wollen. Stattdessen holte sie einen kleinen Holzrahmen aus dem Nähkästchen ihrer Mutter und stellte das Neckar-Foto auf die Kommode im Schlafzimmer.

Die Nachbarin, Frau Hollweg, hat ihr das nie verziehen. Über den Gartenzaun hörte ich sie einmal sagen: „Eine Frau mit Verstand verbrennt so was." Karin hat nur mit der Wäscheklammer im Mund geantwortet: „Die Erinnerungen eines Menschen gehören ihm. Wer sie ihm nimmt, nimmt ihm ein Stück von sich selbst." Dann hat sie weiter die Bettlaken aufgehängt, als wäre nichts gewesen.

Meine Tochter Franziska und ich sind mit diesem Foto aufgewachsen. Manchmal, an Regensonntagen, wenn nichts im Fernsehen lief außer der Sportschau, bat Karin mich, von Bettina zu erzählen. Nicht aus Wehmut ihrerseits – eher, glaube ich, weil sie wissen wollte, wer ich gewesen war, bevor ich ihrer wurde. Mir wurden die Augen feucht, jedes Mal an derselben Stelle der Geschichte, wenn ich von dem Abschied auf dem Bahnsteig erzählte. Franziska fand das als Kind komisch. Später, als Teenager, fragte sie einmal: „Vermisst du sie manchmal mehr als Mama?" Ich habe ihr nicht geantwortet, weil ich selbst nicht wusste, ob die Frage überhaupt einen Sinn ergab.

Karin starb im März 2019. Lungenentzündung, die zu spät erkannt wurde, weil sie sich zwei Wochen lang eingeredet hatte, es sei nur eine hartnäckige Erkältung. Ich saß am Tag der Trauerfeier allein in der kleinen Kapelle des Friedhofs, der Sarg noch offen, umringt von den weißen Nelken, die sie sich einmal gewünscht hatte, „nicht so protzig wie Rosen". Ich war für einen Moment allein im Raum – Franziska war draußen, telefonierte mit dem Bestatter wegen der Urkunden –, und ich sah, wie sich an Karins Mundwinkel etwas Rotes bildete, ein dünner Faden, der sich langsam den Kinnansatz hinunterzog.

Ich trat einen Schritt zurück. Nicht aus Ekel. Aus einer Art Panik, die man nicht erklären kann, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.

„Lassen Sie mich das machen", sagte eine Stimme hinter mir.

Eine Frau, vielleicht in meinem Alter, im dunkelgrauen Mantel, trat an den Sarg und wischte mit einem Taschentuch, das sie aus ihrer Manteltasche zog, behutsam über Karins Lippen. Ihre Bewegungen waren geübt, fast beruflich – ich dachte im ersten Moment, sie arbeite für das Bestattungsinstitut.

„Ich heiße Bettina", sagte sie, ohne mich anzusehen, den Blick noch auf den Sarg gerichtet.

Ich brauchte drei, vier Sekunden, um den Namen mit dem Gesicht zu verbinden, das ich zuletzt vor achtunddreißig Jahren gesehen hatte. Die Haare waren jetzt kurz und grau, aber die Art, wie sie den Kopf leicht schräg hielt, wenn sie sprach – die hatte sich nicht verändert.

„Bettina Reuter", fügte sie hinzu, als ich immer noch nichts sagte. „Ich habe früher hier in der Kapelle gearbeitet, als Aushilfe beim Bestatter, vor Jahren. Man verlernt das nicht ganz."

Ich fragte sie, warum sie hier sei, an diesem Tag, bei dieser Beerdigung. Sie sagte, sie habe die Todesanzeige in der Schwäbischen Zeitung gelesen, meinen Namen erkannt, und sei einfach gekommen, ohne lange nachzudenken. „Man denkt, man ist über etwas hinweg", sagte sie, „bis man den Namen in einer Anzeige mit schwarzem Rand sieht."

Ich wollte sie fragen, ob sie geheiratet hatte, ob sie Kinder hatte, was aus den zweihundert Kilometern zwischen Tübingen und Hamburg geworden war. Aber Franziska kam zurück in die Kapelle, mit rotgeweinten Augen und den Papieren des Bestatters in der Hand, und der Moment war vorbei, bevor er richtig begonnen hatte.

Bettina blieb während der ganzen Trauerfeier hinten stehen, neben der Tür. Sie sprach niemanden an, unterschrieb nicht im Kondolenzbuch. Als der Sarg zum Grab getragen wurde, war sie schon nicht mehr da.

Ich hätte es dabei belassen können. Franziska hätte es dabei belassen sollen – aber meine Tochter ist wie ihre Mutter, sie lässt eine offene Tür nicht zu, ohne durchzugehen. Drei Wochen nach der Beerdigung fand sie beim Aufräumen von Karins Sachen einen Umschlag in der Nachttischschublade, ungeöffnet, adressiert an mich, in einer Handschrift, die keiner von uns kannte. Kein Absender. Nur ein Poststempel aus Hamburg, datiert auf den Januar desselben Jahres – zwei Monate vor Karins Tod.

Franziska brachte mir den Umschlag ohne ein Wort und setzte sich mir gegenüber an den Küchentisch, die Hände um eine Tasse kalten Kaffee gelegt, als wollte sie sichergehen, dass ich ihn vor ihr öffnete.

Der Brief war von Bettina. Zwei Seiten, kurz, in ordentlicher Schrift. Sie schrieb, dass sie erfahren hatte, wo wir wohnten – über eine gemeinsame Bekannte aus alten Tübinger Zeiten –, und dass sie Karin geschrieben hatte, nicht mir. Sie wollte sich, wie sie es nannte, „bei der Frau bedanken, die dreißig Jahre lang das Andenken an eine Liebe aufbewahrt hat, die nicht einmal ihre eigene war". Sie schrieb, dass sie nie geheiratet hatte, dass sie in Hamburg als Krankenschwester gearbeitet hatte, dass sie manchmal, an schlechten Tagen, sich fragte, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie damals mit ihrem Vater nicht weggezogen wäre. Und am Ende stand ein Satz, den ich seitdem nicht vergessen habe: „Ich habe erfahren, dass Sie krank sind. Ich wünsche Ihnen, dass Sie noch lange die Frau bleiben, die einem Foto einen Platz auf ihrer Kommode gegeben hat, statt es zu verbrennen."

Karin hatte diesen Brief bekommen, gelesen, und ihn niemandem gezeigt. Nicht mir. Zwei Monate lang hatte sie ihn in der Schublade liegen gehabt, unter den Taschentüchern und der alten Armbanduhr ihres Vaters, während sie schon wusste, dass mit ihrer Lunge etwas nicht stimmte, und trotzdem darauf bestand, es sei nur eine Erkältung.

Franziska fragte mich an diesem Abend, ob ich Bettina wiedersehen wolle. Ich sagte nein, und ich meinte es auch so. Nicht weil ich Angst vor irgendetwas hatte, sondern weil mir klar wurde, dass die Geschichte, die mich all die Jahre beschäftigt hatte – der Bahnsteig, die zweihundert Kilometer, die feuchten Augen an Regensonntagen –, in Wahrheit nie eine Geschichte über Bettina gewesen war. Sie war immer eine Geschichte über Karin gewesen: über eine Frau, die ein Foto in einen Rahmen stellte, statt es zu verbrennen, und die dreißig Jahre lang zuhörte, ohne jemals darum zu bitten, dass ich aufhöre zu erzählen.

Im Mai desselben Jahres ging ich mit Franziska zum Notar in der Königstraße. Ich ließ die kleine Werkstatt, die ich mit Karins Erspartem mit aufgebaut hatte – neuntausend Euro, die sie 1994 von ihrer Tante geerbt und mir ohne Zögern gegeben hatte –, offiziell zur Hälfte auf Franziska überschreiben. Nicht aus Schuldgefühl. Weil es Karins Geld war, das darin steckte, und weil ich wollte, dass etwas von ihr Bestand hat, das man anfassen kann, nicht nur ein Foto in einem Rahmen.

Den Brief von Bettina habe ich behalten. Ich habe ihn nicht verbrannt. Er liegt jetzt neben dem Neckar-Foto, in derselben Schublade, in der Karin ihn all die Jahre versteckt hatte, während sie mir jeden Sonntag erlaubte, von einer anderen Frau zu erzählen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

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