Ich wohne seit elf Jahren in diesem Dorf, direkt gegenüber dem blauen Haus mit den schiefen Fensterläden. Man sieht viel, wenn man jeden Morgen um sechs aufsteht, um die Hühner zu füttern. Also habe ich auch die Frau gesehen, als sie ankam. Ein schwarzer BMW X5, Ledersitze, Alufelgen, die in der Aprilsonne geblitzt haben. Sie stieg aus wie jemand, der noch nie auf einem Feldweg gestanden hat – in hellen Wildlederstiefeletten, die nach zwanzig Schritten voller Lehm waren.
„Die kommt von weit her“, habe ich zu meinem Mann gesagt, der auf der Bank saß und seinen Morgenkaffee trank.
„Die Alte Schäfer war ihre Großmutter“, sagte er. „Ich hab sie als Kind hier gesehen. Einmal. Vor dreißig Jahren vielleicht.“
Ich habe genickt und weiter die Wäsche aufgehängt. Der BMW stand noch zwei Tage lang da, ungewaschen, mit eingetrocknetem Dreck an den Kotflügeln. Am dritten Tag hörte ich den Motor aufheulen, als sie versuchte, rückwärts aus der Einfahrt zu kommen. Der Wagen grub sich fest, die Räder drehten durch, und sie stieg aus und starrte auf das linke Hinterrad, als könnte sie es allein durch Willenskraft aus dem Schlamm heben.
Ich wollte schon die Gummistiefel anziehen, aber dann hörte ich das vertraute Knattern. Der grüne Deutz von nebenan bog um die Ecke. Mein Neffe Jonas saß am Steuer, die Mütze verkehrt herum auf dem Kopf, wie immer.
Jonas ist neunundzwanzig, arbeitet seit der Lehre in der Werkstatt in Bad Windsheim, und wenn er am Wochenende nach Hause kommt, repariert er allen im Dorf die Zäune und die Pumpen. Ein guter Junge. Vielleicht etwas zu ruhig für sein Alter.
Er hielt an, ließ den Motor laufen und lehnte sich aus dem Fenster.
„Sie haben sich festgefahren.“
Die Frau richtete sich auf. Sie trug ein Trenchcoat aus irgendeinem glatten Material, das aussah, als dürfe es nicht nass werden. „Ich sehe das.“
„Ich hol das Seil.“
Er ist nicht der Typ, der erst fragt. Er holt das Seil, hängt es ein, sagt „Lenkrad gerade halten, nicht Gas geben“ und zieht den Wagen in drei Minuten raus. Ich habe das vom Zaun aus beobachtet, den Korb mit den nassen Handtüchern auf der Hüfte.
Danach standen sie da, er mit den Händen in den Hosentaschen, sie mit verschränkten Armen. Ich konnte nicht hören, was sie sagten. Aber ich sah, dass sie lachte. Und dass Jonas sich mit der Hand über den Hinterkopf fuhr, was er immer tut, wenn er verlegen ist.
Am selben Abend brannte in dem blauen Haus zum ersten Mal seit Jahren wieder Licht.
Das Haus hat meiner Tante Ella gehört. Sie ist vor neun Wintern gestorben, und danach stand es leer. Die Enkelin kam einmal im Jahr, stellte das Auto eine Stunde lang vor die Tür, sah hinein und fuhr wieder. Einmal habe ich mit ihr gesprochen. Sie fragte nach dem Zustand des Daches. Ich sagte: „Es regnet durch im Schlafzimmer.“ Sie nickte und sagte: „Ich kümmere mich drum.“ Dann fuhr sie weg und ich hörte ein Jahr lang nichts mehr.
Aber an diesem Wochenende blieb sie.
Jonas kam jeden Abend vorbei. Erst mit einem Korb Brennholz, dann mit irgendeinem Werkzeug auf der Schulter. Am Samstag holte er eine Leiter, am Sonntag hörte ich Hämmern vom Dach.
Ich habe meinem Mann nichts gesagt, aber ich habe geschwiegen und Salat geschnitten und gedacht, dass dieser Hof schon früher Leute auf Umwegen zusammengebracht hat.
Nach einer Woche stand der BMW immer noch da. Aber jetzt war die Windschutzscheibe sauber und auf dem Beifahrersitz lag ein Paar Gummistiefel.
Ich habe die Frau auf dem Markt in Uffenheim getroffen. Sie stand am Gemüsestand vor der Kirche, hielt einen Bund Möhren in der Hand und sah auf ihr Telefon.
„Entschuldigung“, sagte sie zu mir, ohne aufzusehen. „Kennen Sie hier jemanden, der ein Dach neu deckt?“
„Jonas macht das“, sagte ich. „Der, der Sie rausgezogen hat.“
Sie schaute auf. „Er hat gesagt, er hat noch ein paar Tage Urlaub.“
„Dann hat er ja Zeit.“
Sie hat die Möhren bezahlt und ein Brot vom Bäcker daneben. Ich bin hinter ihr hergegangen, zufällig, wie man so sagt. Wir wohnen ja fast nebeneinander.
Eine Woche später habe ich gesehen, wie sie selbst auf der Leiter stand. Sie reichte ihm Dachlatten hoch, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug Jeans und Gummistiefel. Sie sah nicht mehr aus wie die Frau, die vor zwei Wochen aus dem viel zu sauberen Auto gestiegen war.
Ich habe sie am Brunnen getroffen, als sie Wasser holte. Wir haben uns über den Zaun hinweg unterhalten, wie man das hier macht.
„Haben Sie die Wohnung in der Stadt behalten?“, fragte ich.
Es war eine indiskrete Frage, aber sie hat nicht so getan, als wäre sie es nicht gehört. Sie stellte den Eimer ab und rieb sich die Hände an der Hose ab.
„Erst ja“, sagte sie. „Wusste ja nicht, was passiert. Aber jetzt hab ich sie untervermietet. An eine Studentin. Achtzig Jahre lang wollte ich einen sicheren Job. Dann sitzt du da mit deinen Finanzplänen und fragst dich, wofür der ganze Aufwand war.“
Ich habe ihr einen Kohlkopf über den Zaun gegeben. Sie hat ihn so angenommen, wie man Dinge annimmt, ohne lange zu überlegen, ob man sie verdient hat.
Das war im Mai.
Im Juni kam das erste Mal eine andere Frau vorbei. Sie fuhr einen grauen Mercedes, zu schnell für die Dorfstraße, und hielt direkt vor dem blauen Haus. Sprach nicht mit mir. Sah sich um, als überprüfe sie, ob das Gelände wirklich bewohnbar ist.
„Das wird die Mutter“, sagte mein Mann abends, als wir das Geschirr abtrockneten.
„Oder die Schwester“, sagte ich.
„Mutter“, sagte er. „Schwestern fahren nicht so langsam an fremden Höfen vorbei. Die halten kurz und sehen unglücklich aus. Die da hat kontrolliert.“
Ich habe ihn nicht gefragt, woher er das weiß. Nach vierunddreißig Ehejahren fragt man manche Dinge nicht mehr.
Die Frau im Mercedes blieb eine Stunde. Ich habe die Vögel gefüttert und das Gartentor geölt. Als sie ging, hörte ich ihre Stimme über den Hof schallen: „Du musst ja wissen, ob dir das reicht. Ich wäre da vorsichtig.“ Dann knallte die Tür.
Am nächsten Morgen sah ich die Frau aus dem blauen Haus früh hinausgehen. Sie trug einen Eimer und ging zu den Johannisbeersträuchern an der Grundstücksgrenze. Sie pflückte Beeren, als hätte sie nie etwas anderes getan. Ich bin zu ihr gegangen, weil ich sehen wollte, ob es ihr gut ging.
„Haben Sie gut geschlafen?“, fragte ich.
„Wie ein Stein“, sagte sie.
Ich habe gelacht. Sie auch. Dann hat sie mir von den Johannisbeeren erzählt, die ihre Großmutter gepflanzt hatte, und ich habe ihr erzählt, dass Tante Ella immer gesagt hat, diese Beeren seien der einzige Grund, warum der Winter im Dorf erträglich sei.
So ist das bei uns. Man redet über Beeren und meint etwas anderes.
Im Herbst hat sie die Stadtwohnung endgültig aufgegeben. Ich weiß das von Martha vom Briefkasten gegenüber, die lebt für solche Neuigkeiten. Die Studentin hat den Mietvertrag übernommen, und die Möbel gingen an den Sozialkaufhaus in Würzburg. Nur die Bücher hat sie behalten, zehn Kartons voll, und die hat Jonas mit dem Transporter abgeholt.
Es klingt wie eine Geschichte, die man abends im Fernsehen zeigt. Die gestresste Karrierefrau, die aufs Land zieht und den netten jungen Mann von nebenan heiratet. So was gibt es in den Filmen am Sonntagabend, mit weichem Licht und einem goldenen Hund, der über die Wiese läuft.
Die Wahrheit kennt niemand. Ich auch nicht. Ich sehe nur, was hier passiert. Und hier passiert folgendes: Die Veranda ist repariert, die Fenster sind neu, im Hof steht ein kleiner Apfelbaum in einem Eimer, angebunden an einen Besenstiel. Der BMW hat Schlamm an den Reifen und auf dem Rücksitz liegt manchmal ein Korb mit Eiern.
Jonas hat mir letzte Woche gesagt, er suche einen Job in der Nähe. Irgendwas Ruhiges, ohne Wochenendheimfahrten. Er sagte das so nebenbei, während er mir half, den Zaun zu streichen. Ich habe ihn gefragt, ob er der Frau etwas versprochen hätte.
„Nicht versprochen“, sagte er. „Ich hab nur gesagt, dass im Winter die Zufahrt verdammt glatt wird und dass man da nicht allein wohnen sollte.“
„Und was hat sie gesagt?“
„Sie hat gesagt, dann müsst ich eben öfter kommen.“
Dann hat er gelacht, und ich habe ihn an den Kopf geworfen, wenn auch nur mit einem nassen Lappen.
Neulich bin ich nach dem Abendessen zu ihnen gegangen, weil ich ein Glas Honig von unserem Imker hinüberbringen wollte, als Dank für die Hilfe beim Zaun. Die Tür war offen. Sie saßen draußen auf der Eckbank unter der blauen Lampe, die jetzt wieder funktioniert, und stritten über die Farbe der Gaststube. Sie wollte ein blasses Grün, er fand, das sei zu hell für den Winter.
Ich hätte das Glas einfach hinstellen und gehen können. Stattdessen blieb ich stehen, das Honigglas in der Hand, und hörte zu, wie sie sich wegen einer Wandfarbe stritten, als hinge ihr Leben davon ab.
Dann fing irgendwo im Garten eine Grille an. Es roch nach feuchtem Gras und nach dem Brot, das sie am Morgen gebacken hatte. Ich sah, wie sie mit dem Finger über seine Hand fuhr, einmal nur, und er hörte auf zu reden, mitten drin.
Man soll nicht lauschen. Aber wer am Zaun lebt, redet mit den Nachbarn. Und wer nicht hinsieht, wenn sich ein fremdes Haus mit einem fremden Herzen füllt, der vergisst, wofür Dörfer gebaut sind.
Ich habe an die Tür geklopft. Sie haben mich hereingebeten, und wir haben den Honig auf frisches Brot gemacht. Das Blassgrün für die Gaststube habe ich mir angesehen und gesagt, es passe zu der alten Kommode, die noch von Tante Ella in der Ecke steht. Mehr wollten sie nicht wissen.
Heute Morgen, als ich die Jalousien hochzog, parkte vor dem blauen Haus der BMW. Auf dem Dach lag ein leichter Frost. Die Frau kam heraus, in Jonas’ alter Jacke, die ihr zu groß war. Sie ging um das Auto herum, kratzte mit einem Plastikschaber die hintere Scheibe frei und stieg ein. Motor sprang an, sie fuhr langsam den schmalen Weg hinunter, Richtung Uffenheim, um Brot zu holen, dachte ich. Oder um zur Bank zu fahren. Oder einfach, weil die Straße jetzt frei war und man sich daran erinnern konnte, wie es ist, irgendwohin zu fahren, ohne zu wissen, ob man zurückkommt.
Sie kam nach einer Stunde wieder. Mit einem Karton auf dem Beifahrersitz. Die Zulassung lag obenauf.
Ich weiß nicht, was es bedeutet, wenn eine Frau ihre Stadtwohnung aufgibt und dann ihr Auto abmeldet. Vielleicht bedeutet es, dass es keine Rückfahrt mehr gibt. Vielleicht nicht. Ich weiß nur, dass ich heute Abend das Licht im blauen Haus wieder um zehn brennen sehe, länger als sonst. Ich sehe zwei Schatten am Fenster. Ich sehe, wie einer dem anderen eine Tasse reicht.
Ich habe meinen Mann gefragt, ob er auch findet, dass das Dorf sich verändert hat. Er hat die Zeitung zusammengefaltet und gesagt: „Mir gefällt’s, wenn’s hier nicht mehr still ist.“
Ich habe die Jalousie heruntergelassen und das Geschirr abgetrocknet. So vergehen die Dinge. So ziehen die Jahre. Und so bleibt manchmal jemand, von dem man dachte, er fahre nur durch.
Am nächsten Morgen lag auf dem Briefkasten vom blauen Haus ein kleiner Bund frischer Johannisbeeren. Kein Zettel dabei. Nun, ich weiß auch so, von wem er war.
Und wissen Sie, ich habe die Beeren in einen Topf gegeben und Marmelade daraus gemacht. Drei Gläser. Eines behalte ich. Zwei stelle ich heute Abend hinüber, wenn es dunkel wird und die Lampe unter der Tanne flackert.
Das ist die ganze Geschichte. Mehr weiß ich nicht. Manche Dinge sieht man als Nachbarin von Haus Nummer sieben eben nur von außen. Und genau das, glaube ich, genügt.
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