Elf Jahre am Küchentisch
Ich heiße Markus Brenner, und wenn Sie in Bielefeld fragen, wer der beste Vater der Stadt ist, zeigt man Ihnen zwei Dinge: meine Werkstatt an der Herforder Straße und mein Lächeln aus dem Lokalteil der Zeitung.
Ich habe sechs Kinder. Niemand im Ort weiß, dass ich sie nur am Wochenende sehe, und auch dann nur zwischen zwei Telefonaten. Die Leute kennen den Markus, der beim Schützenfest die Runde zahlt, der für den Sportverein die Trikots spendiert, der bei Elternabenden hinten im Saal steht, die Arme vor der Brust, ein Mann, der alles im Griff hat.
Dass meine Frau Katrin seit elf Jahren jeden Morgen um fünf Uhr zwanzig aufsteht, dass sie die Kinder zur Schule fährt, zu den Proben, zum Zahnarzt, dass sie Cornflakes und Pausenbrote und Fußballschuhe und Geigenkasten und Schwimmbrillen sortiert – das sieht man nicht. Man sieht nur: Der Brenner hat sechs Kinder, und alle laufen sauber herum. Also erzieht er gut.
Dass ich seit vier Jahren eine andere Frau habe, die in einer Neubauwohnung in der City auf mich wartet, sieht auch niemand. Und wenn doch jemand eine Vermutung hätte – was soll er machen? Mich in einem Hausflur nachts um halb zwölf beobachten, wie ich den Kragen hochschlage und mich noch mal umdrehe, weil im Treppenhaus kein Licht brennt? Lächerlich.
Neulich stand Katrin in der Küche, das Laminat unter ihren Hausschuhen knarrte – so ein feines Klackern, das ich schon tausendmal gehört habe und das ich nicht mehr hören will. Sie stellte einen Becher auf den Tisch, wollte etwas sagen, und ich sah ihr an, dass sie wusste. Vielleicht wegen einer Hotelrechnung im Papierkorb, vielleicht wegen eines Nachbarn. Egal.
„Markus, ich will dich etwas fragen“, sagte sie.
„Und ob ich Lust habe, zu antworten.“
Sie presste die Lippen so fest zusammen, dass die Haut darunter weiß wurde, wie die Schale von diesen Äpfeln, die im Spätsommer in unserem Garten runterfallen und keiner aufhebt.
„Zwanzig Jahre, Markus. Drei Kinder, dann noch mal drei. Ich habe meinen Job im Reisebüro aufgegeben, weil du meintest, das schaffe ich nebenbei alles. Ich wollte das auch. Aber du – ich weiß von dieser Frau. Ich weiß es seit September. Du musst endlich die Wahrheit sagen.“
„Welche Wahrheit?“, fragte ich und nahm meine Autoschlüssel vom Haken. „Ich bin nicht mehr verliebt, Katrin. Aber Scheidung? Das kannst du vergessen. Die Leute trauen nur einem Familienvater Aufträge zu. So läuft das in Brackwede, in ganz Bielefeld, glaub mir. Meine Reputation ist mein Kapital.“
Dieser Satz – Reputation ist mein Kapital – den hat sie mir nie vergessen. Jedes Mal, wenn sie in mein Büro kam, um die Kinder zum Schwimmen zu bringen, wenn sie die Hand auf den Türrahmen legte und kurz stehen blieb, dachte ich: Sie wiederholt ihn. Sie sagt ihn nicht, aber sie trägt ihn mit.
Und dann hat die Grundschule am Teutoburger Wald die Sache mit dem „Vater des Jahres“ angefangen. Eine Abstimmung unter den Eltern. Und ich habe gewonnen, ehrlich gesagt nicht ganz sauber: Ich habe für die Schulkasse eine Handballtoranlage gekauft, neue Overheadprojektoren für zwei Klassen, und mein Bruder hat bei der Elterninitiative im Vorstand gesessen. Das zählt.
Der Abend war im Forum der Ravensberger Spinnerei, ein Saal voller Leute, Scheinwerfer wie bei einer Preisverleihung im Fernsehen. Ich trug den dunkelblauen Anzug, den ich für die Beerdigung meines Vaters gekauft hatte. Man rief mich auf die Bühne, die Rektorin hielt eine Rede von einem Mann, der ein Unternehmen führe und nebenbei sechs Kinder großziehe. Sechs! Dabei habe ich ihr nicht verraten, dass ich die Namen der Klassenlehrer erst gestern auswendig gelernt habe – ein Zettel, den ich auf der Toilette noch mal durchgelesen habe, in der hintersten Kabine, weil mir schlecht war vor Aufregung.
Ich stellte mich ans Mikrofon. „Viele fragen mich, wie ich das schaffe. Es gibt Nächte, da schlafe ich kaum. Sechs Kinder zu erziehen ist der härteste Job meines Lebens. Aber die sechs sind jeden Abend dran, wenn ich nur ihre Gesichter sehe, jedes Opfer wert.“
Merkwürdig, wie leicht solche Sätze kommen. Ich habe sie nicht mal geübt. Man lernt das als Geschäftsinhaber, der den Kunden die Reifen wechselt und dabei mit ernstem Ton sagt, man sei für sie da.
Dann habe ich alle sechs auf die Bühne gebeten. Lena, die Älteste, hielt den Ellbogen ihrer Schwester, als wäre das ein Auftritt im Schultheater. Hannes drehte an seinem Jackenärmel. Die Kleine – Frida, sieben – stand ganz hinten, die Zöpfe schief, die Zähne zusammengebissen.
Ich wollte gerade zu einem Foto ansetzen, alle sechs an mich drücken, Arm um Schulter, so wie das auf die Instagram-Seite der Schule passt, da zog Frida an meinem Ärmel.
„Papa, kann ich das Mikrofon haben?“
„Na klar, Schatz. Sag allen, wie lieb du deinen Papa hast.“
Sie nahm das Mikrofon mit beiden Händen, als wäre es schwer wie ein Stein. Dann wandte sie sich vom Licht ab, an mir vorbei, in den Saal hinein. Ich versuchte zu sehen, wen sie sucht – Katrin stand links neben der Tür, die Hände in den Taschen, neben dem Mann mit der Fototasche, der die ganze Zeit Bilder machte.
Frida holte Luft, hörbar, mehr ein Zischen als ein Einatmen. Das Saallicht summte. Irgendein Baby im Publikum fing an zu weinen und wurde rasch hinausgetragen.
Sie sagte nur einen Satz.
Der Saal wurde so still, dass ich die Neonröhren summen hörte, dünn und kalt wie die Tube Creme, mit der Frida morgens ihre Lippen einreibt, wenn sie aufgesprungen sind.
„Mein Papa hat die Preise für die Schulkasse nur bezahlt, damit ihn alle wählen. Er hat gesagt, wir sollen niemandem erzählen, dass er uns abends nie ins Bett bringt.“
In der ersten Reihe riss eine Frau den Mund auf. Mir fiel die Hand von Fridas Schulter, als hätte sie gestochen.
Ich hörte mich sagen: „Das verstehst du nicht, Frida.“ Aber meine Stimme war dünn. Es kam kein zweiter Satz.
Katrin rührte sich nicht. Sie hob nicht mal den Kopf. Ich suchte in ihrem Gesicht nach Schadenfreude und fand nur Müdigkeit, die mich kühler traf als jeder Schrei. Die Leute begannen zu tuscheln. Jemand klappte einen Stuhl hoch. Die Rektorin stand halb auf, setzte sich wieder.
Ich griff nach Fridas Hand – sie zog sie weg. Es dauerte keine drei Sekunden, aber ich spürte jeden scheußlichen Herzschlag doppelt. Die anderen Kinder bewegten sich von mir weg, einer nach dem anderen, wie Tauben, die vor einem Auto auffliegen.
Hannes gab das erste Geräusch von sich: ein kurzes, hartes Lachen, so ein halbes Schluchzen, das Jungs in seinem Alter von sich geben, wenn sie weinen wollen und sich schämen.
In der Woche danach kamen die Anrufe. Eine Firma aus Haan, die seit sieben Jahren meine Werkstatt beauftragte, kündigte den Vertrag „in beiderseitigem Einvernehmen“. Zwei Mitarbeiter meldeten sich krank, bis ich wusste, dass sie bei der Konkurrenz vorsprachen. Der Vorstand der Elterninitiative schrieb, man habe sich entschlossen, den Preis im kommenden Jahr nach objektiveren Kriterien zu vergeben. Man könne ja nichts dafür, schrieb die Vorsitzende, aber die Sache sei den Leuten in Erinnerung geblieben.
Frida sprach nicht mehr mit mir. Katrin auch nicht. Sie sprach nur, wenn es um die Kinder ging. Ton sachlich, als würde sie eine Packung Nudeln bestellen.
Am vierten Abend fing ich ein Gespräch an der Treppe auf. Frida zu Lena, so leise, dass ich meine Kaffeetasse abstellte und den Atem anhielt:
„Mama hat den Mietvertrag unterschrieben. Für die kleine Wohnung am Johannisberg. Wir ziehen nächste Woche. Du kannst kommen oder nicht, hat sie gesagt.“
Da stand ich im Flur, im Dunkeln, die Kaffeetasse in der Hand, das Licht im Erdgeschoss ausgeschaltet, damit sie mich nicht bemerken. Von der Straße her kam der Geruch von Linden, die in der Teutoburger Straße blühen, süßlich, als hätte einer Limonade auf den Asphalt gekippt.
Am nächsten Morgen fand ich auf dem Küchentisch ein Schriftstück, ordentlich ausgedruckt: die Scheidungsforderung. Sieben Seiten. Darin war die Berechnung für Unterhalt und Zugewinn. An die Wand, unter dem Thermostat, hatte Katrin einen Zettel mit einem Bleistift gepinnt. „Du bezahlst das Haus ab. Die Restschuld steht im Vertrag. 164.000 Euro. Ich nehme nur mein Reisebüro von damals wieder.“
Ich stand da, bewegte den Kiefer wie einer, der draußen am Kiosk auf sein Wechselgeld wartet und gemerkt hat, dass er die Cola nicht bezahlen kann.
Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass sie das alles schon monatelang vorbereitet hatte. Nicht aus Wut. Aus Plan. Jede Überstunde, die sie als Aushilfe im Schreibwarenladen gemacht hatte, war Geld für den Anwalt. Der klapprige Laptop, den ich für schrottreif hielt, enthielt die Aufstellung der gemeinsamen Konten, die ich seit Jahren allein verwaltete.
Einmal kam sie in mein Büro, um die Kinder zum Musikunterricht abzuholen. Ich stand am Schreibtisch, das Papier noch in der Hand. Draußen fuhr die Straßenbahnlinie 3 die Wertherstraße hinauf, und durch die gekippte Scheibe hörte man ihr metallisches Scharren, das mich seit meiner Kindheit an Werktage erinnert, daran, dass einer losmuss.
„Du brauchst nicht zu denken, dass die Kinder dich nicht lieben“, sagte Katrin. Sie zog sich die Jacke an, den Geruch von Regen im Stoff. „Sie lieben dich. Aber sie haben gesehen, dass das niemandem etwas nützt, wenn du nur auf einer Bühne stehst. Und sie haben gesehen, dass ich die bin, die nach dem Auftritt die Jacken einsammelt. Weißt du, wie lange es dauert, bis ein Kind aufhört, auf einen Vater zu warten, der nur zu Preisverleihungen kommt? Elf Jahre, Markus. Genauso lange, wie ich gewartet habe.“
Sie hängte sich die Tasche über die Schulter und nahm die Kinder mit. Frida sah sich im Türrahmen nicht nach mir um. Hannes schon. Er machte so eine Bewegung mit dem Kinn, halb Gruß, halb Frage. Ich hob die Hand, ließ sie wieder sinken.
Vier Monate später war der Preis vergessen. Aber nicht für mich. Jeden Montag, wenn die Werkstatt zu ist und ich allein im Büro sitze, hole ich die Urkunde aus dem Karton im Aktenschrank. „Vater des Jahres“, steht da in goldener Schrift, und daneben die Unterschrift der Rektorin, die heute noch meinen Reifenhandel beliefert.
Ich lege sie auf den Tisch, nehme ein Feuerzeug aus der Schublade. Dann halte ich es an die Ecke. Das Papier braucht lange, weil es beschichtet ist, aber es brennt schließlich. Jeden Montag verbrenne ich sie ein Stück weiter. Der Geruch zieht ins Lager, zu den Sätzen Winterreifen, die ich neulich an eine Fahrschule in Gadderbaum verkauft habe.
An diesem Montag läutet das Telefon, während die Flamme an der Urkunde hochkriecht. Ich lasse es läuten und lege die Hand flach auf die Tischplatte, die von der Hitze dunkel wird. Draußen, durch die dünne Wand zum Nebenhaus, übt ein Kind Blockflöte, dieselbe Tonfolge, viermal hintereinander, beim fünften Mal ohne Fehler.
Ich stehe jeden Tag auf und gehe in die leere Küche. Da höre ich nur die Kirchturmuhr in Brackwede, die zur vollen Stunde schlägt, und den Rest der Urkunde, der auf dem Metallteller zu Asche zerfällt, fein wie der Staub, den Katrin früher jeden Samstag von der Fensterbank wischte.
Das klackt nicht. Das wartet.
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