Hanna, Du Musst Mir Etwas Versprechen

Die Straßenlaterne vor dem Fenster flackerte schon die dritte Nacht. Ich saß in Opas altem Sessel, der nach Tabak und Bohnerwachs roch, und hielt den Umschlag in den Händen, ohne ihn zu öffnen. Draußen zog der Novemberwind die kahlen Äste der Linde gegen die Laterne, und an der Wand tickte die Standuhr, die er nie hatte reparieren lassen. Siebenundvierzig Jahre war sie falsch gegangen. Für Opa war das in Ordnung gewesen: „Sie erinnert mich daran, dass Zeit keine Rolle spielt, Hanna. Nur was du in sie hineinlegst.“

Ich war an diesem Abend nur gekommen, um die Wohnung auszuräumen. Zwei Kartons, das hatte die Hausverwaltung gesagt. Bis Freitag. Als wäre ein ganzes Leben in zwei Kartons zu packen.

Der Umschlag lag zwischen der Bibel und dem Adressbuch, dessen Seiten sich anfühlten wie getrocknete Blätter. Meine Großmutter hatte ihn geschrieben, das erkannte ich an der Schrift sofort. Diese leicht nach links geneigten Buchstaben, die ich aus unzähligen Geburtstagskarten kannte, in denen immer zehn Euro steckten und ein Satz, den ich als Kind nie verstand: „Mehr braucht der Mensch nicht, Hanna. Nur dass er weiß, wohin er gehört.“

„Wenn du das hier liest, bin ich schon eine Weile fort. Ich habe versucht, dir zu schreiben, was ich dir so oft sagen wollte und doch nicht konnte, wenn du vor mir standest. Das Leben rennt, Hanna. Es rennt schneller, als du denkst. Eines Morgens schaust du in den Spiegel und fragst dich, wo die Jahre hin sind. Die kleinen Augenblicke, die du kaum beachtet hast, werden die Erinnerungen sein, die du am meisten hütest. Also jage nicht Dingen nach, die nicht bleiben. Schönheit vergeht. Geld kommt und geht. Beifall verstummt. Aber der Glaube bleibt. Ich bete, dass du gütig bist in einer Welt, die grausam sein kann. Ich bete, dass du stark genug bist, für das Richtige aufzustehen, und sanft genug, Menschen gut zu lieben. Ich bete, dass du Jesus kennst, nicht nur in den fröhlichen Zeiten, sondern auch in den schmerzhaften. Denn es werden Tage kommen, an denen das Leben keinen Sinn ergibt. An denen dein Herz wehtut und die Zeit sich ungerecht anfühlt. Halt dich an diesen Tagen ganz fest an ihn. Vertraue ihm, wenn die Antworten nicht kommen. Und wenn du an die Frau denkst, die du werden solltest — es ging nie um Erfolg oder Beliebtheit. Ich wollte nur, dass du Gott liebst mit ganzem Herzen, deine Familie ehrst, aufrichtig gehst und jeden Ort ein wenig heller verlässt, weil du dort warst. Das ist es, was zählt. Das ist es, was bleibt. Und wenn du eines Tages etwas von dem behalten willst, was ich dir je gesagt habe, denke daran: Die Jahre vergehen, aber Jesus bleibt treu durch jedes einzelne von ihnen.

Ich habe dich nie gebeten, etwas zu versprechen, Hanna. Jetzt bitte ich dich um eines. Und du musst es mir nicht jetzt geben. Aber wenn du selbst einmal Kinder hast, bring ihnen bei, was ich dir beigebracht habe. Mehr verlange ich nicht.“

Mama kam in die Tür, ohne anzuklopfen. Sie hatte immer noch die Angewohnheit, erst zu sprechen und dann zu schauen, in welchem Raum sie stand. „Hast du die Kisten? Am Samstag kommt der Sperrmüll. Wir müssen fertig sein, Hanna, ich kann nicht schon wieder die halbe Woche hier verbringen. Tante Silke erwartet uns um vier.“

„Ich wollte nur noch —“

„Nimm dir, was du haben willst. Den Rest spenden wir. Der Pfarrer meinte, die Kleider können sie gebrauchen, wo sie die Flüchtlinge unterbringen. Und die Uhr, die alte Standuhr, die nimmt Tante Silke. Sie hat doch schon immer gesagt, dass Opa sie ihr versprochen hat.“

Ich habe nicht geantwortet. Ich habe den Umschlag in meine Jackentasche gesteckt und den Sessel noch ein letztes Mal berührt. Das Polster war an der rechten Lehne glatt gewetzt, dort, wo Jahrzehnte eine Hand gelegen hatten.

Es war nicht Opa, dem ich den Vorwurf machte. Opa war seit elf Jahren tot. Es war das Testament, das zwei Wochen später kam und alles auseinandernahm. Die Wohnung in der Leipziger Innenstadt sollte verkauft werden, der Erlös geteilt: die Hälfte an meine Mutter, die Hälfte an mich. Das hatte Tante Silke so formuliert, als sie die Unterlagen aus dem Nachlassgericht mitbrachte und dabei den Kaffee aus Opas letzter Tasse trank, als wäre sie in einem Café.

„Ich verstehe gar nicht, warum du so ein Gesicht machst“, sagte Tante Silke. „Es ist geregelt. Keiner kann einem etwas. Sei froh, dass Oma das vor zwanzig Jahren beim Notar geändert hat, sonst säße jetzt noch irgendein entfernter Onkel aus Zittau mit am Tisch.“

Das stimmte nicht. Oma hatte die Wohnung zu Lebzeiten meiner Mutter überschrieben. Ich wusste das, weil ich die Umschreibung mit der Kopie der notariellen Urkunde im Bankschließfach gefunden hatte. Da wollte ich, dass es jemand erfährt. Nicht aus Habgier. Sondern weil in dieser Wohnung die Worte meiner Großmutter lagen, unter einer losen Diele im Schlafzimmer. Sie selbst hatte sie mir gezeigt, als ich zwölf war, mit dem Finger auf dem Mund und diesem Glitzern, das nur sie konnte: „Mein Schatz, dies ist meine eiserne Reserve. Nicht für böse Zeiten. Für die, die nach mir kommen. Vergiss nicht, wo du herkommst.“

Unter der Diele lagen Goldmünzen. Zweiunddreißig Stück. Meine Urgroßmutter hatte sie während des Krieges vergraben und nach der Wende wieder ausgraben lassen. Der Wert damals: rund vierundzwanzigtausend Ostmark. Heute, mit den Goldkursen, nahezu sechzigtausend Euro. Und ich war die Einzige, die davon wusste.

An dem Tag, als der Sperrmüll die Möbel abholte, stand ich in der leeren Wohnung. Nur die Standuhr war noch da. Tante Silke hatte sie nicht abgeholt, weil ihr der Transport zu aufwendig war. „Ich schicke den Mann vom Antiquitätenladen vorbei, der nimmt sie mit und zahlt mir das in bar.“ Ich habe sie nicht abgeholt.

Ich habe fünf Scheine mit dem Wohnungsschlüssel in ein Kuvert gelegt: die sechzig Euro, die der Uhrmacher mir als Transportpauschale genannt hatte. Dazu einen Zettel: „Für den Mann vom Antiquitätenladen. Bitte nicht die Uhr, sondern die Wahrheit verkaufen. Sie liegt unter der Diele im Schlafzimmer, genau da, wo Oma sie für die nach ihr gelegt hat. Ich habe sie gewogen und fotografiert. Das Gewicht stimmt mit den Unterlagen von 1994 überein. Die sind beim Notar in der Möckernstraße hinterlegt, zusammen mit einer Kopie des Schreibens, in dem Oma mir die Münzen überlässt. Du bekommst sie nicht, Tante Silke. Du bekommst sie auch nicht, Mama. Ich lasse sie nicht verkaufen. Ich lasse sie einschmelzen und daraus einen Kelch gießen für die Gemeinde in der Eisenbahnstraße, in der Oma getauft wurde. Die Pastorin kennt Omas Namen. Sie hat schon zugesagt. Die Münzen bleiben, wo Oma sie hingelegt hat: nicht in deinem Tresor, nicht auf dem Goldmarkt, sondern im Abendmahl. Ich lade euch beide ein, wenn es so weit ist. Hanna.“

Ich schob das Kuvert unter die Tür der Wohnung, in die Tante Silke in einer Woche einziehen wollte. Die Wohnung in der Leipziger Innenstadt, für die sie meiner Mutter die Schlüssel abgenommen und erzählt hatte, sie müsse erst umgebaut werden.

Dann stieg ich die Treppe hinunter. Durch das Treppenhaus roch es nach kaltem Kohlenkeller und dem billigen Desinfektionsmittel, das die Hausverwaltung seit Jahren benutzte. Die Glühbirne im zweiten Stock war immer noch nicht ausgewechselt. Ich hielt mich am Geländer fest und ließ die Jahre an mir vorbeiziehen, von denen Oma geschrieben hatte.

Auf dem Briefkasten klebte ein Zettel der Nachbarin: „Frau Hartwig, ich habe die Pakete angenommen. Rufen Sie mich an. Und der Hausflur ist nächste Woche gereinigt worden? — Frau Krüger, 3. OG links.“

Ich steckte den Zettel nicht ein. Stattdessen nahm ich mein Handy und schrieb eine Nachricht an die Pastorin: „Der Kelch kommt. Geben Sie mir bitte den Spendenbescheid für die Erbschaftssteuer. Und Frau Krüger kenne ich noch von früher. Sagen Sie ihr, der Hausflur ist sauber. Ehrenwort meiner Großmutter.“

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