Ein Toter im Kinderzimmer

Ich arbeite seit elf Jahren in einer kleinen Werbeagentur in Hamburg-Altona. Zehn Leute, zwei Stockwerke, eine Kaffeemaschine, die immer klemmt. An einem Donnerstag im Oktober schrieb mir meine Kollegin Sophie: „Kommt ihr am Samstag auf einen Kaffee vorbei? Der Kleine ist jetzt sechs Wochen alt, ich will ihn euch zeigen.“ Ich antwortete mit Ja. Auch Anna, die dritte aus unserer Abteilung, sagte zu. Ich ahnte nicht, was ich an diesem Nachmittag erleben würde.

Samstag, kurz nach drei. Es regnete, die Heizung lief schon. Ich stand vor dem Altbau in der Schanzenstraße, drückte auf den Klingelknopf. Sophie wohnte im dritten Stock, kein Aufzug. Im Treppenhaus roch es nach Bohnerwachs und feuchtem Laub. Oben empfing sie uns müde, aber zufrieden, in Leggings und weitem Pullover. Der Säugling schlief im Tragetuch. Auf dem Küchentisch standen zwei Tassen und eine Kaffeekanne, daneben ein halb aufgegessener Streuselkuchen vom Bäcker an der Ecke.

Anna kam zehn Minuten nach mir. Sie hängte ihren Regenmantel an die Garderobe, legte eine kleine Tüte mit einem Strampler auf die Kommode. Sie wirkte wie immer, nichts Auffälliges. Wir redeten über die Arbeit, über Sophies Schlafmangel, über die neuen Fahrpreise im HVV. Dann wollte Sophie uns den Kleinen zeigen. „Kommt, ich lege ihn ins Bettchen, damit er weiterschläft“, sagte sie und ging voraus ins Kinderzimmer.

Ich ging hinter ihr. Anna folgte als Letzte. Die Tür stand offen. Drinnen war es warm, ein Mobile mit Wolken drehte sich über dem Gitterbett. An der Wand neben dem Bett saß ein Mann auf einem Hocker und hatte den Jungen im Arm. Ein zweiter Hocker stand daneben, darauf eine ältere Frau, vielleicht Ende sechzig, mit Strickjacke und Dauerwelle. Sophie stellte vor: „Das ist David, mein Mann, und seine Mutter Ingrid. Sie sind gerade gekommen, um den Kleinen zu wickeln.“

Ich sah nur, wie Anna stehen blieb. Ihre Hand lag an der Türklinke, die Finger wurden weiß. Sie sagte nichts. Sophie nahm ihr den Strampler aus der Hand und legte ihn auf die Wickelkommode. Dann beugte sie sich über das Gitterbett.

Anna ging nicht weiter. Stattdessen zog sie ihr Handy aus der Tasche, tippte etwas, steckte es wieder ein. Dann trat sie einen Schritt in den Raum. Ihre Stimme hatte einen Ton, der nicht zu der Situation passte.

„David? Oder soll ich Daniel sagen?“

Der Mann hob den Kopf. Sein Gesicht verlor die Farbe. Er legte das Baby in die Wiege, als würde es gleich zerbrechen. Die alte Frau neben ihm packte die Lehne des Hockers.

„Anna…“, begann er.

„Fünf Jahre“, sagte Anna. „Fünf Jahre lang habe ich deine Beerdigung bezahlt. Deine Schulden auch. 340.000 Euro, falls du die Zahl vergessen hast. Jetzt stehst du hier, nennst dich David und hast ein Kind.“

Sophie schaute von einem zum anderen. „Was redet ihr da? Kennt ihr euch?“

Anna antwortete nicht. Sie griff in ihre Handtasche, holte eine flache schwarze Mappe heraus und zog den Reißverschluss auf. Sie nahm einen gefalteten Zettel heraus, entfaltete ihn und reichte ihn dem Mann.

„Das ist die Kopie des Versicherungsvertrags über eineinhalb Millionen Euro. Unterschrieben von dir, beglaubigt von deiner Mutter. Du solltest tot sein, Daniel. Und ich sollte für den Betrug haften, falls es auffliegt. Stimmt das?“

Der Mann erhob sich. Sein Atem ging schnell. „Du verstehst das nicht. Ich war ruiniert. Ich musste neu anfangen.“

„Neu anfangen? Du hast einen Leichnam aus dem Bestattungsinstitut gekauft. Deine Mutter hat den Totenschein besorgt. Ein geschlossener Sarg, ein falscher Unfall. Und ich saß in der Friedhofshalle und dachte, der Mann, den ich liebe, liegt da drin.“

Sophie stand jetzt am Wickeltisch, die Hände vor den Mund gepresst. Das Baby begann zu weinen. Die ältere Frau, Ingrid, stand auf. „Lass uns in Ruhe darüber reden“, sagte sie.

Anna drehte sich zu ihr. „Sie waren dabei. Sie haben mich angelogen, als ich Sie nach dem Unfallhergang gefragt habe. Sie haben mir eine Karte geschickt, auf der stand ‚In stillem Gedenken‘. Ich habe sie elf Monate lang auf dem Küchenregal stehen lassen.“

Ich weiß nicht, warum ich all das so genau behalten habe. Vielleicht weil niemand geschrien hat. Anna sprach wie jemand, der einen Karton aus dem Keller holt. Sie legte die Mappe auf den Wickeltisch neben den Strampler, den sie mitgebracht hatte. Dann trat sie ans Fenster und legte zwei Finger an die Scheibe, als prüfe sie, ob es draußen kälter war als im Raum.

„Ich habe vorhin zwei Dinge getan“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Ich habe einem ehemaligen Kollegen von der Staatsanwaltschaft unseren Standort geschickt. Und ich habe meine Bank angerufen. Der Dauerauftrag für deine Restschuld ist gelöscht. Ab heute zahlst du selbst – oder auch nicht. Mir ist das egal.“

Der Mann trat auf sie zu. „Du bringst uns alle in Schwierigkeiten. Denk an das Kind.“

Anna wandte sich um. Sie sah ihn an, als wäre er ein Möbelstück, das nicht mehr in die Wohnung passt. „Das Kind hat dich zum Vater. Das ist Schwierigkeit genug.“

Draußen im Treppenhaus wurden Schritte laut. Dann klopfte es zweimal an der Wohnungstür. Sophie rührte sich nicht. Ingrid ging zur Kinderzimmertür, aber Anna blockierte sie mit dem Arm.

„Bleiben Sie“, sagte Anna. „Die Herren finden den Weg allein.“

Sekunden später standen zwei Polizisten in der Wohnungstür, die Sophie schließlich aufmachte, weil niemand anders es tat. Einer hatte ein Funkgerät in der Hand. Der andere fragte nach einem gewissen Daniel Weber. Der Mann neben dem Gitterbett trat zurück, seine Hände zitterten. Er versuchte noch, durch die Terrassentür im Wohnzimmer zu entkommen. Ich hörte das Klappern der Rollläden, dann ein Fluchen, dann ein kurzes Gerangel. Man legte ihm Handschellen an.

Ingrid wurde nicht sofort festgenommen. Sie stand da und sah auf den Fleck, wo eben noch ihr Sohn gewesen war. Anna nahm die schwarze Mappe vom Wickeltisch, zog den Reißverschluss ein zweites Mal auf und legte die Papiere vor dem Polizisten auf die Fensterbank. „Hier sind die Unterlagen“, sagte sie. „Vollmachten, Kontoauszüge, zwei gefälschte Reisepässe. Und die Versicherungspolice über 1,5 Millionen Euro. Ausgestellt auf meinen Namen, aber ich habe sie nie unterschrieben. Die Unterschrift dort hat deine Mutter geübt, Daniel. Sieh sie dir an, wenn du willst.“

Der Mann im Flur schrie etwas, das wie „Lügnerin“ klang. Die Polizisten führten ihn ab. Eine Beamtin blieb bei Ingrid und las ihr die Rechte vor. Sophie setzte sich auf den Boden neben das Kinderbett und weinte. Das Baby weinte mit. Ich stand die ganze Zeit an derselben Stelle, den Rücken an der Wand, und hatte meine Kaffeetasse in der Hand. Ich habe bis heute keine Erklärung, warum ich sie nicht abgestellt habe.

Anna räumte die Papiere wieder in die Mappe, schloss den Reißverschluss und gab die Mappe dem zweiten Polizisten. „Können Sie mir eine Kopie der Einlieferung geben? Ich brauche die für meinen Anwalt.“

Der Polizist sagte: „Selbstverständlich.“

Anna trat zur Seite, ließ die Beamten arbeiten. Dann kam sie zu Sophie, beugte sich zu ihr hinunter. „Ich bin nicht böse auf dich“, sagte sie. „Du wusstest es nicht. Behalt das Kind, zieh es in Frieden auf. Ich verlange nichts von dir.“ Sie griff in ihre Handtasche, holte einen Schlüsselbund heraus, nahm einen kleinen silbernen Schlüssel ab und legte ihn auf den Wickeltisch.

„Das ist der Schlüssel zu dem Bankschließfach in Barmbek. Auf deinen Namen eröffnet, vor zwei Wochen. Ich hatte dort die Unterlagen, die ich heute gebraucht habe. Jetzt ist er leer. Heb ihn auf oder wirf ihn weg – wie du willst. Aber wenn du je wieder einem Mann traust, der dir sagt, er habe keine Vergangenheit, dann frag zuerst nach einer Sterbeurkunde.“

Sie richtete sich auf, nahm ihren Regenmantel von der Garderobe und ging. Im Flur hörte ich die Wohnungstür zuschlagen, dann ihre Schritte auf der Treppe. Draußen regnete es immer noch.

Ich blieb noch eine Stunde bei Sophie, bis ihre Schwester kam. Dann fuhr ich nach Hause. In der S-Bahn saß ich am Fenster und sah auf meine Kaffeetasse, die ich immer noch in der Hand hielt. Ich stand auf, warf sie in den Mülleimer am Waggonausgang. Der Becher schepperte. Ein Mann im Anzug schaute auf. Ich setzte mich wieder hin und sah die Stationen vorbeiziehen: Sternschanze, Feldstraße, Messehallen. Erst da merkte ich, dass meine Finger zitterten.

Am Montag kam Anna wie immer ins Büro. Sie setzte sich an ihren Platz, schaltete den Rechner ein und rief die Buchhaltung an, um eine alte Rechnungsnummer zu klären. Ich wollte etwas sagen, etwas Mitfühlendes, aber sie winkte ab. „Ich bin froh, dass es vorbei ist“, sagte sie. „Die Schulden sind gelöscht, das Konto geschlossen. Ich habe heute Morgen den Mietvertrag für eine Wohnung in Eimsbüttel unterschrieben. Zwei Zimmer, Balkon nach Süden. Ich habe keine Umzugskartons. Nur einen Koffer und die Kaffeemaschine.“

Dann drehte sie den Monitor zu mir. „Schau, die Agentur hat einen neuen Kunden. Ein Bestattungsunternehmen. Ob die wohl mit uns arbeiten wollen?“ Sie verzog keine Miene, aber die Mundwinkel zuckten. Ich lachte, aber mein Lachen brauchte eine Weile, bis es echt wurde. Der Tag fühlte sich leichter an, obwohl draußen schon wieder Regen gegen die Fenster schlug.

In der Pause sah ich, wie Anna ihr Handy hervorholte und einen Kontakt löschte. Dann legte sie das Gerät mit dem Display nach unten auf den Tisch. Sie stand auf, holte sich einen Kaffee aus dem Automaten und warf zwei Euro dreißig in den Münzschlitz. Als der Becher vollgelaufen war, rührte sie keinen Zucker hinein. Sie nahm ihn mit beiden Händen, als müsse sie sich an etwas festhalten, und ging zurück an ihren Platz.

Draußen fuhr die S-Bahn vorbei. Anna trank einen Schluck, sehr vorsichtig, wie man es nach einer Operation tut. Dann tippte sie weiter an einem Angebot für Tiefkühlpizza. Ich blieb an der Tür stehen, bis sie aufblickte und fragte: „Willst du auch einen Kaffee? Der Automat hat noch genug.“

Ich schüttelte den Kopf und setzte mich an meinen Schreibtisch. In meinem Ablagekorb lag noch die Einladung von Sophie: „Kommt auf einen Kaffee vorbei!“ Die Schrift war mit einem blauen Stift geschrieben. Ich steckte sie in den Schredder. Das Gerät lief drei Sekunden. Danach blieb nur feiner Streifenschnitt übrig. Als ich den Behälter herauszog, fiel ein einzelner Papierschnipsel auf den Boden. Darauf stand: „Kaffee“.

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